Für Interessenten eine bis vier  PREDIGT(en)                        

(Es ist nicht auszuschließen, dass ich auch mal den einen oder anderen Gedanken "übernommen" habe, ohne dies in jedem Fall ausdrücklich zu benennen.)  

Am 31. März 2014 endete mein Dienst im Pfarrsprengel Thale - 

seit dem 1. April 2014 bin ich Beauftragte für Springerdienste im Kirchenkreis Halberstadt.

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Bin leider seit 8. März krank - im April habe ich Urlaub - voraussichtlich ab 10. Mai 2018 wieder einsatzbereit :-).

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Gottesdienst Okuli

4. März 2018 – Groß Quenstedt – 9.30 Uhr

Epistel = Predigttext:                                          1. Könige 19; 1 - 8

Neue Möglichkeiten zu leben und Frieden kommen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, der für uns maßgeblich ist.        Amen.

 

Liebe Gemeinde,

dieser Text aus dem Alten Testament gehört zu den biblischen Geschichten, die ich ganz besonders gern habe und die mir wichtig geworden sind.

Vor Jahren habe ich eine Auslegung über diese Passage für eine Kirchenzeitung geschrieben und wollte als Überschrift wählen: Elia hat die Nase voll. (D.h., eigentlich noch anders...)

Dann blieb ich doch braver und schrieb: „Auch Helden haben schwache Stunden“ –

Es ist wohl so, dass auch starke Männer – und Frauen – schwache Seiten haben und müde werden.

Das macht mir die Bibel so sympathisch, dass sie auch das Scheitern bedeutender Leute deutlich zeigt und nicht verschweigt.

Denn – es ist ein ziemlich trostloses Bild: Elia, der Mann Gottes, allein auf weiter Flur – in der Wüste unter einem Wacholderstrauch – auf der Flucht – in nackter Existenzangst.

Dabei war er einen Tag zuvor noch ein großer Sieger; doch davon ist nichts mehr übrig geblieben. Nichts mehr zu spüren von seinem durchschlagenden Erfolg in seinem Eifer für Gott, als er die verhassten Priester der falschen Götzen überwunden und vernichtet hatte. Der da ermattet in der Wüste liegt ist zwar derselbe und doch ein anderer.

Ein Flüchtling – erschöpft – am Ende seiner Kräfte und seines Lateins – kaum mehr als ein Häufchen Unglück aus dem es spricht:

Herr, es ist genug. Ich will nicht mehr. Ich kann nicht mehr. Ich bin am Ende.

Derartige Situationen kenne ich – und Sie wahrscheinlich auch:

Wenn es so aussieht, als sei alles vorbei – alle Mühe vergeblich gewesen und es hat einfach nichts gebracht. Niemand hat zugehört oder zugesehen – nichts ist verstanden worden – alle sind gegen mich – keiner versteht mich – keiner steht mir bei: Ich kann nicht mehr und ich will auch nicht mehr. So viel Leid und Elend um mich herum. So viel Hass in der Welt, so viel Sinnlosigkeit und Geplapper, so viel Ungerechtigkeit.

Schluss, aus – ich mache nicht mehr mit.

Vermutlich kennen die meisten von uns solche Augenblicke.

 

Dass es auch Elia jemals so ergehen könnte, war allerdings nicht vorhersehbar nach den aufregenden und ermutigenden Stationen seines Lebens.

Er hatte viel mit Gott erlebt und von ihm Gutes erfahren. Im Oratorium Elias von Felix Mendelssohn Bartholdy ist das großartig beschrieben und zusammengefasst:

Da war in großer Trockenheit ein Bach für ihn, Raben bildeten eine Mini-Luftbrücke und versorgten ihn, bei einer Witwe fand er Unterkunft und Verpflegung und Sicherheit – und schließlich das große Wunder auf dem Karmel:

Vor aller Augen erwies sich Gott als der Herr – einfach überwältigend und alles Volk hatte seinen Sieg miterlebt.

Da musste sich doch einfach alles ändern – es kann nicht weitergehen wie vorher. Das Volk, die große Masse, musste endlich aufhören mit den vielen falschen Kompromissen – vor allem dem einen:

Dass sie zeitgleich Gott und allerhand Götzen anbeteten, weil es sich im Einklang mit der Obrigkeit so gut leben ließ.

Es wurde eine schlimme Enttäuschung für Elia, als alles beim Alten blieb – die alten Machthaber weiter ihre Macht behielten. Und Isebel – die Königin – drohte ihm Rache an – und das ganz raffiniert:

Sie lässt ihm eine Frist von 24 Stunden. Elia hat einen ganzen Tag Zeit, sich zu entscheiden. Soll er sich weiter auf Gott verlassen – vielleicht zum Märtyrer werden  – oder fliehen?

Es ist ihm nicht übel zu nehmen, dass er sich dafür entscheidet, zum Deserteur zu werden.

Und schon am Ende seines ersten Fluchttages ist er am Ende. Wir sehen ihn liegen – nicht nur lebensmüde, sondern auch gottesmüde.

Da passiert das Erstaunliche und Schöne und mich auch Ergreifende:

Gott folgt seinem desertierten Diener in die Wüste und dient ihm. Er hält keine donnernden Moralpredigten, verweist nicht auf Vergangenes:

Speise und Schlaf, ganz natürliche, alltägliche Dinge gibt er ihm und lässt ihn ansonsten in Ruhe.

Verzweiflung im Leben wird nicht beseitigt durch theologische Vorträge oder Predigten, sondern durch die kleinen alltäglichen Dinge des Lebens. Gottes Geschichte mit seinen Leuten ist nicht vorrangig eine Geschichte der großen Taten, sondern eine von vielen kleinen Freundlichkeiten.

Gott macht aus der Flucht eine Zuflucht für den, der am Ende ist – und der Fortgang der Geschichte zeigt: Gottes Sache geht weiter – trotz des müden Mannes. Elia macht sich schließlich wieder auf und geht gestärkt und auftragsgemäß zum Berg Horeb – das sind übrigens ca. 400 km.

