Für Interessenten eine bis vier  PREDIGT(en)                        

(Es ist nicht auszuschließen, dass ich auch mal den einen oder anderen Gedanken "übernommen" habe, ohne dies in jedem Fall ausdrücklich zu benennen.)  

Am 31. März 2014 endete mein Dienst im Pfarrsprengel Thale - 

seit dem 1. April 2014 bin ich Beauftragte für Springerdienste im Kirchenkreis Halberstadt.

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17. nach Trinitatis

13. Oktober 2019

9 Uhr Hedersleben

In dieser Woche sind wir erschüttert worden über die Nachrichten aus Halle. Aus Hass wurden Menschen getötet, beinahe wäre es eine noch größere Katastrophe geworden.

Am Tage des Mordes schrieb unser Landesbischof Friedrich Kramer:

 

 

„Attacke auf Synagoge ist unerträglich“

 

Zu dem heutigem Gewaltakt in Halle (Saale) sagt Friedrich Kramer, Landesbischof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland:

„In meinen Gedanken und Gebeten bin ich bei den Opfern und ihren Angehörigen dieser brutalen Schießerei und bei unseren jüdischen Schwestern und Brüdern. Weltweit feiern Juden heute das Versöhnungsfest Jom Kippur, den wichtigsten jüdischen Feiertag. Die Attacke auf die Synagoge in Halle ist abscheulich und unerträglich. Alle Menschen guten und friedlichen Willens sind aufgerufen, einem Klima des Hasses und jeglicher Gewalt entgegenzutreten. Lassen wir unsere Seelen - wie an Jom Kippur - von Frieden durchdringen.“

 

Ich möchte mit Ihnen den Psalm 23 beten – mit einigen Zwischengedanken.

 

Psalm 23 mit Zwischengedanken

Ich bete: Der Herr ist mein Hirte, und ich fühle mich so jämmerlich verlassen. Und ich bete weiter: Mir wird nichts mangeln und ich weiß: Diese Menschen werden fehlen, ihre Liebe kann niemand ersetzen, sie werden ihr Leben lang vermisst werden.

Und ich bete weiter: Er weidet mich auf grüner Aue und führet mich zu frischem Wasser und ich denke mir: Wenn Gott eine Zukunft mit mir vorhat, so sehe ich sie noch nicht. Aber wenn ich eines Tages aufatmen werde, danke ich es ihm.

Und so versuche ich weiter zu beten: Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.

Und ich denke mir, dass ich in meiner Trauer geprüft werde und ich frage mich: Wen meinst du wirklich? Weinst du, weil Menschen so Unfaßbares tun können oder weinst du, weil die Ermordeten ihr Leben verloren haben?

Und in meinen Fragen bete ich:  Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal – und die Trauer ist so ein Tal – fürchte ich kein Unglück – und schäme mich meiner Gefühle nicht – denn du bist bei mir, auch wenn Wohnungen leerer geworden sind.

Dein Stecken und Stab trösten mich und ich bete mit neuer Sicherheit:

Du bereitest vor mir einen Tisch – und ich denke an die nächste Mahlzeit, wo ein Platz leer bleiben wird -

und das Gebet geht weiter: Im Angesicht meiner Feinde.

Und wenn mir meine Trauer nur dies beigebracht hätte, wie unwichtig und grundlos meine Feindschaften sind, so will ich der Trauer danken, die mich freimacht von bestehenden Feindschaften.

Du salbst mein Haupt mit Öl und schenkst mir voll ein. Ja, du Herr, verwandelst meinen Schmerz in Reife.

Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang. Du, Herr, begleitest mein Leben, wohin es auch geht.

Und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar. Bei dir habe ich meine Heimat. Amen.

Evangelium:            Johannes 9; 35 - 41

Neue Möglichkeiten zu leben und Frieden kommen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, der für uns maßgeblich ist. Amen.

Liebe Gemeinde,

wenn jemand einem anderen Menschen  gute Wünsche mit auf den Weg geben will – zum Beispiel zum Geburtstag oder so - ist einer ganz bestimmt immer dabei: Bleiben Sie schön gesund!

Hauptsache Gesundheit – diesen Ausruf kann jeder gut nachempfinden, der schon mal ernstlich krank war.

Allerdings gibt es ebenfalls das andere: Heilung kann so etwas wie Verlust bedeuten.

Auch das weiß jeder, der schon mal krank war: Während der Krankheitszeit bekommen wir viel Liebe, Zeit und Zuwendung. Andere sind bemüht, uns etwas Gutes zu tun. Alles dreht sich um uns und unser Befinden.

Wenn wir gesund geworden sind, kommt der Alltag wieder – anderes rückt in den Mittelpunkt, alles läuft weiter wie immer; Zuwendung, Freundlichkeiten und aufmerksames Fragen nach uns werden weniger. Also, wenn die Krankheit nicht gar so schlimm ist, könnte der Zeitpunkt der Genesung manchmal glatt etwas hinausgezögert werden. Kinder zum Beispiel lernen das ganz schnell, doch auch Erwachsene können es noch. Wir wissen: Wer gesund ist, hat keinen Anspruch auf eine besondere Behandlung.

Was wir vorhin als Evangelium gehört haben, ist Teil einer Heilungsgeschichte. Ein ehemals blinder Mann musste erleben, dass seine Heilung nicht nur positiv für ihn ausging. Es begann eine furchtbar lange Zeit der Anerkennung. Der ehemals Blinde wollte als geheilt anerkannt werden, um wieder in die Gemeinschaft der Gesunden aufgenommen zu werden. Dazu gehörte damals ein langer Gang durch verschiedene Institutionen.

Zuerst sind es die nächsten Nachbarn, die nicht glauben wollen, was sie sehen. Es kann nicht sein was nicht sein darf. Da liegt bestimmt eine Verwechslung vor – das ist nicht der, den wir kennen. Der Geheilte redet und redet – doch die Nachbarn glauben ihm nicht und bringen ihn schließlich zu den Gelehrten, den Pharisäern. Das sind die Entscheidungsträger und sie sollen den Vorfall beurteilen.

Wieder Erklärungen und die ganze Geschichte von vorn – aber die Pharisäer hören gar nicht mehr hin. Ihr Stichwort ist gleich am Anfang gefallen: Eine Heilung am Sabbat – dem Tag, an dem jede Arbeit untersagt ist.  Das ist unerhört und vor allem unerlaubt – der Rest interessiert nicht. Die Paragraphen reden eine deutliche Sprache und wer dagegen verstößt, kann nicht aus guten Motiven heraus gehandelt haben.

