Für Interessenten eine bis vier  PREDIGT(en)                        

(Es ist nicht auszuschließen, dass ich auch mal den einen oder anderen Gedanken "übernommen" habe, ohne dies in jedem Fall ausdrücklich zu benennen.)  

Am 31. März 2014 endete mein Dienst im Pfarrsprengel Thale - 

seit dem 1. April 2014 bin ich Beauftragte für Springerdienste im Kirchenkreis Halberstadt.

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Gottesdienste 6. und 7. nach Trinitatis 2019

28. Juli: 9.30 Uhr Langeln – 10.30 Uhr Wasserleben (D. Damm)

4. August: 9.30 Uhr Osterwieck – 11 Uhr Hoppenstedt (G. Biller)

Predigttext:                           Johannes 6; 1 – 15

Neue Möglichkeiten zu leben und Frieden kommen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, der für uns maßgeblich ist.        Amen.                 

Liebe Gemeinde,

allzu bekannte biblische Geschichten haben den Nachteil, dass wir gar nicht mehr genau hinhören, wenn sie verlesen werden – wir wissen ja schon, wie sie ausgehen – und haben auch schon viele Predigten darüber gehört. Die Speisung der 5000 gehört zu ihnen – längst ist bekannt, was sie aussagen will.

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein – so sagt die Bibel. Der Mensch sucht mehr, wovon er leben kann: Gefüllte Hände, gestillter Hunger – im Gleichgewicht sein mit der Welt und mit sich.

In der biblischen Geschichte, die wir als Evangelium gehört haben, fanden Menschen das was sie suchten bei Jesus. Sie sind ihm nachgelaufen – sogar bis in die Wüste. Sie hatten Erstaunliches von ihm gehört – wussten vielleicht selbst nicht, was sie eigentlich wollten. Sie waren nur auf der Suche nach Sinn im Leben und Erfüllung ihrer Wünsche.

Jesus seinerseits hatte den Wunsch, sie alle satt zu machen. Er wusste von dem Hunger in ihren Herzen, von unerfüllten Sehnsüchten. Also besprach er sich mit seinen Freunden, den Jüngern.

Doch die sahen nur: Das hier sind zu viele Menschen. Diese Menge können wir niemals zufrieden stellen. Wir können nur den vorhandenen Mangel verwalten. Es reicht nicht vorne und nicht hinten.

Eine uralte Geschichte.

Heute gibt es ca. 7,4 Milliarden Menschen auf der Erde (Jahreswechsel 2016/2017). Ein Viertel von ihnen legt sich jeden Abend hungrig schlafen. Was würden wir antworten, wenn Jesus uns fragte: Was tut ihr für diese Menschen?

Wahrscheinlich erginge es uns wie den Jüngern damals. Wir würden die Situation überschlagen und die Kosten – und dann ein niederschmetterndes Ergebnis feststellen:

Das Ausmaß der Not übersteigt bei weitem die vorhandenen Hilfsmöglichkeiten.

Damals ging es um 200 Silbergroschen. Für die Jünger Jesu ein astronomisch hoher Betrag. Soviel Geld hatten sie noch nie auf einmal gesehen – eine solche Summe können sie nicht aufbringen.

Sie können sich nur nach dem umschauen, was vorhanden ist. Ein Kind hat fünf Gerstenbrote und zwei kleine Fische bei sich. Was damit anzufangen ist, kann sich jeder ausrechnen.

Fünf geteilt durch 5.000 – das gibt ein Tausendstel. Das ist gar nichts. Am Ende hat nicht einmal das Kind etwas zu essen.

So rechnen wir und nach den Regeln der Mathematik ist auch nichts dagegen einzuwenden.

Aber: Stimmt die Wertung, die mit solchem Rechnen verbunden ist?

Im Bereich unserer eigenen Erfahrungen wissen wir: Teilen führt nicht notwendig zur Verminderung des Bestandes.

Geteiltes Glück ist doppeltes Glück – so heißt es.

Jeder lebende Organismus vermehrt sich durch tausendfältige Zellteilung. Es kommt vor, dass durch Teilen mehr entsteht als vorher da war.

 

Im Blick auf die Speisungsgeschichte wird häufig von der wunderbaren Brotvermehrung gesprochen. Davon ist in der Erzählung selbst mit keinem Wort die Rede.

Nicht, dass Jesus Brot vermehrt hätte, wird berichtet, sondern, dass er es austeilte.

Ein Hinweis darauf, wie mit dem Hunger in der Welt umzugehen wäre:

Es geht um das Teilen – denn noch wächst auf unserer Erde soviel an Nahrungsmitteln, dass jeder Mensch davon satt werden könnte – alle 7,4 Milliarden.

Die Menschheit könnte es sich leisten, jedem so viel zu essen zu geben, wie er braucht. Das Vorhandene müsste nur gerecht verteilt werden.

Es schreit zum Himmel, wie viel Nahrungsmittel vernichtet oder gelagert werden – übrigens auch in den Entwicklungsländern selbst! – während Menschen vor Hunger sterben.

 

Die Speisungsgeschichte aus dem Neuen Testament  stellt unsere Art zu rechnen und zu planen in Frage. Sie lädt ein, eine neue Rechenart zu lernen: Nicht ständig nachzurechnen, was möglich sein könnte und was nicht.

Eine andere Art zu rechnen: Das heißt, mit Gottes Gegenwart zu rechnen.

Als Epistel haben wir gehört, wie in der Apostelgeschichte  von der ersten Gemeinde der Christen gesprochen wird. Sie lebten und teilten miteinander. Leider ist es nicht so geblieben.

Heute sieht es so aus: Für eine gerechte Verteilung der vorhandenen Güter der Erde zu sorgen – das überfordert uns: Die einzelnen und auch die Gemeinden – und zwar hoffnungslos.

Das Problem des Hungers in der Welt lässt sich nicht mit einem Schlage lösen.

