Für Interessenten eine bis vier  PREDIGT(en)                        

(Es ist nicht auszuschließen, dass ich auch mal den einen oder anderen Gedanken "übernommen" habe, ohne dies in jedem Fall ausdrücklich zu benennen.)  

Am 31. März 2014 endete mein Dienst im Pfarrsprengel Thale - 

seit dem 1. April 2014 bin ich Beauftragte für Springerdienste im Kirchenkreis Halberstadt.

Seit dem 1. Januar 2026 bin ich ehrenamtlich im Kirchenkreis unterwegs.

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Gottesdienst 7. nach Trinitatis

19. Juli 2026 um 11 Uhr Hausneindorf

Evangelium:                   Johannes 6; 30 – 35

Neue Möglichkeiten zu leben kommen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, der für uns maßgeblich ist.          Amen.

Liebe Gemeinde,

der große deutsche Dichter Heinrich Böll, hat unter anderem ein Buch geschrieben mit dem Titel: „Das Brot der frühen Jahre“. Da erzählt er von einem jungen Mann, der in der Nachkriegszeit groß wurde und ein hartes Schicksal hatte.

Weil er selber als Kind oft Hunger hatte und auch sonst Not litt, war er hart geworden. Er konnte ein Erlebnis aus seiner Kindheit nicht vergessen. Er hatte seinem Vater in den Ohren gelegen, doch beim Bäcker um etwas Brot zu betteln, weil er solchen Hunger hatte – und als es der Vater endlich tat, lehnte der Bäcker ab.

Weil er aber immer Hunger hatte, fing er schließlich an, die wertvollen Bücher seines Vaters zu verkaufen, um von dem Geld, das er dafür bekam, Brot zu kaufen.

Als er größer wurde und selbst Geld in die Hand bekam, konnte er nie an einem Bäckerladen vorbeigehen, ohne Brot zu kaufen – viel mehr, als er selbst essen konnte. Sein halbes Leben lang drehte sich alles ums Brot – er konnte nicht vergessen, wie weh der Hunger getan hatte.

 

Von uns hier wissen das nur noch die Älteren wirklich, dass Hunger weh tun kann – wir wissen aber sicher alle, wie gut frisches Brot riecht und schmeckt – und dass es satt machen kann.

Allerdings nicht nur Brot allein. In der Regel haben wir allerhand Zutaten dazu.

Die Menschen zur Zeit in der Jesus lebte, wussten das auch, sogar noch mehr. Damals lebten 95 % der Bevölkerung vegetarisch – sie aßen kein Fleisch. Nicht weil sie gesund leben wollten, sondern weil sie nichts anderes hatten als Brot oder Körnerbrei, Wasser und Gemüse.  Das musste für einen ganzen Tag reichen – manchmal auch für mehrere Tage.

Wer damals von Brot sprach, meinte mehr als das: Lebensmittel überhaupt – Mittel zum Leben, das Wichtigste für jeden Tag.

In dem Bibeltext bei Johannes wird über Jesus gesagt: Er ist das Brot des Lebens. Und das lässt sich übersetzen mit: Jesus ist so wichtig, wie Brot für das tägliche Leben – er ist das Wichtigste überhaupt.

Wir alle brauchen Brot – und wir brauchen mehr als Brot. Zum Leben gehört mehr als Essen und Trinken und Schlafen. Der Mensch braucht Gesundheit, Gemeinschaft, Bildung, Liebe und Wärme. Und als es in den Menschen kurz nach dem Kriege äußerlich schlecht ging, da haben sie nach dem gesucht, was das Leben wirklich lebenswert macht.

Manchmal, wenn Menschen alles zu haben scheinen – genug zu essen und zu trinken und anzuziehen und zu spielen – merken sie: Da fehlt doch was. Das kann nicht alles sein. Die teuersten Sachen können nicht so sehr erfreuen wie Zeit und Freundschaft und Zärtlichkeit – das Miteinanderteilen.

Zum Brot gehört: Nicht nur, dass es gut duftet und gut schmeckt. Es muss geteilt werden. In Scheiben geschnitten oder auch gebrochen – ein Brot reicht für viele. Ich glaube, dass Jesus auch das gemeint hat, wenn er von sich als dem Brot des Lebens spricht:

Teilt miteinander – teilt einander mit, was euch bewegt und beschäftigt – was euch traurig macht und was euch freut. Seid nicht zufrieden damit, selbst genug zu haben. Kümmert euch auch um diejenigen, die hungern – nach Brot, nach Frieden, nach Gerechtigkeit.

Gott geht es um mehr als um einen vollen Bauch. Jesus speist Menschen nicht mit ein paar Worten ab. Er ist mehr als ein Lehrer, der irgendeine Wahrheit weitergeben will.

Bei uns hat kaum jemand richtigen Hunger. Doch es gibt Menschen, die das Leben satthaben, weil ihnen anderes als Brot fehlt: Menschen, die sich um ihr Leben betrogen fühlen – Menschen, die ihre Arbeit und ihr Auskommen verloren haben – Menschen, die gescheitert sind und keinen Ausweg mehr sehen – Menschen, die ohne Menschen sind – vielleicht mit vollem Bauch, aber ohne Würde leben müssen – ohne Achtung vor sich selber. Es gibt hungrige Menschen – hungrig nach einem lebenswerten Leben.

Wenn Jesus sagt: ich bin das Brot des Lebens, dann meint er es so. Er ist für uns da mit allem, was er getan und gelebt hat.

Wer zu ihm kam, wer nach ihm rief, dem hat er sich zugewandt. Er hat immer gesehen und gespürt und wahrgenommen, wo Menschen gewartet, gehofft und sich gesehnt haben.

Jesus lässt spüren: Ich bin da für dich, für dein Leben. Ich speise dich nicht ab. Ich bin auch da, wenn sonst keiner Zeit hat für dich. Ich weiß, was du fühlst und wie es dir ergeht. Du kannst kommen, wann immer du magst.

Du kannst dich bei mir stärken. Du kannst dir Kraft holen für dein Leben. Und eines Tages gibt es neue Erfahrungen.

Der junge Mann aus dem Buch von Heinrich Böll hat lange so gelebt, dass er nur nach dem Zweck fragte – nach dem, was er für sich brauchte. Das Materielle war alles für ihn, weil er nie wieder hungrig sein wollte.

Dann begegnete er einem Mädchen und das hat ihn verändert. Auf einmal wird er fähig, Opfer zu bringen – er kauft ihr von seinem mühsam ersparten Geld einen Strauß weißer Rosen, für das er viel Brot hätte kaufen können. Und er folgt ihr nach, wie sie zum Abendgottesdienst in die Kirche geht.

Liebe und Zärtlichkeit haben gesiegt über die Härte und Bitterkeit seiner frühen Jahre.

Das sind Geschichten, die mich berühren und faszinieren: Dass die Begegnung mit einem anderen Menschen mir neue Erkenntnisse und Erfahrungen bringen,  mich verändern kann. Ich muss nicht bleiben wie ich bin. Ich darf mich weiter entwickeln, unabhängig von meinem Alter. Ich bekomme neue Möglichkeiten und Chancen zum Leben.

Wir alle begegnen immer wieder anderen Menschen. Manchmal werden wir einander wichtig. Manchmal erfahren wir das nicht.

„Manche Menschen wissen nicht“ ist ein wunderbares Gedicht von Petrus Ceelen, einem belgischen Geistlichen, geboren 1943. Er arbeitete als Gefangenenseelsorger und war von in der Betreuung von Aidskranken tätig.

Manche Menschen wissen nicht,

wie wichtig es ist, dass sie einfach da sind.

Manche Menschen wissen nicht,

wie gut es tut, sie nur zu sehen.

Manche Menschen wissen nicht,

wie tröstlich ihr gütiges Lächeln wirkt.