Mit den sogenannten Formalia lässt sich fast alles aus den Angeln heben – das hat sich bis heute auch nicht geändert. Ordnung muss sein und bleiben.

Damit wird die Heilung erst einmal völlig hinterfragt: Kann denn einer etwas Gutes bewirken, der Gesetze umgeht? Natürlich nicht! Da kann es sich nur um Scharlatanerie handeln – und wer weiß, ob der Mann überhaupt jemals blind war. Wahrscheinlich will er sich nur interessant machen. Weitere Nachforschungen müssen angestellt werden.

Als nächstes werden die Eltern befragt. Diese bestätigen: Ja, das ist unser Sohn und er war früher blind. Wie die Heilung vor sich gegangen ist, wissen sie allerdings nicht – der Sohn ist volljährig und trägt für sich selbst die Verantwortung. Er muss sich schon selbst verteidigen.

Der ehemals Blinde wird langsam ärgerlich und trotzig – seine Antworten werden unwirsch – mehr als das, was ich schon zigmal gesagt habe weiß ich auch nicht!

Und dann wird er folgerichtig hinausgeworfen, endgültig aus der Gemeinschaft verstoßen. Diese sogenannte Heilung kann nicht mit rechten Dingen zugegangen sein, deshalb wollen sie ihn von sich fernhalten. Der Geheilte versucht es noch einmal mit einer Verteidigungsrede – klug versucht er, die Leute mit ihren eigenen Argumenten zu schlagen – vergeblich: Die vorgeblich Frommen wissen es besser. Sie jagen ihn weg. Ihr Urteil ist endgültig.

Wer sagt eigentlich, dass eine Heilung immer etwas Gutes sei?

An dieser Stelle der Geschichte beginnt unser Predigttext:

 

            Johannes  9; 35 – 41:

Als Jesus erfuhr, dass sie ihn ausgestoßen hatten, suchte er ihn auf und sagte: „Hast du Vertrauen zum Menschensohn?“ Der Mann antwortete: „ Wenn du mir sagst, wer es ist, werde ich ihm vertrauen.“ Jesus sagte: „Du siehst ihn ja, er spricht mit dir.“ „Herr, ich vertraue dir“, sagte der Mann und betete ihn an.

Jesus sagte: „Ich bin in diese Welt gekommen, damit die Blinden sehend und die Sehenden blind werden. Darin vollzieht sich das Gericht.“ Einige Pharisäer, die bei ihm waren, hörten das und sagten: „Du willst doch nicht behaupten, dass wir blind sind?“ Jesus antwortete: „Euch würde keine Schuld angerechnet, wenn ihr blind wärt. Weil ihr aber sagt ´Wir können sehen.´ bleibt ihr schuldig.“

Der ehemals Blinde hatte einiges hinter sich als er wieder auf Jesus trifft. Die Enttäuschungen haben ihm den Blick getrübt, er kann nicht sofort erkennen, wer ihm da gegenübersteht und ihm die unerwartete Frage stellt:

Glaubst Du an den Menschensohn?

Der Mann hat eigentlich die Nase voll von religiösen Fragestellungen – die waren ihm zu weit weg von seinem inneren Erleben – die waren ihm zu theoretisch – da hatte er niemanden gefunden, der sich mit ihm freuen wollte. Soll er schon wieder auf die Probe gestellt werden?

Doch Jesus spricht ihn auf sein neues Leben an: Du hast den Menschensohn gesehen und jetzt redest Du mit ihm.

Das ist neu – und vor allem: Das ist sehr persönlich und direkt. Jesus anerkennt ihn. Er sieht in ihm denjenigen, der geheilt ist – der jetzt Augen hat zu sehen und der diese Augen auch nutzen soll. Alle anderen waren nur an den äußeren Umständen interessiert – keiner hatte ein Wort der Freude oder des Mitgefühls für ihn übrig. Niemand bemerkte sein neues Leben mit dem er aus dem Schatten ins Licht getreten war.  Alle wollten nur wissen: Wie – wann und warum? Der Mensch dahinter war für sie unwichtig.

Jetzt steht er vor Jesus und kann bekennen: Ja, ich glaube.

Er ist durch diese direkte Begegnung nicht mehr angewiesen auf das Wohlwollen und die Anerkennung der Gesellschaft und der Amtsträger. Sein neues Leben ist ihm plötzlich ganz bewusst geworden – es liegt vor ihm und er braucht nur noch loszugehen – sehenden Auges.

Und Jesus spricht wieder einmal in Rätseln: Die, die nicht sehen, werden sehen und die, die sehen werden blind.

Und die Nachbarn und die Eltern und die Gelehrten fragen sich: Was denn, wir? Sie waren zum Sehen – zum Glauben – aufgefordert worden – sie hätten sehen können, wie einem Menschen Heilung widerfuhr – aber sie wollten nicht. Sie waren einfach festgelegt in ihrem Sehen – nicht offen für Unerwartetes – und deshalb wurde ihnen das Wunder nicht zugänglich, blieb die ungeheure Herausforderung ihnen verborgen.

Sind wir denn auch blind – so fragen die Frommen erstaunt. Das können und wollen sie eigentlich nicht glauben – und Jesus bestätigt ihnen: Ihr rennt sehenden Auges in euer Unglück.

Sehen und Nichtsehen hat nicht nur etwas mit der Sehkraft der Augen zu tun.

Blind für etwas sein ist eine bekannte Redewendung. Dieses Nicht – wahr – haben – wollen soll schützen vor Dingen und Situationen, die Menschen für unerträglich halten.

Das kann ich gar nicht sehen – heißt es –

und heißt richtiger: Das will ich nicht sehen – das will ich nicht ertragen. Und das ist gut nachvollziehbar. Es gibt Katastrophen und Verhaltensweisen und Ungerechtigkeiten – die sind einfach unerträglich –

die Zeitungen und die anderen Medien sind voll davon. Und ich kann verstehen, wenn weggesehen wird – nicht hingesehen – weil diese Form der „Blindheit“ Schutz ist gegen Schmerz und Wut und Angst.

Bloß – es hilft nichts, wegsehen verändert nichts – die es betrifft, müssen es auch aushalten:

Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen – Kinder, die am Verhungern sind –Tiere, die gequält werden in unserem Land –

es gibt so vieles, das ich nicht sehen will.

Als Jesus den blinden Mann geheilt hat, hat er ihm allerhand zugemutet – auf der einen Seite hat er ihm neue Welten gezeigt – Farben und Licht – die Schönheiten der Natur –

und auf der anderen Seite manches an Unannehmlichkeiten – an unübersehbaren Ungerechtigkeiten – der Mann kann jetzt nicht mehr sagen: Das habe ich nicht gesehen. Das wusste ich ja gar nicht.