Auch Jesus hat zu seiner Zeit das Hungerproblem als solches nicht gelöst. Er hat ein Zeichen gegeben. Er hat gezeigt, wie es aussieht, wenn 5. 000 Menschen miteinander teilen. Er hat sich allerdings geweigert, den Menschen die Sorge um das tägliche Brot abzunehmen.

Als sie ihn zum König machen wollten, der ihnen ein unbeschwertes Leben garantieren sollte, ging er von ihnen weg.

Wer in Jesus nichts anderes sieht als einen wundersamen Brotvermehrer – einem Steigerer des Glücks und des Wohlstandes – dem entzieht er sich.

 

Immerhin: Sechsmal wird im Neuen Testament  von dem Speisungswunder erzählt. Mal sind es 4. 000, mal 5. 000, mal 6. 000, die satt werden.

Und vielleicht hat sich das Wunder – das tatsächliche Wunder – sich so ereignet, wie ich es mal gelesen habe:

 

Die Menschen sind losgelaufen als Jesus kam, um zu predigen.  Ganze Familien machten sich auf den Weg. Sie wussten nicht, wie lange sie unterwegs sein würden – wie lange der Prediger sie beeindrucken würde.

Vielleicht haben sie sich keine großen Gedanken gemacht über die Verpflegung unterwegs -  obwohl das schwer vorstellbar ist, denn damals gab es noch nicht an jeder zweiten Ecke einen Kiosk – und in der Wüste schon gar nicht.

Bestimmt aber gab es fürsorgliche Mütter und Väter, die an Reiseproviant dachten.

Nicht viel, aber immerhin – etwas für unterwegs hatte sicher jeder dabei.

So wie die Jünger – ein paar Brote und Fische.

Und typisch ist dann auch, dass ausgerechnet ein Kind anfängt zu teilen. Es kann noch nicht rechnen, so wie die Erwachsenen – es kann noch nicht weit genug denken –

es fängt einfach an, auszuteilen.

 

Und dann geschieht das Wunder – vielleicht ganz zaghaft und klein: Da packt noch einer aus was er mit hat für sich und die Seinen. Er  - oder sie – behält es nicht mehr ängstlich für sich, obwohl nicht klar ist, ob es dann noch reicht –

und dann ein Zweiter und ein Dritter.

Je mehr sich beteiligen, desto geringer wird die Angst, es könnte nicht reichen.

Und so kommt es, dass am Ende sogar noch etwas  und nicht einmal wenig übrig bleibt – ein wirkliches Wunder.

Das Wunder: Menschen hören auf, nur an sich selbst zu denken – sie verlieren ihre Angst vor dem Loslassen und Weggeben –

und dann reicht es für alle.

Leider wissen wir nicht, wie lange dieses neue Miteinander gehalten hat – wie lange es so blieb in den ersten christlichen Gemeinden. Irgendwann machten zu viele nicht mehr mit – so wurde das Evangelium – die Gute Nachricht – verwässert. Aber: Sie gilt noch immer!

 

Die Erzählung lässt sich jedoch auch in einem übertragenen Sinne verstehen:

Immer wieder geraten Menschen in Situationen in denen es so aussieht, als ginge nichts mehr – keine Lösung des Problems ist in Sicht – alles scheint zu Ende. Die Aufgaben zu groß, die Gaben zu klein.

Heute heißt es in unserem Lebensbereich in der Regel nicht: Es fehlt das Essen, sondern: Es fehlt an Geld und an Arbeit.

Dabei ist beides in ausreichendem Maße vorhanden – nur eben schlecht bzw. ungerecht verteilt.

Dazu gibt es Hinweise zur Veränderung der Situation:

  1. Schaut nach, was vorhanden ist. Seht euch um, was ihr habt an Geld und Gaben und Aufgaben. Es ist mehr als auf den ersten Blick erkennbar wird. Die Jünger sollen bei sich selbst anfangen. („Gebt ihr ihnen zu essen.“) Jesus macht sie handlungsfähig und traut ihnen etwas zu. „Was ist vorhanden?“ – diese Frage lenkt die Blickrichtung vom Großen und Unerreichbaren auf das Kleine, mit dem man etwas anfangen kann.
  2. Das Ganze muss überschaubar werden – teilt euch auf in kleinere Gruppen – 5. 000 sind zu viel – lagert euch um einen Tisch – schaut euch in die Augen – in kleineren Bereichen lässt sich vieles leichter klären. Fängt man damit an, erst zu berechnen, was für das Ganze gebraucht wird, wird es vermutlich nie zu einer Lösung kommen.
  3. Jesus schaut nach oben – auch das in einem übertragenen Sinne gemeint: Er wendet sich an Gott – er weiß, dass er nicht alles übersehen kann, wenn er mittendrin steckt in dem Dilemma – da hilft es zu wissen: Gott ist ja da – er nimmt uns nicht die Arbeit ab und nicht die Fantasie und das Nachdenken, aber er lässt uns auch nicht allein. Jesus dankt dem Geber des Lebens und der Lebensmittel – wer dankt, der denkt und dadurch verändert sich die Situation.

 

Die Wundergeschichten aus dem Neuen Testament  - die Erzählungen von Jesus und seinem Umgang mit Menschen – wie er sie verändert und ermutigt hat –

sie machen einfach Mut für die vielen kleinen nötigen Schritte die nötig sind, um unsere Erde lebenswert und liebenswert für ALLE zu machen.

Und da zählt es nicht zu sagen: Ich allein kann ja doch nichts ausrichten und ändern – niemand von uns kann die ganze Welt verändern, aber doch jeder ein kleines Stück – und das ist viel wert – es kann ein Anfang sein zu einer Bewegung, die viele erreicht.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, als alle Skepsis und Vorsicht, bewahre unsere Herzen und Gedanken, unseren Mut und unsere Phantasie in Jesus Christus, unserem Herrn.       Amen.

