Für Interessenten eine bis vier  PREDIGT(en)                        

(Es ist nicht auszuschließen, dass ich auch mal den einen oder anderen Gedanken "übernommen" habe, ohne dies in jedem Fall ausdrücklich zu benennen.)  

Am 31. März 2014 endete mein Dienst im Pfarrsprengel Thale - 

seit dem 1. April 2014 bin ich Beauftragte für Springerdienste im Kirchenkreis Halberstadt.

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Karfreitag, 19. April 2019

14 Uhr Kroppenstedt

u.m.: Seht den Menschen!  Dieses Wort weist uns auf Jesus hin, der litt und starb, verachtet und verlassen.  Und der doch immer wieder Menschen an das vergessene Leben erinnert und sie lieben und hoffen lehrt trotz Schuld und Leid.  Seht den Menschen!  Dieses Wort lässt uns an die Männer und Frauen denken, die den Weg Jesu kreuzten, bekannte und unbekannte: Judas, Petrus, Pilatus, Simon, Maria, Johannes - Menschen wie Sie und ich - so verschieden, wie - Menschen nur sein können: Enttäuscht, ängstlich, feige, hilfsbereit, mitleidig, hoffnungsvoll, angenommen.

Seht den Menschen!  Dieses Wort macht uns aufmerksam auf die vielen, die das Geschick Jesu teilen, überall auf der Welt: Gefangene und Gefolterte, Alleingelassene und Vergessene, Verachtete und Abgeschobene, die Leidenden ohne Namen und Gesicht.  Seht den Menschen!  Das Wort lehrt uns, uns selber zu sehen und zu erkennen, wer wir sind und wie wir sind, wenn uns Jesus begegnet auf seinem Weg ans Kreuz.

 

                 Bleibet hier...                       EG 789. 2 (zweimal)

U.M. :         Seht den Menschen: Judas Iskariot mit der übergroßen Erwartung, der enttäuschten Hoffnung, der tiefen Verbitterung, dem zerstörerischen Zorn:


 

G.B.: Noch während Jesus redete, kam Judas, einer der zwölf Jünger, mit einem Trupp von Männern, die mit Schwertern und Knüppeln bewaffnet waren. . . . Der Verräter hatte mit ihnen ein Erkennungszeichen ausgemacht: "Wem ich einen Begrüßungskuss gebe, der ist es.  Den nehmt fest." Judas ging sogleich auf Jesus zu und sagte:  "Sei gegrüßt, Lehrer!" und gab ihm einen Kuss.  Jesus sagte zu ihm: "Freund, komm zur Sache!" Da traten die Bewaffneten heran, packten Jesus und nahmen ihn fest.                                                                                     

U.M.: Judas - Verräter, verachtet von allen, verurteilt zum Sterben durch eigene Hand, auch ohne Gericht. - Ein wenig verstehe ich seine Leidenschaft.  Hat er, der Ungeduldige, zuviel gewünscht? Zuviel erwartet von Jesus, mit dem er zwei, drei Jahre lang herumzog?  Freiheit von Fremdherrschaft, Gerechtigkeit für alle, die neue Welt in zwei, drei Jahren, das ganze Gottesreich im Handumdrehen? -

Seht den Menschen!    - Judas, Mitmensch, kurzatmig, enttäuscht, verbittert, böse, verzweifelnd an sich selbst.

 

                 Bleibet hier...                       EG 789. 2 (zweimal)

U.M.:     Seht den Menschen! - Simon Petrus - stark, doch nur mit Worten; mutig, doch nur mit dem Schwert.  Folgt nach um zuzusehen, leugnet, um sich selbst zu retten.

G.B.: Petrus folgte Jesus in weitem Abstand und kam bis in den Innenhof des Hauses.  Dort setzte er sich zu den Wächtern, um zu sehen, was weiter geschehen werde.  Eine Dienerin kam vorbei und sagte: Du warst doch auch mit diesem Jesus aus Galiläa zusammen?  Petrus stritt es vor allen Leuten ab und sagte: Ich weiß nicht, wovon du redest.  Dann ging er ans Eingangstor.  Dort sah ihn ein anderes Mädchen und sagte zu denen, die dort herumstanden: Der da war auch mit diesem Jesus von Nazareth zusammen.  Und wieder stritt Petrus es ab: Ich schwöre, ich kenne den Mann überhaupt nicht.  Kurz darauf traten die Umstehenden zu Petrus und sagten: Natürlich gehörst du zu ihnen.  Das merkt man schon an deiner Aussprache.  Petrus aber schwor: Gott soll mich strafen, wenn ich lüge.  Ich kenne den Mann nicht!

In diesem Augenblick krähte der Hahn.  Und Petrus erinnerte sich daran, dass Jesus zu ihm gesagt hatte: Bevor der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.  Da ging Petrus weg und weinte bitterlich.

U.M.:  Petrus Bekenner mit hohen Idealen: Standhaftigkeit, Treue, Verlässlichkeit; umgeworfen durch eine einzige Frage; nur noch aufs Überleben bedacht.  Er kommt mir nahe.  Ich verstehe seine Angst.  Es ist leicht, mutig zu sein, solange es nichts kostet; leicht, sich auf das schlechte Gedächtnis der Leute zu verlassen; leicht auch, Bekenntnisse abzulegen - aber schwer, sich zu einem Menschen zu bekennen, wenn er in Not ist.  Seht den Menschen!  Petrus, Mitmensch - manchmal ist Angst stärker als die Liebe.

                   Bleibet hier...                       EG 789. 2 (zweimal)

U.M.: Seht den Menschen!  Pontius Pilatus, der es mit der Mehrheit nicht verderben will, der Freund des Kaisers bleiben möchte, der achselzuckend die Hände in Unschuld wäscht: Was ist schon Wahrheit?

G.B.: Pilatus fragte das Volk: Was soll ich mit Jesus machen, den man Christus nennt? - Kreuzige, ihn! riefen alle.  Was hat er denn verbrochen, fragte Pilatus.  Aber sie schrieen nur noch lauter.  Kreuzige ihn!  Als Pilatus merkte, dass seine Worte nichts nützten und die Erregung der Menge nur noch größer wurde, nahm er Wasser und wusch sich vor allen Leuten die Hände. Dabei sagte er:  Ich habe keine Schuld am Tode dieses Mannes.  Das habt ihr zu verantworten.

U.M:  Pilatus - Richter, aber selber abhängig vom Urteil der Menge.  Machthaber, doch Spielball im Konflikt der Interessen; Realist, auf dem Weg des geringsten Widerstandes.  Mag ich ihn deshalb nicht, weil ich das auch von mir kenne?  Ich möchte mich einsetzen, aber die Verhältnisse sind nicht danach, Ich würde gerne helfen, aber ich bin selbst abhängig.  Ich kann mir kein Risiko leisten. Also wasche ich meine Hände in Unschuld.  Ich halte mich an die Vorschriften.  Ich bin nicht für alles verantwortlich.  Man muss sich nicht überall einmischen ...

Pilatus, Mitmensch, der bei allen beliebt sein will - wer zahlt den Preis?

                    Bleibet hier...                       EG 789. 2 (zweimal)

U.M.: Seht den Menschen! Simon aus Kyrene.  Ein Unbekannter, überrascht und ahnungslos.  Ein Verurteilter kreuzt seinen Weg; er wird verurteilt, dessen Kreuz zu tragen; ein Stück weit, ungefragt und unbelohnt.

G.B.: Die Soldaten führten Jesus hinaus, um ihn ans Kreuz zu nageln.  Unterwegs trafen sie einen Mann aus Kyrene namens Simon. Den zwangen sie, das Kreuz zu tragen.  So kamen sie an die Stelle, die Golgatha heißt, das bedeutet: Schädelstätte.

U.M.:     Simon aus Kyrene, Unbekannter, Gastarbeiter, vom Zufall ausgesucht; dazu bestimmt, die Last eines anderen, Unbekannten, zu tragen - ohne zu wissen, wozu das alles, wohin der Weg geht, wer das Ziel bestimmt und wann alles zu Ende ist.