Jesus hat den Mann sehend gemacht und ihn mit dieser Fähigkeit losgeschickt in eine Umgebung, die ihm nicht nur freundlich gesonnen war.

Sag, was Du siehst – schau hin – lass Dich nicht verunsichern –

und: Er lädt zum Glauben ein. Jesus der Retter – Jesus, der Orientierungspunkt.

Den Pharisäern wird nicht vorgeworfen, dass sie sehen können, sondern dass sie diese Fähigkeit nicht nutzen, dass sie blind bleiben für das, was sie nicht sehen wollen.

Sicher lohnt es, darüber nachzudenken: Was will ich nicht sehen – und warum nicht – und wie kann ich dazu kommen, die mir geschenkten Sinne und Fähigkeiten auszunutzen und einzusetzen, um richtig zu sehen und zu hören – hinzusehen – hinzuhören –

um sich für Veränderungen einzusetzen – um mit anderen zusammen Wege zu suchen, die zusammenführen – um mit dafür einzustehen, dass Menschen menschlicher miteinander und mit der Schöpfung umgehen.

Sich nicht entmutigen zu lassen – den Kopf nicht in den Sand zu stecken - dafür braucht es Kraft – und Hoffnung – und Zuspruch, den wir uns allein nicht geben können. Und die Gewissheit, nicht allein zu sein bei diesem Bemühen. Dazu ist der Glaube nötig, nach dem Jesus den Geheilten fragt.

Der Glauben an den Mann der sagt und zeigt: Heilung ist immer etwas Gutes – sie führt weiter – aus Verengungen und Begrenzungen heraus –

Jesus, der Heiler – der Heilmachende –

Jesus, der nicht will, dass uns Menschen Hören und Sehen vergeht sondern der es erst ermöglicht.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Gedanken, unseren Mut und unsere Phantasie in Jesus Christus. Amen.

 

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Gottesdienst zum Erntedankfest

Kroppenstedt  29. September 2019 um 14 Uhr

Hedersleben 6. Oktober 2019 um 10 Uhr

Heteborn 13. Oktober um 10.30 Uhr        Rodersdorf 13. Oktober um 14 Uhr

Evangelium: Lukas 8; 4 – 8

Neue Möglichkeiten zu leben und Frieden kommen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, der für uns maßgeblich ist. Amen.

Liebe Gemeinde,

bei mir zu Hause habe ich einen Kalender, auf dem täglich ein mehr oder auch weniger sinnvoller Spruch zu lesen ist. Der von heute hat mir gefallen: „Dankbare Menschen sind wie fruchtbare Felder. Sie geben das Empfangene zehnfach zurück.“

Ein schönes Bild – passend zum Erntedankfest.

Dank ist nicht selbstverständlich – in unserem Land werden viele Erntefeste gefeiert, deutlich weniger ErnteDANKfeste.

Erntedankfest ist ein schöner Anlass darüber nicht nur nachzudenken, sondern tatsächlich auch zu danken für alles, was unser Leben lebenswert und wertvoll und einmalig macht.

Gleichzeitig denke ich daran, dass Säen und Ernten sich nicht auf die Landwirtschaft beschränken, sondern sehr viel mehr beinhalten.

Mir fällt der kleine Junge ein, der einmal ganz energisch gesagt hat: „Nein, meine Eltern ziehen mich nicht groß – ich wachse von allein.“

Für mich ist faszinierend, wieviel Wahrheit und Weisheit in diesem Satz steckt. Wir leben alle von dem, was wir nicht selbst machen können – wir sind und bleiben angewiesen auf den Segen, der uns zuwächst.

Erntedankfest erinnert daran, dass Dank etwas mit Nachdenken zu tun hat. ErnteDANKfest erinnert daran, dass keineswegs selbstverständlich ist, was im Verlaufe eines Jahres gelingt – und anderes, das wir gerne festhalten würden, zerrinnt zwischen den Fingern und gelingt nicht.

Erntedankfest – wenigstens einmal im Jahr das Staunen darüber, dass noch frisches Wasser fließt, dass die Birnen reif werden – dass die Vögel singen – jede Blüte, die sich langsam öffnet ist wie ein kleines Wunder.

Oder die Freude darüber, dass ein Streit zu Ende ging, der sich zermürbend in die Länge zog – dass eine Beziehung stabiler wurde – dass Gemeinschaft entstehen und wachsen konnte.

Erntedank kann so etwas sein wie ein Aufatmen, wenn der Dank aus dem Nachdenken kommt und Menschen erkennen, dass wir unser Leben nicht uns selbst verdanken.

 

Als Jesus unterwegs war hat er viele Geschichten erzählt, oft aus der Landwirtschaft. Eine davon aus dem Lukasevangelium haben wir gehört.

Erzählt ist aus der Sicht eines Menschen, der sich Mühe gibt und sich einsetzt. Er hat sein Saatgut ausgestreut, das Seine getan. Er hatte Ziele – hoffte auf Ertrag – und musste erleben, wie bedroht der Erfolg seiner Arbeit ist.

Vogelschwärme fressen, was er gesät hat – Menschen zertrampeln sein Feld – Steine liegen im Acker und Unkraut überwuchert die zarten Pflanzen.

Jesus beschönigt nichts. Er beschreibt das Leben mit seinen Härten und Enttäuschungen und Vergeblichkeiten. Ein Leben wie das von Eltern, die sich um Kinder kümmern; wie das von Mittvierzigern, die um ihre Arbeitsstelle fürchten; wie das von Älteren, die danach fragen, was aus ihnen wird.

Nichts wird zugedeckt, nichts soll verklärt werden. Traurigkeit darf Worte finden – Mutlosigkeit darf ausgesprochen werden und Gehör finden.

Es gibt viele Gründe darauf zu sehen, was zertreten wird – und was erstickt – und was aufgefressen wird.

Jesus schildert die harte Zeit des Wartens auf Wachstum oder Vergehen. Der Sämann sät für das Leben. Und in jedem Leben gibt es Erfolg und Misslingen, Ertrag und Scheitern.

Das gibt es genauso wie das Wissen: Nicht alle Mühe ist vergeblich; es gibt gute Ernten; Arbeit, die sich lohnt; Samen, der Frucht bringt.

Und so wird das Bild vom Sämann zu einem ermutigenden Bild:

Neben dem Scheitern gibt es Gelungenes. Wir müssen nicht aufgeben – wir können Pläne für die Zukunft machen und hoffen, dass einige von ihnen aufgehen und Frucht tragen.