Manche Menschen wissen nicht,

wie wohltuend ihre Nähe ist.

Manche Menschen wissen nicht,

wie viel ärmer wir ohne sie wären.

Manche Menschen wissen nicht,

dass sie ein Geschenk des Himmels sind.

Sie wüssten es, würden wir es ihnen sagen.

 

Ich bin sicher, dass wir alle solche Menschen kennen – und es vielleicht sogar zuweilen für andere sind. Schön, wenn wir einander das immer mal wieder sagen – als ein echtes Lebensmittel.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, als alle Skepsis und Vorsicht, bewahre unsere Herzen und Gedanken, unseren Mut und unsere Phantasie in Jesus Christus, unserem Herrn.       Amen.

 

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6. nach Trinitatis   

12. Juli 2026 - 10 Uhr HBS Liebfrauen

Evangelium: Matthäus 28; 16 – 20                                      

Neue Möglichkeiten zu leben kommen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, der für uns maßgeblich ist.          Amen.

Liebe Gemeinde, was wir als Evangelium und zugleich Predigttext gehört haben ist ein sehr bekannter Abschnitt aus der Bibel – der Schluss des Matthäusevangeliums – mit dem Tauf- oder Missionsbefehl. Viele werden ihn auswendig kennen – bei allen Getauften ist er sicher im Taufgottesdienst verlesen worden – doch wer kann sich daran schon erinnern? Ich war bei meiner Taufe gerade sechs Monate jung.

Weil das so ist, lädt der heutige Sonntag dazu ein, sich an die Taufe – an unsere eigene Taufe – zu erinnern: Ich bin getauft worden – irgendwann – weil meine Eltern es so wollten – oder die Großeltern – oder weil ich mich später selbst dazu entschieden habe.

Taufe – ich gehöre zur Gemeinschaft und zur Gemeinde der Christen dazu. Gott sagt zu mir: Ich kenne dich – ich kenne deinen Namen – du gehörst zu mir.

Vielleicht können Sie sich an Situationen erinnern: Irgendwo unterwegs in einer Menschenmenge, alles unvertraut und fremd - und plötzlich ruft jemand Ihren Namen. Das kann ein Gefühl der Erleichterung verursachen - ich bin nicht mehr allein - jemand hat mich erkannt, hat mich angesprochen, will mit mir zu tun haben.

Ich habe dich bei deinem Namen gerufen: Ich weiß, wer du bist, ich kenne dich. 

Es ist wichtig, irgendwo dazuzugehören – wer ganz fremd ist, bekommt es schnell mit der Angst zu tun.

Sicher kennen Sie das auch: In schwierigen Situationen, vor unangenehmen Begegnungen, fragen Kinder oft eine erwachsene Bezugsperson: Kommst du mit? Das ist ein Satz gegen die Angst.  Es ist auch ein Satz des Vertrauens - es muss sichergestellt sein, dass der Gefragte nicht lacht, dass er die Ängste ernst nimmt.

Erwachsene tun sich schwer damit zuzugeben, dass sie Angst haben und eigentlich gerne jemanden fragen würden: Kommst du mit? Du brauchst gar nichts zu tun oder zu sagen - nur dabei sein, damit ich mir nicht so allein und verlassen vorkomme.  Es fällt schwer, um Begleitung zu bitten - zuzugeben, dass Hilfe gebraucht wird.

Der Taufbefehl wird auf einem Berg ausgesprochen. Immer, wenn in der Bibel von einem Berg die Rede ist, dann ist das so etwas wie ein Ausrufezeichen. Es soll sagen: „Achtung, jetzt kommt etwas Wichtiges.“ So auch hier. Nach der Auferstehung bestellt Jesus seine Jünger auf einen Berg.

Und sie kommen. Langsam steigen sie den Berg hinauf: Voller Erinnerungen an das, was sie mit Jesus erlebt haben. Die Begegnungen mit Menschen, die mutlos, verzweifelt und am Ende ihrer Kräfte waren und wie sie auf sein Wort hin ihr Leben neu in die Hand nahmen. Sie erinnern sich an die unzähligen Male, in denen er Versöhnung stiftete zwischen denen, die schuldig geworden waren und denen, die ihnen mit bitterem Hass begegneten.

Und so mischen sich bei dem Aufstieg Erinnerung und Wiedersehensfreude. Sie steigen weiter immer das Ziel im Blick: Den Berg, auf dem sie Jesus hören und sehen werden.

Und da ist noch ein Satz: „Einige aber zweifelten.“ Auch sie erinnern sich: Daran, wie oft sie dachten, jetzt ist es vorbei, jetzt kann auch Jesus nicht mehr helfen und unser Glaube schon gar nicht. Als sie auf dem Meer unterwegs waren und der große Sturm kam, der das Schiff fast zum Kentern brachte und wie sie voll Angst vor den Naturgewalten nicht mehr ein noch aus wussten. An den Abend im Garten Gethsemane, als sie bei seiner Verhaftung alle wegliefen.

Auch die Zweifelnden gehen weiter Schritt um Schritt und vielleicht fragen sie sich:  Wie wird es dieses Mal sein? Was wird überwiegen, die Freude oder die Bedenken?

Auf dem Gipfel angekommen, breitet sich die Welt vor ihnen aus, und dann hören sie die Stimme Jesu: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Geht hin und macht zu Jüngern alle Völker. Tauft sie, lehrt sie, was ich euch geboten habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt.“

Da stehen sie nun die elf, keine herausragenden Persönlichkeiten, sondern Menschen mit Schwächen und Fehlern, mit Gaben und Fähigkeiten und dann dieser Auftrag.

Gehet hin in diese Welt, die da vor euch liegt und macht alle Menschen zu meinen Jüngern. Baut durch die Taufe die Kirche Gottes auf.

Jeder einzelne – egal wie groß die Zweifel und Bedenken sind – jeder einzelne wird berufen. Baut die Kirche Gottes auf. Erzählt den Menschen von seiner Liebe und seinem Tun. Lebt wie Jesus es euch gezeigt hat.

Bleibt nicht unter euch in eurem kleinen Kreis. Zieht euch nicht zurück in die eigenen vier Wände. Denkt nicht klein in klein. Macht eure Herzen weit - so wie der Blick auf einem Berg weit wird.

Da stehen sie nun, die Jünger auf dem Berg mit diesem Auftrag, und wir – wir sitzen heute nach über 2000 Jahren hier in der Kirche in Halberstadt als Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu mit dem gleichen Auftrag.

Die Welt, die sich vor uns ausbreitet, ist eine andere als damals. Aber die Fragen sind ähnlich:

Wie leben wir als Christen in einer Zeit, in der viele mit Glaube und Kirche gar nichts mehr am Hut haben oder die sagen: „Religion ist Privatsache“?

Eine Zeit, in der Menschen sich zurückziehen, weil die Nachrichten sie überfordern? In der Unsicherheit wächst – wirtschaftlich, politisch, gesellschaftlich? In der viele sich fragen: Wer sieht mich? Wer ruft meinen Namen? Bin ich wertgeschätzt?

Menschen sind auf der Suche nach Halt, nach Gemeinschaft, nach Verlässlichkeit.

Die Taufe sagt: Du bist nicht allein. Du gehörst dazu. Und der Auftrag Jesu sagt: Zeigt es einander. Lebt es.

Es heißt nicht: Vereinnahmt die anderen. Zwingt ihnen euren Glauben auf, als ob nur ihr die „alleinseligmachende“ Wahrheit hättet. Es heißt vielmehr: Lebt die Lehre Jesu. Erzählt von ihm, von seiner Zuwendung, seiner Friedfertigkeit, seiner Gerechtigkeit, die allen Menschen gilt, nicht nur einem kleinen Häuflein Auserwählter.