Gott hat seinen Nullpunkt zum Wendepunkt gemacht. Er hat Elia seine zeitweilige Mutlosigkeit nicht verübelt – Niederlagen sind keine Betriebsunfälle – wer das glaubt, landet unweigerlich irgendwann müde unter einem Wacholderstrauch in einer Wüste.

Dieser kleine Teil der Elia-Geschichte ist einer meiner Lieblingsbibeltexte:

Weil ich ihn als ermutigend lese.

Wir haben uns heute zum Gottesdienst zusammengefunden – wir wissen, dass wir nur wenige sind. Schon das kann mutlos machen.

Und auch, wie wenige bereit bzw. in der Lage sind, Verantwortung zu übernehmen in der Kirchengemeinde und etwas zu tun, Kraft und Zeit zu opfern, obwohl es einem oft nicht einmal gedankt wird.

Das hat doch alles keinen Zweck mehr. Es reicht. Ich habe keine Lust und keine Kraft mehr – ich will mich nicht mehr engagieren – es geht nicht weiter.

Dann wäre gut, wenn da so ein Engel käme mit Freundlichkeit – und Zeit zum Ausruhen – und Nahrungsmitteln –

damit die Kräfte wieder wachsen können –

zum Losgehen – zum Weitermachen – zum Widerstand, wo er nötig ist – zum „sich – einsetzen“ und damit „sich- aussetzen“.

Das ist mein Wunsch für uns: Dass wir uns stärken lassen und gegenseitig bestärken – und gemeinsam auf dem Weg bleiben, auch wenn wir heute noch nicht wissen, wohin er uns führt –

persönlich, in unseren Gemeinden, als Kirchenkreis und Kirche.

Und ich glaube daran, dass immer dann, wenn Menschen es besonders nötig haben, Engel auftauchen –

nicht herumschwirren, weil sie in aller Regel keine Flügel haben -  aber herumlaufen – Engel, die mit zwei Beinen fest auf der Erde stehen - die weiterführen und –weisen und – helfen. Und – genauso schön: Ich habe die Gewissheit, dass wir alle die Fähigkeit in uns haben für andere zum helfenden Engel zu werden.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, als alle Skepsis und Vorsicht, bewahre unsere Herzen und Gedanken, unseren Mut und unsere Phantasie in Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

 

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Gottesdienst Septuagesimae

28. Januar 2018

11 Uhr Harsleben

Evangelium = Predigttext:             Matthäus 20; 1 – 16 a

Neue Möglichkeiten zu leben und Frieden kommen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, der für uns maßgeblich ist. Amen.

Liebe Gemeinde,

die biblische Geschichte, die der Predigttext für den heutigen Sonntag ist, gehört zu den provozierendsten des Neuen Testamentes. Was da beschrieben wird zeigt, dass es in der Bibel nicht wie im wirklichen Leben zugeht und außerdem ist es ein Beispiel für schreiendes Unrecht:

Es ist ungerecht, wie sich der Weinbergsbesitzer verhält - Menschen, die hart gearbeitet haben, haben ein Anrecht auf einen angemessenen, leistungsgerechten Lohn - so ist es Brauch und richtig. Protest ist vorprogrammiert.

Dennoch möchte ich versuchen, mich auf die Situation damals einzulassen und lade Sie ein, sie sich mit mir vorzustellen und auszumalen.

Ein Marktplatz, morgens um 5 Uhr. Die Kühle der Nacht ist noch zu spüren und lässt frösteln. Auf der einen Seite des Marktplatzes scheint schon ein wenig die Sonne, dort ist es wärmer. Platz, um sich hinzustellen, vielleicht an eine Hauswand anzulehnen und sich umzuschauen.

Wie an jedem Morgen wimmelt es um diese Zeit von arbeitssuchenden Männern. Alte und junge, kräftige und schwache, große und kleine - sie alle warten darauf, dass jemand vorbeikommt und sie einstellt. Es sind Tagelöhner, Arbeiter, die härteste Arbeiten verrichten. Jeden Tag kommen sie aufs Neue hierher, in der Hoffnung, Arbeit zu finden. Zu Hause versuchen ihre Frauen auszukommen mit dem wenigen Geld, das die Männer verdienen um sich und die Familien zu ernähren. Mädchen und Jungen, die von Geburt an damit leben müssen, weniger zu haben als andere Kinder.

Ich stelle mir vor wie einer zum anderen sagt: „Arbeitslos zu sein ist das Schlimmste, was dir passieren kann. Wenn du den ganzen Tag hier auf dem Marktplatz herumhängst und keiner dich will, dann fühlst du dich nutzlos, wertlos. Die Frau muss sich das Gerede der Nachbarn anhören - der ist doch nur zu faul zum Arbeiten - wer wirklich Arbeit sucht, der findet auch welche.

Die so reden, haben keine Ahnung, was es bedeutet, arbeitslos zu sein. Und wenn du abends traurig und resigniert nach Hause kommst, dann gibt es auch noch Streit, weil das Geld einfach nicht zum Leben reicht.“

 

So könnte einer von den Wartenden reden und der Angesprochene nickt und fügt hinzu: „Das kenne ich alles gut. Doch vielleicht haben wir ja heute Glück und einer stellt uns ein.“

Unser Arbeitsmarkt heute ist nicht mehr der Marktplatz in der Öffentlichkeit, sondern das Arbeitsamt. Marktwirtschaftliche Prinzipien bestimmen auch heute die Chancen eines Menschen auf einen Arbeitsplatz. Die einen haben Angst, erst gar keinen zu finden; die anderen, den ihren plötzlich zu verlieren. Gut ist dran, wer einen sicheren Arbeitsplatz hat, so weit es das überhaupt gibt  - auch wenn es harte und schwere Arbeit ist.