Wer drängt sich schon danach, ein fremdes Kreuz zu tragen? - Und trotzdem lebe ich davon, dass andere - Unbekannte und Bekannte  - das manchmal für mich tun,

Seht den Menschen!  Simon, Mitmensch, Nachfolger, Kreuzträger wider Willen - fähig, die Last der Mühseligen und Beladenen auf sich zu nehmen.

 

                 Bleibet hier...                       EG 789. 2 (zweimal)

U.M.:  Seht den Menschen.  Verbrecher am Kreuz, schuldig, verurteilt zum Tode.  Der eine: Starr, trotzig, aufbegehrend und am Ende.  Der andere kehrt um und findet,  schon sterbend, das versprochene Leben.

G.B.:      Zusammen mit Jesus wurden zwei Verbrecher zur Hinrichtung geführt.  Die Soldaten nagelten Jesus ans Kreuz und mit ihm die beiden Verbrecher, den einen links von Jesus, den anderen rechts.  Einer der Verbrecher beschimpfte ihn: Bist du denn nicht der versprochene Retter? Dann hilf dir selbst und uns.

Aber der andere wies ihn zurecht: Hast du immer noch keine Furcht vor Gott?  Du bist doch genauso zum Tode verurteilt und du bist es mit Recht.  Wir beide leiden hier die Strafe, die wir verdient haben.  Aber der da hat nichts Unrechtes getan.  Und zu Jesus sagte er: Denke an mich, Jesus, wenn du deine Herrschaft antrittst!  Jesus antwortete ihm: Ich sage dir, du wirst noch heute mit mir im Paradiese sein.

U.M.: Zwei Verbrecher am Kreuz.  Menschen im Widerspruch: Trotzig der eine, auf rasche Rettung bedacht, auf ein Wunder ohne Einsicht, ohne Umkehr.  Ich vermute.  Die Regel "Hilf dir selbst" nach der er lebt, macht ihn zum hoffnungslosen Fall; hilflos, gewalttätig und schuldig, ein Mann des Todes.

Neben ihm ein anderer, auch er gewalttätig und schuldig.  Ihm wird das Paradies versprochen.  Er beschönigt nichts, täuscht sich nicht selbst; nimmt sein verfahrenes Leben samt allen Folgen an. Seht den Menschen!  Mitmensch am Kreuz neben Jesus, kein hoffnungsloser Fall trotz aller Schuld; aussichtsreich noch im Tod, als sei es nie zu spät, das Leben zu entdecken - ist das zu glauben?

                   Bleibet hier...                       EG 789. 2 (zweimal)

U.M.:  Seht den Menschen - Maria und Johannes - die eine an den anderen gewiesen, der eine auf die andere angewiesen; auch unter dem Kreuz nicht alleingelassen, miteinander in die Zukunft geschickt.

G.B.: Nahe bei dem Kreuz an dem Jesus hing, standen vier Frauen; seine Mutter und deren Schwester sowie Maria, die Frau des Kleopas und Maria aus Magdala.  Jesus sah seine Mutter dort stehen und daneben den Jünger, den er liebte.  Da sagte er zu seiner Mutter: Er ist jetzt dein Sohn.  Und zu dem Jünger sagte er: Sie ist jetzt deine Mutter.  Von da an nahm der Jünger sie bei sich auf.

U.M.:  Maria und Johannes, zwei Menschen, miteinander, füreinander, unter dem Kreuz zusammengebracht.  Ich spüre, was das bedeutet:  Wenn ich am Ende bin, verlassen und keine Kraft mehr habe zum Leben - wenn dann jemand neben mir steht und zu mir hält, dann kann ich weitergehen, Schritt um Schritt. 

Seht den Menschen!  Maria und Johannes, Mitmenschen, nicht allein gelassen, auch unter dem Kreuz nicht, auch im Kummer nicht.  Auf andere angewiesen, von anderen begleitet, füreinander verantwortlich.  Fähig, Liebe zu geben und zu nehmen - trotz allem.

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Gottesdienst Lätare

31. März 2019

9.30 Uhr Thale St. Andreas

         Evangelium:                          Lukas 9; 57 - 62

Neue Möglichkeiten zu leben und Frieden kommen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, der für uns maßgeblich ist.                 Amen.

Liebe Gemeinde,

bald ist es wieder so weit – im Mai wird gewählt – der nächste Wahlkampf steht vor der Tür – mit massenhaft Plakaten, wo immer dies möglich ist - da gibt es mehr oder weniger freundliche Gesichter -  oder mehr oder weniger dumme Sprüche – Leute, die in jedes Fettnäpfchen treten und andere, die das akribisch festhalten – sie alle wollen aufmerken lassen -  sie vermitteln: Bei mir bis du auf der richtigen Seite und in der richtigen Richtung – bei mir wird es dir gut gehen.

Ganz anders die Geschichte aus dem Lukasevangelium, die wir vorhin gehört haben:

Da sind drei Leute bereit, Jesus zu folgen. Sie wollen mit ihm gehen - wohin auch immer. Das ist ein schwerwiegender Entschluss, der einen Bruch mit ihrer Vergangenheit, das heißt, ihrem bisherigen Leben - und vermutlich auch mit ihren Familien bedeutet. Dennoch wollen sie es wagen.

Nur zwei erbitten eine kurze Frist. Der eine will seinen Vater beerdigen, der andere Abschiednehmen von seinen Angehörigen. Ganz selbstverständliche und menschlich wichtige Angelegenheiten.

Der Dritte will sogar ohne Vorbehalte gleich mitkommen.

Jesus sollte sich über diese drei freuen, die mit ihm unterwegs sein wollen, von ihm lernen und andere lehren. Doch anstatt sie mit offenen Armen aufzunehmen, stößt er sie durch schroffe Antworten zurück. Sofort oder gar nicht - das ist seine schwer verstehbare Antwort.

Was will Jesus mit derartig überspitzten Anforderungen, die ins Unhöfliche und Taktlose gehen? Wie will er so Nachfolger finden? Sein Vorgehen widerspricht jeder Werbetaktik.

Wer um jeden Preis Leute für sich gewinnen will, der redet anders. Der malt ihnen eine rosige Zukunft vor Augen, verspricht das Blaue vom Himmel herunter, blühende Landschaften und vielleicht noch mehr. Was dann daraus wird, steht auf einem anderen Blatt und darum geht es ja auch gar nicht:

Erst einmal die Leute einwickeln, sie gewinnen, dann hat man sie sicher und kann  mit ihnen machen, was man will. So haben es die Menschenverführer aller Zeiten gehalten; so tun es heute die unseriösen Werbestrategen und manche Politiker.

Jesus redet nicht so. Er ist kein Bauernfänger; kein Menschenverführer.

Einem Menschen, der voller Begeisterung zu ihm kommt und mit ihm durch dick und dünn gehen will, dem sagt er:

Überlege dir genau, was du tust. Wenn du es mit mir zu tun hast, dann ist nichts mehr mit deinem festen Wohnsitz und deinen festen Bindungen. Es ist wie im Sprichwort: Füchse haben Gruben und Vögel haben Nester, aber der Menschensohn hat keinen festen Ort, an dem er sich abends schlafen legen kann. Er weiß nie, was kommt.

Der Weg mit Jesus ist ein Risiko. Wer ihm folgt, der lässt sich auf ein Abenteuer ein, von dem er nicht weiß, wie es ausgeht.

Wer erst als Jugendlicher oder Erwachsener zur Gemeinde dazu kommt, merkt es besonders:

Es kann sein, dass der Glaube dich zu Hause fremd macht. Es kann sein, dass dein Leben durch den Glauben in Unordnung gerät; dass du Entscheidungen treffen musst, die du dir früher nie hättest träumen lassen.

Es kann sein und es wird auch sein, dass ein Glaubender kritischer wird. Was alle tun und können wird nicht mehr selbstverständlich sein.