Das Gleichnis vom Sämann und vom Acker regt zu Deutungen an. Wer sich dabei in dem Sämann wieder erkennt wird ermutigt und getröstet: Seht her – die Arbeit ist mühsam, hart und dornenreich. Oft dauert es lange, bis ihr einen Erfolg seht. Und dennoch trägt die Arbeit Früchte – sorgt euch nicht zu sehr.

Es gibt auch die andere Deutung: Wir sind das Ackerfeld. Bei uns geht viel verloren vom guten Samen, vom lebensbejahenden Wort Gottes.

Dann ist es eine Aufforderung, guter Boden zu sein, viel Frucht zu bringen – und das kann eine Ermahnung sein, die es eng werden lässt ums Herz. Bin ich eine Versagerin? Leiste ich zu wenig? Muss ich ständig ein schlechtes Gewissen haben?

 

 

Mir ist noch eine dritte Blickrichtung eingefallen:

Kann man einen Felsen dafür beschuldigen, dass er hart ist und nicht weich? Oder die Dornen dafür, dass sie wuchern und sich ausbreiten? Ist das Versagen oder Schuld?

Und wer will es den Vögeln vorwerfen, dass sie Körner suchen und finden und fressen? Ist das böse oder schlecht?

Aus der Sicht der Vögel sieht es anders aus: Wie gut, dass einiges auf den Weg fiel. Denn Vögel säen nicht und ernten nicht – und doch leben sie. Eigentlich wäre es eine Entlastung, wenigstens manchmal so zu leben, wie diese Vögel –

wenn mir etwas zufällt; etwas geschenkt wird; wofür ich nichts tun musste – was ich einfach dankbar annehmen kann.

Oder der Felsen: Er liegt ruhig da, vom Regen ausgewaschen, von der Sonne beschienen. Nichts kann ihm etwas anhaben, er ist widerstandsfähig. Keiner kann etwas von ihm fordern, niemand ihn überfordern.

Es wäre eine Entlastung, auch mal auszuruhen, gelassen zu sein, keine Angst vor Verletzungen haben zu müssen.

Und schließlich die Dornen:  Sie sind wehrhaft, sie können allein stehen, lassen sich nicht vereinnahmen, nicht überwuchern.

Manchmal muss ich mich wehren können – brauche ich Abstand – Einsamkeit – meine eigene Stärke; muss erleben, dass ich auch alleine jemand bin.

Auf dem Acker des Sämanns gibt es Steine, Dornen und Vögel – genauso wie auf dem Feld des Lebens.

Menschen sind nicht immer gleich – mal sind sie hart – dann wieder weich – mal stachlig und mal widerstandsfähig und dann wieder zart und verletzlich – mal flüchtig und unstetig – dann wieder beständig und beharrlich.

Das alles gehört zum Menschsein dazu – die Sehnsucht nach Nähe und der Wunsch nach Distanz – der Drang zum Neuen wie das Festhalten am Bestehenden. Es gehört zur Vielfalt des Daseins.

Jesus hat nicht gesagt, dass es die Felsen, die Vögel und die Dornen nicht geben dürfe. Sie gehören zum Leben. Und sie alle nähren sich auf irgendeine Weise von der ausgestreuten Saat.

Daneben die weiche Erde, die den Samen aufnimmt und wachsen lässt. Und die Saat geht auf und es reicht für den Sämann und die Ernährung und auch noch für die Aussaat im nächsten Jahr.

Jesus hat uns ein Bild für das Leben vor Augen gestellt. Alles, was er beschreibt, gehört dazu: Helles und Dunkles – Hartes und Weiches – Beständiges und Flüchtiges. Erst in diesem Spannungsfeld werden Lebendigkeit und Wachstum möglich.

Der gute Boden ist nicht nur das fruchtbare Stück Land – die Felsen, Dornen und Vögel gehören dazu. Ich lese das als eine Einladung uns damit auszusöhnen – mit allem, was zu uns gehört.

Schön, wenn es immer wieder Hoffnungsgeschichten gibt – wenn Menschen Träume haben und Visionen, ohne sich etwas vorzumachen und die Gegenwart zu beschönigen.

 

Ich wünsche Ihnen das Staunen darüber, was es alles Schönes auf unserer Erde, in Gottes guter Schöpfung, gibt; dass wir alles haben, was wir zum Leben brauchen und in der Regel einiges darüber hinaus.

Wenn ich mir die Kataloge ansehen, die fast täglich in meinen Briefkasten  flattern, freue ich mich auch darüber, was ich alles nicht brauche und vielleicht geht es Ihnen ja ebenso.

Vor wenigen Tagen las ich den Satz: „Wer sich freut, dem fehlt die Zeit, sich zu ärgern.“

Ihnen allen einen erfreulichen Erntedankfesttag unter Gottes Segen. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, als alle Skepsis und Vorsicht, bewahre unsere Herzen und Gedanken, unseren Mut und unsere Phantasie in Jesus Christus, unserem Herrn.       Amen.

 

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Gottesdienst 22. September 2019

14. nach Trinitatis

9 Uhr Hedersleben

Epistel:          1. Thessalonicher  1; 2 – 10

Neue Möglichkeiten zu leben und Frieden kommen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, der für uns maßgeblich ist.        Amen.

Liebe Gemeinde,

immer mal wieder höre ich, es sei doch nichts mehr los in und mit den Kirchengemeinden – auch hier im Pfarrbereich Bode-Selke-Aue nur wenige Taufen und Konfirmationen – schlecht besuchte Gottesdienste, kaum Erfreuliches – wobei solche Äußerungen oft von denjenigen kommen, die sich nur wenig oder gar nicht am Gemeindeleben beteiligen.

Da kommen mir beim Hören des Predigttextes sofort fast neidische Gedanken: Das muss eine großartige Gemeinde gewesen sein, da in Thessalonich. Beneidenswert und vorbildlich. Alles scheint von vorn bis hinten zu stimmen: Der Glaube trägt, die Liebe ist aktiv, die Hoffnung unerschütterlich.

Der Heilige Geist ist am Werk, Götzen werden entlarvt, dem lebendigen Gott kommt alle Ehre zu – was will man noch mehr. Schade, dass es heute nicht mehr so ist.

Wenn ich mich unter uns umhöre, stoße ich auf ganz anderes: Der Glaube flackert wie ein wirres Licht. Die Liebe droht immer wieder zu erkalten, der Hoffnung fehlt es am langen Atem. Stöhnen liegt näher als Danken, Sorgenfalten stellen sich eher ein als unbeschwertes Lachen.