Baut die Kirche Gottes in dieser Welt. Das ist der Auftrag, bis heute.

Der Glaube soll nicht verborgen bleiben, sondern wie ein Licht sein, das in die Welt hineinleuchtet - in Schulen, in Familien, in Nachbarschaften, in Gespräche am Gartenzaun, in die kleinen Alltagsmomente, die Mut brauchen.

Nur so kann Kirche ihrem Auftrag gerecht werden und der Stimme der Schwachen und Ohnmächtigen Gehör verschaffen.

Der letzte Satz des Taufbefehls gehört zu der Beauftragung durch Jesus unbedingt dazu. „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt.“ Ohne diese Zusage, wäre der Auftrag nicht zu erfüllen. Jesus stellt uns eine Aufgabe und gibt uns eine Vorgabe. Er nennt uns sein Gebot und er tut es zusammen mit einem Angebot.

Siehe, ich bin bei euch. Dieses Beistandswort sagt Jesus zu Leuten, die ihn mehrfach verlassen hatten, die ihn verleugnet und verraten hatten, die an ihm zweifelten. Das Werk Jesu ist durch die Jahrhunderte nicht von lauter leuchtenden Mustergestalten fortgesetzt worden – sondern oft genug von Menschen, die versagten und verzagten.

Und doch hat Jesus immer wieder Menschen ergriffen und verändert, erneuert und gestärkt. Es ist noch niemand im Namen Jesu losgezogen, ohne dass Jesus mitgegangen wäre. Zwei oder drei sind als Christen beieinander – er ist mitten unter ihnen. Die Gemeinde ist im Gottesdienst versammelt – und anwesend ist immer einer mehr, als in die Statistik geschrieben wird. „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt.“

6. Sonntag nach Trinitatis – ein Sonntag, der uns mit den Texten und Liedern an die Taufe erinnern will.

Taufe – sie lässt im Zweifel nicht verzweifeln, im Gefühl der Ohnmacht nicht ohnmächtig bleiben. Sie lässt in der Einsamkeit nicht allein sein und in einer ungewissen Zukunft nicht den Mut verlieren. Das ist viel – und viel Grund, diesen Sonntag zu feiern und dankbar zu sagen:

Ich bin getauft auf deinen Namen. Ich bin gesehen. Ich bin gerufen. Ich bin nicht allein.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, als alle Skepsis und Vorsicht, bewahre unsere Herzen und Gedanken, unseren Mut und unsere Phantasie in Jesus Christus, unserem Herrn.       Amen.

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4. nach Trinitatis    28. Juni 2026

10 Uhr HBS Liebfrauen

Predigttext: Römer 12; 17 - 21

Neue Möglichkeiten zu leben kommen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, der für uns maßgeblich ist.             Amen.

Liebe Gemeinde,

was wir als Lesung gehört haben dürfte den meisten Menschen bekannt sein, es ist so typisch christlich:

Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Eine klare, sehr eindeutige Ansage.  Allerdings wissen wir: Das ist leichter gesagt als getan.

Ich denke an Situationen, wo mir vermeintlich oder auch tatsächlich Unrecht geschehen ist, und da ist mir manchmal egal, ob das wissentlich oder aus Versehen geschah. Es tut einfach weh und dann will ich insgeheim dem anderen auch weh tun, damit er merkt, was er oder sie angestellt hat.

Wie soll ich entscheiden? Was ist gut für mich? Was ist gut für die anderen?

Paulus hat einen Rat parat:

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Er schrieb es so, als sei es das Einfachste auf der Welt.

Sicherlich, seine Welt damals war anders als unsere heute. 

Allerdings bin ich sicher, es gab mindestens genauso viel Böses, das bedrohlich war.  Christen mussten allein wegen ihres Glaubens mit Verfolgung und Tod rechnen und viele von ihnen lebten rechtlos als Sklaven oder unter dem Existenzminimum.

Wie konnte Paulus solche Forderungen stellen? Ich kann mir nicht vorstellen, dass es der Gemeinde in Rom leichter fiel als uns heute, Böses mit Gutem zu überwinden.

Dennoch glaube ich: Paulus weiß, wovon er schreibt. Er kennt die Welt und die Menschen. Er kennt - nicht zuletzt aus seiner eigenen Lebensgeschichte - den Gegensatz von Gut und Böse.

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem - diesem Satz wird in einer Kirche oder einem Gemeinderaum niemand widersprechen.

Was aber, wenn der Segen gesprochen, der Gottesdienst zu Ende, die Kirchentür abgeschlossen ist?

Wenn der tatsächliche oder vermeintliche Gegner kein wirklicher Feind ist, dann gelingt es schon, gegensätzliche Meinungen auszuhalten. Und auch in der Familie oder unter Freunden bekommen wir das fertig: Da gibt es Verständnis für den anderen und seine besondere Situation: Er oder sie ist krank, gereizt, traurig, am Ende - da kann ich schon mal Gutes tun und Böses einstecken - und einigermaßen sicher sein, dass sich alles wieder einrenkt.

Was jedoch, wenn es um den unmöglichen Nachbarn, den doofen Banknachbarn in der Schule geht oder den unfairen Kollegen, den unwilligen unehrlichen Mitarbeiter - oder um den politisch Andersdenkenden? Wie kann ich als bekennende Christin AfD-Wähler/innen und Verschwörungstheoretiker/innen begegnen?

Zumindest in Gedanken möchte ich denen, die christliche Werte negieren, die Würde von Menschen in Abrede stellen, die Hass predigen und Rechtsextreme verharmlosen, zeigen und sagen, was sie da unterstützen - damit sie meinen Schmerz und meine Wut sehen und vielleicht sogar verstehen können. Und ich gerate an meine Grenzen, wenn Menschen das alles ignorieren und einfache Antworten auf komplizierte Fragen wollen.

Ich möchte schon manches Mal am liebsten Gleiches mit Gleichem vergelten, d. h. in dem Fall Böses mit Bösem. Also anstelle von sachlichen Argumenten verbale Schläge austeilen, Brücken abbrechen, Menschen abschreiben.

Paulus sagt: Stopp! So nicht! Überlasst das Gott.

Was mir an dem Text gefällt, ist:  Er ist realistisch. Paulus weiß, dass es das Böse gibt und wir immer wieder damit zu tun haben. Dass es uns ständig begegnet - in uns und im anderen.

„Soweit es an euch liegt, tut alles, um mit jedermann im Frieden leben zu können.“

Das ist eine klare Eingrenzung: So weit es an euch liegt! Manches liegt eben nicht an uns. Es gibt Situationen und Menschen, mit denen werden wir allein nicht klarkommen - beim besten Willen nicht. Da brauche ich Hilfe – und viel Geduld, oft mehr als mir zur Verfügung steht.

Paulus hat die Zuversicht und den Glauben: Gott wird es gut machen. Keine und keiner kommt bei ihm zu kurz. Keine und keinen vergisst er. Darauf könnt ihr euch verlassen!

Manchmal fällt mir schwer, das zu glauben. Zu vieles macht mir Angst, zu oft fühle ich mich hilflos. Andererseits weiß ich: Eine Sache Gott überlassen heißt nicht, mir ist alles egal, Gott wird es schon richten.

Eine Sache Gott überlassen, dazu gehört: Ein ständiges Überprüfen meines Handelns und Redens. Habe ich alles getan, was in meiner Kraft steht?

Manchmal höre ich den Vorwurf, eine christliche Grundhaltung sei etwas für Ängstliche, die sich vor Auseinandersetzungen fürchten. Ich denke, dass das Gegenteil der Fall ist: Eine christliche und damit auch kritische Haltung ist etwas für Mutige, die den Kreislauf des Alltags durchbrechen wollen. Den Kreislauf: Wie du mir so ich dir.

