Für Interessenten eine bis vier  PREDIGT(en)                        

(Es ist nicht auszuschließen, dass ich auch mal den einen oder anderen Gedanken "übernommen" habe, ohne dies in jedem Fall ausdrücklich zu benennen.)  

Am 31. März 2014 endete mein Dienst im Pfarrsprengel Thale - 

seit dem 1. April 2014 bin ich Beauftragte für Springerdienste im Kirchenkreis Halberstadt.

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8. nach Trinitatis  21. Juli 2024

Langeln

Evangelium = Predigttext:                       Johannes 11; 1, 3, 17 - 27

PREDIGT

Neue Möglichkeiten zu leben kommen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, der für uns maßgeblich ist.   Amen.              

Liebe Gemeinde,

vielleicht kennen Sie das: Es gibt Texte, Geschichten, Begebenheiten, die über Jahre hinweg nicht loslassen, sondern immer neu beeindrucken, ansprechen und anrühren; wo bei jeder weiteren Begegnung noch etwas Neues entdeckt und gelernt werden kann. Für mich gehört das Evangelium dazu.

Ein Bibeltext, der für viele bekannt ist, der auf Unverständnis stößt, der eigentlich kaum nachvollziehbar ist – die Auferweckung des Lazarus.

Dieses Ereignis mutet allen Predigthörenden allerhand zu: Ein Mann, der bereits drei Tage lang tot war, wird wieder zum Leben erweckt - Jesus ruft ihn einfach aus dem Grab heraus ins Leben zurück.

Es geschieht ganz unspektakulär; Jesus rief mit lauter Stimme: „Lazarus, komm heraus!“

Was wäre eigentlich gewesen, liebe Gemeinde, wenn Lazarus auf Jesu Aufforderung hin gesagt hätte: „Nein! Nein, ich will nicht!“ - ? -

Es ist vielleicht ein etwas gewagter Gedanke, aber versuchen Sie bitte mit mir, sich das vorzustellen und auszumalen.

Die Freunde der Familie haben sich am Grab ihres Gefährten versammelt. Auch Maria und Martha, seine Schwestern, sind hier. Und Jesus, den sie in ihrer Not herbeigerufen und herbeigeführt hatten, ruft „mit lauter Stimme“ ins Grab hinein: „Lazarus, komm heraus!“  Und Lazarus antwortet mit ebenso fester Stimme: „Nein, ich will nicht! Zurück in dieses Leben? Zurück in die Sorgen, in all den täglichen Ärger? Zurück in die Krankheit? - Nein, da bleibe ich lieber hier. Das kann keiner von mir verlangen, dass ich dahin zurückgehe.“

Es ist zwar ein etwas gewagter Gedanke, aber - ehrlich gesagt - es fällt mir gar nicht so schwer, mir das vorzustellen. Bei Trauergesprächen erlebe ich oft, dass die Angehörigen sagen: Sie oder er hat es geschafft. Da ist manchmal wirklich Erleichterung herauszuhören. Die Krankheit, das Leiden unter Schmerzen, es ist geschafft. Die Mühen des hohen Alters haben ein Ende gefunden. Die quälenden Sorgen um die Familie, was aus ihr werden mag, sind überwunden. Und zuletzt die Angst vor dem Sterben - auch die ist vorbei, wenn ein Mensch gestorben ist. „Sie / er hat es geschafft.“

Für viele ist es ja nicht nur das nahe Lebensende, das Angst macht und belastet. Manchmal beginnt das Sterben - der Tod - viel früher - mitten im Leben.

Da ist Angst - manchmal bereits bei Kindern und Jugendlichen. Die Angst vor dem Leben in einer tödlich bedrohten Welt. Kriege und ökologische Katastrophen töten - mitten im Leben.

Oder Beziehungen sind gestorben - eine Freundschaft ging auseinander - eine Ehe zerbrach. Menschen, die einander einmal sehr geliebt haben, können nichts mehr miteinander anfangen, haben sich nichts mehr zu sagen. Manchmal Hass statt Liebe. Da ist der Tod - mitten im Leben.

Oder da waren einmal große Erwartungen, Wünsche, Träume, wie das Leben sein kann. So viel Kraft, so viel Mut, das Leben auszuprobieren und wirklich zu leben. Phantasie und Sehnsucht waren stark. Geblieben ist Enttäuschung und Resignation, Zweifel am Sinn und Verzweiflung über den Unsinn. Da ist der Tod - mitten im Leben.

Da ist ein Volk, das nach Jahrzehnten die Freiheit bekam, einer Diktatur entrinnen konnte, die viele Opfer gekostet hat - zerbrochene Menschen und Seelen. In dieses Land kommen Ausländer, die Angst haben müssen um ihr Leben - erst in ihrer Heimat, dann bei uns. Da ist der Tod - mitten im Leben.

Menschen lebten in Sicherheit – hatten sich eine Existenz aufgebaut – und dann kam ein Hochwasser, unaufhaltsam und zerstörte alles. Wie nun weiter? Noch einmal anfangen? Da ist der Tod - mitten im Leben.

Eine Krankheit zerstört unaufhaltsam einen Menschen, verändert sein Wesen, er ist da und doch nicht erreichbar – der Tod, mitten im Leben.

Ist das zu weit hergeholt? Ist es unvorstellbar, dass Lazarus sagen könnte: Nein, ich will nicht! Ich will nicht zurück in ein Leben, in dem die Angst regiert. Ich möchte nicht leben und immer wieder darunter leiden, dass auf vielfältige Weise Leben getötet wird. Dass aus Freunden Feinde werden. Ich möchte nicht leben und daran zerbrechen, dass Träume vom Leben nicht leben dürfen. Dass die Sehnsucht keine Luft mehr hat zum Atmen - ich will das alles nicht! Denn: Das ist kein Leben! Jedenfalls keines, das diesen Namen verdient. Es ist der Tod - mitten im Leben.

Ich stelle mir vor, wie diejenigen, die dabei waren, reagiert hätten. Tief betroffen wären sie wohl gewesen, allesamt. Tief betroffen von Worten, die vielleicht eigene, uneingestandene Erfahrungen wiedergeben. Worte, die mutig und schonungslos aufdecken, was Leben hindern und schwer machen kann. Und manche wären wohl ärgerlich geworden - wütend. Vielleicht weil sie spüren, dass sie am Leiden des Freundes mitschuldig sind. Weil sie ahnen, wie sie mitverstrickt sind in den Tod - mitten im Leben. Wie sie dem Leben im Wege stehen.

Maria und Martha, seine Schwestern - sie wären sicherlich tief erschrocken, hätten ihren Bruder womöglich nicht wiedererkannt. Und zu der Traurigkeit wäre Fremdheit gekommen - und Sprachlosigkeit.