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Gottesdienste  3./ 4./ 5. nach Trinitatis

7. Juli 2019:  St. Stephanie Osterwieck & Göddeckenrode.

14. Juli 2019: Thale St. Andreas & Friedrichsbrunn

21. Juli 2019: Heudeber

Evangelium = Predigttext:                Lukas 5; 1 – 11

Neue Möglichkeiten zu leben und Frieden kommen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, der für uns maßgeblich ist. Amen.

Liebe Gemeinde,

ich weiß nicht, mit welchen Erwartungen sie in einen Gottesdienst kommen – ob ihnen die Atmosphäre und die Musik wichtig sind – ob sie Nachdenkenswertes hören möchten – oder Gemeinschaft mit anderen suchen  - was ihnen wichtig ist an einer Predigt

Mir ergeht es so, dass ich mir Ermutigung erhoffe – gegen alles, was mutlos, traurig oder wütend macht – dass ich mit mehr Lebensfreude gehen kann als ich gekommen bin.

Das Evangelium ist für mich so ein Beispiel – eine Erzählung, die Mut macht.

Dabei enthält sie ziemlich viel Unwahrscheinliches – Kinder könnten sagen: Das ist ja ein Märchen. Erwachsene würden sagen: Das ist Anglerlatein. Viel zu schön um wahr zu sein.

Nur der Anfang klingt realistisch: Petrus hat zusammen mit seinen Freunden die ganze Nacht hart gearbeitet – und am Ende blieb ihm nichts. Kein Fang, kein Erfolg, kein Geld – alles war vergeblich.

Solche Klagen höre ich oft und ich kenne sie auch von mir. Ich habe mir Mühe gegeben, aber es wurde nichts daraus. Ich habe Besuche gemacht und geredet, aber keiner hat richtig zugehört. Ich wollte etwas Gutes bewirken und wurde völlig missverstanden.

Ich kenne Kinder, die geben sich Mühe und lernen für eine Klassenarbeit - aber: Manchen fällt es eben schwer und außerdem haben die Lehrer die falschen Fragen gestellt – nichts.

Oder Eltern haben Kinder erzogen mit viel Aufwand und Einsatz und vielen Hoffnungen – nun sind sie groß und weit weg und lassen sich nicht mehr sehen. Alles vergeblich?

Erwachsene haben neue Berufschancen erprobt und sind gescheitert – berufliche und menschliche Enttäuschungen sind heute eher an der Tagesordnung als Erfolgsmeldungen.

Jemand hat Verantwortung übernommen in der Kirchengemeinde, aber niemand sagt „danke“ und es sieht nicht gut aus: Zu wenig Leute, zu wenig Geld ...

Damals saß  Petrus  am Morgen da und flickte die Netze wieder zusammen. Sie müssen gewaschen und gereinigt werden, damit es in der nächsten Nacht weitergehen kann. Und da kommt Jesus – ein ihm bis dahin unbekannter Mann. Der bittet darum, auf den See hinausgerudert zu werden.

Ich kann mir vorstellen, dass Petrus dazu gar keine rechte Lust hatte – schließlich war er müde und wäre sicher lieber schlafen gegangen, um sich von den Anstrengungen und der Enttäuschung zu erholen.

Doch er ist ein offenbar gutmütiger Mensch, also tut er dem Fremden den Gefallen – und hört zu, wie Jesus predigt, was er den Menschen am Ufer zu sagen hat.

Doch was dann kommt, geht ihm nun wirklich zu weit: Wirf deine Netze noch einmal aus, sagt Jesus – und das widerspricht allen Fischer – Erfahrungen: Nachts müssen die Netze im Wasser sein und nicht am Tage.

Und an dieser Stelle geschieht für mich das eigentliche Wunder dieser Geschichte: Petrus fasst Vertrauen – wider alle eigenen Erfahrungen sagt er: Auf dein Wort hin will ich es tun.

Auf dein Wort hin! Für mich ist das ein ganz starker Satz. Ich denke an Situationen, wo einer nicht mehr weiter weiß und weiter kann und dann kommt ein anderer und sagt ganz überzeugend: Versuche es doch noch einmal – es wird dir schon gelingen.

Mir fallen Kinder ein, die etwas Neues üben sollen – laufen – sich selber anziehen – später schreiben und rechnen und was weiß ich noch alles – und manchen fällt es eben schwer. Dann ist es gut, wenn einer da ist und Mut macht:

Versuchs noch mal, du kannst es! (Schwimmen und Valentin!) – Meist hilft das weiter – genauso wie das Gegenteil Lernen verhindert – wenn gesagt wird: Der/die schafft das sowieso nicht.

Das geht auch Erwachsenen so – dass sie enttäuscht sagen: Ich kann das nicht – das wird doch nichts - 

und auch dann hilft es, wenn der Richtige kommt und sagt: Ich traue dir das zu – versuch´s noch mal. Und notfalls noch mal und noch mal.

Einander Mut machen in schwierigen Situationen – das gehört zu dem, was wichtig ist in einer Gemeinde und für jedes Miteinander. Vor allem, wenn es nicht nur um Dinge und Sachen, sondern um Menschen geht.

Wenn es heißt: Aus dem da wird nichts – oder: Um die lohnt es sich nicht –

dann ist besonders wichtig, dass jemand eingreift und einlädt und verlockt: Versuche es doch noch mal.

Oder jemand hat eine Aufgabe übernommen und dann kommen skeptische Stimmen und Selbstzweifel: Kann ich das überhaupt? Werde ich es packen? Hilfreich ist, wenn dann andere da sind, die sagen: Na klar, ich traue dir das zu!

Von Jesus wissen wir, dass er so mit Menschen umgegangen ist – auch mit denen, die von anderen längst aufgegeben worden waren – mit den schwierigen und ungeliebten – auch mit denen, die nicht besonders klug oder tapfer oder schön und bedeutsam waren.

Petrus war kein besonderer Mensch – er ist auch nach dieser Begegnung am Ufer kein Heiliger geworden und kein Held. Er hat Jesus vertraut – und das hat sein Leben verändert – weil sein Vertrauen diesmal nicht enttäuscht wurde.