Mit bestimmten Dingen geht ein Glaubender anders um als andere: Mit der Steuererklärung, mit schwierigen Menschen, in der Partnerschaft, in der Ehe, mit der Sexualität.

Jesus nachzufolgen hat seinen Preis. Und wer aus lauter Begeisterung mitmachen will, muss vorher überlegen: Was könnte mich das kosten und will ich das wirklich - und dann kann er wiederkommen.

 

Einen anderen Menschen hat Jesus gerufen, aber der wollte vorher noch seinen Vater begraben. Das gehört sich so, dass der Sohn den Vater beerdigt. Das ist eine Ehrenpflicht.  Wer soll es auch sonst tun?

Beerdigungsinstitute wie bei uns, die den Trauernden fast alle Wege abnehmen, gab es damals nicht. Beerdigungen waren Sache der Familie. Dafür müsste auch Jesus Verständnis haben, dass es bestimmte Dinge gibt, die vor allem anderen Vorrang haben und die erst einmal dran sind.

Der Evangelist Lukas erzählt uns nicht, warum Jesus hier so schroff und für unsere Ohren unmenschlich reagiert. Denn natürlich stimmt es nicht, dass die Toten ihre Toten begraben! Das tun sie nicht.

Und es ist das Letzte, was die Lebenden für die Toten tun können, dass sie sie mit Würde begraben.

Gerade in einer Gesellschaft, in der Tod und Sterben immer mehr an den Rand gedrängt werden, ist es wichtig, die Verstorbenen zu beerdigen und dabei von dem Herrn weiter zu erzählen, der dem Tode die Macht genommen hat.

Lukas schweigt sich aus über die Gründe, die Jesus zu diesem harten Satz bewogen haben.

Allerdings:

Vielleicht war ja der Hinweis auf die Beerdigung des Vaters nur eine Ausrede, die verschleiern sollte. Denn - und das ist wichtig zu wissen - der Vater war ja gar nicht tot - es sollte nur um einen Aufschub der Nachfolge gehen - um einen Aufschub um unbestimmte Zeit.

Das gibt es, dass Menschen einleuchtende Vorwände suchen, um dem Ruf Jesu nicht folgen zu müssen:

Ich regele das bestimmt, wenn ich älter bin - erst muss ich einen Beruf haben - müssen die Kinder aus dem Gröbsten heraus sein - wenn ich in Rente gehe, dann gehe ich auch wieder zur Kirche.

Vielleicht will Jesus derartige Gründe aufdecken und sagen:

Wenn du ehrlich bist, dann geht es doch gar nicht um die Beerdigung.

 

Vielleicht geht es auch darum, dass Menschen, die Jesus nachfolgen wollen, nicht am Tod und an der Vergangenheit hängen bleiben können.

Das trifft auch für den zu, der sich nur noch verabschieden will.

Zurückblicken, hängen bleiben an alten und lieben Gewohnheiten und Bindungen: Es gibt tausend Dinge, an denen man hängen bleiben kann, die sich immer wieder in den Vordergrund schieben und  die Nachfolge hindern.

Sie lassen nicht zu, dass ein Mensch sich wirklich an Jesus bindet, von ihm alles erhofft und erwartet.

Sie verbauen die freie Sicht auf die Zukunft, weil sie an die Vergangenheit binden.

Viele Menschen sind an die Vergangenheit gebunden - oft genug ist ihnen das gar nicht bewusst.

Sie kommen nicht los von Erlebnissen, von Kränkungen, die andere ihnen zugefügt haben - und sie kommen nicht los von harten Schicksalsschlägen.

Es ist, als ob sie mit unsichtbaren Ketten an ein Stück ihrer Vergangenheit gefesselt  wären.

Dabei entwickeln Menschen die Fähigkeit, einen Bogen um die schmerzenden Erinnerungen zu machen - sie auszuklammern - wegzuschieben - bis sie uns eines Tages doch wieder unerwartet einholen und überfallen und lähmen können. Wir können nicht weglaufen vor unserer Vergangenheit.

Manchmal stehen solche Erinnerungen dem Ruf Gottes im Wege und hindern daran, ihm zu folgen.

Sie sind lebensfeindlich, weil sie Gottes guten Lebenswillen nicht zulassen.

Das ist wohl auch der Grund, warum Lukas uns diese ärgerlichen Jesussprüche überliefert: Wir sollen uns selbst auf die Schliche kommen, selber entdecken, was dem Glauben im Wege steht und was uns hindert, Jesus nachzufolgen.

Was aus den drei Leuten unseres Gleichnisses geworden ist, wissen wir nicht. Sind sie dennoch mit ihm gegangen? Die Geschichte bleibt offen.

Eines können wir wissen: Jesus war schon auf dem Wege zum Kreuz und obwohl teilweise sehr viele hinter ihm herzogen heißt es am Ende: Da verließen sie ihn alle. Alle!

Sogar seine Jünger waren nicht mehr da. Wer kann schon Niederlagen schwersten Ausmaßes verkraften?

Und - ganz ehrlich - wie wäre es mit uns? Wären wir unter diesen Bedingungen mitgegangen? Vielleicht hätte eine kurze Begeisterung für ein paar Schritte ausgereicht, dann aber wären wir wohl auch auf der Strecke geblieben.

Nachfolge Jesu bedeutet das Preisgeben von gesellschaftlichen und religiösen Normen. Jünger-Sein geht nicht ohne radikale Brüche. Christsein führt immer in Konflikte: Kann ich im konkreten Fall wie die Mehrheit das allgemein Übliche tun oder muss ich mich verweigern?

Wer versucht, das Reich Gottes in Wort und Tat zu verkündigen, gerät zwangsläufig in eine Außenseiterrolle - an die Seite der Zukurzgekommenen, Benachteiligten, Schwachen.

Wie es endet, wenn alle den bequemsten Weg gehen - sich an die jeweils Mächtigen anzupassen, sich ihnen ohne eigene Verantwortung unterzuordnen - das wissen wir.

Auch jetzt sind die praktizierenden Christen in einer Minderheit - in allen Bundesländern.

Wer sich nicht dem Konsumrausch fügt, wer andere Werte verteidigt, wer den Mund aufmacht gegen die skandalösen Ungerechtigkeiten unserer Gesellschaft - der oder die gilt als Störenfried und ist und bleibt unpopulär.

Jeden Scheinfrieden erheblich zu stören, ist eine unaufgebbare Aufgabe der Christen, auch wenn sie unwirksam und anstößig erscheint.

Es ist etliche Jahre her, dass  die beiden großen Kirchen ein deutliches Wort gesagt haben zur Lage in Deutschland und soziale Marktwirtschaft und mehr Gerechtigkeit einklagten. Leider hält sich der Erfolg in Grenzen.

Die Zahl derer, die sich trauen die unerfreuliche Wahrheit zu sagen, ist gering. Genauso gering wie die Zahl derjenigen, die sie hören wollen.

Damals hieß es: Mit der gemeinsamen Denkschrift hätten beide Kirchen klare Worte zu den drei Rissen in der bundesdeutschen Gesellschaft gefunden: Die Kluft zwischen Menschen mit und ohne Arbeit, zwischen Armen und Reichen sowie zwischen West- und Ostdeutschen lasse sich nur durch Gerechtigkeit als Grundprinzip des Ausgleichs zwischen den Menschen überwinden.

Da gibt es noch immer viel zu tun und es ist gut, sich immer wieder daran zu erinnern.

 

Der Predigttext aus dem Lukas - Evangelium ist eine Ermutigung für alle, die es ernst meinen mit der unbequemen Nachfolge.

Die Nachfolgerinnen und Nachfolger von Jesus sind schon im Neuen Testament Menschen, die zweifeln, scheitern, ängstlich sind - und dennoch nicht aufgeben und immer wieder einen neuen Anfang wagen.