Ich muss mein Verhalten nicht von dem der Mitmenschen abhängig machen. Ich muss nicht so bleiben wie ich bin. Ich kann mich ändern, verändern lassen durch Gott. Mich - nicht den anderen! Das muss er selbst tun.

Dazu gehört Vertrauen - Gottvertrauen und Selbstvertrauen. Wenn ich beides habe, kann es entlasten.

Selbstvertrauen: Lange war das verpönt als eitel und unchristlich. Dabei ist es so wichtig zu wissen: Ich bin ein geliebter und gewollter und angenommener Mensch – nicht nur von Gott, sondern auch von der Familie, Freundinnen und Freunden, Kolleginnen und Kollegen, Nachbarn. Dieses Bewusstsein macht stark.

Ich kann meine Energie und Phantasie verwenden, um dem Bösen Gutes entgegenzusetzen, in mir und für die anderen. Ich kann meine Energie und Phantasie einsetzen, um aus Feinden Freunde zu machen - wenn sie es denn wollen. Und muss damit klarkommen, dass es Uneinsichtige, Verführte gibt, die das nicht wollen bzw. nicht können.

Nochmal: Das ist eine wichtige Einschränkung: Soweit es an euch liegt. Nicht alles liegt an uns. Manche Konflikte können wir nicht lösen. Manche Menschen wollen keinen Frieden. Manche Situationen übersteigen unsere Kraft.

Aber: Wir können unseren Teil tun. Wir können prüfen: Habe ich alles getan, was in meiner Macht steht? War ich ehrlich? War ich fair? Habe ich zugehört? Habe ich versucht, gut zu handeln?

Das ist kein Weg für Ängstliche. Das ist ein Weg für Mutige.

Denn es braucht Mut, nicht zurückzuschlagen. Es braucht Mut, freundlich zu bleiben, wenn andere es nicht sind. Es braucht Mut, sich nicht von Hass anstecken zu lassen.

Und es braucht Vertrauen – in Gott und in uns selbst.

Und manchmal – das wissen wir alle – gelingt es sogar, aus Gegnern Freunde zu machen. Nicht immer. Aber manchmal. Und das ist schon viel.

Habt ihr schon einmal erlebt, dass jemand euch geärgert hat — hebt mal die Hand.

Und jetzt hebt die Hand, wenn ihr schon einmal erlebt habt, dass jemand euch Gutes getan hat.

Seht ihr? Das habe ich so erhofft. Gutes gibt es überall. Und wir können es weitergeben.

Paulus lädt uns ein, diesen Weg zu gehen. Nicht perfekt. Nicht fehlerlos. Aber Schritt für Schritt.

Ihr Kinder habt heute gesungen und ihr habt uns gezeigt, wie Gutes klingt. Euer Gesang ist schon eine Antwort auf Paulus: Ihr bringt Licht rein, wo es dunkel ist.

Und Gott geht mit. Er lässt uns nicht allein. Er stärkt unseren Mut und unsere Fantasie, damit wir dem Bösen etwas entgegensetzen können, das stärker ist: Gutes.

Es ist ein langer Weg, zu dem Paulus die Gemeinde in Rom und uns heute ermutigt und einlädt. Es ist der einzige Weg, den Teufelskreis des Bösen zu unterbrechen.

Also, liebe Gemeinde: Wir lassen uns nicht runterziehen. Wir lassen uns nicht kleinmachen. Wir setzen dem Bösen Gutes entgegen — heute, morgen, immer wieder. Mit Herz. Mit Mut. Mit Gott im Rücken.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, als alle Skepsis und Vorsicht, bewahre unsere Herzen und Gedanken, unseren Mut und unsere Phantasie in Jesus Christus, unserem Herrn.       Amen.

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Trinitatis     31. Mai 2026

10 Uhr HBS Liebfrauen

                                              

         Evangelium:                  Johannes 3; 1 – 15

Neue Möglichkeiten zu leben kommen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, der für uns maßgeblich ist.                      Amen.

Liebe Gemeinde,

eigentlich ist die Nacht zum Schlafen da und wenn das nicht so ist, bedeutet das meist nichts Gutes: Jemand ist krank oder hat viele Sorgen oder muss arbeiten oder kann aus anderen Gründen nicht schlafen –

oder es schleichen dunkle Gestalten durch die Gegend, die Böses im Sinn haben –

oder die nicht mehr ganz bei Sinnen sind, weil sie von einer feuchtfröhlichen Feier kommen –

aber die Nacht ist eigentlich zum Schlafen da.

Die jüdische Tradition verlangt von den Rabbinern – den Lehrern – das nächtliche Studium des Gottesgesetzes. Nachts sollen sie in der Thora lesen und darüber nachdenken und beten.

Nachts, weil da in der Regel Ruhe herrscht, weil die Gedanken nicht abgelenkt werden, damit sie sich ganz auf das Wort Gottes einlassen können.

Ich bin ja auch so eine Nachteule – in meiner aktiven Zeit habe ich mir angewöhnt, spät abends – eben Nachts – zu arbeiten, Texte zu schreiben usw., weil nach 22 Uhr in der Regel niemand mehr anruft und meine Gedankengänge nicht unterbrochen werden – und das habe ich nun aus Gewohnheit beibehalten.

Vielleicht kommt der Gelehrte Nikodemus deswegen nachts zu Jesus, um mit ihm zu reden. Ein Nachtgespräch, das so wichtig war, dass es im Neuen Testament festgehalten wurde.

Welche Motive Nikodemus genau bewegt oder gequält haben, davon erfahren wir nichts. Er ist ein einflussreicher, wichtiger Mann in Jerusalem, er kommt nachts. Heimlich.

Im Dunkeln sucht er Jesus auf. Will er wirklich nur unerkannt bleiben, wie oft vermutet worden ist; will er seine Existenz nicht gefährden, falls er als Anhänger eines fragwürdigen Rabbi erkannt wird? Oder möchte er einfach nicht gestört werden bei seiner wichtigen Frage? Dem Rummel entgehen, der sonst den ganzen Tag um Jesus herum stattfindet?

 

Jedenfalls hat der Mann den Mut zu Jesus zu gehen und um ein Gespräch zu bitten. Und Jesus lässt sich auf ihn ein, hört ihm zu und spricht mit ihm. Und wie so oft klingt das, was Jesus sagt ungewöhnlich.

Von Wiedergeburt ist die Rede – von Neuem geboren werden, um in das Reich Gottes zu kommen. Wie soll das zugehen?

Wie die Neugeborenen sein.

Ich kann mir vorstellen, dass manch eine oder einer sich das wünscht: Noch einmal geboren werden - ganz von vorn anfangen - ein neuer Mensch werden - aus der alten Haut herauskönnen,  alles oder zumindest vieles  ganz anders, nämlich besser machen.

Die alte, einengende Haut abstreifen können und plötzlich neue Hoffnung, frischen Mut und gute Aussichten zu haben - das wäre schon etwas.

Heraus aus der alten Haut - aus Krankheit und Alter und Resignation - weg von den Verärgerungen, Enttäuschungen, Verletzungen und kränkender Hilflosigkeit.

Leider ist es nicht möglich. Es gibt keinen Weg aus der alten Haut heraus - obwohl manches zum aus – der – Haut - fahren ist - in der Gesellschaft, in der Kirche und im Alltag.

Aus der Haut fahren - es geht nicht - und: Was würde es denn auch bringen?

Wir sind nicht wie die Neugeborenen, sondern überwiegend älter und alt Gewordene.

Die ersten Christen lebten als unangepasste Minderheit. Das brachte ihnen Ablehnung ein und Diskriminierung; sogar offene Aggression, Feindschaft und Verfolgung. Dass sie versuchten, die christliche Hoffnung nicht nur zu predigen, sondern sie auch zu leben, brachte die Gemeindeglieder in eine Außenseiterposition.

