Für Interessenten eine bis vier  PREDIGT(en)                        

(Es ist nicht auszuschließen, dass ich auch mal den einen oder anderen Gedanken "übernommen" habe, ohne dies in jedem Fall ausdrücklich zu benennen.)  

Am 31. März 2014 endete mein Dienst im Pfarrsprengel Thale - 

seit dem 1. April 2014 bin ich Beauftragte für Springerdienste im Kirchenkreis Halberstadt.

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Letzter nach Epiphanias

bzw. 4. vor der Passionszeit 2019

10. Februar um  9.30 Uhr Thale St. Andreas

Epistel = Predigttext:                           2. Petrus 1; 16 - 21

Neue Möglichkeiten zu leben und Frieden kommen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, der für uns maßgeblich ist.                 Amen.

Liebe Gemeinde,

immer mal wieder höre ich wie im Radio eine CD oder DVD oder auch anderes angepriesen wird und der Sprecher dazu auffordert, unbedingt innerhalb der nächsten zehn Minuten anzurufen – das günstige Angebot sei begrenzt. Mehrere Stunden später gibt es die gleiche Werbung immer noch – oft auch noch Wochen später - so knapp kann es also nicht gewesen sein.

Und wir kennen das ja inzwischen zur Genüge:

In Zeitungen, per Post und Fernseh-Werbespots werden eine Unmenge verlockender Angebote und Versprechungen gemacht: Verbessern Sie ihr Einkommen! Werden Sie ihr eigener Chef! Rufen Sie sofort an! Kaufen Sie dies, kaufen Sie das - gewinnen Sie einen Hauptpreis, eine Traumreise, ein Traumauto, ein Traumhaus - gewinnen Sie Millionen.

Ein feines Netz von Lügen, Täuschungen und falschen Versprechungen wird überall gesponnen. Manches ist uns so vertraut, dass die Tücken gar nicht mehr wahrgenommen werden oder wir haben einfach gelernt, damit zu leben. In der Werbung werden uns ständig Dinge versprochen, die das Produkt niemals halten kann - und wir wissen das.

Oder ich denke an Klatsch- und Tratschgeschichten in der Nachbarschaft, in den Gemeinden - was wird da nicht alles herumerzählt und erfunden oder so lange ausgeschmückt, bis es völlig unkenntlich geworden ist und vom ursprünglichen Geschehen meilenweit entfernt ist. Wem soll man überhaupt noch trauen? Was ist wahr? Wie lassen sich Täuschungsmanöver und Verführungskünste und anderes entlarven?

Erfrischend finde ich, was Petrus in seinem Brief an die Christen seiner Zeit schreibt: „Denn wir sind NICHT ausgeklügelten Fabeln gefolgt, als wir euch kundgetan haben die Kraft und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus, sondern wir haben seine Herrlichkeit SELBST gesehen.“

Ich finde es bewunderns- ja sogar beneidenswert, wenn jemand so überzeugend feststellen kann: Ich bin niemandem auf den Leim gegangen, ich weiß genau, wovon ich rede, ich habe das alles selbst erlebt.

Das muss eine spannende Erfahrung sein: Selbst sehen, selbst hören, die Lüge von der Wahrheit unterscheiden, genau zu wissen, wem ich trauen, was ich glauben kann.

Heute ist der letzte Sonntag nach Epiphanias, mit ihm endete der Weihnachtsfestkreis. Das griechische Wort Epiphanias bezeichnet eine Sehnsucht der Menschheit - es heißt Erscheinung. Gemeint ist das Sichtbarwerden dessen, was wir mit unseren gewöhnlichen Sinnen nicht wahrnehmen können und doch verborgen da ist:  Gottes Macht und Herrlichkeit.

Schon immer haben sich Menschen danach gesehnt, dass Gott aus seiner Verborgenheit heraustritt und für sie sichtbar wird. Die Christen, an die der 2. Petrusbrief geschrieben wurde, waren verunsichert. Konnte man den Geschichten von Jesus trauen? Hatte sich mit seinen Worten und Taten wirklich so viel verändert? Ihre Hoffnung, dass der gekreuzigte und auferstandene Jesus in Kürze erscheinen und die Welt verwandeln würde, hatte sich jedenfalls nicht erfüllt.