Lasse ich mich von Jesus aus meinem Alltagstrott herauslocken? Habe ich den Mut,  mich für Veränderungen einzusetzen – in den Gemeinden, in den Kommunen, in der Gesellschaft – für mehr Gerechtigkeit – für diejenigen, die unter die Räder geraten – die nicht mithalten können, weil sie keine Beziehungen haben oder keine Kraft mehr?

Vielen – zu vielen – ist der Mut dazu vergangen – weil es ja doch nichts nützt. So ist es oft. Immer wieder erweisen Wege sich als Sackgassen und das tut weh.

Der Dichter Hemingway erzählt in seinem berühmtesten Buch von einem Fischer, allein auf dem Meer, hinter sich ein langes Leben; immer mit der vergeblichen Hoffnung auf den großen Fang seines Lebens. Doch als ihm der Riesenfisch ins Netz geht, wird der Erfolg von Raubfischen zunichte gemacht. Eine große Geschichte, die mit Hoffnung beginnt und mit Enttäuschung endet. Eine Geschichte, die mir bekannt vorkommt  - und zu der unser Predigttext das  Gegenstück ist.

Dazu fällt mir ein: Viele wollten schon vieles erreichen; mit Mut und Phantasie und Einsatz. Und am Ende blieben zerstörte Illusionen. Es macht mutlos, wenn die Erfahrungen über die Hoffnungen siegen.

 

Der Arzt Lukas hat die Geschichte von Jesus und Petrus und dem guten Fang sehr einladend erzählt. Er lädt ein zum Vertrauen – er ist selber ein Menschenfischer – kein Bauernfänger – er nimmt die Menschen ernst und macht ihnen nichts vor.

So beginnt es. Die ersten Nachfolger werden aus ihrem Alltag herausgerufen. Jesus begegnet da, wo nichts mehr erwartet wird und nichts mehr zu holen scheint. Er lädt ein zum Vertrauen  in seine Worte und Werte - damit das Leben neu werden kann.

Es ist schwer, immer neue Anfänge zu wagen. Zu oft enden derartige Versuche wie der bei Hemingways altem Mann auf dem Meer. Das kennen die meisten Menschen - die Zerstörung  zu vieler Hoffnungen haben verletzt - die Wunden sind noch frisch.

Petrus hat seinen Zweifel ausgesprochen - und dann hat er Vertrauen gewagt. Jesus braucht heute genauso wie damals Nachfolgerinnen und Nachfolger.  Er wollte Gerechtigkeit und Frieden für alle. Auch für diejenigen, die mitten unter uns unter die Räder geraten. Sie brauchen den Beistand von Menschen, die sich von schlechten Erfahrungen nicht ihre Hoffnungen nehmen lassen. Weil es doch immer wieder Wunder gibt.

Ich möchte aus dieser biblischen Erzählung lernen: Wenn ich mal wieder denke, es bringt nichts mehr und es lohnt nicht mehr und es nützt auch gar nichts  und ich kann das nicht und werde es auch nicht lernen

– dann möchte ich mich an Petrus erinnern – oder an ihn erinnert werden - der in aussichtslos scheinender Situation gesagt hat: Auf dein Wort hin, Herr, will ich es versuchen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, als alle Skepsis und Vorsicht, bewahre unsere Herzen und Gedanken, unseren Mut und unsere Phantasie in Jesus Christus, unserem Herrn.       Amen.

 

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GotteSdienst

16 Juni 2019 um 14 Uhr in Dardesheim

 

ANSPRACHE

Liebe Dardesheimer, liebe Festgemeinde,

da haben Diakon Paul Beutel und die Dardesheimer Theatergruppe Ihnen ja gerade einiges zugemutet – fünf Bibeltexte in fünf Minuten – das kann sich ja kein Mensch merken. Außerdem ist es jeder einzelne dieser Texte ohnehin schwer zu verstehen – und zuletzt war auch noch von Wiedergeburt die Rede. Von neuem geboren werden um in das Reich Gottes zu kommen. Wie soll das zugehen? Wie die Neugeborenen sein.

Ich kann mir vorstellen, dass manch einer oder eine sich das wünscht: Noch einmal geboren werden - ganz von vorn anfangen - ein neuer Mensch werden - aus der alten Haut herauskönnen, alles oder zumindest vieles ganz anders, nämlich besser machen.

Die alte, einengende Haut abstreifen können und neue Hoffnung, frischen Mut und gute Aussichten zu haben - das wäre schon etwas.

Heraus aus der alten Haut – heraus aus Krankheit und Alter und Resignation - weg von den Verärgerungen, Enttäuschungen, Verletzungen und kränkender Hilflosigkeit.

Leider ist es nicht möglich. Es gibt keinen Weg aus der alten Haut heraus - obwohl manches zum aus – der – Haut - fahren ist - in der Gesellschaft, in der Kirche und im Alltag.

Aus der Haut fahren - es geht nicht - und: Was würde es denn auch bringen?

Wir sind nicht wie die Neugeborenen, sondern viele sind älter und alt Gewordene.

Die ersten Christen lebten als unangepasste Minderheit. Das brachte ihnen Ablehnung ein und Diskriminierung; sogar offene Aggression, Feindschaft und Verfolgung. Dass sie versuchten, die christliche Hoffnung nicht nur zu predigen, sondern sie auch zu leben, brachte die Gemeindeglieder in eine Außenseiterposition.

Der christliche Glaube mutet den Menschen zu, sich nicht aus der Welt zurückzuziehen, sondern bewusst in sie hineinzugehen. Wer auf Jesus hofft, kann sich nicht mehr abfinden mit der gegebenen Wirklichkeit. Wer auf Jesus vertraut, muss leiden an der Situation, ihr widersprechen und sich wehren.

Ein Theologe hat es einmal so gesagt: Hoffnung ist die Leidenschaft für das Mögliche!