Und Jesus, von dem es heißt, dass er Lazarus „liebhatte“? In dieser kurzen Notiz des Evangelisten steckt viel Zärtlichkeit, Vertrautheit und Nähe. Was haben die beiden - Lazarus und Jesus - nicht alles miteinander erlebt? Vielleicht war Lazarus ein Jünger, ein Weggefährte, ein treuer Freund...

Ich glaube jedenfalls, dass Jesus der einzige gewesen wäre, der Lazarus wirklich verstanden hätte. Weil auch er gelitten hat in einer Welt, die das Angebot des wahren Lebens nicht ergriffen hat, weil sie es nicht erkannt hat.

Aber - Jesus hätte wohl nicht aufgegeben, Lazarus zu diesem anderen Leben zu locken - zu dem Leben, das diesen Namen auch verdient:

Lazarus, komm heraus! Komm heraus aus dem Grab deiner Enttäuschung und Angst, wirf dein Vertrauen nicht weg. Ich bin die Auferstehung und das Leben.

Komm heraus aus dem Grab deiner bitteren Erfahrungen, aus deiner Hoffnungslosigkeit und wage das Leben noch einmal neu: Wer an mich glaubt wird leben, auch wenn er stirbt.

Komm heraus, Lazarus, aus dem Grab deiner verloren gegangenen Sehnsucht und lass dir Mut machen: Wer da lebt und glaubt an mich, der wird niemals sterben.

Was Lazarus tatsächlich geantwortet hat auf den Zuruf Jesu, wird nicht erzählt. Nur dies: Der Verstorbene kam heraus. Die Umstehenden werden sich gewundert haben - wen wundert es. Wunder sind zum Wundern da. Ein Wunder Jesu, das zeigt: Es gibt ein Leben mitten im Tod.

Dieses Wunder geschieht nicht erst am Ende der Zeit, nicht erst am jüngsten Tag, wenn die Gräber sich auftun und die Toten auferstehen zum ewigen Leben. Dann gewiss auch. Aber - und das ist die eigentliche Überraschung für Lazarus und all die anderen: Solche Auferstehung, solches Leben ist jetzt möglich!

Wenn Menschen sich inmitten einer tödlich bedrohten Welt einsetzen für den Frieden - für den Frieden zwischen Menschen; für den Frieden zwischen Mensch und Natur - dann spricht das - wunderbarerweise - für das Leben - mitten im Tod.

Wo es möglich ist, dass Menschen einander nach langem Streit neu wahrnehmen, bereit und fähig werden, einander zu vergeben, sich miteinander zu versöhnen, dann ist das ein Wunder. Dann ist das ein Zeichen des Lebens - mitten im Tod.

Und wenn auf dem Boden ihrer Traurigkeit und Angst Menschen neue Kraft und neuen Mut empfinden, es noch einmal und immer wieder wagen zu leben - aller möglichen Enttäuschung zum Trotz es wagen, zu leben und zu lieben - dann ist das Ausdruck des Lebens mitten im Tod. Und ein Wunder.

Solche Wunder gibt es - sie sind möglich im Vertrauen auf den, der selbst die Auferstehung und das Leben ist.

Lazarus hat dieses Wunder am eigenen Leibe erfahren: Und der Verstorbene kam heraus.

Ich wüsste gern, was aus Lazarus geworden ist. Wie es weitergegangen ist mit ihm, der zum neuen Leben erweckt wurde diesseits der Todesgrenze. Er hat sich ja nicht im Paradies wieder gefunden, sondern hier bei uns, in dieser Welt. Das hat er sehr bald zu spüren bekommen. Die Hohenpriester beschlossen, dass sie auch Lazarus töteten; denn um seinetwillen gingen viele Juden hin und glaubten an Jesus, heißt es im 12. Kapitel des Johannes - Evangeliums.

Ob sie es tatsächlich getan haben, weiß ich nicht. Doch ich bin sicher, dass die Erfahrung des neuen Lebens getragen hat, wie immer das Leben des Lazarus weitergegangen ist - und wie immer es geendet hat. Diese Erfahrung heißt: In der Nähe dessen, der selbst das Leben ist, gibt es keine Macht des Todes. Das Leben ist stärker - es setzt sich durch - das ist die Überraschung Gottes für seine Menschen.

„Nein, ich will nicht.“ - das ist eine mögliche Antwort auf das Angebot des Lebens. Und sie hat sogar nachvollziehbare Gründe.

Die andere mögliche Antwort hat bessere - und dazu die Verheißung Jesu:  Ja – ja - ich will leben.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, als alle Skepsis und Vorsicht, bewahre unsere Herzen und Gedanken, unseren Mut und unsere Phantasie in Jesus Christus, unserem Herrn.         Amen.

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4. nach Trinitatis   

23. Juni 2024 - 10 Uhr HBS Liebfrauen

Predigttext: Römer 12; 17 - 21

 

Neue Möglichkeiten zu leben kommen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, der für uns maßgeblich ist.                   Amen.

Liebe Gemeinde,

was wir als Lesung gehört haben dürfte den meisten Menschen bekannt sein, es ist so typisch christlich:

Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Eine klare, sehr eindeutige Ansage.  Allerdings wissen wir: Das ist leichter gesagt als getan.

Ich denke an Situationen, wo mir vermeintlich oder auch tatsächlich Unrecht geschehen ist, und da ist mir manchmal egal, ob das wissentlich oder aus Versehen geschah. Es tut einfach weh und dann will ich insgeheim dem anderen auch weh tun, damit er merkt, was er oder sie angestellt hat.

Wie soll ich entscheiden? Was ist gut für mich? Was ist gut für die anderen?

Paulus hat einen Rat parat:

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Er schrieb es so, als sei es das Einfachste auf der Welt.

Sicherlich, seine Welt damals war anders als unsere heute. 

Allerdings bin ich sicher, es gab mindestens genauso viel Böses, das bedrohlich war.  Christen mussten allein wegen ihres Glaubens mit Verfolgung und Tod rechnen und viele von ihnen lebten rechtlos als Sklaven oder unter dem Existenzminimum.

Wie konnte Paulus solche Forderungen stellen? Ich kann mir nicht vorstellen, dass es der Gemeinde in Rom leichter fiel als uns heute, Böses mit Gutem zu überwinden.

Dennoch glaube ich: Paulus weiß, wovon er schreibt. Er kennt die Welt und die Menschen. Er kennt - nicht zuletzt aus seiner eigenen Lebensgeschichte - den Gegensatz von Gut und Böse.

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem - diesem Satz wird in einer Kirche oder einem Gemeinderaum niemand widersprechen.

Was aber, wenn der Segen gesprochen, der Gottesdienst zu Ende, die Kirchentür abgeschlossen ist?