 

An Christen, die enttäuscht waren, richtet der Verfasser sein Schreiben: „Wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt.“

Der Schreiber redet im Namen des Petrus, beruft sich auf seine Autorität. Er will seine Leser an das erinnern, was Petrus als einer der ersten Zeugen mit Jesus erlebt, an ihm erfahren hat. Dabei ist ihm eine Geschichte wichtig, die von einem besonderen Erlebnis berichtet, das Petrus und zwei andere Jünger auf einem Berg haben durften. Wir haben sie als Evangelium gehört.

Jesus erschien den drei Jüngern im göttlichen Lichtglanz, er wurde vor ihren Augen verklärt, heißt es.

Sie kannten ihn ja, waren mit ihm durchs Land gezogen. Sie hatten ihn erlebt als Freund der Armen, Kranken und Verachteten - als einen, der mal bewundert und bejubelt, mal abgelehnt und verachtet wurde.  Nun sehen sie ihn mit verklärten Augen.

In unserer Umgangssprache wird das Wort Verklären abgewertet. Wenn jemand seine Vergangenheit oder einen anderen Menschen in verklärtem Licht sieht, dann meinen wir: In einem unwirklichen, falschen Licht. Da hat einer vergessen, wie es wirklich war, übersieht die Schattenseiten.

Es kann allerdings auch bedeuten, dass wir an einem geliebten Menschen Dinge und Seiten entdecken, die sich nur dem Glaubenden und Liebenden erschließen, aber dem nüchtern beobachtenden Blick verborgen bleiben. Um etwas wirklich zu erfassen, braucht es mehr als nur die normalen fünf Sinne - die innere Einstellung, mit der ich etwas oder jemanden betrachte, wirkt mit, verändert das Gesehene und Erlebte.

Der Verfasser des 2. Petrusbriefes beruft sich auf seine ganz persönlichen Erfahrungen mit Jesus und mit Gott. Seine ganz persönlichen Erfahrungen - das ist ihm so wichtig, wie es heute vielen wichtig ist. Weil ich nicht mehr weiß, wem ich noch glauben soll, glaube ich nur das, was ich selbst erlebt habe. Ich bin zu oft enttäuscht worden, zu viele Verführer haben schöne Worte gemacht, denen keine Taten folgten.

Dieses Misstrauen ist eine mögliche Sicht. Nur noch sich selbst vertrauen. Andererseits gibt es immer wieder erstaunlich viele Menschen, die einem großen Guru, einem Sektenführer hinterherlaufen, ihm völlig verfallen - ganz auf eigenes Denken und Fühlen und Bewerten verzichten. Sie trauen sich selbst nicht, fallen auf ausgeklügelte Fabeln herein.

Christen und der Kirche wird das auch vorgeworfen - ihr macht Menschen unmündig, entlasst sie aus der eigenen Verantwortung.

Gerade das Gegenteil lese ich in den Büchern des Alten und Neuen Testamentes, auch hier in diesem Brief:

Es ist eine deutliche Einladung, die eigenen Wahrnehmungen zu stärken, sich auf selbst Erlebtes einzulassen, darauf zu vertrauen. Jesus hat immer wieder die Eigenverantwortung der Menschen gestärkt, hat Freiheit gewährt, wollte keine Abhängigen.

Er hat seine Jünger entlassen, indem er in den Abschiedsreden sagte: Es ist gut für Euch, dass ich weggehe. Gemeint war: Es ist gut für Euch zu erfahren, dass Ihr jetzt allein klarkommt, weil Ihr viel von mir gelernt habt.

Er hat seine Nachfolgerinnen und Nachfolger wachsen lassen, sie konnten erwachsen werden, er hat sie zur Selbständigkeit geführt und begleitet, so dass sie nicht hilflos allein zurückblieben, als er nicht mehr täglich sichtbar bei ihnen war.

Gott lässt das eigene Hören und Sehen in uns wachsen. Es hilft, sich gelegentlich - vielleicht besser regelmäßig - die Ruhe zu nehmen, darauf zu hören und zu achten: Was erlebe ich mit Gott, mit Jesus, wenn ich in mich hineinhorche - oder mich in der Natur umsehe - oder im Umgang  und in der Gemeinschaft mit anderen.

Glaube entsteht in aller Regel nicht an einem Tag oder in einer Stunde - er will wachsen, braucht Zeit zur Reife - immer neue Einsichten und Erkenntnisse. Reifer Glaube erwächst aus eigener Anschauung, dem eigenen Wahrnehmen, dem eigenen Sehen und Hören - mit allen Sinnen können wir glauben und hoffen.