Dass sie dabei nicht auf die Unterstützung breiter Massen rechnen können, gehört zu ihrem Wesen und dem Anliegen Jesu.

Sicher - die Sätze unseres Predigttextes sind auf den ersten Blick nicht sehr einladend. Sie scheinen eher abzuschrecken, sie sind kompromisslos und hart - und deshalb gerade hilfreich.

Denn es hilft nicht, vor dem Unangenehmen die Augen zu verschließen - Ärgerliches zu verdrängen - einen Scheinfrieden vorzuspielen - das alles verschlimmert jeden Konflikt und jedes Leben.

Jesus betreibt hier ganz ehrliche Seelsorge  und Seelsorge bedeutet nicht nur die Seele zu streicheln! - indem er die Wahrheit ausspricht.

Dahinter steht eine Einladung für alle, die es wirklich wollen - damit wir uns weder in der Trauer über Vergangenes noch in den Sorgen vor der Zukunft verlieren, sondern dorthin sehen und ankommen, wo Ehrlichkeit und das Leben ist: Bei ihm.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, als alle Skepsis und Vorsicht, bewahre unsere Herzen und Gedanken, unseren Mut und unsere Phantasie in Jesus Christus, unserem Herrn.       Amen.

 

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Gottesdienste Okuli

24. März 2019 

Langeln 9.30 Uhr – Wasserleben 10.30 Uhr

Epistel = Predigttext:                             1. Könige 19; 1 - 8

Neue Möglichkeiten zu leben und Frieden kommen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, der für uns maßgeblich ist.         Amen.

 

Liebe Gemeinde,

dieser Text aus dem Alten Testament gehört zu den biblischen Geschichten, die ich ganz besonders gern habe und die mir wichtig geworden sind.

Vor Jahren habe ich eine Auslegung über diese Passage für eine Kirchenzeitung geschrieben und wollte als Überschrift wählen: Elia hat die Nase voll. (D.h., eigentlich noch anders...)

Dann blieb ich doch braver und schrieb: „Auch Helden haben schwache Stunden“ –

Es ist wohl so, dass auch starke Männer – und Frauen – schwache Seiten haben und müde werden.

Das macht mir die Bibel so sympathisch, dass sie auch das Scheitern bedeutender Leute deutlich zeigt und nicht verschweigt.

Denn – es ist ein ziemlich trostloses Bild: Elia, der Mann Gottes, allein auf weiter Flur – in der Wüste unter einem Wacholderstrauch – auf der Flucht – in nackter Existenzangst.

Dabei war er einen Tag zuvor noch ein großer Sieger; doch davon ist nichts mehr übrig geblieben. Nichts mehr zu spüren von seinem durchschlagenden Erfolg in seinem Eifer für Gott, als er die verhassten Priester der falschen Götzen überwunden und vernichtet hatte. Der da ermattet in der Wüste liegt ist zwar derselbe und doch ein anderer.

Ein Flüchtling – erschöpft – am Ende seiner Kräfte und seines Lateins – kaum mehr als ein Häufchen Unglück aus dem es spricht:

Herr, es ist genug. Ich will nicht mehr. Ich kann nicht mehr. Ich bin am Ende.

Derartige Situationen kenne ich – und Sie wahrscheinlich auch:

Wenn es so aussieht, als sei alles vorbei – alle Mühe vergeblich gewesen und es hat einfach nichts gebracht. Niemand hat zugehört oder zugesehen – nichts ist verstanden worden – alle sind gegen mich – keiner versteht mich – keiner steht mir bei: Ich kann nicht mehr und ich will auch nicht mehr. So viel Leid und Elend um mich herum. So viel Hass in der Welt, so viel Sinnlosigkeit und Geplapper, so viel Ungerechtigkeit.

Schluss, aus – ich mache nicht mehr mit.

Vermutlich kennen die meisten von uns solche Augenblicke.

Dass es auch Elia jemals so ergehen könnte, war allerdings nicht vorhersehbar nach den aufregenden und ermutigenden Stationen seines Lebens.

Er hatte viel mit Gott erlebt und von ihm Gutes erfahren. Im Oratorium Elias von Felix Mendelssohn Bartholdy ist das großartig beschrieben und zusammengefasst:

Da war in großer Trockenheit ein Bach für ihn, Raben bildeten eine Mini-Luftbrücke und versorgten ihn, bei einer Witwe fand er Unterkunft und Verpflegung und Sicherheit – und schließlich das große Wunder auf dem Karmel:

Vor aller Augen erwies sich Gott als der Herr – einfach überwältigend und alles Volk hatte seinen Sieg miterlebt.

Da musste sich doch einfach alles ändern – es kann nicht weitergehen wie vorher. Das Volk, die große Masse, musste endlich aufhören mit den vielen falschen Kompromissen – vor allem dem einen:

Dass sie zeitgleich Gott und allerhand Götzen anbeteten, weil es sich im Einklang mit der Obrigkeit so gut leben ließ.

Es wurde eine schlimme Enttäuschung für Elia, als alles beim Alten blieb – die alten Machthaber weiter ihre Macht behielten. Und Isebel – die Königin – drohte ihm Rache an – und das ganz raffiniert:

Sie lässt ihm eine Frist von 24 Stunden. Elia hat einen ganzen Tag Zeit, sich zu entscheiden. Soll er sich weiter auf Gott verlassen – vielleicht zum Märtyrer werden  – oder fliehen?

Es ist ihm nicht übel zu nehmen, dass er sich dafür entscheidet, zum Deserteur zu werden.

Und schon am Ende seines ersten Fluchttages ist er am Ende. Wir sehen ihn liegen – nicht nur lebensmüde, sondern auch gottesmüde.

Da passiert das Erstaunliche und Schöne und mich auch Ergreifende:

Gott folgt seinem desertierten Diener in die Wüste und dient ihm. Er hält keine donnernden Moralpredigten, verweist nicht auf Vergangenes:

Speise und Schlaf, ganz natürliche, alltägliche Dinge gibt er ihm und lässt ihn ansonsten in Ruhe.

Verzweiflung im Leben wird nicht beseitigt durch theologische Vorträge oder Predigten, sondern durch die kleinen alltäglichen Dinge des Lebens. Gottes Geschichte mit seinen Leuten ist nicht vorrangig eine Geschichte der großen Taten, sondern eine von vielen kleinen Freundlichkeiten.

Gott macht aus der Flucht eine Zuflucht für den, der am Ende ist – und der Fortgang der Geschichte zeigt: Gottes Sache geht weiter – trotz des müden Mannes. Elia macht sich schließlich wieder auf und geht gestärkt und auftragsgemäß zum Berg Horeb – das sind übrigens ca. 400 km.

Gott hat seinen Nullpunkt zum Wendepunkt gemacht. Er hat Elia seine zeitweilige Mutlosigkeit nicht verübelt – Niederlagen sind keine Betriebsunfälle – wer das glaubt, landet unweigerlich irgendwann müde unter einem Wacholderstrauch in einer Wüste.

Dieser kleine Teil der Elia-Geschichte ist einer meiner Lieblingsbibeltexte:

Weil ich ihn als ermutigend lese.

Wir haben uns heute zum Gottesdienst zusammengefunden – wir wissen, dass wir nur wenige sind. Schon das kann mutlos machen.

Und auch, wie wenige bereit bzw. in der Lage sind, Verantwortung zu übernehmen in der Kirchengemeinde und etwas zu tun, Kraft und Zeit zu opfern, obwohl es einem oft nicht einmal gedankt wird.

Das hat doch alles keinen Zweck mehr. Es reicht. Ich habe keine Lust und keine Kraft mehr – ich will mich nicht mehr engagieren – es geht nicht weiter.

Dann wäre gut, wenn da so ein Engel käme mit Freundlichkeit – und Zeit zum Ausruhen – und Nahrungsmitteln –

damit die Kräfte wieder wachsen können –

zum Losgehen – zum Weitermachen – zum Widerstand, wo er nötig ist – zum „sich – einsetzen“ und damit „sich- aussetzen“.