Die Arbeit in einem Weinberg ist hart und schwer. Es ist Erntezeit. Den ganzen Tag über kommen immer neue Arbeiter hinzu um die viele Arbeit, die zu tun ist, zu schaffen. Am späten Nachmittag, gegen 17 Uhr, geht der Weinbergsbesitzer zum letzten Mal auf den Marktplatz und entdeckt noch die zwei, die enttäuscht und müde auf den Stufen vor einem Haus sitzen. Niemand hat sie eingestellt. Er geht auf sie zu - ob sie noch eine Stunde arbeiten wollen.

Die beiden willigen ein - besser eine Stunde als gar nicht. Die anderen Männer, die seit dem frühen Morgen gearbeitet haben, beäugen die Neuankömmlinge misstrauisch. Aber die werden ja dann schon sehen, wie viel bzw. wie wenig Lohn sie bekommen werden. Wie die Arbeit so der Lohn - so ist das nun mal.

Zum Leben wäre es entschieden zu wenig, was die beiden Männer in einer Stunde verdienen könnten.

Ich denke daran, dass in unserem Land, das zu den reichsten Ländern der Erde gehört, immer mehr Menschen am Rande des Existenzminimums leben müssen. Ich sehe sie vor mir: Rentnerinnen; Alleinerziehende, die von der Sozialhilfe leben müssen. Die so genannten Langzeitarbeitslosen, die manchmal tief in wirtschaftliches und soziales Elend hineinrutschen.

Zurück zum Weinberg. Am Abend sind die Arbeiter erschöpft. Die meisten haben einen 12-Stunden-Arbeitstag hinter sich. Die beiden Zuletztgekommenen werden als erste aufgerufen, um sich ihren Lohn abzuholen. Viel erwarten sie nicht. Da geschieht das Unglaubliche. Die beiden erhalten den gleichen vollen Tageslohn wie die anderen. Gerade so viel, wie sie brauchen, um einen Tag ihre Familien ernähren zu können.

Das muss ein Irrtum sein, sagt der eine vorsichtig. Du verwechselst uns, das steht uns nicht zu. Und die anderen sind hellhörig geworden und fangen an, laut zu protestieren: Das ist ungerecht! Die beiden verdienen nicht den vollen Lohn.

Der Ärger und die Entrüstung sind verständlich und nachvollziehbar. Das Verhalten des Weinbergsbesitzers verletzt das Gerechtigkeitsempfinden und sieht nach reiner unternehmerischer Willkür aus. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit - das ist eine klassische Forderung, die durchgesetzt werden muss. Das ist geltende Ordnung. Wo kämen wir hin, wenn sich Leistung nicht mehr lohnt und es keinen Unterschied macht, ob ich eine Stunde arbeite oder zwölf, weil am Ende alle den gleichen Lohn erhalten?

Auf unseren Arbeitsämtern wird bestimmt kein Unternehmer erscheinen, der bereit wäre, allen, den ersten wie den letzten, den gleichen Lohn zu zahlen. Er wäre wohl auch bald pleite.

Der Weinbergsbesitzer in der biblischen Geschichte tritt auf, um unsere Auffassung von Gerechtigkeit zu hinterfragen. Seine Frage: ”Ist dein Auge neidisch, weil ich so gütig bin?” berührt mich.

Ich denke daran, wie schmerzlich es ist zu erfahren, dass wir uns alles im Leben verdienen müssen. Kinder werden so erzogen - wenn du dies oder das brav machst, dann wirst du belohnt - mit Liebe, mit Geschenken.

Spätestens Erwachsene lernen, dass sie sich nicht nur Zuneigung und Anerkennung verdienen müssen, sondern auch ihren Lebensunterhalt. In der Regel werden Menschen nicht um ihrer selbst willen geliebt und anerkannt, obwohl sie sich danach sehnen. Menschen haben Bedürfnisse, die einfach da sind und deren Erfüllung nicht verdient werden kann.

Im Laufe des Lebens lernen die meisten, diese Wünsche und Bedürfnisse zurückzustellen oder ganz wegzuschieben, um besser mit den Enttäuschungen fertig zu werden.  Das Leben ist eben anders als die Wunschvorstellungen.

Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Da muss man sich damit abfinden, dass jeder verdienen muss, was er zum Leben braucht.

Ich stelle mir vor, wie erleichtert die beiden Männer waren als sie erlebten: Hier werden wir nicht nach unserer Arbeitsleistung belohnt, sondern danach, was wir zum Leben nötig haben.

Jesus hat diese Geschichte erzählt. Er beschreibt, wie Gott sich über ein Schema hinwegsetzt. Er will den Menschen gerecht werden und nicht den Ordnungen. Und so entscheidet er sich für Großzügigkeit und Freundlichkeit.

Auch wenn das dem herkömmlichen Denken nicht entspricht glaube ich, dass wir alle im täglichen Leben darauf angewiesen sind. Wer nur durch die prüfende Brille angesehen wird: Was leistest du? Entspricht deine Leistung meiner Norm” - der wird schon bald versagen und dann verzagen. Gott handelt anders - er verschenkt seine Liebe an diejenigen, die sie brauchen.

Das ist ein Punkt, an dem alle Menschen gleich sind - alle leben von der Liebe Gottes.  Die kann sich nicht verdient oder erarbeitet werden. Was Gott geben will - sein Reich, seine Gerechtigkeit, seinen Frieden, seine Liebe - das gibt es nicht für den einen mehr und den anderen weniger. Gottes Reich ist unteilbar.

Gott sieht nicht auf abrechenbare Leistungen. Er sieht das Bemühen. Und - er lädt ein zur Mitfreude. Seid doch nicht neidisch. Habt keine Angst zu kurz zu kommen. Freut euch doch mit.

Mir scheint manchmal, dass Mitleid, Mitleiden, einfacher ist als Mitfreuen. Vielleicht weil da doch der Neid lauert oder die Sorge, selbst ungerecht behandelt worden zu sein vom Glück oder von wem auch immer. 

Eventuell ein falscher Blickwinkel?

Deshalb versuche ich, das Gleichnis neu zu lesen und zu hören - aus dem Blickwinkel eines freundlichen Gottes, der seinen Menschen eben nicht nur ein bisschen Frieden, ein bisschen Gemeinschaft und ein bisschen Geborgenheit geben will - sondern allen das was sie wirklich brauchen.