Die Wurzel der Wörter Sinne und Sinn weisen auf einen gemeinsamen Ursprung hin. Der persönliche Lebenssinn wird mit den Sinnen wahrgenommen, mit allen Sinnen, er geht auf grundlegende eigene Wahrnehmungen zurück.

Wer so mit seinen Sinnen seine persönliche Anschauung und Überzeugung gefunden hat, dem werden auch die Glaubenserfahrungen anderer wichtig. Petrus erging es so: Er hat selbst gesehen und gehört - und zugleich hört er die Worte und Weissagungen der Propheten. Und weiß, dass er ihnen vertrauen kann.

Persönlicher Glaube und die Erfahrungen derer, die vor uns waren - beides zusammen hilft zur Stärkung im Inneren. Und natürlich auch die Erfahrungen derer, mit denen wir unterwegs sind – der Freundeskreis – die Gemeinschaft der Glaubenden – darauf möchte ich nicht verzichten.

Ich wünsche uns allen viele Erfahrungen, die geistlich wachsen lassen; eigene Wahrnehmungen, eigenes Sehen und Hören, so dass wir unseren Glauben bezeugen können. Damit es leichter fällt, ausgeklügelten Fabeln zu widerstehen, auf verlockende Angebote nicht hereinzufallen - auch nicht auf religiöse.

Ich wünsche uns allen, dass wir wie Petrus sagen können: Wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt, sondern wir haben seine Herrlichkeit selber gesehen und gespürt und die Stimme vom Himmel gehört.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, als alle Skepsis und Vorsicht, bewahre unsere Herzen und Gedanken, unseren Mut und unsere Phantasie in Jesus Christus, unserem Herrn.       Amen.

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Gottesdienste  13. Januar 2019

1. nach Epiphanias

9.30 Uhr Langeln & 10.30 Uhr Wasserleben

                            Evangelium:           Matthäus 3; 13 – 17

Neue Möglichkeiten zu leben und Frieden kommen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, der für uns maßgeblich ist. Amen.

Liebe Gemeinde,

wenn ich in einen Buchladen gehe, um ein wenig herumzustöbern und nach einem gut lesbaren Buch zu suchen, schaue ich oft auf die ersten Sätze: Verlockt mich das, weiterzulesen? Macht es mich neugierig? Gefällt mir der Stil? Die Wortwahl?

Die ersten Tage des neuen Jahres sind vergangen – und nach einer Begrüßung höre ich oft noch die Frage: Seid ihr gut hineingekommen?

Hinter der Frage steht das Wissen:

Der Beginn ist wichtig - jeder Film, jedes Essen, jedes Gespräch sollte gut anfangen, spannend, verheißungsvoll und vielversprechend.

Wer zu einem Bewerbungsgespräch geht - wer einen Besuch bei einem bislang unbekannten Menschen macht - wer einen Brief  schreiben will der weiß: Auf den Anfang kommt es an - der Auftakt prägt sich ein.

Der Anfang macht entweder Lust auf mehr - oder er setzt negative Vorzeichen, die so schnell nicht zu korrigieren sind - so wie der erste Eindruck, den ich von einem Menschen gewinne. Wissenschaftler haben herausgefunden: Bei einer Begegnung zweier sich bislang unbekannter Menschen entscheidet sich in den ersten sieben Sekunden, ob sie einander sympathisch finden oder nicht – da hat noch keiner auch nur ein Wort gesprochen.

Der Volksmund sagt weise: Aller Anfang ist schwer – wohl wissend, dass jeder Neubeginn unsicher macht und alles erst einmal eingeübt werden muss.

Das fängt ja gut an - so sagt man, wenn es von Beginn an Probleme gibt, die ahnen lassen, was womöglich noch alles auf uns zukommt.

 

Im heutigen Predigttext haben wir von einem Anfang gehört. Jesus geht in die Öffentlichkeit - es ist das erste, was von dem erwachsenen Jesus berichtet wird. Und er ist nicht zu Beginn seines öffentlichen Auftretens als erstes auf einen Berg gestiegen, um eine Regierungserklärung abzugeben. Er startete auch nicht mit einer medienwirksamen Tempelreinigung oder mit scharfen Angriffen gegen die Oberfrommen. Er stellt sich nicht selbst dar.