Das ist mein Wunsch für uns: Dass wir uns stärken lassen und gegenseitig bestärken – und gemeinsam auf dem Weg bleiben, auch wenn wir heute noch nicht wissen, wohin er uns führt –

persönlich, in unseren Gemeinden, als Kirchenkreis und Kirche.

Und ich glaube daran, dass immer dann, wenn Menschen es besonders nötig haben, Engel auftauchen –

nicht herumschwirren, weil sie in aller Regel keine Flügel haben - sondern herumlaufen – Engel, die mit zwei Beinen fest auf der Erde stehen - die weiterführen und –weisen und – helfen. Und – genauso schön: Ich habe die Gewissheit, dass wir alle die Fähigkeit in uns haben für andere zum helfenden Engel zu werden.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, als alle Skepsis und Vorsicht, bewahre unsere Herzen und Gedanken, unseren Mut und unsere Phantasie in Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

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GottesdienstE  Invocavit & Reminiszere

10. März 2019         Thale St. Andreas

17. März 2019                 Heudeber

Neue Möglichkeiten zu leben und Frieden kommen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, der für uns maßgeblich ist. Amen.

Liebe Gemeinde,

wenn wir aus der Bibel einen Lebenslauf von Jesus erstellen sollten, würden wir manches finden – allerdings auch eine große Lücke entdecken. Da steht viel über das Leben von Jesus, über sein öffentliches Auftreten als erwachsener Mann - aber so gut wie gar nichts von seiner Kindheit. Natürlich die Geschichte von der Geburt in Bethlehem und später der Bericht über den zwölfjährigen Jesus im Tempel. Dann erfahren wir nichts mehr.

Es gibt ein paar phantasievolle Legenden, doch die Bibel berichtet fast gar nichts über Jesu Kindheit und Jugend. Nur im Predigttext bei Matthäus wird beschrieben, wie Jesus erwachsen wird.

Nach seiner Taufe geht er für 40 Tage in die Wüste - in die Stille.

Stille, die heute nur wenige ertragen können - meist wird das Radio eingeschaltet oder der Fernseher läuft, selbst wenn niemand hinsieht oder hinhört und nicht nur Jugendliche laufen mit Ohrstöpseln herum aus denen sie sich bedudeln lassen.

Jesus geht in die Stille und Weite der Wüste und lässt dort alle kindlichen Wünsche hinter sich.

Für die meisten Kinder ist „haben“ eines der ersten Worte, das sie aussprechen können. Sie wollen etwas haben - zum Essen, zum Trinken, zum Spielen, zum Festhalten. Und - Kinder möchten Eindruck machen: Mein Mountainbike  ist teurer als deines und schöner natürlich - und ich habe viel mehr als du.

Fast alle möchten einmal etwas ganz Großes machen, etwas von dem alle erfahren sollen - ein Star werden, vielleicht sogar Superstar, berühmt sein, bewundert werden - nicht mehr gehorchen müssen, sondern Befehle erteilen können.

Kinderwünsche - Erwachsene lächeln darüber und doch: Auch da gibt es das Vergleichen mit dem, was andere haben oder können. Und angegeben wird von Großen auch - mit dem Besitz oder dem Geschick oder den einflussreichen Bekannten.

Und: Wer hätte etwas gegen Macht einzuwenden? Wir würden sie ja nur richtig und sinnvoll einsetzen für eine gute Sache.

„Wenn ich was zu sagen hätte ...“ heißt es manchmal - aber ob es dann wirklich um so vieles besser wäre? Da ist schon zu viel versprochen worden, was sich am Ende als Versprecher erwies.

Das Merkwürdige bei Matthäus ist, dass der Teufel oder das Böse oder der Böse oder eben der Versucher eingeführt wird.

Luther hat in seinem bekanntesten Lied gedichtet: „Und wenn die Welt voll Teufel wär...“ und es heißt, er hätte mal mit einem Tintenfass nach dem Teufel geworfen.  Das ist über 500 Jahre her. Wer glaubt heute noch an den Teufel oder Satan?

Im normalen Sprachgebrauch fällt mir nur der „Teufel Alkohol“ ein oder zum Beispiel der „Druckfehlerteufel“. Damit wird versucht, Schuld abzuschieben auf höhere Mächte: Ich kann ja nichts dafür - andere oder anderes sind schuld und tragen damit die Verantwortung für Fehlverhalten und Fehler.

Den Teufel kennen wir noch als lächerliche Figur im Kasperle-Theater, wo er immer dem pfiffigen Burschen unterliegt. Oder der Begriff wird auf den Kopf gestellt und plötzlich ist etwas „teuflisch schön“. Und in unserer Umgebung  wimmelt es nur so von niedlichen oder auch hässlichen Teufelchen.

 

Für Matthäus gibt es eine eindeutige Aussage: Ja, es gibt den Teufel. Er kommt von irgendwoher, er will etwas.

Jesus ist übrigens nicht überrascht, als der Teufel kommt. Er ist auch nicht erschrocken und läuft nicht weg - er antwortet auf alles, was der Teufel zu ihm sagt. Sie streiten mit Worten und am Ende ergibt sich der Teufel - aber wer weiß, vielleicht kommt er ja eines Tages wieder.

Es steht nicht im Text, woher der Teufel kommt, wie er aussieht, wo er wohnt, wo er hingeht. Und weil das alles nicht dasteht, ist es vermutlich einfach nicht wichtig.

Es ist nicht einmal wichtig, ob er wirklich eine Person ist mit Händen und Füßen und einem Körper oder Hörnern. Es ist nur wichtig, dass es Versuchungen gibt - vielleicht ist der Teufel so etwas wie ein Teil von uns selbst, der uns immer verlocken will - zu etwas überreden, von dem wir eigentlich genau wissen, dass es falsch ist.

Davon lässt sich allerdings einfacher erzählen, wenn man ihm ein Gesicht gibt und einen Pferdefuß und Schwefelgestank und wer weiß, was alles noch.

Wichtig für Matthäus ist, was der Teufel will. Und daran hat sich wohl bis heute nichts geändert: Er will, dass Menschen Gott vergessen. Dann würden sie angeblich ein leichteres Leben haben.

Vielleicht kennt mancher von uns derartige Einflüsterungen:

Wenn ich Gott vergesse, dann habe ich weniger Skrupel und kann besser und leichter leben. Wenn alle nur an sich denken, warum soll dann ausgerechnet ich anderes versuchen?

Kümmere dich nur um dich, sagt die Verlockung. Sorge dich nur um dich selber, dann hast du alles und bist frei.

So klingt es zuweilen - und es stimmt dennoch nicht. Erfahrungen besagen: Das ist dann die Hölle, wenn jeder nur an sich denkt.

Das glaube ich tatsächlich. Wenn jede und jeder sich nur noch um sich selbst kümmert, dann ist das die Hölle - in der Schule, in der Familie, in den Kirchengemeinden, in der Gesellschaft.

Natürlich kümmere ich mich auch um mich und sicher auch gerne. Doch ich weiß, wie sehr ich es oft brauche, dass sich andere um mich kümmern. Manchmal beginnt damit der Himmel, wenn andere wie Engel zu mir sind - mir helfen, meine Sorgen wirklich hören wollen - mir einen Rat geben oder etwas Wertvolles schenken, das nicht einmal Geld gekostet haben muss.

Es ist einfach gut, wenn Menschen sich umeinander kümmern und sorgen. Wo das gelingt, hat der Teufel ein Stück an Einfluss verloren.

 

Jesus hat sich nicht verführen lassen. Das ist nicht selbstverständlich, meist läuft es anders, denn:

Das Böse oder der Böse sind nicht so ohne weiteres zu erkennen. Hier versucht er es sogar mit Bibelzitaten. Der Versucher versucht es mit einigen Psalmversen. Doch so richtig ist das seine Sache nicht - und auch mit den Engeln wird er wohl nicht allzu viel anfangen können.