Festgefügte Ordnungen von Leistung, Lohn und Anerkennung werden durch Gottes Güte in Frage gestellt. Eine andere Frage steht im Raum: Wo wird Menschen das vorenthalten, was sie zum Leben notwendig brauchen?  Da gibt es leider Beispiele zur Genüge. Fälle, wo aufgestanden und protestiert werden müsste mit den deutlichen Worten: Das ist ungerecht.

Ich bin nicht fertig mit dem Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg und den Maßstäben, die dahinter stehen. Ich fühle mich provoziert und eingeladen zugleich.  Ich wünsche mir, unserer Kirche und unserer Gesellschaft und der ganzen Menschheit, dass die Umsetzung der Maßstäbe Jesu zum besseren Umgang miteinander mehr und mehr gelingt und bin sicher: Daran würde die Wirtschaft nicht zusammenbrechen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, als alle Skepsis und Vorsicht, bewahre unsere Herzen und Gedanken in Jesus Christus, unserem Herrn.  Amen.

 

 

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Letzter nach Epiphanias 2018

21. Januar:  9.30 Langeln & 10.30 Uhr Wasserleben

 

Epistel = Predigttext:                              2. Petrus 1; 16 - 21

Neue Möglichkeiten zu leben und Frieden kommen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, der für uns maßgeblich ist.                     Amen.

Liebe Gemeinde,

immer mal wieder höre ich wie im Radio eine CD oder DVD oder auch anderes angepriesen wird und der Sprecher dazu auffordert, unbedingt innerhalb der nächsten zehn Minuten anzurufen – das günstige Angebot sei begrenzt. Mehrere Stunden später gibt es die gleiche Werbung immer noch – oft auch noch Wochen später - so knapp kann es also nicht gewesen sein.

Und wir kennen das ja inzwischen zur Genüge:

In Zeitungen, per Post und Fernseh-Werbespots werden eine Unmenge verlockender Angebote und Versprechungen gemacht: Verbessern Sie ihr Einkommen! Werden Sie ihr eigener Chef! Rufen Sie sofort an! Kaufen Sie dies, kaufen Sie das - gewinnen Sie einen Hauptpreis, eine Traumreise, ein Traumauto, ein Traumhaus - gewinnen Sie Millionen.

Ein feines Netz von Lügen, Täuschungen und falschen Versprechungen wird überall gesponnen. Manches ist uns so vertraut, dass die Tücken gar nicht mehr wahrgenommen werden oder wir haben einfach gelernt, damit zu leben. In der Werbung werden uns ständig Dinge versprochen, die das Produkt niemals halten kann -  und wir wissen das.

Oder ich denke an Klatsch- und Tratschgeschichten in der Nachbarschaft, in den Gemeinden - was wird da nicht alles herumerzählt und erfunden oder so lange ausgeschmückt, bis es völlig unkenntlich geworden ist und vom ursprünglichen Geschehen meilenweit entfernt ist. Wem soll man überhaupt noch trauen? Was ist wahr? Wie lassen sich Täuschungsmanöver und Verführungskünste und anderes entlarven?

Erfrischend finde ich, was Petrus in seinem Brief an die Christen seiner Zeit schreibt: „Denn wir sind NICHT ausgeklügelten Fabeln gefolgt, als wir euch kundgetan haben die Kraft und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus, sondern wir haben seine Herrlichkeit SELBST gesehen.“

Ich finde es bewunderns- ja sogar beneidenswert, wenn jemand so überzeugend feststellen kann: Ich bin niemandem auf den Leim gegangen, ich weiß genau, wovon ich rede, ich habe das alles selbst erlebt.

Das muss eine spannende Erfahrung sein: Selbst sehen, selbst hören, die Lüge von der Wahrheit unterscheiden, genau zu wissen, wem ich trauen, was ich glauben kann.

Heute ist der letzte Sonntag nach Epiphanias, mit ihm endete der Weihnachtsfestkreis. Das griechische Wort Epiphanias bezeichnet eine Sehnsucht der Menschheit - es heißt Erscheinung. Gemeint ist das Sichtbarwerden dessen, was wir mit unseren gewöhnlichen Sinnen nicht wahrnehmen können und doch verborgen da ist:  Gottes Macht und Herrlichkeit.

Schon immer haben sich Menschen danach gesehnt, dass Gott aus seiner Verborgenheit heraustritt und für sie sichtbar wird. Die Christen, an die der 2. Petrusbrief geschrieben wurde, waren verunsichert. Konnte man den Geschichten von Jesus trauen? Hatte sich mit seinen Worten und Taten wirklich so viel verändert? Ihre Hoffnung, dass der gekreuzigte und auferstandene Jesus in Kürze erscheinen und die Welt verwandeln würde, hatte sich jedenfalls nicht erfüllt.

 

An Christen, die enttäuscht waren, richtet der Verfasser sein Schreiben: „Wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt.“

Der Schreiber redet im Namen des Petrus, beruft sich auf seine Autorität. Er will seine Leser an das erinnern, was Petrus als einer der ersten Zeugen mit Jesus erlebt, an ihm erfahren hat. Dabei ist ihm eine Geschichte wichtig, die von einem besonderen Erlebnis berichtet, das Petrus und zwei andere Jünger auf einem Berg haben durften. Wir haben sie als Evangelium des heutigen Sonntags gehört.

Jesus erschien den drei Jüngern im göttlichen Lichtglanz, er wurde vor ihren Augen verklärt, heißt es.

Sie kannten ihn ja, waren mit ihm durchs Land gezogen. Sie hatten ihn erlebt als Freund der Armen, Kranken und Verachteten - als einen, der mal bewundert und bejubelt, mal abgelehnt und verachtet wurde.  Nun sehen sie ihn mit verklärten Augen.

In unserer Umgangssprache wird das Wort Verklären abgewertet. Wenn jemand seine Vergangenheit oder einen anderen Menschen in verklärtem Licht sieht, dann meinen wir: In einem unwirklichen, falschen Licht. Da hat einer vergessen, wie es wirklich war, übersieht die Schattenseiten.