Vielleicht erwarten wir zu viel von uns, vor allem von unserem eigenen Engagement? Paulus rechnet in erster Linie damit, dass Gott etwas tut. Wir sind fixiert auf das, was   w i r   schaffen und erreichen. Und dann lässt sich leicht übersehen, dass es auch in unseren Gemeinden mehr an Glauben, Lieben und Hoffen gibt als wir auf den ersten und zweiten Blick bemerken.

Zu schnell stimmen Menschen mit ein in die Klagelieder über den verwahrlosten Zustand der Kirche und nehmen nicht wahr, was Gott an Gutem wirkt. Es passiert mehr als wir registrieren und längst nicht alles wird veröffentlicht – warum nur liegt das Stöhnen näher als das Danken? Übrigens nicht nur in der Kirche.

Aber auch da und das nicht ganz grundlos: Oft sieht es aus, als seien Christen nur noch auf dem Rückzug. Es wird kaum noch Großes für uns und unsere Welt erwartet. Schnell wird anderen das Sagen überlassen, den ewigen Schönrednern oder den Weltuntergangsaposteln.

Christen drohen zu verstummen, je lauter andere werden. Sie leiden darunter, dass nicht mehr die großen Wirkungen von damals erlebt werden. Und doch läuft das Evangelium, stärkt und tröstet Menschen. Und das, obwohl uns häufig die Überzeugungskraft fehlt und die Puste ausgeht.

„Wir danken Gott allezeit“ schreibt Paulus der Gemeinde in Thessalonich. Wann danken wir für unsere Gemeinden?

Ist es nicht eher so, dass beim Blick auf die Gemeinden ganz andere Gefühle da sind:

Ø  Die Gottesdienste werden besucht, sie fallen nicht aus mangels Teilnehmern, aber es kommen eben nicht viele und meist sind es dieselben.

Ø  Taufen, Trauungen, Konfirmationen, Beerdigungen sind seltener geworden – oft sieht es aus, als komme es gar nicht auf den Gottesdienst an, sondern mehr auf einen feierlichen Rahmen für die Familie.

Ø  Und dann sind da die vielen Sitzungen – und immer wieder geht es um Zahlen, Geld, Rechnen, Planen und die fürchterliche Bürokratie.

Ø  Und dann geht auch noch die langjährige Pastorin in den Ruhestand und wir wissen nicht, wie es weitergehen wird ohne festen hauptamtlichen Mitarbeiter/in …

Wofür sollen WIR danken, wenn wir an Kirche und Gemeinde denken?

Die überschwänglichen Worte des Paulus machen eher mutlos, weil sie schmerzlich spüren lassen, dass es damals offenbar ganz anders gewesen ist. Den Überschwang seiner Begeisterung kann ich nicht ehrlich teilen.

Vielleicht weil es mit dem Dank innerhalb der Kirche überhaupt schwierig ist.  Immer wieder begegnet der Vorwurf, Dank sei in der Kirche ein selten zu hörendes Fremdwort.

Mitunter  sagen das Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich für ihre Gemeinde einsetzen und sich zuweilen überfordert und ausgenutzt vorkommen – Hauptamtliche wie Ehrenamtliche. Und das, obwohl bekannt ist, wie wichtig es ist, Dank auszusprechen für das, was scheinbar selbstverständlich geschieht.

Paulus dankt für das, was in der Gemeinde geschieht. Er dankt, obwohl auch dort keineswegs alles ideal war. Die Thessalonicher hatten ihre Schwierigkeiten mit der täglichen Arbeit und dem Glauben. Sie waren ungeduldig. Sie kamen nicht klar mit dem Problem der Auferstehung der Verstorbenen. Sie waren in der Großstadt Thessalonich eine verschwindend kleine Gemeinde inmitten einer Umwelt, die von ihnen und ihrem Glauben an Jesus nichts wissen wollte.

Wenn ich mir das vor Augen halte, sehe ich die lobenden Worte des Paulus in einem anderen Licht. Dann halten unsere Gemeinden den Vergleich mit damals durchaus aus.

Weil er dann nicht mehr lautet: JENE blühenden Gemeinden damals und UNSERE kläglichen heute.

Paulus lädt dazu ein, das Leben in den Gemeinden mit anderen Augen zu sehen – nicht nur mit denen der Statistik.

Er bringt es so zur Sprache, dass Gottes Wirken erkennbar wird – und dann findet er vieles, für das zu danken ist – unabhängig von Zahlen und trotz aller Schwierigkeiten, mit denen Gemeinde konfrontiert ist.

Ø  Ich kann Danke sagen, dass Menschen zum Gottesdienst kommen, denen diese Gemeinschaft gut tut, die auf Gottes Wort hören und seine Nähe erfahren wollen.

Ø  Ich werde dankbar für diejenigen, die die großen Feste des Lebens mit einem Gottesdienst verbinden und sich darin ihres Weges vergewissern und um Gottes Begleitung bitten.

Ø  Ich bin dankbar, dass Menschen ehrenamtlich in der Gemeinde mitarbeiten, sich Zeit nehmen für Sitzungen, um haushalterisch und verantwortungsbewusst mit Geld, Mitarbeitern, Begabungen und Zeit umzugehen.

Ø  Dankbar bin ich für alle in unseren Gemeinden, die für andere beten, die Kranke besuchen, die Trost spenden und Mut zum Leben haben und machen.

Ø  Dankbar bin ich für die kleinen und großen Feste, die wir als Gemeinde miteinander feiern können, genauso wie für alle Begegnungen und Treffen unter Christen, von denen ich gar nichts weiß.

Paulus hat damals missioniert und hat dabei nicht vereinzelte Christen, sondern Gemeinden geschaffen. Dafür dankt er – und gibt dem die richtige Richtung, indem er nicht für die gute Arbeit der Einzelnen dankt, sondern Gott, dem Herrn, der dazu befähigt.

Für Paulus ist die Gemeinde der Ort, wo Glaube und Liebe und Hoffnung gedeihen und getan werden – nicht allein, sondern in einer Gemeinschaft.

Ø  Der Glaube lebt von der Gemeinschaft. Er braucht die gemeinsame Feier der Wahrheit Gottes. Er braucht den Austausch mit anderen Menschen und ist auf das Gespräch angewiesen. Ein mit seinem Glauben auf sich gestellter Mensch gerät schnell in Bedrängnis und bleibt auf der Strecke.

Ø  In der Gemeinde wird die Botschaft Gottes weitergegeben. Sie weckt Hoffnung auf einen neuen Himmel und eine neue Erde ohne Tränen, ohne Geschrei und Schmerz. Sie tut das, obwohl die Einzelnen unvollkommen sind.