Christliche Hoffnung zielt auf die neue Welt Gottes; auf unversehrtes und unbeschädigtes Leben für alle Menschen auf der Erde und für die gesamte Schöpfung. Das macht diese Hoffnung radikal und anstößig.

Viele Christen mussten den Preis für ihre gelebte Hoffnung bezahlen. Weil sie sich nicht in die bestehenden Verhältnisse einpassten, handelten sie sich immer wieder Ärger ein.

Anstoß und Ärger zu erregen, erfordert Mut - es ist notwendig, um Erstarrtes in Bewegung zu bringen.

Mir macht zuweilen Angst, dass heute schon wieder so viele sich zurückziehen und sagen: Da kann man ja doch nichts machen - und das, obwohl Ungerechtigkeiten nicht zu übersehen sind.

Klar ist:

Es ist gefährlich, wenn die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden. Die Rechnungen des Freien Marktes werden bezahlt von den Leistungsgeminderten bei uns, der Zweidrittelwelt und den Lebensgrundlagen der Schöpfung.

Wer sich diesem Kreislauf entgegenstellt, wird zum Fremden in der Welt - erregt Anstoß, wird belächelt oder bekämpft.

Das gilt nicht nur für die Gesellschaft, sondern auch für die Kirchen: Wer sich einmischt riskiert, sich unbeliebt zu machen.

Die ersten Christen stärkten sich gegenseitig - und weil sie so sicher waren, dass am Ende die Hoffnung siegen würde, stimmten sie bereits in der Gegenwart ihre Lobgesänge an.

Lassen Sie uns das jetzt ebenfalls tun mit dem alten Choral:

Lied: „Großer Gott wir loben dich“

Grusswort KK

Auf die Zugänge kommt es an – von jeder Position aus sieht alles anders aus –

Ich möchte Ihnen allen in Dardesheim jetzt von der Position des Kirchenkreises aus ein herzliches Grußwort zu Ihrem Stadtjubiläum sagen.

Vor 14 Tagen haben wir in Quedlinburg den Sachsen-Anhalt-Tag gefeiert – vielleicht war mancher von Ihnen auch bei dem fröhlichen Fest dabei.

„Welterbe –Weltoffen –Willkommen“ war das Motto und wir als christliche Kirchen haben das ergänzt durch „Werte wahren – wahre Werte“.

Kirche wird ja oft gesehen als etwas Historisches mit vielen wertvollen Kunstgegenständen – wir wollten lebendige und aktuelle Kirche zeigen, die zum Mitmachen einlädt, die sich verantwortlich fühlt, das alltägliche Miteinander zu gestalten.

Es lässt sich leicht sagen: Kirche ist altmodisch und langweilig und nichts für mich und sie stirbt ohnehin bald aus.

Ich kann auch sagen: Ich wünsche mir eine lebendige Gemeinde und deshalb bringe ich meine Ideen und Vorstellungen und Phantasien ein –

probiere zusammen mit anderen etwas aus – suche nach neuen Wegen – und wenn einer in die Irre führt, suchen wir gemeinsam den nächsten.

Ich denke, so ähnlich ist es auch bei den Vorbereitungen für Ihr Stadtjubiläum zugegangen – so ein Fest kann nur gelingen, wenn viele sich einbringen und engagieren. Und dabei gab es sicher auch Ideen, die sich nicht verwirklichen ließen, aber Sie haben vieles auf die Beine gestellt um fröhlich miteinander feiern zu können.

Und das, obwohl es natürlich auch hier Probleme gibt - wichtig ist, sich von ihnen nicht entmutigen zu lassen.

Dabei geht es nicht um einen vordergründigen Zweckoptimismus, der dem Benachteiligten gönnerhaft auf die Schulter klopft und verspricht: Es wird schon wieder werden.

Hoffnung verlangt mehr als gute Worte. Sie verlangt einen Einsatz, der immer wieder enttäuscht werden wird. Engagement wird immer angefochten sein.

Echte Hoffnung gibt nicht - sie vertraut auf die Zukunft.

Von Neuem geboren werden - es gibt sie - die Momente, wo sich jemand wie neugeboren fühlt - wo Hoffnung spürbar wird, Gottes Gegenwart erlebbar ist.

Wenn Menschen trotz aller Enttäuschungen nicht aufgeben, sondern sich einsetzen für das Wohl aller und die Bewahrung der Schöpfung - es muss nicht alles bleiben wie es ist, auch wenn es manchmal nur kleine Schritte sind.

Schön wäre, wir würden das immer mal wieder erleben und weitersagen – auch hier in Dardesheim. Der Kirchenkreis Halberstadt wünscht Ihnen dazu viele mutmachende Erfahrungen und gutes Gelingen und jetzt erstmal ein unbeschwert schönes Fest.

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14. Mai 2017 - 40 Jahre Ordination - Thale St. Andreas

   

                                      

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Gottesdienst 31. Oktober 2014

Wendegedenken – Reformation – Verabschiedung Pastorin Ursula Meckel

Liebe Versammelte,

heute vor 25 Jahren um diese Zeit war ich sehr viel aufgeregter als heute – in zweieinhalb Stunden würde hier in dieser Kirche eine Veranstaltung beginnen, von der niemand sagen konnte, wie sie ausgehen würde – wie viele kommen würden – ob es friedlich bliebe. Einige entschlossene Bürger/innen hatten eingeladen zu einem „Gebet für Land und Leute“ - … ein heute völlig harmloser Text, damals  staatsgefährdend gefährlich – die Handzettel wurden schnell entfernt, doch es hatte sich herumgesprochen.

Etliche sind jetzt hier, die damals auch dabei waren – um viele Erfahrungen reicher.

An diesen Reformationstag vor 25 Jahren erinnern wir.

Reformationstag – ein evangelischer Feiertag, den wir hier in Thale seit vielen Jahren ökumenisch begehen – so auch heute – ein zweiter Grund zur Dankbarkeit, weil das keineswegs überall selbstverständlich möglich ist.