Die Engel, die Jesus auffangen würden, wenn er sich in die Tiefe stürzt. Da hat der Teufel etwas falsch verstanden - Leben mit Gott heißt nicht ein Leben ohne Leid und Tod. Die Gerechten müssen oft mehr erdulden als andere. Doch das heißt nicht, dass sie von Gott verlassen wären. Gott ist auch im Leid zu finden. Jesus weiß das. Die Bibel verschweigt das nicht. Und für den Weg von Jesus braucht er dieses Wissen.

Es bleibt auch klar: Gottes Wort hat es schwer gegen das Geschrei der Großmäuler. Wer den Leuten nicht nach dem Munde redet, von dem lassen sie sich nichts sagen. Wer keine Show abzieht und kein Siegertyp ist, den lassen sie fallen.

Jesus ist im Auftrag Gottes den anderen Weg gegangen - und er hat sich nicht von den Mätzchen mit den Bibelsprüchen beeindrucken lassen. Er kennt den Unterschied zwischen Gott versuchen und Gott vertrauen.

Er hat die Versuchungen, die an ihn herangetragen wurden besiegt.  Auch Macht zu einem annehmbaren Preis nimmt er nicht an - so nach der Devise: „Was ist schon ein Kniefall ohne Zeugen?“  Jesus weiß, dass der Zweck die Mittel durchaus nicht heiligt.

 

Jesus hat sich nicht verführen lassen - auch später nicht von den Erwartungen und Hoffnungen der Menschen, die Großes und vor allem Gewaltiges von ihm erwarteten und forderten.

Als ihm der Böse die Macht über die ganze Welt anbietet, weiß Jesus sofort: Das Böse bedient sich immer böser Mittel und die führen nicht weiter, sondern ans Ende.

Weltliche Macht kann kein endgültiges Heil schaffen - das hat sich immer wieder gezeigt. 1000jährige Reiche sind ebenso schrecklich untergegangen wie eine Mauer gefallen ist, die nach dem Willen ihrer Erbauer noch 100 Jahre stehen sollte.

Frieden kann man nicht herbeibomben, Liebe nicht einbläuen, Gerechtigkeit nicht auf Korruption bauen, Barmherzigkeit nicht verordnen, Glauben nicht erzwingen. 

Das Reich Gottes gleicht überhaupt keinem der herkömmlichen Machtapparate. Jesus hat es abgelehnt, die Welt mit aller Macht zu erobern - vielleicht die einzige Chance?

Als Erwachsene lerne ich, dass ich nicht alles kann und auch nicht alles können muss. Ich würde mich kaputt und lächerlich machen, wenn ich dauernd bei allen Leuten  einen guten Eindruck hinterlassen wollte. Ich muss nicht die Beste oder der Beste sein - es ist anstrengend, wenn man mit solchen umgehen muss, die immer von sich glauben, dass es ohne sie nicht geht.

(Motto: „Fahren sie mich irgendwohin - ich werde überall gebraucht.“ Als Witz finde ich diesen Satz schön - aber nur als Witz.)

Nach Matthäus hat Jesus drei teuflische Versuchungen entlarvt als das, was sie waren.

Er hat den Satan mit Mitteln besiegt, die uns allen zur Verfügung stehen. Jede Antwort beginnt mit den Worten: „Es steht geschrieben...“. Mehr hat er nicht und mehr haben wir auch nicht.  Mehr braucht er nicht und mehr brauchen wir auch nicht. Gottes Worte sind für ihn wie für uns das Evangelium, die gute Nachricht.

„Du sollst Gott allein dienen.“ - das ist die befreiende Botschaft, sich von nichts und niemandem auf dieser Welt abhängig machen zu müssen. Auch nicht von Mode und Zeitgeist.

Kirche muss auch nicht um jeden Preis die Massen begeistern mit irgendwelchen Tricks. Wir haben das Wort Gottes. Anpassung an das, was die Leute so hören wollen, bringt nichts - das hören sie ja woanders und meist auch noch besser als bei uns.

So einfach ist das.   Und so schwer.

Jesus war 40 Tage in der Wüste. Eine lange Zeit für den, der sie erlebt. Im Laufe eines Lebens nur eine kurze Spanne. Sie war entscheidend,  weil kindliche Wünsche besiegt wurden, weil er stärker war als alle Versuchungen, weil er wusste: Es gibt Mächte, mit denen lässt sich nicht paktieren.

Ich denke, wir alle kennen Versuchungen vieler Art. Luther hat einmal gesagt: „Wenn der Glaube anfängt, dann bleibt  die Versuchung nicht lange aus.“

Das ist so ernst, dass es als Bitte ins Vaterunser aufgenommen wurde. Die Geschichte von der Versuchung warnt zum einen vor gefährlichen Überhebungen - zum anderen zeigt sie: Widerstand ist möglich. Jesus hat es gezeigt. 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, als alle Skepsis und Vorsicht, bewahre unsere Herzen und Gedanken, unseren Mut und unsere Phantasie in Jesus Christus, unserem Herrn.

Amen.

 

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14. Mai 2017 - 40 Jahre Ordination - Thale St. Andreas

   

                                      

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Gottesdienst 31. Oktober 2014

Wendegedenken – Reformation – Verabschiedung Pastorin Ursula Meckel

Liebe Versammelte,

heute vor 25 Jahren um diese Zeit war ich sehr viel aufgeregter als heute – in zweieinhalb Stunden würde hier in dieser Kirche eine Veranstaltung beginnen, von der niemand sagen konnte, wie sie ausgehen würde – wie viele kommen würden – ob es friedlich bliebe. Einige entschlossene Bürger/innen hatten eingeladen zu einem „Gebet für Land und Leute“ - … ein heute völlig harmloser Text, damals  staatsgefährdend gefährlich – die Handzettel wurden schnell entfernt, doch es hatte sich herumgesprochen.

Etliche sind jetzt hier, die damals auch dabei waren – um viele Erfahrungen reicher.

An diesen Reformationstag vor 25 Jahren erinnern wir.

Reformationstag – ein evangelischer Feiertag, den wir hier in Thale seit vielen Jahren ökumenisch begehen – so auch heute – ein zweiter Grund zur Dankbarkeit, weil das keineswegs überall selbstverständlich möglich ist.

Der dritte Anlass dieses Gottesdienstes: Nach 40 Jahren im kirchlichen Dienst werde ich verabschiedet - von den Kirchengemeinden und vom Kirchenkreis – entpflichtet vom Amt? – von der Pflicht zur Kür? – beziehungsweise verabschiede ich mich? - oder auch nicht?

Schaun wir mal.

Auf jeden Fall feiern wir jetzt einen Gottesdienst mit ganz viel Musik und dafür bin ich dankbar; dankbar allen, die ihn mit ausgestalten – und dazu gehören auch Sie alle hier, die zum Mitsingen eingeladen sind.

Dankbar bin ich vor allem dafür, dass wir uns versammelt haben im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen. Hilfe erwarten wir von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

Chor + Gemeinde: Wo Menschen sich vergessen …

Gott, wir treten jetzt vor Dich mit unseren Erinnerungen, unseren Wünschen, unseren Befürchtungen und unseren Hoffnungen. Wir schauen zurück und nehmen Abschied – wir blicken nach vorn und haben Träume.

Ich möchte bewahren, was gut war in den vergangenen Jahrzehnten. Denn vieles war wunderschön, erfrischend, aufregend, überraschend neu – dafür danke ich, das will ich nicht missen.

Loslassen und bewahren - beides. Gott, gib mir den Mut, die Hände zu öffnen, um Altbekanntes loszulassen. Gib mir den Mut, die Hände zu öffnen und die Arme auszubreiten, um Neues, Unbekanntes zu begrüßen.

Gott, ich danke Dir, dass ich getragen bin von der Hoffnung, gehalten zu werden -  beflügelt von dem Glauben, dass Du Dich kümmerst - auch um mich. Begeistert von dem Glauben, dass Du da bist.