Wenn der tatsächliche oder vermeintliche Gegner kein wirklicher Feind ist, dann gelingt es schon, gegensätzliche Meinungen auszuhalten. Und auch in der Familie oder unter Freunden bekommen wir das fertig: Da gibt es Verständnis für den anderen und seine besondere Situation: Er oder sie ist krank, gereizt, traurig, am Ende - da kann ich schon mal Gutes tun und Böses einstecken - und einigermaßen sicher sein, dass sich alles wieder einrenkt.

Was jedoch, wenn es um den unmöglichen Nachbarn, den unfairen Kollegen, den unwilligen unehrlichen Mitarbeiter geht - oder um den politisch Andersdenkenden? Wie kann ich bekennenden AfD-Wähler/innen und Verschwörungstheoretiker/innen begegnen?

Zumindest in Gedanken möchte ich denen, die christliche Werte negieren, die Würde von Menschen in Abrede stellen, die Hass predigen und Rechtsextreme verharmlosen, zeigen und sagen, was sie da unterstützen - damit sie meinen Schmerz und meine Wut sehen und vielleicht sogar verstehen können. Und ich gerate an meine Grenzen, wenn Menschen das alles ignorieren und einfache Antworten auf komplizierte Fragen wollen.

Ich möchte schon manches Mal am liebsten Gleiches mit Gleichem vergelten, d. h. in dem Fall Böses mit Bösem. Also anstelle von sachlichen Argumenten verbale Schläge austeilen, Brücken abbrechen, Menschen abschreiben.

Paulus sagt: Stopp! So nicht! Überlasst das Gott.

Was mir an dem Text gefällt, ist:  Er ist realistisch. Paulus weiß, dass es das Böse gibt und wir immer wieder damit zu tun haben. Dass es uns ständig begegnet - in uns und im anderen.

„Soweit es an euch liegt, tut alles, um mit jedermann im Frieden leben zu können.“

Das ist eine klare Eingrenzung: So weit es an euch liegt! Manches liegt eben nicht an uns. Es gibt Situationen und Menschen, mit denen werden wir allein nicht klarkommen - beim besten Willen nicht. Da brauche ich Hilfe – und viel Geduld, oft mehr als mir zur Verfügung steht.

Paulus hat die Zuversicht und den Glauben: Gott wird es gut machen. Keine und keiner kommt bei ihm zu kurz. Keine und keinen vergisst er. Darauf könnt ihr euch verlassen!

Manchmal fällt mir schwer, das zu glauben. Zu vieles macht mir Angst, zu oft fühle ich mich hilflos. Andererseits weiß ich: Eine Sache Gott überlassen heißt nicht, mir ist alles egal, Gott wird es schon richten.

Eine Sache Gott überlassen, dazu gehört: Ein ständiges Überprüfen meines Handelns und Redens. Habe ich alles getan, was in meiner Kraft steht?

Manchmal höre ich den Vorwurf, eine christliche Grundhaltung sei etwas für Ängstliche, die sich vor Auseinandersetzungen fürchten. Ich denke, dass das Gegenteil der Fall ist: Eine christliche und damit auch kritische Haltung ist etwas für Mutige, die den Kreislauf des Alltags durchbrechen wollen. Den Kreislauf: Wie du mir so ich dir.

Ich muss mein Verhalten nicht von dem der Mitmenschen abhängig machen. Ich muss nicht so bleiben wie ich bin. Ich kann mich ändern, verändern lassen durch Gott. Mich - nicht den anderen! Das muss er selbst tun.

Dazu gehört Vertrauen - Gottvertrauen und Selbstvertrauen. Wenn ich beides habe, kann es entlasten.

Selbstvertrauen: Lange war das verpönt als eitel und unchristlich. Dabei ist es so wichtig zu wissen: Ich bin ein geliebter und gewollter und angenommener Mensch – nicht nur von Gott, sondern auch von der Familie, Freundinnen und Freunden, Kolleginnen und Kollegen, Nachbarn. Dieses Bewusstsein macht stark.

Vor einigen Jahren fand ich in einem Katalog Kugelschreiber mit der Aufschrift: „Schön, dass es MICH gibt“ – und dachte zunächst, das sei ein Druckfehler. Ne – war echt! Ich habe einen ganzen Packen davon bestellt und ihn verteilt.

„Schön, dass es MICH gibt“ – wenn ich das ganz sicher weiß, setzt das Kräfte frei.

Ich kann meine Energie und Phantasie verwenden, um dem Bösen Gutes entgegenzusetzen, in mir und für die anderen. Ich kann meine Energie und Phantasie einsetzen, um aus Feinden Freunde zu machen - wenn sie es denn wollen. Und muss damit klarkommen, dass es Uneinsichtige, Verführte gibt, die das nicht wollen bzw. nicht können.

Es ist ein langer Weg, zu dem Paulus die Gemeinde in Rom und uns heute ermutigt und einlädt. Es ist der einzige Weg, den Teufelskreis des Bösen zu unterbrechen.

Ich wünsche uns allen, dass wir in schwierigen Situationen die Gewissheit haben:

„Schön, dass es MICH gibt“!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, als alle Skepsis und Vorsicht, bewahre unsere Herzen und Gedanken, unseren Mut und unsere Phantasie in Jesus Christus, unserem Herrn.       Amen.

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Pfingstsamstag 2024

18. Mai:  14 Uhr Kroppenstedt

Apostelgeschichte 2:

Neue Möglichkeiten zu leben und Frieden kommen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, der für uns maßgeblich ist. Amen.

Liebe Gemeinde,

haben Sie richtig zugehört bei der biblischen Lesung aus der Apostelgeschichte? Oder doch so ein wenig abgeschaltet, weil Sie die ja alle längst kennen?

Eigentlich ist es eine ziemlich irre Geschichte - damals vom ersten Pfingstfest – ziemlich vollmundig und bestimmt übertrieben – von wegen 3.000 Taufen – ich hatte in den vergangenen zehn Jahren 33 und freue mich sehr darüber.

Wahrscheinlich ist es wie so oft in der Bibel - das war ja üblich damals - ein Stilmittel der Übertreibung und sollte sagen: Das Geschehen hat viele zutiefst überzeugt vom Glauben an Gott, an Jesus und eben an den Heiligen Geist.

Ich denke auch, es kommt mehr auf die Überzeugung als auf die Anzahl an. Klar:  Natürlich macht vieles mit vielen mehr Spaß. Aber wenn ich an die Geschichte der Menschheit denke - da waren es oft einzelne, von denen deutlich mehr Kraft ausging als von der Masse.