Jesus fängt ganz klein an, indem er eine Entscheidung trifft: Er geht zu Johannes, dem wortgewaltigen Bußprediger, und lässt sich von ihm taufen. Das heißt, anders als andere stellt er die Uhren zu Beginn seiner Tätigkeit nicht demonstrativ auf Null und tut nicht so, als fange die Welt mit seinem Kommen erst an. Er ordnet sich unter und ein in die Tradition und stellt sich auf die Stufe derer, die es nötig haben, umzukehren.

Bevor er richtig auftaucht in der Öffentlichkeit, taucht er erst einmal im Wasser unter und stellt sich damit an die Seite derer, die unten sind - die keine weiße Weste haben, die mit allen Wassern gewaschen sind. Ein Auftakt nach Maß - Jesus setzt Maßstäbe.

 

Ich versuche, mich von dem Bibeltext einladen zu lassen und stelle mir vor, wie es damals am Jordan zuging.

Menschen kamen um sich taufen zu lassen. Sie haben in der Regel einen langen Weg zurückgelegt, sich Zeit genommen, ihre Alltagsbeschäftigungen liegen gelassen, sie sind teilweise gezeichnet vom langen Fasten. Man sieht ihnen an, dass sie leiden an einer verkehrten Welt, an der eigenen Mutlosigkeit und Schwäche. Sie haben Angst vor einem Feuergericht, das über die Erde kommen wird. Ihre Hoffnungen setzen sie auf die Taufe mit Wasser.

Das passierte damals täglich: Verängstigte, schuldig gewordene Menschen kamen zu Johannes, um sich taufen zu lassen.

Eines Tages steht in der Reihe der Menschen nun einer, der nicht dazugehört. Er ist anders als die anderen und Johannes erkennt das sofort. Er kennt die Menschen, die zu ihm kommen. Er hat lange und oft in ihre Gesichter geschaut. Gesichter voller Furcht, gekennzeichnet von bitteren Erfahrungen und Gedanken. Dieses Gesicht ist anders.

Johannes kommt nicht ganz mit. Bei diesem fällt dem Täufer das Taufen schwer. Johannes reagiert auf Jesus indem er ihm sagt: Du hast es nicht nötig, dich von mir taufen zu lassen, du müsstest selbst taufen - du hast mehr zu geben als ich. Und Jesus widerspricht ihm nicht. Er weiß auch, dass Johannes recht hat. Er will dennoch getauft werden. Er will einer dieser Menschen sein, er will an ihren Leiden und Hoffnungen teilnehmen.

Und außerdem: Jesus weiß, dass dieser Anfang jetzt um Himmels willen nach Gottes Willen so sein muss. Auch das setzt Zeichen:

Es gibt einfach Dinge, die kann man sich nicht selbst tun, die müssen einem geschenkt werden. Das ist auf wohltuende Weise auch für Jesus so. Um der Liebe Gottes gerecht zu werden, muss er sie sich zusprechen lassen - um sie dann in getroster Gelassenheit weitergeben zu können. Jesus macht das vor und so wird er zum Anfänger aus freien Stücken.

 

Er zeigt damit, wie das Entscheidende am Anfang sein muss, damit am Ende alles gut wird.  Da werden die Beziehungen und Verhältnisse klar - zu wem wir gehören, wo wir hingehören - da gibt es bei der Taufe eine Grundausstattung, Taufwasser auf die Mühlen des Lebens.

Im Grunde wissen beide, Johannes und Jesus, dass er der Sohn Gottes ist. Es liegt in der Luft. Aber es muss allen gesagt werden. Wichtige Dinge müssen ausgesprochen werden - man kann sich nicht darauf verlassen, dass die anderen es von allein merken werden.

Als Jesus aus dem Wasser steigt, öffnet sich der Himmel über ihm und eine Stimme sagt: Das ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.

 

Das Wort vom Wohlgefallen zieht mich an und rührt mich an. Es erinnert an Weihnachten - und oft wird im Gottesdienst den Satz gesungen: Ein Wohlgefallen Gott an uns hat...

Gott liebt seinen Sohn - er liebt die Menschen - er hat ein Wohlgefallen an Jesus. Das müssen die Menschen gesagt bekommen und spüren.

 

Ich glaube, alle Menschen brauchen positive und wertschätzende Botschaften, die andere uns sagen, um gut leben zu können. Auf diese Weise haben wir durch andere Menschen Anteil an der Freundlichkeit Gottes - am offenen Himmel über uns.