Du hältst die Zeit liebevoll in Deinen Händen. Du bist ewig. Gestern und heute und morgen. Kein Anfang, kein Ende. Die Zeiten kommen und gehen - Du bleibst und rufst zum Leben im Vertrauen auf Dich und Deine beständige Gegenwart. Du bist auch jetzt mitten unter uns. Das ist Grund, sich zu freuen – deshalb:

Jauchzet dem Herrn alle Welt!

Amen.

Chor + Bläser:     Psalm 100

Lesung = Prediger 3; 1 - 13                                   

Meine Hoffnung …

                Credo                                                        

Bläser:                 La nuit

PREDIGT-Einstieg

U.:     Sag mal bitte,  Angelika, findest Du nicht auch, dass das heute hier eine etwas seltsame Veranstaltung ist?

A.:     Wieso seltsam? Es ist ein schöner Gottesdienst in einer vollen Kirche mit aufmerksamen Menschen, viel Musik und guter Stimmung. Und weil aller guten Dinge drei sind, gibt es drei inhaltliche Schwerpunkte: Wende-Gedenken, Reformation und Deine Verabschiedung.

U.:     Wende-Gedenken und Reformation sind klar – aber meine Verabschiedung? Mein Dienst hier im Pfarrbereich endete schon vor sieben Monaten. Ich wohne weiter in der Gemeinde und gehöre zum Bläserchor und in der Stadt bleibe ich ebenfalls, sogar im Stadtrat. Und: Im Kirchenkreis und selbst darüber hinaus geht meine Arbeit weiter. Also was für ein Abschied?

A.: Kann es sein, dass Du Dich um einen Abschied drücken willst?

U.: mhm … Also, mein ältester Patensohn hat mir geschrieben: „Ruhestand KANNST Du gar nicht.“

A.: Weiche nicht aus! Kann es sein, dass Du Dich drücken willst vor dem Abschied? Weil das weh tut?

U.: mhm …

A.: Bisher hast Du das ja ganz geschickt geschafft – denn Dein Dienst im Pfarrbereich Thale endete ja bereits am 31. März – wie Du weißt…

U.: Und Du weißt: Jeder Abschied ist ein kleines Sterben.

A.: Gehts auch etwas weniger theatralisch? - Du weißt: Alles hat seine Zeit … steht doch so schön auf der Einladung: …

U.: Das ist wohl der Unterschied zwischen Theorie und Praxis - oder wie wir hier im Osten gesagt haben: Zwischen Marx und Murks. Ich weiß, dass ich mich dem stellen muss. Nur: Zum April hast Du hier eine neue Pastorin eingesegnet. Willst Du mich jetzt aussegnen? Das klingt so nach Beerdigung.

A.: Natürlich nicht! Aber z. B. entpflichten – Du MUSST jetzt nichts mehr tun, aber Du darfst noch – und Pastorin bleibst Du ohnehin (so lange Du es möchtest).

U.: mhm …

A.: Nun schwirre schon ab auf die Kanzel – oder hast Du nichts mehr zu sagen?

U.:   Na gut. J  Aber ich bleibe lieber hier unten – ich möchte ja nicht „von oben herab“ reden …

Neue Möglichkeiten zu leben und Frieden kommen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, der für uns maßgeblich ist.                 Amen.

Liebe Anwesende,

gestern wurde ich am Telefon gefragt: „Freust Du Dich eigentlich auf den Gottesdienst morgen?“ und ich konnte ehrlichen Herzens sagen: „Inzwischen Ja! Ja, ich freue mich.“

Im April, als das eigentlich aktuell war, hätte ich das noch nicht gekonnt, denn es ist ja etwas dran, dass ich mich eigentlich irgendwie um diesen Abschied drücken wollte, weil eben jeder Abschied ein kleines Sterben ist und weh tut.

Heute ist das anders, weil nicht nur ein Lebensabschnitt zu Ende ging, sondern weil Neues, und für mich sehr Erfreuliches angefangen hat – und weil Wichtiges geblieben ist.

Loslassen und bewahren zugleich, Ende und Anfang.

Allerdings: Irgendwie lastet jetzt auf mir der Druck, ich müsse nun etwas ganz Bedeutsames und Kluges sagen – etwas zum Merken und Aufmerken – zum Abschied, der ja gar kein wirklicher Abschied ist. Denn es sind eben keine „letzten Worte“.      

Klar ist, ich bin nicht mehr die Pastorin von Thale, Warnstedt, Bad Suderode und Friedrichsbrunn – den Staffelstab im Pfarrbereich habe ich am Ostermontag weiter gegeben - aber ich bin und bleibe Pastorin und das gerne und bin dankbar für neue Herausforderungen und Aufgaben im Kirchenkreis und darüber hinaus – solange ich das kann und darf.

Normalerweise sitze ich unter den Bläser/innen – und das ist mir wichtig: Mitzublasen und vor allem Dazuzugehören. Ich möchte Teil einer Gemeinschaft sein, keine Einzelkämpferin. Aber heute gönne ich mir mal das Zuhören - dürfen.

Wendegedenken – Erinnerung an den Reformations-Abend vor 25 Jahren – damals wurden „Zeugnisse der Betroffenheit“ laut.

Ursprünglich wollte ich jetzt sagen, was mich heute betroffen macht. Dann ist mir noch rechtzeitig eingefallen, dass in unserem Land viel gejammert wird – und das meist auf sehr hohem Niveau. Das möchte ich nicht und habe auch keinen Grund dazu, vielmehr möchte ich am Ende einer langen Zeit im kirchlichen Dienst sagen, was mich dankbar macht.

Ich werde drei Kerzen der Dankbarkeit entzünden.

1. Die erste für das ehrenamtliche Engagement vieler Menschen, ohne das sehr vieles nicht möglich wäre - in den Kirchengemeinden – in den Kommunen – in Verbänden und Vereinen … über Parteigrenzen hinweg. Menschen, die nicht sagen „Was kriege ich dafür?“ und vor allem nicht: „Da kann man doch nichts machen“, sondern die sagen: „Da kann ICH was machen“ und das auch tun – zusammen mit anderen. Die nicht nur meckern und alles von anderen erwarten.

Dass viele den Mut haben, sich einzusetzen und kostenlos Zeit und Kraft opfern, auch wenn andere darüber den Kopf schütteln oder sich lustig machen, das finde ich einfach toll!

Mein Freund Erich Schweidler – er war Pfarrer an der St.Petri-Gemeinde und erster Nachwendebürgermeister in Thale – hat mir 1976 ins Gästebuch geschrieben: „Wer den Mut hat, sich unbeliebt zu machen, wer unbequem ist,  bringt die Entwicklung weiter. Mitmacher sind zwar bequem, aber langweilig.“

Sich anstößig zu verhalten bringt Anstöße – bringt in Bewegung – bringt weiter – macht die Welt etwas heller und wärmer, so wie diese Kerze.

2. Die zweite Kerze der Dankbarkeit entzünde ich für meine guten Erfahrungen mit der Ökumene – nicht nur aber auch hier in Thale.  Wir haben in den vergangenen Jahren vieles ganz unkompliziert gemeinsam gemacht, manchmal im Kleinen, dann auch im Größeren. Ich erinnere an den Ökumenischen Kreiskirchentag 2008, an die vielen Mitwirkenden beim Harzfest und 2009 beim Sachsen-Anhalt-Tag hier in Thale, bei den vielen Harzer Sommertagen, die wir ökumenisch gestaltet haben.

Viel Gemeinschaft und Gemeinsamkeiten konnte ich erleben bei den großen Ökumenischen Kirchentagen in Berlin und München, bei Katholikentagen und den großen evangelischen Kirchentagen und bei den Reformationstagen, die wir hier in Thale seit langem zusammen begehen – mit gemeinsamen fröhlichen Mahlzeiten.

Noch trennt uns evangelische und katholische Christen manches voneinander, doch es gibt viele Schritte aufeinander zu.  