Einmal sagte der Jüngste aus meiner Haus-und-Hof-Familie ziemlich enttäuscht zu mir: Pfingsten ist gar kein richtiges Fest – und hat damit ja auch irgendwie recht.

Es gibt keine Geschenke – wenn man nicht gerade Konfirmation hat! – es gibt kaum typischen Pfingstschmuck zuhause oder in der Kirche – und es gibt auch nichts Richtiges zu erzählen.

Weihnachten lässt sich beschreiben – Ostern auch – aber Pfingsten ist schwer zu schildern.

Nur wenige kennen die biblische Beschreibung von Pfingsten: Fremde kamen sich plötzlich näher und konnten einander verstehen – Feiglinge wurden mutig und Stumme konnten reden – und Unsichere wussten auf einmal, wo es langgeht.

Wo es lang geht – wie es weiter geht – dies zu wissen ist enorm wichtig – für alle Menschen, egal in welchem Alter. Es gibt irrsinnig viele Wege und Möglichkeiten – die werden auch angepriesen und es gibt Verlockungen in jede Richtung.

Welcher Weg ist richtig? Welchen Weg werde ich gehen, wie geht es weiter mit mir – was wird aus jeder und jedem von uns? Was wird aus unseren Gemeinden? Was wird aus unserem Land? Was wird aus Europa und der Welt? Wann endlich enden die Kriege, bei denen es keine Sieger, sondern nur Verlierer geben kann?

Menschen, die nicht wissen, wo sie hingehören, sind schlecht dran. Ihnen fehlt Orientierung und damit Halt. Es ist gut und notwendig, dass jemand weiß, wo es entlanggehen könnte, was wichtig ist im Leben, wo eine oder einer hingehört.

Pfingsten – Fest des Heiligen Geistes – Beginn einer großen Veränderung – damals in Jerusalem vor ca. 2. 000 Jahren.

Erinnern wir uns:

Ein Häuflein verängstigter Jünger war zurückgeblieben und saß kleinlaut beisammen. Ihnen war der Inhalt ihres Lebens abhanden gekommen. Die Botschaft von der Auferstehung hatten sie zwar gehört, doch wohl noch nicht so recht verstanden, wie sollten sie auch.  Aber sie waren zusammengeblieben, obwohl ihr Ansehen schwer gesunken war und die Massen ihnen nicht mehr hinterherliefen.

Dabeibleiben, zusammenbleiben, auch wenn mancher weggeht, auch wenn die Wertschätzung der Kirche sinkt. Ich glaube, das ist jetzt auch dran, um einen eigenen und richtigen Weg zu finden.

Damals zu Pfingsten hatte sich das Blatt gewendet, aus dem vermeintlich endgültigen Ende war ein neuer Anfang geworden; den scheinbar Kraftlosen wurde Kraft geschenkt; Heiliger Geist für Geistlose. Er begeisterte so, dass plötzlich Menschen zu reden anfingen, die es sich vorher weder getraut noch zugetraut hätten.

Manchmal hängt das Leben entscheidend davon ab, dass Menschen geistesgegenwärtig das Richtige tun. Diese Geistesgegenwart brauchen wir – in unserem Land, in der Welt und auch in unseren Gemeinden.

Es lässt sich leicht sagen: Kirche ist altmodisch und langweilig und sie stirbt ohnehin bald aus – (das ist mir schon zum Beginn meines Studiums vor über 50 Jahren prophezeit worden J ) -

ich kann auch sagen: Ich wünsche mir eine lebendige Gemeinde und deshalb bringe ich meine Ideen und Vorstellungen und Phantasien ein –  probiere zusammen mit anderen etwas aus – suche nach neuen Wegen – und wenn einer in die Irre führt, suchen wir gemeinsam den nächsten.

Bedroht ist Kirche nicht durch Austritte oder den Verlust von Ansehen und durch Finanznöte. Bedroht ist sie, wenn der Geist nicht mehr spürbar ist, wenn sie geistlos wird, wenn niemand mehr begeistert ist und niemand sich begeistern lässt!

Pfingsten wird vereinfachend vom Geburtstag der Kirche gesprochen - also UNSER Geburtstag. Und Geburtstage sollten gefeiert werden – mit Gästen, mit Geschenken, mit gemeinsamen Essen, mit fröhlichem Feiern.

Das machen Sie hier gerade. Wir FEIERN Gottesdienst – Gäste sind da – d. h., wir sind selbst Gäste – wir sind eingeladen.

Eingeladen dazu, das Wort Gottes zu hören, miteinander zu singen und zu beten, Gemeinschaft zu haben untereinander und der ganz besonderen Verbindung zu Jesus – und das eigentliche Geschenk kommt von Gott selbst: Sein Heiliger Geist, das feiern wir zu Pfingsten.

Auch wenn das mit Geistern ja so eine Sache ist. Schwer zu erklären, nicht nur Außenstehenden.

Wer spricht im Alltag schon vom Geist – gar einem Heiligen Geist. Geister kommen nur noch in Filmen vor – oder als Weingeist – oder im Ausruf entnervter Menschen, wenn sie über andere denken: Die sind ja von allen guten Geistern verlassen. Und wenn jemand „herumgeistert“ ist nicht so ganz klar, woher er kommt und wohin er will.

Allerdings gibt es auch den guten Geist eines Hauses – das kann eine Person sein oder die Atmosphäre, die zwischen den Menschen dort herrscht.

Vor 2000 Jahren war es der Beginn einer großen Veränderung. Das Blatt hatte sich gewendet: Heiliger Geist für Geistlose.

Das hieß: Nicht schweigen, sondern reden. Den Mund aufmachen und vor dem Reden nachdenken. Manchmal hängt das Leben entscheidend davon ab, dass Menschen geistesgegenwärtig das Richtige tun. Diese Geistesgegenwart brauchen wir – dringend!

Und sie wird uns tatsächlich geschenkt. Im Johannesevangelium heißt es: „Aber der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.“

Trösten kann übersetzt werden mit ERMUTIGUNG. Ermutigung zum Leben, auch wenn es nicht immer leicht ist. Damals haben Menschen sich in Bewegung bringen lassen. Ich glaube fest: Gottes Geist kann auch uns heute helfen, geistesgegenwärtig zu leben – weder zu beschönigen noch Welt- oder Kirchenuntergangsstimmung zu verbreiten.

Gottes Heiliger Geist begleitet uns spürbar und führt und bewahrt – er tröstet und schenkt Geborgenheit – er ermutigt und stiftet Unruhe – er hilft, Fragen zu stellen und Antworten zu finden – er kann geistvolle und begeisterte Menschen aus uns machen. Gott sei Dank!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, als alle Skepsis und Vorsicht, bewahre unsere Herzen und Gedanken, unseren Mut und unsere Phantasie in Jesus Christus, unserem Herrn.                                     Amen.