Der christliche Glaube mutet den Gemeinden zu, sich nicht in eine ghettohafte Existenz aus der Welt zurückzuziehen, sondern bewusst in sie hineinzugehen. Wer auf Jesus hofft, kann sich nicht mehr abfinden mit der gegebenen Wirklichkeit. Wer auf Jesus vertraut, muss leiden an der Situation, ihr widersprechen und sich wehren.

Ein Theologe hat es einmal so gesagt: Hoffnung ist die Leidenschaft für das Mögliche!

Wo diese Hoffnung gelebt und gestaltet wird, ist der Streit um die Wirklichkeit unausweichlich. Christliche Hoffnung orientiert sich am Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit. Sie lebt aus der Zukunft die Gott schenkt - nicht aus der Vergangenheit, die wir erfahren haben und endlos hochrechnen.

Christliche Hoffnung zielt auf die neue Welt Gottes; auf unversehrtes und unbeschädigtes Leben für alle Menschen auf der Erde und für die gesamte Schöpfung. Das macht diese Hoffnung radikal und anstößig.

Viele Christen mussten den Preis für ihre gelebte Hoffnung bezahlen. Weil sie sich nicht in die bestehenden Verhältnisse einpassten, handelten sie sich immer wieder Ärger ein.

Anstoß und Ärger zu erregen, erfordert Mut - es ist notwendig, um Erstarrtes in Bewegung zu bringen.

Mir macht zuweilen Angst, dass heute schon wieder so viele sich zurückziehen und sagen: Da kann man ja doch nichts machen - und das, obwohl  Ungerechtigkeiten nicht zu übersehen sind. Für mich gehört auch dazu, von unserem Wahlrecht Gebrauch zu machen – und nicht zu Hause zu bleiben nach dem Motto: Das ändert ja doch alles nichts und die Politiker taugen sowieso nichts, wofür es ja leider immer mal wieder Beispiele gibt. Allzu schnell wird dann verallgemeinert – und im schlimmsten Fall wird gewählt, wer leichte Antworten präsentiert und alles schlecht redet, ohne eigene Konzepte zu haben.

Klar ist:

Es ist gefährlich, wenn die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden. Die Rechnungen des Freien Marktes werden bezahlt von den Leistungsgeminderten bei uns, der Zweidrittelwelt und den Lebensgrundlagen der Schöpfung.

Wer sich diesem Kreislauf entgegenstellt, wird zum Fremden in der Welt - erregt Anstoß, wird belächelt oder bekämpft.

 

Nikodemus hat sich Rat und Hilfe bei Jesus gesucht. Was er damit gemacht hat, wissen wir nicht.

Wir können in der Bibel lesen, was dem Leben dient und was der Grund unserer Hoffnungen ist.

Es geht nicht um einen vordergründigen Zweckoptimismus, der dem Benachteiligten gönnerhaft auf die Schulter klopft und verspricht: Es wird schon wieder werden.

Hoffnung verlangt mehr als gute Worte. Sie verlangt einen Einsatz, der immer wieder enttäuscht werden wird. Engagement wird immer angefochten sein.

Echte Hoffnung gibt nicht auf und stimmt nicht ein in Hass und Feindseligkeit - sie vertraut auf die Zukunft.

Die ersten Christen stärkten sich gegenseitig - und weil sie so sicher waren, dass am Ende die Hoffnung siegen würde, stimmten sie bereits in der Gegenwart ihre Lobgesänge an.

Von Neuem geboren werden - es gibt sie - die Momente, wo sich jemand wie neugeboren fühlt - wo Hoffnung spürbar wird, Gottes Gegenwart erlebbar ist. Das All together now gehört dazu und viele andere der Aktivitäten ihrer Gemeinde. Oder das mutmachende Musical – Jonathan, Kinder des Lichts – das gestern in Hedersleben Premiere hatte und heute um 15 Uhr hier in St. Johannis zu hören und zu erleben sein wird mit ca. 70 Kindern und Jugendlichen. Und vieles, das unspektakulär im Stillen geschieht und Menschen zum Leben ermutigt und zum Widerstand befähigt.

Wenn Menschen trotz aller Enttäuschungen nicht aufgeben, sondern ein zweites und drittes Mal und weiter und wieder den Mund auftun gegen Unrecht. Es muss nicht alles bleiben wie es ist.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, als alle Skepsis und Vorsicht, bewahre unsere Herzen und Gedanken, unseren Mut und unsere Phantasie in Jesus Christus, unserem Herrn.                                     Amen.

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Amen.

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Eröffnungsandacht

 Evangelisches Gemeindezentrum Thale 

22. Februar 2020 um 10 Uhr

Dialog Einweihung Gemeindeanbau St. Petri Thale

Ursula Meckel & Thomas Thiede

Ursula: Verehrte Anwesende, liebe Festgemeinde,

als ich ca. 2015 davon erfuhr, dass ein Anbau an der St.Petri-Kirche geplant ist, schossen mir sofort drei Gedanken durch den Kopf:

-          1. Das ist niemals genehmigungsfähig - denn da gibt es die obere, untere und mittlere Denkmalsschutzbehörde – und vermutlich noch diverse andere Instanzen und Behörden, die mitzureden haben.

-          2. Das ist nie und nimmer finanzierbar – ich habe zwar keine Ahnung von den wirklichen Kosten, aber ich bin sicher: Ganz bestimmt nicht von den beiden kleinen Kirchengemeinden hier in Thale.

-          3. Es kann mir eigentlich auch egal sein, weil ich das ganz sicher ohnehin nicht erleben werde.

Nun ja – so kann man sich irren.

Der Bau wurde genehmigt, die Finanzierbarkeit wurde geklärt – es fehlt zwar noch einiges für die Innenausstattung – und ich lebe noch.

Nun ist eine weitere und viel wichtigere Frage offen: Wird der Anbau angenommen von den Menschen, für die er konzipiert ist –

also: Werden sich hier Menschen treffen und miteinander ins Gespräch kommen, diskutieren, kreativ sein, singen, blasen, tanzen, filzen, malen – ein wirkliches Kultur- und Begegnungszentrum?

Das wird die kommende Zeit bringen und ich kann es nur hoffen und wünschen, damit das Engagement, auch das finanzielle, nicht vergeblich war.

Allerdings: Ich höre auch viel Skepsis und Kritik – „Was habt ihr denn da mit unserer schönen Kirche gemacht?“ – „Das passt doch überhaupt nicht dahin!“ – usw. usf.

Thomas: (vom Bläserplatz aus) Aber das ist doch klar. Immer, wenn etwas Neues entsteht sind sofort diejenigen auf der Matte, denen das nicht gefällt. (kommt nach vorne)

Dabei haben wir als Gemeindekirchenrat es uns nicht leicht gemacht. Als 2014 klar war, dass wir unser Gemeindehaus auf der anderen Straßenseite nicht erhalten und auch nicht behalten können, waren wir nicht nur traurig, sondern auch geschockt und ziemlich verzweifelt.

Na klar, hätten wir uns einfach hinsetzen und weinen und uns bedauern können, aber wir wollten nach vorn sehen und überlegen, wie es weitergehen kann. Es gibt so ein schönes Bibelwort: „Wer seine Hand an den Pflug legt und schaut zurück, der ist nicht geschickt zum Reich Gottes.“

Ursula: Also, ihr wollt hier das Reich Gottes aufbauen?

Thomas: Naja, nicht ganz so vollmundig. Wir möchten, dass sich hier Menschen treffen und begegnen können, etwas miteinander erleben und gestalten. Und nicht nur evangelische Christen, sondern alle Menschen, denen Kultur wichtig ist – deshalb heißt es ja „Kultur-und Begegnungszentrum“. Und dass Kultur wichtig ist, wird ja wohl niemand ernsthaft bezweifeln. Schau dir doch nur an, was gerade in der Politik so läuft – wie respektlos da miteinander umgegangen wird – wie oft Andersdenkende übereinander reden, aber nicht miteinander – sich gegenseitig austricksen - einander verteufeln anstatt sich zuzuhören.