Der dritte Anlass dieses Gottesdienstes: Nach 40 Jahren im kirchlichen Dienst werde ich verabschiedet - von den Kirchengemeinden und vom Kirchenkreis – entpflichtet vom Amt? – von der Pflicht zur Kür? – beziehungsweise verabschiede ich mich? - oder auch nicht?

Schaun wir mal.

Auf jeden Fall feiern wir jetzt einen Gottesdienst mit ganz viel Musik und dafür bin ich dankbar; dankbar allen, die ihn mit ausgestalten – und dazu gehören auch Sie alle hier, die zum Mitsingen eingeladen sind.

Dankbar bin ich vor allem dafür, dass wir uns versammelt haben im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen. Hilfe erwarten wir von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

Chor + Gemeinde: Wo Menschen sich vergessen …

Gott, wir treten jetzt vor Dich mit unseren Erinnerungen, unseren Wünschen, unseren Befürchtungen und unseren Hoffnungen. Wir schauen zurück und nehmen Abschied – wir blicken nach vorn und haben Träume.

Ich möchte bewahren, was gut war in den vergangenen Jahrzehnten. Denn vieles war wunderschön, erfrischend, aufregend, überraschend neu – dafür danke ich, das will ich nicht missen.

Loslassen und bewahren - beides. Gott, gib mir den Mut, die Hände zu öffnen, um Altbekanntes loszulassen. Gib mir den Mut, die Hände zu öffnen und die Arme auszubreiten, um Neues, Unbekanntes zu begrüßen.

Gott, ich danke Dir, dass ich getragen bin von der Hoffnung, gehalten zu werden -  beflügelt von dem Glauben, dass Du Dich kümmerst - auch um mich. Begeistert von dem Glauben, dass Du da bist.

Du hältst die Zeit liebevoll in Deinen Händen. Du bist ewig. Gestern und heute und morgen. Kein Anfang, kein Ende. Die Zeiten kommen und gehen - Du bleibst und rufst zum Leben im Vertrauen auf Dich und Deine beständige Gegenwart. Du bist auch jetzt mitten unter uns. Das ist Grund, sich zu freuen – deshalb:

Jauchzet dem Herrn alle Welt!

Amen.

Chor + Bläser:     Psalm 100

Lesung = Prediger 3; 1 - 13                                   

Meine Hoffnung …

                Credo                                                        

Bläser:                 La nuit

PREDIGT-Einstieg

U.:     Sag mal bitte,  Angelika, findest Du nicht auch, dass das heute hier eine etwas seltsame Veranstaltung ist?

A.:     Wieso seltsam? Es ist ein schöner Gottesdienst in einer vollen Kirche mit aufmerksamen Menschen, viel Musik und guter Stimmung. Und weil aller guten Dinge drei sind, gibt es drei inhaltliche Schwerpunkte: Wende-Gedenken, Reformation und Deine Verabschiedung.

U.:     Wende-Gedenken und Reformation sind klar – aber meine Verabschiedung? Mein Dienst hier im Pfarrbereich endete schon vor sieben Monaten. Ich wohne weiter in der Gemeinde und gehöre zum Bläserchor und in der Stadt bleibe ich ebenfalls, sogar im Stadtrat. Und: Im Kirchenkreis und selbst darüber hinaus geht meine Arbeit weiter. Also was für ein Abschied?

A.: Kann es sein, dass Du Dich um einen Abschied drücken willst?

U.: mhm … Also, mein ältester Patensohn hat mir geschrieben: „Ruhestand KANNST Du gar nicht.“

A.: Weiche nicht aus! Kann es sein, dass Du Dich drücken willst vor dem Abschied? Weil das weh tut?

U.: mhm …

A.: Bisher hast Du das ja ganz geschickt geschafft – denn Dein Dienst im Pfarrbereich Thale endete ja bereits am 31. März – wie Du weißt…

U.: Und Du weißt: Jeder Abschied ist ein kleines Sterben.

A.: Gehts auch etwas weniger theatralisch? - Du weißt: Alles hat seine Zeit … steht doch so schön auf der Einladung: …

U.: Das ist wohl der Unterschied zwischen Theorie und Praxis - oder wie wir hier im Osten gesagt haben: Zwischen Marx und Murks. Ich weiß, dass ich mich dem stellen muss. Nur: Zum April hast Du hier eine neue Pastorin eingesegnet. Willst Du mich jetzt aussegnen? Das klingt so nach Beerdigung.

A.: Natürlich nicht! Aber z. B. entpflichten – Du MUSST jetzt nichts mehr tun, aber Du darfst noch – und Pastorin bleibst Du ohnehin (so lange Du es möchtest).

U.: mhm …

A.: Nun schwirre schon ab auf die Kanzel – oder hast Du nichts mehr zu sagen?

U.:   Na gut. J  Aber ich bleibe lieber hier unten – ich möchte ja nicht „von oben herab“ reden …

Neue Möglichkeiten zu leben und Frieden kommen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, der für uns maßgeblich ist.                 Amen.

Liebe Anwesende,

gestern wurde ich am Telefon gefragt: „Freust Du Dich eigentlich auf den Gottesdienst morgen?“ und ich konnte ehrlichen Herzens sagen: „Inzwischen Ja! Ja, ich freue mich.“

Im April, als das eigentlich aktuell war, hätte ich das noch nicht gekonnt, denn es ist ja etwas dran, dass ich mich eigentlich irgendwie um diesen Abschied drücken wollte, weil eben jeder Abschied ein kleines Sterben ist und weh tut.

Heute ist das anders, weil nicht nur ein Lebensabschnitt zu Ende ging, sondern weil Neues, und für mich sehr Erfreuliches angefangen hat – und weil Wichtiges geblieben ist.

Loslassen und bewahren zugleich, Ende und Anfang.