Ø  Solche Hoffnung macht das Tun möglich. Menschen praktizieren Solidarität und tragen miteinander Lasten, die die Schultern Einzelner überfordern würden – das alles ist ein Vorgeschmack des Gottesreiches.

„Darum denke mit, darum danke mit...“ hieß es in einem Lied der Jungen Gemeinden vor vielen Jahren. Vielleicht danken wir zu wenig, weil wir zu wenig nachdenken? Doch – das lässt sich ja ändern – Gott sei Dank!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, als alle Skepsis und Vorsicht, bewahre unsere Herzen und Gedanken, unseren Mut und unsere Phantasie in Jesus Christus, unserem Herrn.       Amen.

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14. Mai 2017 - 40 Jahre Ordination - Thale St. Andreas

   

                                      

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Gottesdienst 31. Oktober 2014

Wendegedenken – Reformation – Verabschiedung Pastorin Ursula Meckel

Liebe Versammelte,

heute vor 25 Jahren um diese Zeit war ich sehr viel aufgeregter als heute – in zweieinhalb Stunden würde hier in dieser Kirche eine Veranstaltung beginnen, von der niemand sagen konnte, wie sie ausgehen würde – wie viele kommen würden – ob es friedlich bliebe. Einige entschlossene Bürger/innen hatten eingeladen zu einem „Gebet für Land und Leute“ - … ein heute völlig harmloser Text, damals  staatsgefährdend gefährlich – die Handzettel wurden schnell entfernt, doch es hatte sich herumgesprochen.

Etliche sind jetzt hier, die damals auch dabei waren – um viele Erfahrungen reicher.

An diesen Reformationstag vor 25 Jahren erinnern wir.

Reformationstag – ein evangelischer Feiertag, den wir hier in Thale seit vielen Jahren ökumenisch begehen – so auch heute – ein zweiter Grund zur Dankbarkeit, weil das keineswegs überall selbstverständlich möglich ist.

Der dritte Anlass dieses Gottesdienstes: Nach 40 Jahren im kirchlichen Dienst werde ich verabschiedet - von den Kirchengemeinden und vom Kirchenkreis – entpflichtet vom Amt? – von der Pflicht zur Kür? – beziehungsweise verabschiede ich mich? - oder auch nicht?

Schaun wir mal.

Auf jeden Fall feiern wir jetzt einen Gottesdienst mit ganz viel Musik und dafür bin ich dankbar; dankbar allen, die ihn mit ausgestalten – und dazu gehören auch Sie alle hier, die zum Mitsingen eingeladen sind.

Dankbar bin ich vor allem dafür, dass wir uns versammelt haben im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen. Hilfe erwarten wir von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

Chor + Gemeinde: Wo Menschen sich vergessen …

Gott, wir treten jetzt vor Dich mit unseren Erinnerungen, unseren Wünschen, unseren Befürchtungen und unseren Hoffnungen. Wir schauen zurück und nehmen Abschied – wir blicken nach vorn und haben Träume.

Ich möchte bewahren, was gut war in den vergangenen Jahrzehnten. Denn vieles war wunderschön, erfrischend, aufregend, überraschend neu – dafür danke ich, das will ich nicht missen.

Loslassen und bewahren - beides. Gott, gib mir den Mut, die Hände zu öffnen, um Altbekanntes loszulassen. Gib mir den Mut, die Hände zu öffnen und die Arme auszubreiten, um Neues, Unbekanntes zu begrüßen.

Gott, ich danke Dir, dass ich getragen bin von der Hoffnung, gehalten zu werden -  beflügelt von dem Glauben, dass Du Dich kümmerst - auch um mich. Begeistert von dem Glauben, dass Du da bist.

Du hältst die Zeit liebevoll in Deinen Händen. Du bist ewig. Gestern und heute und morgen. Kein Anfang, kein Ende. Die Zeiten kommen und gehen - Du bleibst und rufst zum Leben im Vertrauen auf Dich und Deine beständige Gegenwart. Du bist auch jetzt mitten unter uns. Das ist Grund, sich zu freuen – deshalb:

Jauchzet dem Herrn alle Welt!

Amen.

Chor + Bläser:     Psalm 100

Lesung = Prediger 3; 1 - 13                                   

Meine Hoffnung …

                Credo                                                        

Bläser:                 La nuit

PREDIGT-Einstieg

U.:     Sag mal bitte,  Angelika, findest Du nicht auch, dass das heute hier eine etwas seltsame Veranstaltung ist?

A.:     Wieso seltsam? Es ist ein schöner Gottesdienst in einer vollen Kirche mit aufmerksamen Menschen, viel Musik und guter Stimmung. Und weil aller guten Dinge drei sind, gibt es drei inhaltliche Schwerpunkte: Wende-Gedenken, Reformation und Deine Verabschiedung.

U.:     Wende-Gedenken und Reformation sind klar – aber meine Verabschiedung? Mein Dienst hier im Pfarrbereich endete schon vor sieben Monaten. Ich wohne weiter in der Gemeinde und gehöre zum Bläserchor und in der Stadt bleibe ich ebenfalls, sogar im Stadtrat. Und: Im Kirchenkreis und selbst darüber hinaus geht meine Arbeit weiter. Also was für ein Abschied?

A.: Kann es sein, dass Du Dich um einen Abschied drücken willst?

U.: mhm … Also, mein ältester Patensohn hat mir geschrieben: „Ruhestand KANNST Du gar nicht.“

A.: Weiche nicht aus! Kann es sein, dass Du Dich drücken willst vor dem Abschied? Weil das weh tut?

U.: mhm …

A.: Bisher hast Du das ja ganz geschickt geschafft – denn Dein Dienst im Pfarrbereich Thale endete ja bereits am 31. März – wie Du weißt…

U.: Und Du weißt: Jeder Abschied ist ein kleines Sterben.

A.: Gehts auch etwas weniger theatralisch? - Du weißt: Alles hat seine Zeit … steht doch so schön auf der Einladung: …

U.: Das ist wohl der Unterschied zwischen Theorie und Praxis - oder wie wir hier im Osten gesagt haben: Zwischen Marx und Murks. Ich weiß, dass ich mich dem stellen muss. Nur: Zum April hast Du hier eine neue Pastorin eingesegnet. Willst Du mich jetzt aussegnen? Das klingt so nach Beerdigung.

A.: Natürlich nicht! Aber z. B. entpflichten – Du MUSST jetzt nichts mehr tun, aber Du darfst noch – und Pastorin bleibst Du ohnehin (so lange Du es möchtest).