Es kann allerdings auch bedeuten, dass wir an einem geliebten Menschen Dinge und Seiten entdecken, die sich nur dem Glaubenden und Liebenden erschließen, aber dem nüchtern beobachtenden Blick verborgen bleiben. Um etwas wirklich zu erfassen, braucht es mehr als nur die normalen fünf Sinne - die innere Einstellung, mit der ich etwas oder jemanden betrachte, wirkt mit, verändert das Gesehene und Erlebte.

Der Verfasser des 2. Petrusbriefes beruft sich auf seine ganz persönlichen Erfahrungen mit Jesus und mit Gott. Seine ganz persönlichen Erfahrungen - das ist ihm so wichtig, wie es heute vielen wichtig ist. Weil ich nicht mehr weiß, wem ich noch glauben soll, glaube ich nur das, was ich selbst erlebt habe. Ich bin zu oft enttäuscht worden, zu viele Verführer haben schöne Worte gemacht, denen keine Taten folgten.

Dieses Misstrauen ist eine mögliche Sicht. Nur noch sich selbst vertrauen. Andererseits gibt es immer wieder erstaunlich viele Menschen, die einem großen Guru, einem Sektenführer hinterherlaufen, ihm völlig verfallen - ganz auf eigenes Denken und Fühlen und Bewerten verzichten. Sie trauen sich selbst nicht, fallen auf ausgeklügelte Fabeln herein.

Christen und der Kirche wird das auch vorgeworfen - ihr macht Menschen unmündig, entlasst sie aus der eigenen Verantwortung.

Gerade das Gegenteil lese ich in den Büchern des Alten und Neuen Testamentes, auch hier in diesem Brief:

Es ist eine deutliche Einladung, die eigenen Wahrnehmungen zu stärken, sich auf selbst Erlebtes einzulassen, darauf zu vertrauen. Jesus hat immer wieder die Eigenverantwortung der Menschen gestärkt, hat Freiheit gewährt, wollte keine Abhängigen.

Er hat seine Jünger entlassen, indem er in den Abschiedsreden sagte: Es ist gut für Euch, dass ich weggehe. Gemeint war: Es ist gut für Euch zu erfahren, dass Ihr jetzt allein klarkommt, weil Ihr viel von mir gelernt habt.

Er hat seine Nachfolgerinnen und Nachfolger wachsen lassen, sie konnten erwachsen werden, er hat sie zur Selbständigkeit geführt und begleitet, so dass sie nicht hilflos allein zurückblieben, als er nicht mehr täglich sichtbar bei ihnen war.

Gott lässt das eigene Hören und Sehen in uns wachsen. Es hilft, sich gelegentlich - vielleicht besser regelmäßig - die Ruhe zu nehmen, darauf zu hören und zu achten: Was erlebe ich mit Gott, mit Jesus, wenn ich in mich hineinhorche - oder mich in der Natur umsehe - oder im Umgang  und in der Gemeinschaft mit anderen.

Glaube entsteht in aller Regel nicht an einem Tag oder in einer Stunde - er will wachsen, braucht Zeit zur Reife - immer neue Einsichten und Erkenntnisse. Reifer Glaube erwächst aus eigener Anschauung, dem eigenen Wahrnehmen, dem eigenen Sehen und Hören - mit allen Sinnen können wir glauben und hoffen.

Die Wurzel der Wörter Sinne und Sinn weisen auf einen gemeinsamen Ursprung hin. Der persönliche Lebenssinn wird mit den Sinnen wahrgenommen, mit allen Sinnen, er geht auf grundlegende eigene Wahrnehmungen zurück.

Wer so mit seinen Sinnen seine persönliche Anschauung und Überzeugung gefunden hat, dem werden auch die  Glaubenserfahrungen anderer wichtig. Petrus erging es so: Er hat selbst gesehen und gehört - und zugleich hört er die Worte und Weissagungen der Propheten. Und weiß, dass er ihnen vertrauen kann.

Persönlicher Glaube und die Erfahrungen derer, die vor uns waren - beides zusammen hilft zur Stärkung im Inneren. Und natürlich auch die Erfahrungen derer, mit denen wir unterwegs sind – der Freundeskreis – die Gemeinschaft der Glaubenden – darauf möchte ich nicht verzichten.

Ich wünsche uns allen viele Erfahrungen, die geistlich wachsen lassen; eigene Wahrnehmungen, eigenes Sehen und Hören, so dass wir unseren Glauben bezeugen können. Damit es leichter fällt, ausgeklügelten Fabeln zu widerstehen, auf verlockende Angebote nicht hereinzufallen - auch nicht auf religiöse.

Ich wünsche uns allen, dass wir wie Petrus sagen können: Wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt, sondern wir haben seine Herrlichkeit selber gesehen und gespürt und die Stimme vom Himmel gehört.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, als alle Skepsis und Vorsicht, bewahre unsere Herzen und Gedanken, unseren Mut und unsere Phantasie in Jesus Christus, unserem Herrn.       Amen.

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14. Mai 2017 - 40 Jahre Ordination - Thale St. Andreas

   

                                      

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Gottesdienst 31. Oktober 2014

Wendegedenken – Reformation – Verabschiedung Pastorin Ursula Meckel

Liebe Versammelte,

heute vor 25 Jahren um diese Zeit war ich sehr viel aufgeregter als heute – in zweieinhalb Stunden würde hier in dieser Kirche eine Veranstaltung beginnen, von der niemand sagen konnte, wie sie ausgehen würde – wie viele kommen würden – ob es friedlich bliebe. Einige entschlossene Bürger/innen hatten eingeladen zu einem „Gebet für Land und Leute“ - … ein heute völlig harmloser Text, damals  staatsgefährdend gefährlich – die Handzettel wurden schnell entfernt, doch es hatte sich herumgesprochen.

Etliche sind jetzt hier, die damals auch dabei waren – um viele Erfahrungen reicher.