Allerdings: Irgendwie lastet jetzt auf mir der Druck, ich müsse nun etwas ganz Bedeutsames und Kluges sagen – etwas zum Merken und Aufmerken – zum Abschied, der ja gar kein wirklicher Abschied ist. Denn es sind eben keine „letzten Worte“.      

Klar ist, ich bin nicht mehr die Pastorin von Thale, Warnstedt, Bad Suderode und Friedrichsbrunn – den Staffelstab im Pfarrbereich habe ich am Ostermontag weiter gegeben - aber ich bin und bleibe Pastorin und das gerne und bin dankbar für neue Herausforderungen und Aufgaben im Kirchenkreis und darüber hinaus – solange ich das kann und darf.

Normalerweise sitze ich unter den Bläser/innen – und das ist mir wichtig: Mitzublasen und vor allem Dazuzugehören. Ich möchte Teil einer Gemeinschaft sein, keine Einzelkämpferin. Aber heute gönne ich mir mal das Zuhören - dürfen.

Wendegedenken – Erinnerung an den Reformations-Abend vor 25 Jahren – damals wurden „Zeugnisse der Betroffenheit“ laut.

Ursprünglich wollte ich jetzt sagen, was mich heute betroffen macht. Dann ist mir noch rechtzeitig eingefallen, dass in unserem Land viel gejammert wird – und das meist auf sehr hohem Niveau. Das möchte ich nicht und habe auch keinen Grund dazu, vielmehr möchte ich am Ende einer langen Zeit im kirchlichen Dienst sagen, was mich dankbar macht.

Ich werde drei Kerzen der Dankbarkeit entzünden.

1. Die erste für das ehrenamtliche Engagement vieler Menschen, ohne das sehr vieles nicht möglich wäre - in den Kirchengemeinden – in den Kommunen – in Verbänden und Vereinen … über Parteigrenzen hinweg. Menschen, die nicht sagen „Was kriege ich dafür?“ und vor allem nicht: „Da kann man doch nichts machen“, sondern die sagen: „Da kann ICH was machen“ und das auch tun – zusammen mit anderen. Die nicht nur meckern und alles von anderen erwarten.

Dass viele den Mut haben, sich einzusetzen und kostenlos Zeit und Kraft opfern, auch wenn andere darüber den Kopf schütteln oder sich lustig machen, das finde ich einfach toll!

Mein Freund Erich Schweidler – er war Pfarrer an der St.Petri-Gemeinde und erster Nachwendebürgermeister in Thale – hat mir 1976 ins Gästebuch geschrieben: „Wer den Mut hat, sich unbeliebt zu machen, wer unbequem ist,  bringt die Entwicklung weiter. Mitmacher sind zwar bequem, aber langweilig.“

Sich anstößig zu verhalten bringt Anstöße – bringt in Bewegung – bringt weiter – macht die Welt etwas heller und wärmer, so wie diese Kerze.

2. Die zweite Kerze der Dankbarkeit entzünde ich für meine guten Erfahrungen mit der Ökumene – nicht nur aber auch hier in Thale.  Wir haben in den vergangenen Jahren vieles ganz unkompliziert gemeinsam gemacht, manchmal im Kleinen, dann auch im Größeren. Ich erinnere an den Ökumenischen Kreiskirchentag 2008, an die vielen Mitwirkenden beim Harzfest und 2009 beim Sachsen-Anhalt-Tag hier in Thale, bei den vielen Harzer Sommertagen, die wir ökumenisch gestaltet haben.

Viel Gemeinschaft und Gemeinsamkeiten konnte ich erleben bei den großen Ökumenischen Kirchentagen in Berlin und München, bei Katholikentagen und den großen evangelischen Kirchentagen und bei den Reformationstagen, die wir hier in Thale seit langem zusammen begehen – mit gemeinsamen fröhlichen Mahlzeiten.

Noch trennt uns evangelische und katholische Christen manches voneinander, doch es gibt viele Schritte aufeinander zu.  

Im September habe ich in Halberstadt an einer Ökumenischen Vesper teilgenommen aus Anlass des kirchlichen Festes für den Frieden und die Einheit der Kirche. Ein katholischer Geistlicher führte dazu aus:

Wichtig bleibt, dass der Glaube und das Mahl anderer Konfessionen nicht richtig oder falsch, sondern ehrlich, aber eben anders sind. Diese Erkenntnis ist eine tragfähige Grundlage für Gespräche, die keinen Einheitsbrei als Ergebnis wollen. Selbst wenn es immer noch nicht nach einer zeitnahen Lösung aussieht: "Der Mauerfall vor 25 Jahren kam auch unerwartet!"

Beifall bekam er für seinen Satz: „Freiheit muss ich mir NEHMEN.“  Die bekommen wir nicht auf einem Silbertablett serviert. Wenn das nicht hoffen lässt!

Dafür die zweite Kerze, bei der ich auch an den Satz denke, der mir schon in der DDR-Zeit wichtig geworden ist: „Es ist besser eine Kerze anzuzünden als über die Dunkelheit zu jammern.“

3. Die dritte Kerze ist deutlich größer als die beiden anderen und das ist natürlich kein Zufall. Ich bin in einem nichtkirchlichen Elternhaus aufgewachsen und habe als Jugendliche ersten Kontakt zu Kirche und Glauben gefunden. Dankbar bin ich für die Kraft des Glaubens – für die Einladung zur Freiheit und zum aufrechten Gang.

Ein Spruch von Theodor Storm, den ich von meinem Konfirmator gelernt habe, hat mich geprägt: „Der eine fragt: Was kommt danach? Der andre fragt nur: Ist es recht? Und also unterscheidet sich der Freie von dem Knecht.“

Ich wollte FREI sein und habe im Glauben Freiheit gefunden und die Erkenntnis gewonnen: Gottesfurcht schützt gegen Menschenfurcht. Ich denke an Paulus in der Gefängniszelle: Er war gefesselt und predigte dennoch FREI das Evangelium. – Ich lebte in einem Staat, der seine Bürger/innen einsperren musste, damit sie blieben …

Diesen Zustand konnten wir beenden – friedlich – ohne Gewalt – mit vielen kleinen Kerzen, auch hier bei uns in Thale.