Und: Einer der weiß, dass er anderen zur Freude lebt, dem sieht man das an. Das lässt sich nicht verbergen, es wirkt sich aus auf das innere Gleichgewicht eines Menschen.

 

Die Menschen in der Nähe von Jesus haben ihm angemerkt, dass er sich geborgen bei Gott fühlte und das ausstrahlte.  Die Geschichten von Jesus in den Evangelien erzählen davon.

 

Viele Menschen tragen eine Sehnsucht nach Anerkennung durch ihre Väter und Mütter lange mit sich herum. Viele warten - noch als Erwachsene - auf das gute Wort der Eltern; manchmal vergeblich.

Und mancher fragt sich: Hatten meine Eltern Freude an mir um meiner Leistungen willen, weil ich so war, wie sie mich haben wollten oder um meiner selbst willen? Das kann zu einer ganz wichtigen Frage werden.

Muss ich immer nur leistungsfähig sein um liebenswert zu werden - oder bin ich schon liebenswert und wichtig, nur weil ich da bin?

 

Es kann verführerisch und gefährlich sein, anderen Menschen zum Wohlgefallen leben zu wollen. Es kann einen tragischen Ausgang nehmen, wenn falsche Vorbilder die Rolle der wichtigsten Autorität einnehmen.

Die Menschen in der Umgebung von Jesus haben gespürt: Der hat es nicht nötig, auf Beifall zu reagieren. Er hängt sein Fähnlein nicht in den Wind. Dieser Mensch ist nicht angewiesen auf die Bestätigung durch andere. Deshalb kann er Gottes Anliegen vertreten - in ihm begegnen die Liebe und die Freundlichkeit Gottes.

 

Jesus wird nicht getauft, um sich als strahlender Sieger über alles Böse zu erheben und damit seine Größe zu demonstrieren. Jesus geht den Weg des barmherzigen Samariters, er ist der gute Hirte, der das verlorene Schaf zurückholt; der Arzt, der sich den Kranken zuwendet.

Er setzt sich später an einen Tisch mit Dirnen, Sündern und Zöllnern. Er hört auch seinen Gegnern zu. Er hat auch für sie noch ein Wort, das sie zur Umkehr zu Gott ruft - er lässt niemanden links liegen.

 

Jesus wäscht seinen Jüngern die Füße - nicht die Köpfe - und er spricht mit Petrus, der ihn verraten hat. Den fliehenden Jüngern geht er bis nach Emmaus nach, um sie von den Scheuklappen ihrer Angst zu befreien.

So handelt Jesus in wahrer Größe - indem er sich klein macht und damit erreichbar, greifbar - und natürlich auch angreifbar.

Das alles nimmt er mit der Taufe auf sich.

Ein guter Anfang - ein wichtiger Anfang - von Gott gesetzt.  Seitdem sagt in jeder Taufe Gott selbst zu dem Täufling: Du bist mein lieber Sohn oder meine liebe Tochter - an dir habe ich Wohlgefallen.

Damit wird ein Neu - Anfang gesetzt - dann kommt es darauf an, was derjenige damit anfängt - wie im Laufe eines Lebens aus Anfängern Fortgeschrittene werden. Ein Anfang, der Gutes verheißt.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, als alle Skepsis und Vorsicht, bewahre unsere Herzen und Gedanken, unseren Mut und unsere Phantasie in Jesus Christus, unserem Herrn.                                     Amen

 

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Gottesdienst 6. Januar 2019

10. 30 Uhr  Elbingerode

 

Predigt Matthäus 2; 1 -12

Neue Möglichkeiten zu leben und Frieden kommen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, der für uns maßgeblich ist. Amen.

Liebe Gemeinde,

noch sind wir im Weihnachtsfestkreis – obwohl sicher die meisten Weihnachtsbäume längst entsorgt wurden.

Festtage sind in der Regel lange vorbereitet – und dann schnell vorbei – der Weihnachtskreis zieht sich in die Länge – die Epiphaniaszeit gehört dazu.

Epiphanias – Erscheinung – Fest der heiligen Drei Könige – das Evangelium des Sonntags erzählt die Geschichte -

- gute Gelegenheit zum Nachdenken über Begegnungen, die zum Fest der Christgeburt dazugehören und häufig eher an den Rand gedrängt werden.

Epiphanias - dieser Tag gehört der Erinnerung an die drei Weisen oder Magier oder Könige oder Sterndeuter. Sie  haben einen Kurzbesuch beim Kind in der Krippe gemacht.