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Eröffnungsandacht

 Evangelisches Gemeindezentrum Thale 

22. Februar 2020 um 10 Uhr

Dialog Einweihung Gemeindeanbau St. Petri Thale

Ursula Meckel & Thomas Thiede

Ursula: Verehrte Anwesende, liebe Festgemeinde,

als ich ca. 2015 davon erfuhr, dass ein Anbau an der St.Petri-Kirche geplant ist, schossen mir sofort drei Gedanken durch den Kopf:

-          1. Das ist niemals genehmigungsfähig - denn da gibt es die obere, untere und mittlere Denkmalsschutzbehörde – und vermutlich noch diverse andere Instanzen und Behörden, die mitzureden haben.

-          2. Das ist nie und nimmer finanzierbar – ich habe zwar keine Ahnung von den wirklichen Kosten, aber ich bin sicher: Ganz bestimmt nicht von den beiden kleinen Kirchengemeinden hier in Thale.

-          3. Es kann mir eigentlich auch egal sein, weil ich das ganz sicher ohnehin nicht erleben werde.

Nun ja – so kann man sich irren.

Der Bau wurde genehmigt, die Finanzierbarkeit wurde geklärt – es fehlt zwar noch einiges für die Innenausstattung – und ich lebe noch.

Nun ist eine weitere und viel wichtigere Frage offen: Wird der Anbau angenommen von den Menschen, für die er konzipiert ist –

also: Werden sich hier Menschen treffen und miteinander ins Gespräch kommen, diskutieren, kreativ sein, singen, blasen, tanzen, filzen, malen – ein wirkliches Kultur- und Begegnungszentrum?

Das wird die kommende Zeit bringen und ich kann es nur hoffen und wünschen, damit das Engagement, auch das finanzielle, nicht vergeblich war.

Allerdings: Ich höre auch viel Skepsis und Kritik – „Was habt ihr denn da mit unserer schönen Kirche gemacht?“ – „Das passt doch überhaupt nicht dahin!“ – usw. usf.

Thomas: (vom Bläserplatz aus) Aber das ist doch klar. Immer, wenn etwas Neues entsteht sind sofort diejenigen auf der Matte, denen das nicht gefällt. (kommt nach vorne)

Dabei haben wir als Gemeindekirchenrat es uns nicht leicht gemacht. Als 2014 klar war, dass wir unser Gemeindehaus auf der anderen Straßenseite nicht erhalten und auch nicht behalten können, waren wir nicht nur traurig, sondern auch geschockt und ziemlich verzweifelt.

Na klar, hätten wir uns einfach hinsetzen und weinen und uns bedauern können, aber wir wollten nach vorn sehen und überlegen, wie es weitergehen kann. Es gibt so ein schönes Bibelwort: „Wer seine Hand an den Pflug legt und schaut zurück, der ist nicht geschickt zum Reich Gottes.“

Ursula: Also, ihr wollt hier das Reich Gottes aufbauen?

Thomas: Naja, nicht ganz so vollmundig. Wir möchten, dass sich hier Menschen treffen und begegnen können, etwas miteinander erleben und gestalten. Und nicht nur evangelische Christen, sondern alle Menschen, denen Kultur wichtig ist – deshalb heißt es ja „Kultur-und Begegnungszentrum“. Und dass Kultur wichtig ist, wird ja wohl niemand ernsthaft bezweifeln. Schau dir doch nur an, was gerade in der Politik so läuft – wie respektlos da miteinander umgegangen wird – wie oft Andersdenkende übereinander reden, aber nicht miteinander – sich gegenseitig austricksen - einander verteufeln anstatt sich zuzuhören.

Ursula: Das ist leider wahr. Aber wie wollt ihr das mit diesem Anbau ändern? Soll hier ein Diskutierclub entstehen, wo Menschen unter Anleitung lernen, wie man kulturvoll miteinander umgeht.

Thomas: Natürlich nicht. Oder vielleicht auch? Mal sehen. Auf jeden Fall wollen wir die Möglichkeit geben, dass Menschen etwas gemeinsam erleben – schon das verbindet ja und baut Berührungsängste ab. Beim gemeinsamen Tun kommt man sich näher – oder auch, wenn man sich miteinander erfreut, zum Beispiel an schöner Musik oder gemeinsam einen Film ansieht und sich darüber austauscht, Theater spielen oder anschauen, Lesungen und unterschiedliche Workshops.

Es gab schon mal ein Format, das „Kreuz und quer“ hieß, eine Veranstaltungsreihe mit verschiedenen Angeboten – das möchten wir wieder beleben. Die ersten Termine sind schon geplant.

Ein großer Vorteil des Anbaus ist, dass er barrierefrei gestaltet wurde, also auch für Menschen mit Handicap zugänglich ist, niemand ausgegrenzt wird.

Wir – nicht nur diejenigen vom Gemeindekirchenrat - sind jedenfalls gespannt und neugierig, wie es hier weitergeht – bzw. erst richtig los geht.

Ursula: Mir fällt auch noch ein Bibelwort ein:

„Denn siehe, ich will ein Neues machen; jetzt soll es aufwachsen - erkennt ihr es nicht?“

Da lädt der alte Prophet Jesaja dazu ein, genau hinzusehen wo etwas Neues wächst, darüber zu staunen und es zu pflegen.

Thomas: Genau das haben wir vor – hinsehen, staunen, pflegen – Menschen aktivieren und einladen, nicht nur Thalenser, sondern auch die vielen Touristen, die in unsere Stadt kommen.

Ursula: Übrigens – weißt du, was das hier ist? (Raupe zeigen)

Thomas: Nicht wirklich, sieht aus wie ne olle Raupe.

Ursula: Genau – das Wertvolle und Schöne daran ist zunächst nicht zu sehen – weil es noch inwendig ist:

(Raupe entfalten zum Schmetterling)

Thomas: Wow! So oder jedenfalls so ähnlich stelle ich mir die Zukunft von unserem Kultur- und Begegnungszentrum vor.

Beide:             Amen.

Lied:   Komm, bau ein Haus …      Blatt                                                 Chor, Bläser

 

Wir bitten um Gottes Segen:

Ursula Meckel: Herr, segne unsere Hände, dass sie behutsam seien,

dass sie halten können, ohne zu Fesseln zu werden,

dass sie geben können ohne Berechnung,

dass ihnen innewohnt die Kraft, zu trösten und zu segnen.

 

Thomas Thiede: Herr, segne unsere Augen, dass sie Bedürftigkeit wahrnehmen,

dass sie das Unscheinbare nicht übersehen,

dass sie hindurchschauen durch das Vordergründige,

dass andere sich wohlfühlen können unter unseren Blicken.