Ursula: Das ist leider wahr. Aber wie wollt ihr das mit diesem Anbau ändern? Soll hier ein Diskutierclub entstehen, wo Menschen unter Anleitung lernen, wie man kulturvoll miteinander umgeht.

Thomas: Natürlich nicht. Oder vielleicht auch? Mal sehen. Auf jeden Fall wollen wir die Möglichkeit geben, dass Menschen etwas gemeinsam erleben – schon das verbindet ja und baut Berührungsängste ab. Beim gemeinsamen Tun kommt man sich näher – oder auch, wenn man sich miteinander erfreut, zum Beispiel an schöner Musik oder gemeinsam einen Film ansieht und sich darüber austauscht, Theater spielen oder anschauen, Lesungen und unterschiedliche Workshops.

Es gab schon mal ein Format, das „Kreuz und quer“ hieß, eine Veranstaltungsreihe mit verschiedenen Angeboten – das möchten wir wieder beleben. Die ersten Termine sind schon geplant.

Ein großer Vorteil des Anbaus ist, dass er barrierefrei gestaltet wurde, also auch für Menschen mit Handicap zugänglich ist, niemand ausgegrenzt wird.

Wir – nicht nur diejenigen vom Gemeindekirchenrat - sind jedenfalls gespannt und neugierig, wie es hier weitergeht – bzw. erst richtig los geht.

Ursula: Mir fällt auch noch ein Bibelwort ein:

„Denn siehe, ich will ein Neues machen; jetzt soll es aufwachsen - erkennt ihr es nicht?“

Da lädt der alte Prophet Jesaja dazu ein, genau hinzusehen wo etwas Neues wächst, darüber zu staunen und es zu pflegen.

Thomas: Genau das haben wir vor – hinsehen, staunen, pflegen – Menschen aktivieren und einladen, nicht nur Thalenser, sondern auch die vielen Touristen, die in unsere Stadt kommen.

Ursula: Übrigens – weißt du, was das hier ist? (Raupe zeigen)

Thomas: Nicht wirklich, sieht aus wie ne olle Raupe.

Ursula: Genau – das Wertvolle und Schöne daran ist zunächst nicht zu sehen – weil es noch inwendig ist:

(Raupe entfalten zum Schmetterling)

Thomas: Wow! So oder jedenfalls so ähnlich stelle ich mir die Zukunft von unserem Kultur- und Begegnungszentrum vor.

Beide:             Amen.

Lied:   Komm, bau ein Haus …      Blatt                                                 Chor, Bläser

 

Wir bitten um Gottes Segen:

Ursula Meckel: Herr, segne unsere Hände, dass sie behutsam seien,

dass sie halten können, ohne zu Fesseln zu werden,

dass sie geben können ohne Berechnung,

dass ihnen innewohnt die Kraft, zu trösten und zu segnen.

 

Thomas Thiede: Herr, segne unsere Augen, dass sie Bedürftigkeit wahrnehmen,

dass sie das Unscheinbare nicht übersehen,

dass sie hindurchschauen durch das Vordergründige,

dass andere sich wohlfühlen können unter unseren Blicken.

 

Steffi Andrä: Herr, segne unsere Ohren, dass sie deine Stimme zu erhorchen vermögen.

dass sie hellhörig seien für die Stimme der Not, dass sie verschlossen seien für Lärm und Geschwätz, dass sie das Unbequeme nicht überhören.

 

Kristin Heyser: Herr, segne unsere Münder, dass sie dich bezeugen,

dass nichts von ihnen ausgehe, was verletzt und zerstört,

dass sie heilende Worte sprechen, dass sie Anvertrautes bewahren.

 

Stefan Ehrhardt: Herr, segne unsere Herzen, dass sie Wohnstatt seien deinem Geist,

dass sie Wärme schenken und bergen können,

dass sie reich seien an Verzeihung, dass sie Leid und Freude teilen können.

 

Ursula Meckel: Herr, segne dieses Haus, dass es offen sei für alle Menschen guten Willens,

dass wir einander zuhören und unterschiedliche Meinungen ertragen,

dass wir voneinander lernen und miteinander feiern können,

dass wir spüren können, wie Himmel und Erde sich berühren.

Amen

 

Musik: „Trumpet Tune“ Bläserklänge S. 292                                                               Bläser

 

 

 

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14. Mai 2017 - 40 Jahre Ordination - Thale St. Andreas

   

                                      

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Gottesdienst 31. Oktober 2014

Wendegedenken – Reformation – Verabschiedung Pastorin Ursula Meckel

Liebe Versammelte,

heute vor 25 Jahren um diese Zeit war ich sehr viel aufgeregter als heute – in zweieinhalb Stunden würde hier in dieser Kirche eine Veranstaltung beginnen, von der niemand sagen konnte, wie sie ausgehen würde – wie viele kommen würden – ob es friedlich bliebe. Einige entschlossene Bürger/innen hatten eingeladen zu einem „Gebet für Land und Leute“ - … ein heute völlig harmloser Text, damals  staatsgefährdend gefährlich – die Handzettel wurden schnell entfernt, doch es hatte sich herumgesprochen.

Etliche sind jetzt hier, die damals auch dabei waren – um viele Erfahrungen reicher.

An diesen Reformationstag vor 25 Jahren erinnern wir.

Reformationstag – ein evangelischer Feiertag, den wir hier in Thale seit vielen Jahren ökumenisch begehen – so auch heute – ein zweiter Grund zur Dankbarkeit, weil das keineswegs überall selbstverständlich möglich ist.

Der dritte Anlass dieses Gottesdienstes: Nach 40 Jahren im kirchlichen Dienst werde ich verabschiedet - von den Kirchengemeinden und vom Kirchenkreis – entpflichtet vom Amt? – von der Pflicht zur Kür? – beziehungsweise verabschiede ich mich? - oder auch nicht?

Schaun wir mal.

Auf jeden Fall feiern wir jetzt einen Gottesdienst mit ganz viel Musik und dafür bin ich dankbar; dankbar allen, die ihn mit ausgestalten – und dazu gehören auch Sie alle hier, die zum Mitsingen eingeladen sind.

Dankbar bin ich vor allem dafür, dass wir uns versammelt haben im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen. Hilfe erwarten wir von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

Chor + Gemeinde: Wo Menschen sich vergessen …

Gott, wir treten jetzt vor Dich mit unseren Erinnerungen, unseren Wünschen, unseren Befürchtungen und unseren Hoffnungen. Wir schauen zurück und nehmen Abschied – wir blicken nach vorn und haben Träume.

Ich möchte bewahren, was gut war in den vergangenen Jahrzehnten. Denn vieles war wunderschön, erfrischend, aufregend, überraschend neu – dafür danke ich, das will ich nicht missen.

Loslassen und bewahren - beides. Gott, gib mir den Mut, die Hände zu öffnen, um Altbekanntes loszulassen. Gib mir den Mut, die Hände zu öffnen und die Arme auszubreiten, um Neues, Unbekanntes zu begrüßen.

Gott, ich danke Dir, dass ich getragen bin von der Hoffnung, gehalten zu werden -  beflügelt von dem Glauben, dass Du Dich kümmerst - auch um mich. Begeistert von dem Glauben, dass Du da bist.

Du hältst die Zeit liebevoll in Deinen Händen. Du bist ewig. Gestern und heute und morgen. Kein Anfang, kein Ende. Die Zeiten kommen und gehen - Du bleibst und rufst zum Leben im Vertrauen auf Dich und Deine beständige Gegenwart. Du bist auch jetzt mitten unter uns. Das ist Grund, sich zu freuen – deshalb:

Jauchzet dem Herrn alle Welt!