U.: mhm …

A.: Nun schwirre schon ab auf die Kanzel – oder hast Du nichts mehr zu sagen?

U.:   Na gut. J  Aber ich bleibe lieber hier unten – ich möchte ja nicht „von oben herab“ reden …

Neue Möglichkeiten zu leben und Frieden kommen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, der für uns maßgeblich ist.                 Amen.

Liebe Anwesende,

gestern wurde ich am Telefon gefragt: „Freust Du Dich eigentlich auf den Gottesdienst morgen?“ und ich konnte ehrlichen Herzens sagen: „Inzwischen Ja! Ja, ich freue mich.“

Im April, als das eigentlich aktuell war, hätte ich das noch nicht gekonnt, denn es ist ja etwas dran, dass ich mich eigentlich irgendwie um diesen Abschied drücken wollte, weil eben jeder Abschied ein kleines Sterben ist und weh tut.

Heute ist das anders, weil nicht nur ein Lebensabschnitt zu Ende ging, sondern weil Neues, und für mich sehr Erfreuliches angefangen hat – und weil Wichtiges geblieben ist.

Loslassen und bewahren zugleich, Ende und Anfang.

Allerdings: Irgendwie lastet jetzt auf mir der Druck, ich müsse nun etwas ganz Bedeutsames und Kluges sagen – etwas zum Merken und Aufmerken – zum Abschied, der ja gar kein wirklicher Abschied ist. Denn es sind eben keine „letzten Worte“.      

Klar ist, ich bin nicht mehr die Pastorin von Thale, Warnstedt, Bad Suderode und Friedrichsbrunn – den Staffelstab im Pfarrbereich habe ich am Ostermontag weiter gegeben - aber ich bin und bleibe Pastorin und das gerne und bin dankbar für neue Herausforderungen und Aufgaben im Kirchenkreis und darüber hinaus – solange ich das kann und darf.

Normalerweise sitze ich unter den Bläser/innen – und das ist mir wichtig: Mitzublasen und vor allem Dazuzugehören. Ich möchte Teil einer Gemeinschaft sein, keine Einzelkämpferin. Aber heute gönne ich mir mal das Zuhören - dürfen.

Wendegedenken – Erinnerung an den Reformations-Abend vor 25 Jahren – damals wurden „Zeugnisse der Betroffenheit“ laut.

Ursprünglich wollte ich jetzt sagen, was mich heute betroffen macht. Dann ist mir noch rechtzeitig eingefallen, dass in unserem Land viel gejammert wird – und das meist auf sehr hohem Niveau. Das möchte ich nicht und habe auch keinen Grund dazu, vielmehr möchte ich am Ende einer langen Zeit im kirchlichen Dienst sagen, was mich dankbar macht.

Ich werde drei Kerzen der Dankbarkeit entzünden.

1. Die erste für das ehrenamtliche Engagement vieler Menschen, ohne das sehr vieles nicht möglich wäre - in den Kirchengemeinden – in den Kommunen – in Verbänden und Vereinen … über Parteigrenzen hinweg. Menschen, die nicht sagen „Was kriege ich dafür?“ und vor allem nicht: „Da kann man doch nichts machen“, sondern die sagen: „Da kann ICH was machen“ und das auch tun – zusammen mit anderen. Die nicht nur meckern und alles von anderen erwarten.

Dass viele den Mut haben, sich einzusetzen und kostenlos Zeit und Kraft opfern, auch wenn andere darüber den Kopf schütteln oder sich lustig machen, das finde ich einfach toll!

Mein Freund Erich Schweidler – er war Pfarrer an der St.Petri-Gemeinde und erster Nachwendebürgermeister in Thale – hat mir 1976 ins Gästebuch geschrieben: „Wer den Mut hat, sich unbeliebt zu machen, wer unbequem ist,  bringt die Entwicklung weiter. Mitmacher sind zwar bequem, aber langweilig.“

Sich anstößig zu verhalten bringt Anstöße – bringt in Bewegung – bringt weiter – macht die Welt etwas heller und wärmer, so wie diese Kerze.

2. Die zweite Kerze der Dankbarkeit entzünde ich für meine guten Erfahrungen mit der Ökumene – nicht nur aber auch hier in Thale.  Wir haben in den vergangenen Jahren vieles ganz unkompliziert gemeinsam gemacht, manchmal im Kleinen, dann auch im Größeren. Ich erinnere an den Ökumenischen Kreiskirchentag 2008, an die vielen Mitwirkenden beim Harzfest und 2009 beim Sachsen-Anhalt-Tag hier in Thale, bei den vielen Harzer Sommertagen, die wir ökumenisch gestaltet haben.

Viel Gemeinschaft und Gemeinsamkeiten konnte ich erleben bei den großen Ökumenischen Kirchentagen in Berlin und München, bei Katholikentagen und den großen evangelischen Kirchentagen und bei den Reformationstagen, die wir hier in Thale seit langem zusammen begehen – mit gemeinsamen fröhlichen Mahlzeiten.

Noch trennt uns evangelische und katholische Christen manches voneinander, doch es gibt viele Schritte aufeinander zu.  

Im September habe ich in Halberstadt an einer Ökumenischen Vesper teilgenommen aus Anlass des kirchlichen Festes für den Frieden und die Einheit der Kirche. Ein katholischer Geistlicher führte dazu aus:

Wichtig bleibt, dass der Glaube und das Mahl anderer Konfessionen nicht richtig oder falsch, sondern ehrlich, aber eben anders sind. Diese Erkenntnis ist eine tragfähige Grundlage für Gespräche, die keinen Einheitsbrei als Ergebnis wollen. Selbst wenn es immer noch nicht nach einer zeitnahen Lösung aussieht: "Der Mauerfall vor 25 Jahren kam auch unerwartet!"

Beifall bekam er für seinen Satz: „Freiheit muss ich mir NEHMEN.“  Die bekommen wir nicht auf einem Silbertablett serviert. Wenn das nicht hoffen lässt!

Dafür die zweite Kerze, bei der ich auch an den Satz denke, der mir schon in der DDR-Zeit wichtig geworden ist: „Es ist besser eine Kerze anzuzünden als über die Dunkelheit zu jammern.“

3. Die dritte Kerze ist deutlich größer als die beiden anderen und das ist natürlich kein Zufall. Ich bin in einem nichtkirchlichen Elternhaus aufgewachsen und habe als Jugendliche ersten Kontakt zu Kirche und Glauben gefunden. Dankbar bin ich für die Kraft des Glaubens – für die Einladung zur Freiheit und zum aufrechten Gang.