 

Steffi Andrä: Herr, segne unsere Ohren, dass sie deine Stimme zu erhorchen vermögen.

dass sie hellhörig seien für die Stimme der Not, dass sie verschlossen seien für Lärm und Geschwätz, dass sie das Unbequeme nicht überhören.

 

Kristin Heyser: Herr, segne unsere Münder, dass sie dich bezeugen,

dass nichts von ihnen ausgehe, was verletzt und zerstört,

dass sie heilende Worte sprechen, dass sie Anvertrautes bewahren.

 

Stefan Ehrhardt: Herr, segne unsere Herzen, dass sie Wohnstatt seien deinem Geist,

dass sie Wärme schenken und bergen können,

dass sie reich seien an Verzeihung, dass sie Leid und Freude teilen können.

 

Ursula Meckel: Herr, segne dieses Haus, dass es offen sei für alle Menschen guten Willens,

dass wir einander zuhören und unterschiedliche Meinungen ertragen,

dass wir voneinander lernen und miteinander feiern können,

dass wir spüren können, wie Himmel und Erde sich berühren.

Amen

 

Musik: „Trumpet Tune“ Bläserklänge S. 292                                                               Bläser

 

 

 

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14. Mai 2017 - 40 Jahre Ordination - Thale St. Andreas

   

                                      

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Gottesdienst 31. Oktober 2014

Wendegedenken – Reformation – Verabschiedung Pastorin Ursula Meckel

Liebe Versammelte,

heute vor 25 Jahren um diese Zeit war ich sehr viel aufgeregter als heute – in zweieinhalb Stunden würde hier in dieser Kirche eine Veranstaltung beginnen, von der niemand sagen konnte, wie sie ausgehen würde – wie viele kommen würden – ob es friedlich bliebe. Einige entschlossene Bürger/innen hatten eingeladen zu einem „Gebet für Land und Leute“ - … ein heute völlig harmloser Text, damals  staatsgefährdend gefährlich – die Handzettel wurden schnell entfernt, doch es hatte sich herumgesprochen.

Etliche sind jetzt hier, die damals auch dabei waren – um viele Erfahrungen reicher.

An diesen Reformationstag vor 25 Jahren erinnern wir.

Reformationstag – ein evangelischer Feiertag, den wir hier in Thale seit vielen Jahren ökumenisch begehen – so auch heute – ein zweiter Grund zur Dankbarkeit, weil das keineswegs überall selbstverständlich möglich ist.

Der dritte Anlass dieses Gottesdienstes: Nach 40 Jahren im kirchlichen Dienst werde ich verabschiedet - von den Kirchengemeinden und vom Kirchenkreis – entpflichtet vom Amt? – von der Pflicht zur Kür? – beziehungsweise verabschiede ich mich? - oder auch nicht?

Schaun wir mal.

Auf jeden Fall feiern wir jetzt einen Gottesdienst mit ganz viel Musik und dafür bin ich dankbar; dankbar allen, die ihn mit ausgestalten – und dazu gehören auch Sie alle hier, die zum Mitsingen eingeladen sind.

Dankbar bin ich vor allem dafür, dass wir uns versammelt haben im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen. Hilfe erwarten wir von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

Chor + Gemeinde: Wo Menschen sich vergessen …

Gott, wir treten jetzt vor Dich mit unseren Erinnerungen, unseren Wünschen, unseren Befürchtungen und unseren Hoffnungen. Wir schauen zurück und nehmen Abschied – wir blicken nach vorn und haben Träume.

Ich möchte bewahren, was gut war in den vergangenen Jahrzehnten. Denn vieles war wunderschön, erfrischend, aufregend, überraschend neu – dafür danke ich, das will ich nicht missen.

Loslassen und bewahren - beides. Gott, gib mir den Mut, die Hände zu öffnen, um Altbekanntes loszulassen. Gib mir den Mut, die Hände zu öffnen und die Arme auszubreiten, um Neues, Unbekanntes zu begrüßen.

Gott, ich danke Dir, dass ich getragen bin von der Hoffnung, gehalten zu werden -  beflügelt von dem Glauben, dass Du Dich kümmerst - auch um mich. Begeistert von dem Glauben, dass Du da bist.

Du hältst die Zeit liebevoll in Deinen Händen. Du bist ewig. Gestern und heute und morgen. Kein Anfang, kein Ende. Die Zeiten kommen und gehen - Du bleibst und rufst zum Leben im Vertrauen auf Dich und Deine beständige Gegenwart. Du bist auch jetzt mitten unter uns. Das ist Grund, sich zu freuen – deshalb:

Jauchzet dem Herrn alle Welt!

Amen.

Chor + Bläser:     Psalm 100

Lesung = Prediger 3; 1 - 13                                   

Meine Hoffnung …

                Credo                                                        

Bläser:                 La nuit

PREDIGT-Einstieg

U.:     Sag mal bitte,  Angelika, findest Du nicht auch, dass das heute hier eine etwas seltsame Veranstaltung ist?

A.:     Wieso seltsam? Es ist ein schöner Gottesdienst in einer vollen Kirche mit aufmerksamen Menschen, viel Musik und guter Stimmung. Und weil aller guten Dinge drei sind, gibt es drei inhaltliche Schwerpunkte: Wende-Gedenken, Reformation und Deine Verabschiedung.

U.:     Wende-Gedenken und Reformation sind klar – aber meine Verabschiedung? Mein Dienst hier im Pfarrbereich endete schon vor sieben Monaten. Ich wohne weiter in der Gemeinde und gehöre zum Bläserchor und in der Stadt bleibe ich ebenfalls, sogar im Stadtrat. Und: Im Kirchenkreis und selbst darüber hinaus geht meine Arbeit weiter. Also was für ein Abschied?

A.: Kann es sein, dass Du Dich um einen Abschied drücken willst?

U.: mhm … Also, mein ältester Patensohn hat mir geschrieben: „Ruhestand KANNST Du gar nicht.“

A.: Weiche nicht aus! Kann es sein, dass Du Dich drücken willst vor dem Abschied? Weil das weh tut?

U.: mhm …

A.: Bisher hast Du das ja ganz geschickt geschafft – denn Dein Dienst im Pfarrbereich Thale endete ja bereits am 31. März – wie Du weißt…

U.: Und Du weißt: Jeder Abschied ist ein kleines Sterben.

A.: Gehts auch etwas weniger theatralisch? - Du weißt: Alles hat seine Zeit … steht doch so schön auf der Einladung: …

U.: Das ist wohl der Unterschied zwischen Theorie und Praxis - oder wie wir hier im Osten gesagt haben: Zwischen Marx und Murks. Ich weiß, dass ich mich dem stellen muss. Nur: Zum April hast Du hier eine neue Pastorin eingesegnet. Willst Du mich jetzt aussegnen? Das klingt so nach Beerdigung.