Es gibt in der biblischen Weihnachtsgeschichte mehrere solcher Kurzbegegnungen -

Leute, die nur einmal in das Geschehen hineinschauen und dann wieder ihrer Wege gehen und wir hören nichts mehr von ihnen. Wir wissen nicht, was sie bewegt hat, vielleicht verändert - ob das, was sie in Bewegung gesetzt hat, lange vorhielt.

 

Dabei denke ich als erstes an die Hirten - was war für sie anders geworden nach dieser besonderen Nacht? Was ist ihnen geblieben?

Unter den späteren Jüngern von Jesus ist kein Hirte - wir wissen nichts von ihnen.

Ähnlich ist es  mit den drei Weisen: Wenn jemand weit weg war von Jesus, dann diese drei.

Sie sind Vertreter östlicher Theologie, Philosophie und Naturwissenschaft.  Sie sind Symbolfiguren des Suchens. Die geistige Elite der heidnischen Welt auf der Suche nach einem König.

Die Zahl drei bedeutet Vollkommenheit, also die Menschheit als Ganzes. Deshalb werden sie manchmal als Jüngling, Mann und Greis dargestellt - oder sie sind weiß, braun und schwarz und vertreten so die Erdteile der alten Welt.

Die räumliche Entfernung zwischen ihrem Heimatland und Bethlehem macht es rein äußerlich sichtbar. Sie haben kaum mehr als eine Ahnung vom Volke Gottes -

von dem, was Mose durch die Propheten geredet hat haben sie vielleicht soviel gewusst wie jemand, der sich am Heiligabend in die Christvesper verirrt und dort ein paar Sätze aufschnappt.

 

Ein wenig Ahnung haben sie freilich - sonst hätten sie nicht nach dem neugeborenen König der Juden fragen können. Sie kommen aus einem Land, in das 500 Jahre früher Teile des Gottesvolkes verschleppt worden waren - davon muss etwas weitergesagt worden sein -

ziemlich unsicher und unklar, manches ist durch die Generationen verloren gegangen - eine unbestimmte Ahnung und Sehnsucht ist geblieben.

Es waren Sterndeuter - Astrologen - ernsthafte Wissenschaftler der damaligen Zeit. Zu ihrem Geschäft gehörte es, Beziehungen zwischen Bewegungen am Himmel und  Vorgängen auf der Erde zu entdecken.

Sozusagen bei ihrer normalen beruflichen Arbeit hat Gott sie aufmerken lassen und auf die Spur und in Bewegung gebracht.  Wodurch Gott Menschen ruft, lässt sich nicht auf eine Formel bringen. Unsere eigenen ersten Gotteserfahrungen werden sehr unterschiedlich sein.

Gott bringt Menschen auf den Weg - nicht schon ans Ziel, aber auf den Weg. Selbst diese fernen Magier.

Sie haben sich rufen lassen, haben sich aufgemacht auf einen langen und gefährlichen Weg. In der Bibel ist nicht nur von plötzlichen Bekehrungen die Rede - auch von langen Wegen bis einer zu Anbetung und Glauben kommt.

 

Die Weisen hatten keine klaren Vorstellungen vom Ziel ihres Weges. Sie hatten eine Weissagung und einen Stern. Das war viel, doch damit war längst nicht alles klar.

Wenn Gott durch seine Zeichen Menschen auf den Weg bringt, ist noch vieles im Unklaren. Klarer wird es erst, wenn solch ein in Bewegung Geratener dem deutenden Wort Gottes begegnet.

Und: Bereit ist, sich darauf einzulassen. Die drei Männer waren dazu bereit. Der Prophet Micha wies sie nach Bethlehem und deshalb zogen sie dorthin.

Wie ihnen das Gotteswort dort begegnete, das war alles andere als ermutigend. Sie waren voller Sehnsucht und voller Erwartung - sie wollten zu dem neugeborenen König - und dann wird ihnen von ein paar angestellten Fachtheologen am Hofe des Königs das ganz ungerührt mitgeteilt.

Weil sie Fachleute sind, können sie sofort Auskunft erteilen. Doch die Fragenden merken ihnen an, dass sie selbst nicht auf der Suche sind. Sie geben Auskunft wie Schalterbeamte am Bahnhof - sie kennen alle Zugverbindungen, aber selber wollen sie nicht aufbrechen.