Dafür diese dritte große Kerze. Danke für alles!

Heute meine Verabschiedung aus dem offiziellen Dienst. Aber ich bin und ich bleibe Pastorin. Als Christin lebe ich in dem Wissen, ein Geschöpf zu sein – verantwortlich für mein Leben, für alles Tun und für alles Lassen – und angewiesen auf Gemeinschaft.  

Gott gibt dem Menschen viele Möglichkeiten und setzt ihm hilfreiche Grenzen. Wer sich vor Gott verantwortlich weiß, geht verantwortlich mit der Schöpfung, mit den Mitmenschen, mit sich selbst um.  

Jesus ist uns ein Vorbild: Er war unbequem und anstößig – hatte keine Angst vor den Mächtigen und Geduld mit den Unvollkommenen. Er blieb ehrlich und riskierte es, sich unbeliebt zu machen. Mit seinen Maßstäben lässt es sich leben: „Gott ist der Mensch, der uns menschlicher macht.“

Zum Schluss ein Satz vom „Ehrenbürger der Herzen“ unserer Stadt, dem katholischen Pfarrer Wolfgang Janotta, den ich beim Abschied von den Gemeindekirchenräten im März zitiert habe:

„Ich habe getan, was ich konnte. Den Rest muss der liebe Gott erledigen.“

Wird er – er hat ja Sie und Euch! J

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, als alle Skepsis und Vorsicht, bewahre unsere Herzen und Gedanken, unseren Mut und unsere Phantasie in Jesus Christus, unserem Herrn.       Amen.

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Angelika Zädow:

Liebe Ursula, liebe Gemeinde,

nach 38 Jahren in Thale und 40 Jahren im kirchlichen Dienst wirst Du, liebe Ursula, heute aus diesem Dienst verabschiedet. Dass Du daran lange geknabbert hast, ist kein Geheimnis. Und ja, das ist sicher schwer, nach einer solchen Zeit alles „sein“ zu lassen, was vier Jahrzehnte tagtäglich das Leben und die Zeit prägte, den Tagesrhythmus vorgab, Herz und Verstand beschäftigte: Lektoren und Organistinnen für die Gottesdienste und Amtshandlungen zu finden, die Gemeindebriefe zu gestalten und den Beiträgen „hinterher“ zu laufen, Besuche zu machen, die Anfragen des Kreiskirchenamtes zu bedienen, Gruppen und Kreise zu organisieren und noch viel mehr. Das alles hört nun auf nach 40 Jahren.

Diese Zahl spielt übrigens in der Bibel immer wieder eine Rolle: 40 Tage und Nächte dauerte die Sintflut, 40 Jahre dauerte der Zug des Volkes Israel durch die Wüste, Mose weilt 40 Tage auf dem Berg Sinai, um die Gebote zu empfangen, der Prophet Elia geht 40 Tage und Nächte zum Berg Horeb und Jesus fastet 40 Tage in der Wüste.

So unterschiedlich diese Erzählungen sind -  zwei Dinge verbinden sie. Erstens: In dieser Zeit begegnen sie Gott. Und ich wünsche Dir und Ihnen, liebe Gemeinde, dass Sie im Nachdenken über die gemeinsame Zeit im Pfarrbereich Thale auch sagen können: Da gab es Momente und Augenblicke der Gemeinschaft, in denen wir uns des Glaubens sicher waren oder wurden.

Zweitens: Nach dieser Zeit veränderte sich das Leben der Menschen. Dieser Zeitpunkt ist nun für Dich, und Ihre Gemeinden gekommen. Sie alle haben eine neue Pastorin, die nun mit Ihnen Leben und Zeit im Pfarrbereich Thale gestaltet und auf dem Weg des Glaubens weiter geht, anknüpft an das was war und ganz andere Wege wagt.

Und du, liebe Ursula, wagst ja bereits andere Wege, hilfst Gemeinden im Kirchenkreis über die Zeit von Vakanzen hinweg. Hältst Gottesdienste und Amtshandlungen, organisierst und berätst. Der Rhythmus Deiner Zeit ist nun anders. Aber die Zeit an sich bleibt. Du hast nun die Freiheit, sie nach Deinen Wünschen nach Deiner Lust woanders zu gestalten und ohne Amtspflichten. Von Herzen wünsche ich Dir, dass Du diese Freiheit nutzen und Deine Zeit füllen kannst.

So Gott will, noch 40 Jahre, Amen.

 

Liebe Ursula,

vor Gott und dieser Gemeinde endet hiermit Dein Dienst im Pfarrbereich Thale, der Dir übertragen war. Alle Zuständigkeiten und Pflichten liegen nicht mehr in Deinen Händen. Was Dich in Deiner Arbeit beschwert hat, was unfertig blieb oder Sorgen macht, legen wir in die Hände Gottes, der allein aus allem ein Ganzes zu machen vermag. Nichts soll Dich beschweren, nichts soll Dich betrüben. Gott wird Dich tragen und begleiten auf Deinem weiteren Lebensweg.

 

Gebet:

Gott, Du Anfang und Ende der Zeit: Wir danken Dir für den Dienst von Pastorin Ursula Meckel, für die Zeit, die sie hier gewirkt hat. Und bitten Dich: Segne unsere Schwester im Glauben. Stärke sie mit Deinem Wort. Schenke ihr Mut und Zuversicht. Das bitten wir Dich durch Jesus Christus, der mit Dir und dem Heiligen Geist unserem Leben einen neuen Anfang schenkt. Amen.

Segen

Gott segne dir den Blick zurück und den Schritt nach vorn. Er schenke dir eine Melodie, die dich wie ein Lachen durch den Tag begleitet und Menschen, die ihre Arme um dich legen wie ein wärmender Mantel. So segne dich…