A.: Natürlich nicht! Aber z. B. entpflichten – Du MUSST jetzt nichts mehr tun, aber Du darfst noch – und Pastorin bleibst Du ohnehin (so lange Du es möchtest).

U.: mhm …

A.: Nun schwirre schon ab auf die Kanzel – oder hast Du nichts mehr zu sagen?

U.:   Na gut. J  Aber ich bleibe lieber hier unten – ich möchte ja nicht „von oben herab“ reden …

Neue Möglichkeiten zu leben und Frieden kommen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, der für uns maßgeblich ist.                 Amen.

Liebe Anwesende,

gestern wurde ich am Telefon gefragt: „Freust Du Dich eigentlich auf den Gottesdienst morgen?“ und ich konnte ehrlichen Herzens sagen: „Inzwischen Ja! Ja, ich freue mich.“

Im April, als das eigentlich aktuell war, hätte ich das noch nicht gekonnt, denn es ist ja etwas dran, dass ich mich eigentlich irgendwie um diesen Abschied drücken wollte, weil eben jeder Abschied ein kleines Sterben ist und weh tut.

Heute ist das anders, weil nicht nur ein Lebensabschnitt zu Ende ging, sondern weil Neues, und für mich sehr Erfreuliches angefangen hat – und weil Wichtiges geblieben ist.

Loslassen und bewahren zugleich, Ende und Anfang.

Allerdings: Irgendwie lastet jetzt auf mir der Druck, ich müsse nun etwas ganz Bedeutsames und Kluges sagen – etwas zum Merken und Aufmerken – zum Abschied, der ja gar kein wirklicher Abschied ist. Denn es sind eben keine „letzten Worte“.      

Klar ist, ich bin nicht mehr die Pastorin von Thale, Warnstedt, Bad Suderode und Friedrichsbrunn – den Staffelstab im Pfarrbereich habe ich am Ostermontag weiter gegeben - aber ich bin und bleibe Pastorin und das gerne und bin dankbar für neue Herausforderungen und Aufgaben im Kirchenkreis und darüber hinaus – solange ich das kann und darf.

Normalerweise sitze ich unter den Bläser/innen – und das ist mir wichtig: Mitzublasen und vor allem Dazuzugehören. Ich möchte Teil einer Gemeinschaft sein, keine Einzelkämpferin. Aber heute gönne ich mir mal das Zuhören - dürfen.

Wendegedenken – Erinnerung an den Reformations-Abend vor 25 Jahren – damals wurden „Zeugnisse der Betroffenheit“ laut.

Ursprünglich wollte ich jetzt sagen, was mich heute betroffen macht. Dann ist mir noch rechtzeitig eingefallen, dass in unserem Land viel gejammert wird – und das meist auf sehr hohem Niveau. Das möchte ich nicht und habe auch keinen Grund dazu, vielmehr möchte ich am Ende einer langen Zeit im kirchlichen Dienst sagen, was mich dankbar macht.

Ich werde drei Kerzen der Dankbarkeit entzünden.

1. Die erste für das ehrenamtliche Engagement vieler Menschen, ohne das sehr vieles nicht möglich wäre - in den Kirchengemeinden – in den Kommunen – in Verbänden und Vereinen … über Parteigrenzen hinweg. Menschen, die nicht sagen „Was kriege ich dafür?“ und vor allem nicht: „Da kann man doch nichts machen“, sondern die sagen: „Da kann ICH was machen“ und das auch tun – zusammen mit anderen. Die nicht nur meckern und alles von anderen erwarten.

Dass viele den Mut haben, sich einzusetzen und kostenlos Zeit und Kraft opfern, auch wenn andere darüber den Kopf schütteln oder sich lustig machen, das finde ich einfach toll!

Mein Freund Erich Schweidler – er war Pfarrer an der St.Petri-Gemeinde und erster Nachwendebürgermeister in Thale – hat mir 1976 ins Gästebuch geschrieben: „Wer den Mut hat, sich unbeliebt zu machen, wer unbequem ist,  bringt die Entwicklung weiter. Mitmacher sind zwar bequem, aber langweilig.“

Sich anstößig zu verhalten bringt Anstöße – bringt in Bewegung – bringt weiter – macht die Welt etwas heller und wärmer, so wie diese Kerze.

2. Die zweite Kerze der Dankbarkeit entzünde ich für meine guten Erfahrungen mit der Ökumene – nicht nur aber auch hier in Thale.  Wir haben in den vergangenen Jahren vieles ganz unkompliziert gemeinsam gemacht, manchmal im Kleinen, dann auch im Größeren. Ich erinnere an den Ökumenischen Kreiskirchentag 2008, an die vielen Mitwirkenden beim Harzfest und 2009 beim Sachsen-Anhalt-Tag hier in Thale, bei den vielen Harzer Sommertagen, die wir ökumenisch gestaltet haben.

Viel Gemeinschaft und Gemeinsamkeiten konnte ich erleben bei den großen Ökumenischen Kirchentagen in Berlin und München, bei Katholikentagen und den großen evangelischen Kirchentagen und bei den Reformationstagen, die wir hier in Thale seit langem zusammen begehen – mit gemeinsamen fröhlichen Mahlzeiten.

Noch trennt uns evangelische und katholische Christen manches voneinander, doch es gibt viele Schritte aufeinander zu.  

Im September habe ich in Halberstadt an einer Ökumenischen Vesper teilgenommen aus Anlass des kirchlichen Festes für den Frieden und die Einheit der Kirche. Ein katholischer Geistlicher führte dazu aus:

Wichtig bleibt, dass der Glaube und das Mahl anderer Konfessionen nicht richtig oder falsch, sondern ehrlich, aber eben anders sind. Diese Erkenntnis ist eine tragfähige Grundlage für Gespräche, die keinen Einheitsbrei als Ergebnis wollen. Selbst wenn es immer noch nicht nach einer zeitnahen Lösung aussieht: "Der Mauerfall vor 25 Jahren kam auch unerwartet!"

Beifall bekam er für seinen Satz: „Freiheit muss ich mir NEHMEN.“  Die bekommen wir nicht auf einem Silbertablett serviert. Wenn das nicht hoffen lässt!

Dafür die zweite Kerze, bei der ich auch an den Satz denke, der mir schon in der DDR-Zeit wichtig geworden ist: „Es ist besser eine Kerze anzuzünden als über die Dunkelheit zu jammern.“

3. Die dritte Kerze ist deutlich größer als die beiden anderen und das ist natürlich kein Zufall. Ich bin in einem nichtkirchlichen Elternhaus aufgewachsen und habe als Jugendliche ersten Kontakt zu Kirche und Glauben gefunden. Dankbar bin ich für die Kraft des Glaubens – für die Einladung zur Freiheit und zum aufrechten Gang.