Im September habe ich in Halberstadt an einer Ökumenischen Vesper teilgenommen aus Anlass des kirchlichen Festes für den Frieden und die Einheit der Kirche. Ein katholischer Geistlicher führte dazu aus:

Wichtig bleibt, dass der Glaube und das Mahl anderer Konfessionen nicht richtig oder falsch, sondern ehrlich, aber eben anders sind. Diese Erkenntnis ist eine tragfähige Grundlage für Gespräche, die keinen Einheitsbrei als Ergebnis wollen. Selbst wenn es immer noch nicht nach einer zeitnahen Lösung aussieht: "Der Mauerfall vor 25 Jahren kam auch unerwartet!"

Beifall bekam er für seinen Satz: „Freiheit muss ich mir NEHMEN.“  Die bekommen wir nicht auf einem Silbertablett serviert. Wenn das nicht hoffen lässt!

Dafür die zweite Kerze, bei der ich auch an den Satz denke, der mir schon in der DDR-Zeit wichtig geworden ist: „Es ist besser eine Kerze anzuzünden als über die Dunkelheit zu jammern.“

3. Die dritte Kerze ist deutlich größer als die beiden anderen und das ist natürlich kein Zufall. Ich bin in einem nichtkirchlichen Elternhaus aufgewachsen und habe als Jugendliche ersten Kontakt zu Kirche und Glauben gefunden. Dankbar bin ich für die Kraft des Glaubens – für die Einladung zur Freiheit und zum aufrechten Gang.

Ein Spruch von Theodor Storm, den ich von meinem Konfirmator gelernt habe, hat mich geprägt: „Der eine fragt: Was kommt danach? Der andre fragt nur: Ist es recht? Und also unterscheidet sich der Freie von dem Knecht.“

Ich wollte FREI sein und habe im Glauben Freiheit gefunden und die Erkenntnis gewonnen: Gottesfurcht schützt gegen Menschenfurcht. Ich denke an Paulus in der Gefängniszelle: Er war gefesselt und predigte dennoch FREI das Evangelium. – Ich lebte in einem Staat, der seine Bürger/innen einsperren musste, damit sie blieben …

Diesen Zustand konnten wir beenden – friedlich – ohne Gewalt – mit vielen kleinen Kerzen, auch hier bei uns in Thale.

Dafür diese dritte große Kerze. Danke für alles!

Heute meine Verabschiedung aus dem offiziellen Dienst. Aber ich bin und ich bleibe Pastorin. Als Christin lebe ich in dem Wissen, ein Geschöpf zu sein – verantwortlich für mein Leben, für alles Tun und für alles Lassen – und angewiesen auf Gemeinschaft.  

Gott gibt dem Menschen viele Möglichkeiten und setzt ihm hilfreiche Grenzen. Wer sich vor Gott verantwortlich weiß, geht verantwortlich mit der Schöpfung, mit den Mitmenschen, mit sich selbst um.  

Jesus ist uns ein Vorbild: Er war unbequem und anstößig – hatte keine Angst vor den Mächtigen und Geduld mit den Unvollkommenen. Er blieb ehrlich und riskierte es, sich unbeliebt zu machen. Mit seinen Maßstäben lässt es sich leben: „Gott ist der Mensch, der uns menschlicher macht.“

Zum Schluss ein Satz vom „Ehrenbürger der Herzen“ unserer Stadt, dem katholischen Pfarrer Wolfgang Janotta, den ich beim Abschied von den Gemeindekirchenräten im März zitiert habe:

„Ich habe getan, was ich konnte. Den Rest muss der liebe Gott erledigen.“

Wird er – er hat ja Sie und Euch! J

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, als alle Skepsis und Vorsicht, bewahre unsere Herzen und Gedanken, unseren Mut und unsere Phantasie in Jesus Christus, unserem Herrn.       Amen.

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Angelika Zädow:

Liebe Ursula, liebe Gemeinde,

nach 38 Jahren in Thale und 40 Jahren im kirchlichen Dienst wirst Du, liebe Ursula, heute aus diesem Dienst verabschiedet. Dass Du daran lange geknabbert hast, ist kein Geheimnis. Und ja, das ist sicher schwer, nach einer solchen Zeit alles „sein“ zu lassen, was vier Jahrzehnte tagtäglich das Leben und die Zeit prägte, den Tagesrhythmus vorgab, Herz und Verstand beschäftigte: Lektoren und Organistinnen für die Gottesdienste und Amtshandlungen zu finden, die Gemeindebriefe zu gestalten und den Beiträgen „hinterher“ zu laufen, Besuche zu machen, die Anfragen des Kreiskirchenamtes zu bedienen, Gruppen und Kreise zu organisieren und noch viel mehr. Das alles hört nun auf nach 40 Jahren.

Diese Zahl spielt übrigens in der Bibel immer wieder eine Rolle: 40 Tage und Nächte dauerte die Sintflut, 40 Jahre dauerte der Zug des Volkes Israel durch die Wüste, Mose weilt 40 Tage auf dem Berg Sinai, um die Gebote zu empfangen, der Prophet Elia geht 40 Tage und Nächte zum Berg Horeb und Jesus fastet 40 Tage in der Wüste.

So unterschiedlich diese Erzählungen sind -  zwei Dinge verbinden sie. Erstens: In dieser Zeit begegnen sie Gott. Und ich wünsche Dir und Ihnen, liebe Gemeinde, dass Sie im Nachdenken über die gemeinsame Zeit im Pfarrbereich Thale auch sagen können: Da gab es Momente und Augenblicke der Gemeinschaft, in denen wir uns des Glaubens sicher waren oder wurden.

Zweitens: Nach dieser Zeit veränderte sich das Leben der Menschen. Dieser Zeitpunkt ist nun für Dich, und Ihre Gemeinden gekommen. Sie alle haben eine neue Pastorin, die nun mit Ihnen Leben und Zeit im Pfarrbereich Thale gestaltet und auf dem Weg des Glaubens weiter geht, anknüpft an das was war und ganz andere Wege wagt.

Und du, liebe Ursula, wagst ja bereits andere Wege, hilfst Gemeinden im Kirchenkreis über die Zeit von Vakanzen hinweg. Hältst Gottesdienste und Amtshandlungen, organisierst und berätst. Der Rhythmus Deiner Zeit ist nun anders. Aber die Zeit an sich bleibt. Du hast nun die Freiheit, sie nach Deinen Wünschen nach Deiner Lust woanders zu gestalten und ohne Amtspflichten. Von Herzen wünsche ich Dir, dass Du diese Freiheit nutzen und Deine Zeit füllen kannst.

So Gott will, noch 40 Jahre, Amen.

 

Liebe Ursula,

vor Gott und dieser Gemeinde endet hiermit Dein Dienst im Pfarrbereich Thale, der Dir übertragen war. Alle Zuständigkeiten und Pflichten liegen nicht mehr in Deinen Händen. Was Dich in Deiner Arbeit beschwert hat, was unfertig blieb oder Sorgen macht, legen wir in die Hände Gottes, der allein aus allem ein Ganzes zu machen vermag. Nichts soll Dich beschweren, nichts soll Dich betrüben. Gott wird Dich tragen und begleiten auf Deinem weiteren Lebensweg.

 

Gebet:

Gott, Du Anfang und Ende der Zeit: Wir danken Dir für den Dienst von Pastorin Ursula Meckel, für die Zeit, die sie hier gewirkt hat. Und bitten Dich: Segne unsere Schwester im Glauben. Stärke sie mit Deinem Wort. Schenke ihr Mut und Zuversicht. Das bitten wir Dich durch Jesus Christus, der mit Dir und dem Heiligen Geist unserem Leben einen neuen Anfang schenkt. Amen.

Segen

Gott segne dir den Blick zurück und den Schritt nach vorn. Er schenke dir eine Melodie, die dich wie ein Lachen durch den Tag begleitet und Menschen, die ihre Arme um dich legen wie ein wärmender Mantel. So segne dich…