An diesen Reformationstag vor 25 Jahren erinnern wir.

Reformationstag – ein evangelischer Feiertag, den wir hier in Thale seit vielen Jahren ökumenisch begehen – so auch heute – ein zweiter Grund zur Dankbarkeit, weil das keineswegs überall selbstverständlich möglich ist.

Der dritte Anlass dieses Gottesdienstes: Nach 40 Jahren im kirchlichen Dienst werde ich verabschiedet - von den Kirchengemeinden und vom Kirchenkreis – entpflichtet vom Amt? – von der Pflicht zur Kür? – beziehungsweise verabschiede ich mich? - oder auch nicht?

Schaun wir mal.

Auf jeden Fall feiern wir jetzt einen Gottesdienst mit ganz viel Musik und dafür bin ich dankbar; dankbar allen, die ihn mit ausgestalten – und dazu gehören auch Sie alle hier, die zum Mitsingen eingeladen sind.

Dankbar bin ich vor allem dafür, dass wir uns versammelt haben im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen. Hilfe erwarten wir von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

Chor + Gemeinde: Wo Menschen sich vergessen …

Gott, wir treten jetzt vor Dich mit unseren Erinnerungen, unseren Wünschen, unseren Befürchtungen und unseren Hoffnungen. Wir schauen zurück und nehmen Abschied – wir blicken nach vorn und haben Träume.

Ich möchte bewahren, was gut war in den vergangenen Jahrzehnten. Denn vieles war wunderschön, erfrischend, aufregend, überraschend neu – dafür danke ich, das will ich nicht missen.

Loslassen und bewahren - beides. Gott, gib mir den Mut, die Hände zu öffnen, um Altbekanntes loszulassen. Gib mir den Mut, die Hände zu öffnen und die Arme auszubreiten, um Neues, Unbekanntes zu begrüßen.

Gott, ich danke Dir, dass ich getragen bin von der Hoffnung, gehalten zu werden -  beflügelt von dem Glauben, dass Du Dich kümmerst - auch um mich. Begeistert von dem Glauben, dass Du da bist.

Du hältst die Zeit liebevoll in Deinen Händen. Du bist ewig. Gestern und heute und morgen. Kein Anfang, kein Ende. Die Zeiten kommen und gehen - Du bleibst und rufst zum Leben im Vertrauen auf Dich und Deine beständige Gegenwart. Du bist auch jetzt mitten unter uns. Das ist Grund, sich zu freuen – deshalb:

Jauchzet dem Herrn alle Welt!

Amen.

Chor + Bläser:     Psalm 100

Lesung = Prediger 3; 1 - 13                                   

Meine Hoffnung …

                Credo                                                        

Bläser:                 La nuit

PREDIGT-Einstieg

U.:     Sag mal bitte,  Angelika, findest Du nicht auch, dass das heute hier eine etwas seltsame Veranstaltung ist?

A.:     Wieso seltsam? Es ist ein schöner Gottesdienst in einer vollen Kirche mit aufmerksamen Menschen, viel Musik und guter Stimmung. Und weil aller guten Dinge drei sind, gibt es drei inhaltliche Schwerpunkte: Wende-Gedenken, Reformation und Deine Verabschiedung.

U.:     Wende-Gedenken und Reformation sind klar – aber meine Verabschiedung? Mein Dienst hier im Pfarrbereich endete schon vor sieben Monaten. Ich wohne weiter in der Gemeinde und gehöre zum Bläserchor und in der Stadt bleibe ich ebenfalls, sogar im Stadtrat. Und: Im Kirchenkreis und selbst darüber hinaus geht meine Arbeit weiter. Also was für ein Abschied?

A.: Kann es sein, dass Du Dich um einen Abschied drücken willst?

U.: mhm … Also, mein ältester Patensohn hat mir geschrieben: „Ruhestand KANNST Du gar nicht.“

A.: Weiche nicht aus! Kann es sein, dass Du Dich drücken willst vor dem Abschied? Weil das weh tut?

U.: mhm …

A.: Bisher hast Du das ja ganz geschickt geschafft – denn Dein Dienst im Pfarrbereich Thale endete ja bereits am 31. März – wie Du weißt…

U.: Und Du weißt: Jeder Abschied ist ein kleines Sterben.

A.: Gehts auch etwas weniger theatralisch? - Du weißt: Alles hat seine Zeit … steht doch so schön auf der Einladung: …

U.: Das ist wohl der Unterschied zwischen Theorie und Praxis - oder wie wir hier im Osten gesagt haben: Zwischen Marx und Murks. Ich weiß, dass ich mich dem stellen muss. Nur: Zum April hast Du hier eine neue Pastorin eingesegnet. Willst Du mich jetzt aussegnen? Das klingt so nach Beerdigung.

A.: Natürlich nicht! Aber z. B. entpflichten – Du MUSST jetzt nichts mehr tun, aber Du darfst noch – und Pastorin bleibst Du ohnehin (so lange Du es möchtest).

U.: mhm …

A.: Nun schwirre schon ab auf die Kanzel – oder hast Du nichts mehr zu sagen?

U.:   Na gut. J  Aber ich bleibe lieber hier unten – ich möchte ja nicht „von oben herab“ reden …

Neue Möglichkeiten zu leben und Frieden kommen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, der für uns maßgeblich ist.                 Amen.

Liebe Anwesende,

gestern wurde ich am Telefon gefragt: „Freust Du Dich eigentlich auf den Gottesdienst morgen?“ und ich konnte ehrlichen Herzens sagen: „Inzwischen Ja! Ja, ich freue mich.“

Im April, als das eigentlich aktuell war, hätte ich das noch nicht gekonnt, denn es ist ja etwas dran, dass ich mich eigentlich irgendwie um diesen Abschied drücken wollte, weil eben jeder Abschied ein kleines Sterben ist und weh tut.

Heute ist das anders, weil nicht nur ein Lebensabschnitt zu Ende ging, sondern weil Neues, und für mich sehr Erfreuliches angefangen hat – und weil Wichtiges geblieben ist.