Ein Spruch von Theodor Storm, den ich von meinem Konfirmator gelernt habe, hat mich geprägt: „Der eine fragt: Was kommt danach? Der andre fragt nur: Ist es recht? Und also unterscheidet sich der Freie von dem Knecht.“

Ich wollte FREI sein und habe im Glauben Freiheit gefunden und die Erkenntnis gewonnen: Gottesfurcht schützt gegen Menschenfurcht. Ich denke an Paulus in der Gefängniszelle: Er war gefesselt und predigte dennoch FREI das Evangelium. – Ich lebte in einem Staat, der seine Bürger/innen einsperren musste, damit sie blieben …

Diesen Zustand konnten wir beenden – friedlich – ohne Gewalt – mit vielen kleinen Kerzen, auch hier bei uns in Thale.

Dafür diese dritte große Kerze. Danke für alles!

Heute meine Verabschiedung aus dem offiziellen Dienst. Aber ich bin und ich bleibe Pastorin. Als Christin lebe ich in dem Wissen, ein Geschöpf zu sein – verantwortlich für mein Leben, für alles Tun und für alles Lassen – und angewiesen auf Gemeinschaft.  

Gott gibt dem Menschen viele Möglichkeiten und setzt ihm hilfreiche Grenzen. Wer sich vor Gott verantwortlich weiß, geht verantwortlich mit der Schöpfung, mit den Mitmenschen, mit sich selbst um.  

Jesus ist uns ein Vorbild: Er war unbequem und anstößig – hatte keine Angst vor den Mächtigen und Geduld mit den Unvollkommenen. Er blieb ehrlich und riskierte es, sich unbeliebt zu machen. Mit seinen Maßstäben lässt es sich leben: „Gott ist der Mensch, der uns menschlicher macht.“

Zum Schluss ein Satz vom „Ehrenbürger der Herzen“ unserer Stadt, dem katholischen Pfarrer Wolfgang Janotta, den ich beim Abschied von den Gemeindekirchenräten im März zitiert habe:

„Ich habe getan, was ich konnte. Den Rest muss der liebe Gott erledigen.“

Wird er – er hat ja Sie und Euch! J

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, als alle Skepsis und Vorsicht, bewahre unsere Herzen und Gedanken, unseren Mut und unsere Phantasie in Jesus Christus, unserem Herrn.       Amen.

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Angelika Zädow:

Liebe Ursula, liebe Gemeinde,

nach 38 Jahren in Thale und 40 Jahren im kirchlichen Dienst wirst Du, liebe Ursula, heute aus diesem Dienst verabschiedet. Dass Du daran lange geknabbert hast, ist kein Geheimnis. Und ja, das ist sicher schwer, nach einer solchen Zeit alles „sein“ zu lassen, was vier Jahrzehnte tagtäglich das Leben und die Zeit prägte, den Tagesrhythmus vorgab, Herz und Verstand beschäftigte: Lektoren und Organistinnen für die Gottesdienste und Amtshandlungen zu finden, die Gemeindebriefe zu gestalten und den Beiträgen „hinterher“ zu laufen, Besuche zu machen, die Anfragen des Kreiskirchenamtes zu bedienen, Gruppen und Kreise zu organisieren und noch viel mehr. Das alles hört nun auf nach 40 Jahren.

Diese Zahl spielt übrigens in der Bibel immer wieder eine Rolle: 40 Tage und Nächte dauerte die Sintflut, 40 Jahre dauerte der Zug des Volkes Israel durch die Wüste, Mose weilt 40 Tage auf dem Berg Sinai, um die Gebote zu empfangen, der Prophet Elia geht 40 Tage und Nächte zum Berg Horeb und Jesus fastet 40 Tage in der Wüste.

So unterschiedlich diese Erzählungen sind -  zwei Dinge verbinden sie. Erstens: In dieser Zeit begegnen sie Gott. Und ich wünsche Dir und Ihnen, liebe Gemeinde, dass Sie im Nachdenken über die gemeinsame Zeit im Pfarrbereich Thale auch sagen können: Da gab es Momente und Augenblicke der Gemeinschaft, in denen wir uns des Glaubens sicher waren oder wurden.

Zweitens: Nach dieser Zeit veränderte sich das Leben der Menschen. Dieser Zeitpunkt ist nun für Dich, und Ihre Gemeinden gekommen. Sie alle haben eine neue Pastorin, die nun mit Ihnen Leben und Zeit im Pfarrbereich Thale gestaltet und auf dem Weg des Glaubens weiter geht, anknüpft an das was war und ganz andere Wege wagt.

Und du, liebe Ursula, wagst ja bereits andere Wege, hilfst Gemeinden im Kirchenkreis über die Zeit von Vakanzen hinweg. Hältst Gottesdienste und Amtshandlungen, organisierst und berätst. Der Rhythmus Deiner Zeit ist nun anders. Aber die Zeit an sich bleibt. Du hast nun die Freiheit, sie nach Deinen Wünschen nach Deiner Lust woanders zu gestalten und ohne Amtspflichten. Von Herzen wünsche ich Dir, dass Du diese Freiheit nutzen und Deine Zeit füllen kannst.

So Gott will, noch 40 Jahre, Amen.

 

Liebe Ursula,

vor Gott und dieser Gemeinde endet hiermit Dein Dienst im Pfarrbereich Thale, der Dir übertragen war. Alle Zuständigkeiten und Pflichten liegen nicht mehr in Deinen Händen. Was Dich in Deiner Arbeit beschwert hat, was unfertig blieb oder Sorgen macht, legen wir in die Hände Gottes, der allein aus allem ein Ganzes zu machen vermag. Nichts soll Dich beschweren, nichts soll Dich betrüben. Gott wird Dich tragen und begleiten auf Deinem weiteren Lebensweg.

 

Gebet:

Gott, Du Anfang und Ende der Zeit: Wir danken Dir für den Dienst von Pastorin Ursula Meckel, für die Zeit, die sie hier gewirkt hat. Und bitten Dich: Segne unsere Schwester im Glauben. Stärke sie mit Deinem Wort. Schenke ihr Mut und Zuversicht. Das bitten wir Dich durch Jesus Christus, der mit Dir und dem Heiligen Geist unserem Leben einen neuen Anfang schenkt. Amen.

Segen

Gott segne dir den Blick zurück und den Schritt nach vorn. Er schenke dir eine Melodie, die dich wie ein Lachen durch den Tag begleitet und Menschen, die ihre Arme um dich legen wie ein wärmender Mantel. So segne dich…