Amen.

Chor + Bläser:     Psalm 100

Lesung = Prediger 3; 1 - 13                                   

Meine Hoffnung …

                Credo                                                        

Bläser:                 La nuit

PREDIGT-Einstieg

U.:     Sag mal bitte,  Angelika, findest Du nicht auch, dass das heute hier eine etwas seltsame Veranstaltung ist?

A.:     Wieso seltsam? Es ist ein schöner Gottesdienst in einer vollen Kirche mit aufmerksamen Menschen, viel Musik und guter Stimmung. Und weil aller guten Dinge drei sind, gibt es drei inhaltliche Schwerpunkte: Wende-Gedenken, Reformation und Deine Verabschiedung.

U.:     Wende-Gedenken und Reformation sind klar – aber meine Verabschiedung? Mein Dienst hier im Pfarrbereich endete schon vor sieben Monaten. Ich wohne weiter in der Gemeinde und gehöre zum Bläserchor und in der Stadt bleibe ich ebenfalls, sogar im Stadtrat. Und: Im Kirchenkreis und selbst darüber hinaus geht meine Arbeit weiter. Also was für ein Abschied?

A.: Kann es sein, dass Du Dich um einen Abschied drücken willst?

U.: mhm … Also, mein ältester Patensohn hat mir geschrieben: „Ruhestand KANNST Du gar nicht.“

A.: Weiche nicht aus! Kann es sein, dass Du Dich drücken willst vor dem Abschied? Weil das weh tut?

U.: mhm …

A.: Bisher hast Du das ja ganz geschickt geschafft – denn Dein Dienst im Pfarrbereich Thale endete ja bereits am 31. März – wie Du weißt…

U.: Und Du weißt: Jeder Abschied ist ein kleines Sterben.

A.: Gehts auch etwas weniger theatralisch? - Du weißt: Alles hat seine Zeit … steht doch so schön auf der Einladung: …

U.: Das ist wohl der Unterschied zwischen Theorie und Praxis - oder wie wir hier im Osten gesagt haben: Zwischen Marx und Murks. Ich weiß, dass ich mich dem stellen muss. Nur: Zum April hast Du hier eine neue Pastorin eingesegnet. Willst Du mich jetzt aussegnen? Das klingt so nach Beerdigung.

A.: Natürlich nicht! Aber z. B. entpflichten – Du MUSST jetzt nichts mehr tun, aber Du darfst noch – und Pastorin bleibst Du ohnehin (so lange Du es möchtest).

U.: mhm …

A.: Nun schwirre schon ab auf die Kanzel – oder hast Du nichts mehr zu sagen?

U.:   Na gut. J  Aber ich bleibe lieber hier unten – ich möchte ja nicht „von oben herab“ reden …

Neue Möglichkeiten zu leben und Frieden kommen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, der für uns maßgeblich ist.                 Amen.

Liebe Anwesende,

gestern wurde ich am Telefon gefragt: „Freust Du Dich eigentlich auf den Gottesdienst morgen?“ und ich konnte ehrlichen Herzens sagen: „Inzwischen Ja! Ja, ich freue mich.“

Im April, als das eigentlich aktuell war, hätte ich das noch nicht gekonnt, denn es ist ja etwas dran, dass ich mich eigentlich irgendwie um diesen Abschied drücken wollte, weil eben jeder Abschied ein kleines Sterben ist und weh tut.

Heute ist das anders, weil nicht nur ein Lebensabschnitt zu Ende ging, sondern weil Neues, und für mich sehr Erfreuliches angefangen hat – und weil Wichtiges geblieben ist.

Loslassen und bewahren zugleich, Ende und Anfang.

Allerdings: Irgendwie lastet jetzt auf mir der Druck, ich müsse nun etwas ganz Bedeutsames und Kluges sagen – etwas zum Merken und Aufmerken – zum Abschied, der ja gar kein wirklicher Abschied ist. Denn es sind eben keine „letzten Worte“.      

Klar ist, ich bin nicht mehr die Pastorin von Thale, Warnstedt, Bad Suderode und Friedrichsbrunn – den Staffelstab im Pfarrbereich habe ich am Ostermontag weiter gegeben - aber ich bin und bleibe Pastorin und das gerne und bin dankbar für neue Herausforderungen und Aufgaben im Kirchenkreis und darüber hinaus – solange ich das kann und darf.

Normalerweise sitze ich unter den Bläser/innen – und das ist mir wichtig: Mitzublasen und vor allem Dazuzugehören. Ich möchte Teil einer Gemeinschaft sein, keine Einzelkämpferin. Aber heute gönne ich mir mal das Zuhören - dürfen.

Wendegedenken – Erinnerung an den Reformations-Abend vor 25 Jahren – damals wurden „Zeugnisse der Betroffenheit“ laut.

Ursprünglich wollte ich jetzt sagen, was mich heute betroffen macht. Dann ist mir noch rechtzeitig eingefallen, dass in unserem Land viel gejammert wird – und das meist auf sehr hohem Niveau. Das möchte ich nicht und habe auch keinen Grund dazu, vielmehr möchte ich am Ende einer langen Zeit im kirchlichen Dienst sagen, was mich dankbar macht.

Ich werde drei Kerzen der Dankbarkeit entzünden.

1. Die erste für das ehrenamtliche Engagement vieler Menschen, ohne das sehr vieles nicht möglich wäre - in den Kirchengemeinden – in den Kommunen – in Verbänden und Vereinen … über Parteigrenzen hinweg. Menschen, die nicht sagen „Was kriege ich dafür?“ und vor allem nicht: „Da kann man doch nichts machen“, sondern die sagen: „Da kann ICH was machen“ und das auch tun – zusammen mit anderen. Die nicht nur meckern und alles von anderen erwarten.

Dass viele den Mut haben, sich einzusetzen und kostenlos Zeit und Kraft opfern, auch wenn andere darüber den Kopf schütteln oder sich lustig machen, das finde ich einfach toll!

Mein Freund Erich Schweidler – er war Pfarrer an der St.Petri-Gemeinde und erster Nachwendebürgermeister in Thale – hat mir 1976 ins Gästebuch geschrieben: „Wer den Mut hat, sich unbeliebt zu machen, wer unbequem ist,  bringt die Entwicklung weiter. Mitmacher sind zwar bequem, aber langweilig.“

Sich anstößig zu verhalten bringt Anstöße – bringt in Bewegung – bringt weiter – macht die Welt etwas heller und wärmer, so wie diese Kerze.

2. Die zweite Kerze der Dankbarkeit entzünde ich für meine guten Erfahrungen mit der Ökumene – nicht nur aber auch hier in Thale.  Wir haben in den vergangenen Jahren vieles ganz unkompliziert gemeinsam gemacht, manchmal im Kleinen, dann auch im Größeren. Ich erinnere an den Ökumenischen Kreiskirchentag 2008, an die vielen Mitwirkenden beim Harzfest und 2009 beim Sachsen-Anhalt-Tag hier in Thale, bei den vielen Harzer Sommertagen, die wir ökumenisch gestaltet haben.

Viel Gemeinschaft und Gemeinsamkeiten konnte ich erleben bei den großen Ökumenischen Kirchentagen in Berlin und München, bei Katholikentagen und den großen evangelischen Kirchentagen und bei den Reformationstagen, die wir hier in Thale seit langem zusammen begehen – mit gemeinsamen fröhlichen Mahlzeiten.

Noch trennt uns evangelische und katholische Christen manches voneinander, doch es gibt viele Schritte aufeinander zu.  