Loslassen und bewahren zugleich, Ende und Anfang.

Allerdings: Irgendwie lastet jetzt auf mir der Druck, ich müsse nun etwas ganz Bedeutsames und Kluges sagen – etwas zum Merken und Aufmerken – zum Abschied, der ja gar kein wirklicher Abschied ist. Denn es sind eben keine „letzten Worte“.      

Klar ist, ich bin nicht mehr die Pastorin von Thale, Warnstedt, Bad Suderode und Friedrichsbrunn – den Staffelstab im Pfarrbereich habe ich am Ostermontag weiter gegeben - aber ich bin und bleibe Pastorin und das gerne und bin dankbar für neue Herausforderungen und Aufgaben im Kirchenkreis und darüber hinaus – solange ich das kann und darf.

Normalerweise sitze ich unter den Bläser/innen – und das ist mir wichtig: Mitzublasen und vor allem Dazuzugehören. Ich möchte Teil einer Gemeinschaft sein, keine Einzelkämpferin. Aber heute gönne ich mir mal das Zuhören - dürfen.

Wendegedenken – Erinnerung an den Reformations-Abend vor 25 Jahren – damals wurden „Zeugnisse der Betroffenheit“ laut.

Ursprünglich wollte ich jetzt sagen, was mich heute betroffen macht. Dann ist mir noch rechtzeitig eingefallen, dass in unserem Land viel gejammert wird – und das meist auf sehr hohem Niveau. Das möchte ich nicht und habe auch keinen Grund dazu, vielmehr möchte ich am Ende einer langen Zeit im kirchlichen Dienst sagen, was mich dankbar macht.

Ich werde drei Kerzen der Dankbarkeit entzünden.

1. Die erste für das ehrenamtliche Engagement vieler Menschen, ohne das sehr vieles nicht möglich wäre - in den Kirchengemeinden – in den Kommunen – in Verbänden und Vereinen … über Parteigrenzen hinweg. Menschen, die nicht sagen „Was kriege ich dafür?“ und vor allem nicht: „Da kann man doch nichts machen“, sondern die sagen: „Da kann ICH was machen“ und das auch tun – zusammen mit anderen. Die nicht nur meckern und alles von anderen erwarten.

Dass viele den Mut haben, sich einzusetzen und kostenlos Zeit und Kraft opfern, auch wenn andere darüber den Kopf schütteln oder sich lustig machen, das finde ich einfach toll!

Mein Freund Erich Schweidler – er war Pfarrer an der St.Petri-Gemeinde und erster Nachwendebürgermeister in Thale – hat mir 1976 ins Gästebuch geschrieben: „Wer den Mut hat, sich unbeliebt zu machen, wer unbequem ist,  bringt die Entwicklung weiter. Mitmacher sind zwar bequem, aber langweilig.“

Sich anstößig zu verhalten bringt Anstöße – bringt in Bewegung – bringt weiter – macht die Welt etwas heller und wärmer, so wie diese Kerze.

2. Die zweite Kerze der Dankbarkeit entzünde ich für meine guten Erfahrungen mit der Ökumene – nicht nur aber auch hier in Thale.  Wir haben in den vergangenen Jahren vieles ganz unkompliziert gemeinsam gemacht, manchmal im Kleinen, dann auch im Größeren. Ich erinnere an den Ökumenischen Kreiskirchentag 2008, an die vielen Mitwirkenden beim Harzfest und 2009 beim Sachsen-Anhalt-Tag hier in Thale, bei den vielen Harzer Sommertagen, die wir ökumenisch gestaltet haben.

Viel Gemeinschaft und Gemeinsamkeiten konnte ich erleben bei den großen Ökumenischen Kirchentagen in Berlin und München, bei Katholikentagen und den großen evangelischen Kirchentagen und bei den Reformationstagen, die wir hier in Thale seit langem zusammen begehen – mit gemeinsamen fröhlichen Mahlzeiten.

Noch trennt uns evangelische und katholische Christen manches voneinander, doch es gibt viele Schritte aufeinander zu.  

Im September habe ich in Halberstadt an einer Ökumenischen Vesper teilgenommen aus Anlass des kirchlichen Festes für den Frieden und die Einheit der Kirche. Ein katholischer Geistlicher führte dazu aus:

Wichtig bleibt, dass der Glaube und das Mahl anderer Konfessionen nicht richtig oder falsch, sondern ehrlich, aber eben anders sind. Diese Erkenntnis ist eine tragfähige Grundlage für Gespräche, die keinen Einheitsbrei als Ergebnis wollen. Selbst wenn es immer noch nicht nach einer zeitnahen Lösung aussieht: "Der Mauerfall vor 25 Jahren kam auch unerwartet!"

Beifall bekam er für seinen Satz: „Freiheit muss ich mir NEHMEN.“  Die bekommen wir nicht auf einem Silbertablett serviert. Wenn das nicht hoffen lässt!

Dafür die zweite Kerze, bei der ich auch an den Satz denke, der mir schon in der DDR-Zeit wichtig geworden ist: „Es ist besser eine Kerze anzuzünden als über die Dunkelheit zu jammern.“

3. Die dritte Kerze ist deutlich größer als die beiden anderen und das ist natürlich kein Zufall. Ich bin in einem nichtkirchlichen Elternhaus aufgewachsen und habe als Jugendliche ersten Kontakt zu Kirche und Glauben gefunden. Dankbar bin ich für die Kraft des Glaubens – für die Einladung zur Freiheit und zum aufrechten Gang.

Ein Spruch von Theodor Storm, den ich von meinem Konfirmator gelernt habe, hat mich geprägt: „Der eine fragt: Was kommt danach? Der andre fragt nur: Ist es recht? Und also unterscheidet sich der Freie von dem Knecht.“

Ich wollte FREI sein und habe im Glauben Freiheit gefunden und die Erkenntnis gewonnen: Gottesfurcht schützt gegen Menschenfurcht. Ich denke an Paulus in der Gefängniszelle: Er war gefesselt und predigte dennoch FREI das Evangelium. – Ich lebte in einem Staat, der seine Bürger/innen einsperren musste, damit sie blieben …

Diesen Zustand konnten wir beenden – friedlich – ohne Gewalt – mit vielen kleinen Kerzen, auch hier bei uns in Thale.