Ein Spruch von Theodor Storm, den ich von meinem Konfirmator gelernt habe, hat mich geprägt: „Der eine fragt: Was kommt danach? Der andre fragt nur: Ist es recht? Und also unterscheidet sich der Freie von dem Knecht.“

Ich wollte FREI sein und habe im Glauben Freiheit gefunden und die Erkenntnis gewonnen: Gottesfurcht schützt gegen Menschenfurcht. Ich denke an Paulus in der Gefängniszelle: Er war gefesselt und predigte dennoch FREI das Evangelium. – Ich lebte in einem Staat, der seine Bürger/innen einsperren musste, damit sie blieben …

Diesen Zustand konnten wir beenden – friedlich – ohne Gewalt – mit vielen kleinen Kerzen, auch hier bei uns in Thale.

Dafür diese dritte große Kerze. Danke für alles!

Heute meine Verabschiedung aus dem offiziellen Dienst. Aber ich bin und ich bleibe Pastorin. Als Christin lebe ich in dem Wissen, ein Geschöpf zu sein – verantwortlich für mein Leben, für alles Tun und für alles Lassen – und angewiesen auf Gemeinschaft.  

Gott gibt dem Menschen viele Möglichkeiten und setzt ihm hilfreiche Grenzen. Wer sich vor Gott verantwortlich weiß, geht verantwortlich mit der Schöpfung, mit den Mitmenschen, mit sich selbst um.  

Jesus ist uns ein Vorbild: Er war unbequem und anstößig – hatte keine Angst vor den Mächtigen und Geduld mit den Unvollkommenen. Er blieb ehrlich und riskierte es, sich unbeliebt zu machen. Mit seinen Maßstäben lässt es sich leben: „Gott ist der Mensch, der uns menschlicher macht.“

Zum Schluss ein Satz vom „Ehrenbürger der Herzen“ unserer Stadt, dem katholischen Pfarrer Wolfgang Janotta, den ich beim Abschied von den Gemeindekirchenräten im März zitiert habe:

„Ich habe getan, was ich konnte. Den Rest muss der liebe Gott erledigen.“

Wird er – er hat ja Sie und Euch! J

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, als alle Skepsis und Vorsicht, bewahre unsere Herzen und Gedanken, unseren Mut und unsere Phantasie in Jesus Christus, unserem Herrn.       Amen.

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Angelika Zädow:

Liebe Ursula, liebe Gemeinde,

nach 38 Jahren in Thale und 40 Jahren im kirchlichen Dienst wirst Du, liebe Ursula, heute aus diesem Dienst verabschiedet. Dass Du daran lange geknabbert hast, ist kein Geheimnis. Und ja, das ist sicher schwer, nach einer solchen Zeit alles „sein“ zu lassen, was vier Jahrzehnte tagtäglich das Leben und die Zeit prägte, den Tagesrhythmus vorgab, Herz und Verstand beschäftigte: Lektoren und Organistinnen für die Gottesdienste und Amtshandlungen zu finden, die Gemeindebriefe zu gestalten und den Beiträgen „hinterher“ zu laufen, Besuche zu machen, die Anfragen des Kreiskirchenamtes zu bedienen, Gruppen und Kreise zu organisieren und noch viel mehr. Das alles hört nun auf nach 40 Jahren.

Diese Zahl spielt übrigens in der Bibel immer wieder eine Rolle: 40 Tage und Nächte dauerte die Sintflut, 40 Jahre dauerte der Zug des Volkes Israel durch die Wüste, Mose weilt 40 Tage auf dem Berg Sinai, um die Gebote zu empfangen, der Prophet Elia geht 40 Tage und Nächte zum Berg Horeb und Jesus fastet 40 Tage in der Wüste.

So unterschiedlich diese Erzählungen sind -  zwei Dinge verbinden sie. Erstens: In dieser Zeit begegnen sie Gott. Und ich wünsche Dir und Ihnen, liebe Gemeinde, dass Sie im Nachdenken über die gemeinsame Zeit im Pfarrbereich Thale auch sagen können: Da gab es Momente und Augenblicke der Gemeinschaft, in denen wir uns des Glaubens sicher waren oder wurden.

Zweitens: Nach dieser Zeit veränderte sich das Leben der Menschen. Dieser Zeitpunkt ist nun für Dich, und Ihre Gemeinden gekommen. Sie alle haben eine neue Pastorin, die nun mit Ihnen Leben und Zeit im Pfarrbereich Thale gestaltet und auf dem Weg des Glaubens weiter geht, anknüpft an das was war und ganz andere Wege wagt.

Und du, liebe Ursula, wagst ja bereits andere Wege, hilfst Gemeinden im Kirchenkreis über die Zeit von Vakanzen hinweg. Hältst Gottesdienste und Amtshandlungen, organisierst und berätst. Der Rhythmus Deiner Zeit ist nun anders. Aber die Zeit an sich bleibt. Du hast nun die Freiheit, sie nach Deinen Wünschen nach Deiner Lust woanders zu gestalten und ohne Amtspflichten. Von Herzen wünsche ich Dir, dass Du diese Freiheit nutzen und Deine Zeit füllen kannst.

So Gott will, noch 40 Jahre, Amen.

 

Liebe Ursula,

vor Gott und dieser Gemeinde endet hiermit Dein Dienst im Pfarrbereich Thale, der Dir übertragen war. Alle Zuständigkeiten und Pflichten liegen nicht mehr in Deinen Händen. Was Dich in Deiner Arbeit beschwert hat, was unfertig blieb oder Sorgen macht, legen wir in die Hände Gottes, der allein aus allem ein Ganzes zu machen vermag. Nichts soll Dich beschweren, nichts soll Dich betrüben. Gott wird Dich tragen und begleiten auf Deinem weiteren Lebensweg.

 

Gebet:

Gott, Du Anfang und Ende der Zeit: Wir danken Dir für den Dienst von Pastorin Ursula Meckel, für die Zeit, die sie hier gewirkt hat. Und bitten Dich: Segne unsere Schwester im Glauben. Stärke sie mit Deinem Wort. Schenke ihr Mut und Zuversicht. Das bitten wir Dich durch Jesus Christus, der mit Dir und dem Heiligen Geist unserem Leben einen neuen Anfang schenkt. Amen.

Segen

Gott segne dir den Blick zurück und den Schritt nach vorn. Er schenke dir eine Melodie, die dich wie ein Lachen durch den Tag begleitet und Menschen, die ihre Arme um dich legen wie ein wärmender Mantel. So segne dich…