Im September habe ich in Halberstadt an einer Ökumenischen Vesper teilgenommen aus Anlass des kirchlichen Festes für den Frieden und die Einheit der Kirche. Ein katholischer Geistlicher führte dazu aus:

Wichtig bleibt, dass der Glaube und das Mahl anderer Konfessionen nicht richtig oder falsch, sondern ehrlich, aber eben anders sind. Diese Erkenntnis ist eine tragfähige Grundlage für Gespräche, die keinen Einheitsbrei als Ergebnis wollen. Selbst wenn es immer noch nicht nach einer zeitnahen Lösung aussieht: "Der Mauerfall vor 25 Jahren kam auch unerwartet!"

Beifall bekam er für seinen Satz: „Freiheit muss ich mir NEHMEN.“  Die bekommen wir nicht auf einem Silbertablett serviert. Wenn das nicht hoffen lässt!

Dafür die zweite Kerze, bei der ich auch an den Satz denke, der mir schon in der DDR-Zeit wichtig geworden ist: „Es ist besser eine Kerze anzuzünden als über die Dunkelheit zu jammern.“

3. Die dritte Kerze ist deutlich größer als die beiden anderen und das ist natürlich kein Zufall. Ich bin in einem nichtkirchlichen Elternhaus aufgewachsen und habe als Jugendliche ersten Kontakt zu Kirche und Glauben gefunden. Dankbar bin ich für die Kraft des Glaubens – für die Einladung zur Freiheit und zum aufrechten Gang.

Ein Spruch von Theodor Storm, den ich von meinem Konfirmator gelernt habe, hat mich geprägt: „Der eine fragt: Was kommt danach? Der andre fragt nur: Ist es recht? Und also unterscheidet sich der Freie von dem Knecht.“

Ich wollte FREI sein und habe im Glauben Freiheit gefunden und die Erkenntnis gewonnen: Gottesfurcht schützt gegen Menschenfurcht. Ich denke an Paulus in der Gefängniszelle: Er war gefesselt und predigte dennoch FREI das Evangelium. – Ich lebte in einem Staat, der seine Bürger/innen einsperren musste, damit sie blieben …

Diesen Zustand konnten wir beenden – friedlich – ohne Gewalt – mit vielen kleinen Kerzen, auch hier bei uns in Thale.

Dafür diese dritte große Kerze. Danke für alles!

Heute meine Verabschiedung aus dem offiziellen Dienst. Aber ich bin und ich bleibe Pastorin. Als Christin lebe ich in dem Wissen, ein Geschöpf zu sein – verantwortlich für mein Leben, für alles Tun und für alles Lassen – und angewiesen auf Gemeinschaft.  

Gott gibt dem Menschen viele Möglichkeiten und setzt ihm hilfreiche Grenzen. Wer sich vor Gott verantwortlich weiß, geht verantwortlich mit der Schöpfung, mit den Mitmenschen, mit sich selbst um.  

Jesus ist uns ein Vorbild: Er war unbequem und anstößig – hatte keine Angst vor den Mächtigen und Geduld mit den Unvollkommenen. Er blieb ehrlich und riskierte es, sich unbeliebt zu machen. Mit seinen Maßstäben lässt es sich leben: „Gott ist der Mensch, der uns menschlicher macht.“

Zum Schluss ein Satz vom „Ehrenbürger der Herzen“ unserer Stadt, dem katholischen Pfarrer Wolfgang Janotta, den ich beim Abschied von den Gemeindekirchenräten im März zitiert habe:

„Ich habe getan, was ich konnte. Den Rest muss der liebe Gott erledigen.“

Wird er – er hat ja Sie und Euch! J

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, als alle Skepsis und Vorsicht, bewahre unsere Herzen und Gedanken, unseren Mut und unsere Phantasie in Jesus Christus, unserem Herrn.       Amen.

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Angelika Zädow:

Liebe Ursula, liebe Gemeinde,

nach 38 Jahren in Thale und 40 Jahren im kirchlichen Dienst wirst Du, liebe Ursula, heute aus diesem Dienst verabschiedet. Dass Du daran lange geknabbert hast, ist kein Geheimnis. Und ja, das ist sicher schwer, nach einer solchen Zeit alles „sein“ zu lassen, was vier Jahrzehnte tagtäglich das Leben und die Zeit prägte, den Tagesrhythmus vorgab, Herz und Verstand beschäftigte: Lektoren und Organistinnen für die Gottesdienste und Amtshandlungen zu finden, die Gemeindebriefe zu gestalten und den Beiträgen „hinterher“ zu laufen, Besuche zu machen, die Anfragen des Kreiskirchenamtes zu bedienen, Gruppen und Kreise zu organisieren und noch viel mehr. Das alles hört nun auf nach 40 Jahren.

Diese Zahl spielt übrigens in der Bibel immer wieder eine Rolle: 40 Tage und Nächte dauerte die Sintflut, 40 Jahre dauerte der Zug des Volkes Israel durch die Wüste, Mose weilt 40 Tage auf dem Berg Sinai, um die Gebote zu empfangen, der Prophet Elia geht 40 Tage und Nächte zum Berg Horeb und Jesus fastet 40 Tage in der Wüste.

So unterschiedlich diese Erzählungen sind -  zwei Dinge verbinden sie. Erstens: In dieser Zeit begegnen sie Gott. Und ich wünsche Dir und Ihnen, liebe Gemeinde, dass Sie im Nachdenken über die gemeinsame Zeit im Pfarrbereich Thale auch sagen können: Da gab es Momente und Augenblicke der Gemeinschaft, in denen wir uns des Glaubens sicher waren oder wurden.

Zweitens: Nach dieser Zeit veränderte sich das Leben der Menschen. Dieser Zeitpunkt ist nun für Dich, und Ihre Gemeinden gekommen. Sie alle haben eine neue Pastorin, die nun mit Ihnen Leben und Zeit im Pfarrbereich Thale gestaltet und auf dem Weg des Glaubens weiter geht, anknüpft an das was war und ganz andere Wege wagt.

Und du, liebe Ursula, wagst ja bereits andere Wege, hilfst Gemeinden im Kirchenkreis über die Zeit von Vakanzen hinweg. Hältst Gottesdienste und Amtshandlungen, organisierst und berätst. Der Rhythmus Deiner Zeit ist nun anders. Aber die Zeit an sich bleibt. Du hast nun die Freiheit, sie nach Deinen Wünschen nach Deiner Lust woanders zu gestalten und ohne Amtspflichten. Von Herzen wünsche ich Dir, dass Du diese Freiheit nutzen und Deine Zeit füllen kannst.

So Gott will, noch 40 Jahre, Amen.

 

Liebe Ursula,

vor Gott und dieser Gemeinde endet hiermit Dein Dienst im Pfarrbereich Thale, der Dir übertragen war. Alle Zuständigkeiten und Pflichten liegen nicht mehr in Deinen Händen. Was Dich in Deiner Arbeit beschwert hat, was unfertig blieb oder Sorgen macht, legen wir in die Hände Gottes, der allein aus allem ein Ganzes zu machen vermag. Nichts soll Dich beschweren, nichts soll Dich betrüben. Gott wird Dich tragen und begleiten auf Deinem weiteren Lebensweg.

 

Gebet:

Gott, Du Anfang und Ende der Zeit: Wir danken Dir für den Dienst von Pastorin Ursula Meckel, für die Zeit, die sie hier gewirkt hat. Und bitten Dich: Segne unsere Schwester im Glauben. Stärke sie mit Deinem Wort. Schenke ihr Mut und Zuversicht. Das bitten wir Dich durch Jesus Christus, der mit Dir und dem Heiligen Geist unserem Leben einen neuen Anfang schenkt. Amen.

Segen

Gott segne dir den Blick zurück und den Schritt nach vorn. Er schenke dir eine Melodie, die dich wie ein Lachen durch den Tag begleitet und Menschen, die ihre Arme um dich legen wie ein wärmender Mantel. So segne dich…