Dafür diese dritte große Kerze. Danke für alles!

Heute meine Verabschiedung aus dem offiziellen Dienst. Aber ich bin und ich bleibe Pastorin. Als Christin lebe ich in dem Wissen, ein Geschöpf zu sein – verantwortlich für mein Leben, für alles Tun und für alles Lassen – und angewiesen auf Gemeinschaft.  

Gott gibt dem Menschen viele Möglichkeiten und setzt ihm hilfreiche Grenzen. Wer sich vor Gott verantwortlich weiß, geht verantwortlich mit der Schöpfung, mit den Mitmenschen, mit sich selbst um.  

Jesus ist uns ein Vorbild: Er war unbequem und anstößig – hatte keine Angst vor den Mächtigen und Geduld mit den Unvollkommenen. Er blieb ehrlich und riskierte es, sich unbeliebt zu machen. Mit seinen Maßstäben lässt es sich leben: „Gott ist der Mensch, der uns menschlicher macht.“

Zum Schluss ein Satz vom „Ehrenbürger der Herzen“ unserer Stadt, dem katholischen Pfarrer Wolfgang Janotta, den ich beim Abschied von den Gemeindekirchenräten im März zitiert habe:

„Ich habe getan, was ich konnte. Den Rest muss der liebe Gott erledigen.“

Wird er – er hat ja Sie und Euch! J

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, als alle Skepsis und Vorsicht, bewahre unsere Herzen und Gedanken, unseren Mut und unsere Phantasie in Jesus Christus, unserem Herrn.       Amen.

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Angelika Zädow:

Liebe Ursula, liebe Gemeinde,

nach 38 Jahren in Thale und 40 Jahren im kirchlichen Dienst wirst Du, liebe Ursula, heute aus diesem Dienst verabschiedet. Dass Du daran lange geknabbert hast, ist kein Geheimnis. Und ja, das ist sicher schwer, nach einer solchen Zeit alles „sein“ zu lassen, was vier Jahrzehnte tagtäglich das Leben und die Zeit prägte, den Tagesrhythmus vorgab, Herz und Verstand beschäftigte: Lektoren und Organistinnen für die Gottesdienste und Amtshandlungen zu finden, die Gemeindebriefe zu gestalten und den Beiträgen „hinterher“ zu laufen, Besuche zu machen, die Anfragen des Kreiskirchenamtes zu bedienen, Gruppen und Kreise zu organisieren und noch viel mehr. Das alles hört nun auf nach 40 Jahren.

Diese Zahl spielt übrigens in der Bibel immer wieder eine Rolle: 40 Tage und Nächte dauerte die Sintflut, 40 Jahre dauerte der Zug des Volkes Israel durch die Wüste, Mose weilt 40 Tage auf dem Berg Sinai, um die Gebote zu empfangen, der Prophet Elia geht 40 Tage und Nächte zum Berg Horeb und Jesus fastet 40 Tage in der Wüste.

So unterschiedlich diese Erzählungen sind -  zwei Dinge verbinden sie. Erstens: In dieser Zeit begegnen sie Gott. Und ich wünsche Dir und Ihnen, liebe Gemeinde, dass Sie im Nachdenken über die gemeinsame Zeit im Pfarrbereich Thale auch sagen können: Da gab es Momente und Augenblicke der Gemeinschaft, in denen wir uns des Glaubens sicher waren oder wurden.

Zweitens: Nach dieser Zeit veränderte sich das Leben der Menschen. Dieser Zeitpunkt ist nun für Dich, und Ihre Gemeinden gekommen. Sie alle haben eine neue Pastorin, die nun mit Ihnen Leben und Zeit im Pfarrbereich Thale gestaltet und auf dem Weg des Glaubens weiter geht, anknüpft an das was war und ganz andere Wege wagt.

Und du, liebe Ursula, wagst ja bereits andere Wege, hilfst Gemeinden im Kirchenkreis über die Zeit von Vakanzen hinweg. Hältst Gottesdienste und Amtshandlungen, organisierst und berätst. Der Rhythmus Deiner Zeit ist nun anders. Aber die Zeit an sich bleibt. Du hast nun die Freiheit, sie nach Deinen Wünschen nach Deiner Lust woanders zu gestalten und ohne Amtspflichten. Von Herzen wünsche ich Dir, dass Du diese Freiheit nutzen und Deine Zeit füllen kannst.

So Gott will, noch 40 Jahre, Amen.

 

Liebe Ursula,

vor Gott und dieser Gemeinde endet hiermit Dein Dienst im Pfarrbereich Thale, der Dir übertragen war. Alle Zuständigkeiten und Pflichten liegen nicht mehr in Deinen Händen. Was Dich in Deiner Arbeit beschwert hat, was unfertig blieb oder Sorgen macht, legen wir in die Hände Gottes, der allein aus allem ein Ganzes zu machen vermag. Nichts soll Dich beschweren, nichts soll Dich betrüben. Gott wird Dich tragen und begleiten auf Deinem weiteren Lebensweg.

 

Gebet:

Gott, Du Anfang und Ende der Zeit: Wir danken Dir für den Dienst von Pastorin Ursula Meckel, für die Zeit, die sie hier gewirkt hat. Und bitten Dich: Segne unsere Schwester im Glauben. Stärke sie mit Deinem Wort. Schenke ihr Mut und Zuversicht. Das bitten wir Dich durch Jesus Christus, der mit Dir und dem Heiligen Geist unserem Leben einen neuen Anfang schenkt. Amen.

Segen

Gott segne dir den Blick zurück und den Schritt nach vorn. Er schenke dir eine Melodie, die dich wie ein Lachen durch den Tag begleitet und Menschen, die ihre Arme um dich legen wie ein wärmender Mantel. So segne dich…