Die Gelehrten weisen den Weg - sie geben Auskunft wie ein Wegweiser, doch sie selber bleiben zurück. Sie gehen nicht mit, sie haben keine Sehnsucht, sie bleiben unbeweglich und unbewegt stehen.

 

Eine schwer vorstellbare Situation? Menschen mit Fachwissen, die auf der Stelle stehen bleiben?

Sie sind zwar auskunftsfähig, aber nicht mehr aufbruchfähig. Sie bleiben in ihren Studierstuben, während sich die drei Weitgereisten weiter auf den Weg machen.

Das blieb nicht ihre letzte Enttäuschung. Am Ziel angelangt stehen sie mit ihren kostbaren Geschenken im Hinterhof eines Gasthauses.

Wir kennen ja leider den Ausgang der Geschichte, sonst wäre es geradezu atemberaubend: Was werden diese Gelehrten anfangen? Werden sie sich bücken und hineingehen in den armseligen Schuppen, in die Enge des Stalles, zu den armen Leuten und ihrem Kind?

Oder werden sie sich sagen: Wir sind einen König suchen gegangen und nicht einen Bettler. Was sollen wir hier in diesem Obdachlosenasyl?

Es hätte nahe gelegen zu sagen: Die Schriftgelehrten aus dem Königspalast haben uns zum Narren gehalten - lasst uns umkehren.

Die drei verhalten sich anders. Sie ließen sich all die schönen Gedanken durchstreichen, die sie sich selber von Gott und seiner Herrlichkeit gemacht hatten.

Sie steigen herab von ihren Reittieren, sie fallen nieder, sie beten an. Ursprünglich war das eine Geste der Verehrung und Unterwerfung: Der so Geehrte konnte dem Liegenden den Fuß auf den Kopf setzen als Zeichen seiner Macht. Als die Weisen sich vor der Krippe niederwerfen, sind sie auf einer Ebene mit dem Menschenkind. Mit einer Macht, die so ganz anders ist - und die Männer lassen sich darauf ein.

 

Wenn jemand, der ganz weit weg ist von Jesus und vom Glauben - wenn so ein Mensch von Gott auf den Weg gestellt und gebracht worden ist, dann wird es auf diesem Wege oft ähnlich kritische Situationen geben wie auf dem Hof des Gasthauses. Es wird nicht der Blick durch eine angelehnte Tür in die Ärmlichkeit eines Stalles sein, in dem ein Kind in der Krippe liegt -

es könnte aber zum Beispiel der Blick sein in eine spärlich besetzte Kirche - wo vielleicht der Putz von den Wänden fällt - in schwer verstehbaren Redewendungen von Gott gesprochen wird - Lieder gesungen werden, deren Texte kaum verständlich sind.

Bei jemandem, der neu hereinschaut könnte die Frage aufkommen: Das soll alles sein? Mehr nicht? Hier sollen entscheidende Dinge gesagt und getan werden?

Es könnte der Blick auf eine Kirche sein, in der unendlich viel Mühe darauf verwandt wird, ihr Überleben einigermaßen zu organisieren.

Ich denke mir, man muss gar nicht so weit weg sein von Kirche und Gemeinde, um derartige Anfragen und Zweifel zu kennen.

 

Die Weisen haben sich in diesem kritischen Moment nicht von dem bestimmen lassen, was sie sahen, sondern von dem, was sie gehört hatten. Darum haben sie auf das Kind in der Krippe nicht herabgeschaut, sondern haben zu ihm aufgesehen - zu dem, der es nicht besser haben wollte als die anderen.

Sie haben ihre Geschenke dagelassen und sich des Krippenkindes nicht geschämt. Sie waren von ganz weit draußen aufgebrochen und sind im Innersten angekommen. Sie beteten an, legten ihre Gaben nieder - sie hatten alles gefunden, wenn es auch anders als erwartet war.

Dann sind sie wieder gegangen. Das klingt vielleicht logisch - ich finde wichtig, es zu benennen: Sie sind nicht stehen geblieben, haben sich nicht im Stall angesiedelt. Erst war es eine Bewegung zur Mitte hin und daraus wurde eine Bewegung von der Mitte aus. Es heißt, sie zogen auf einem anderen Weg wieder in ihr Land.

Es ist nicht nur äußerlich ein anderer Weg. Ich stelle es mir so vor, wie später der Kämmerer aus dem Morgenland in seine Heimat zurückkehrte, als einer, der seine Straße fröhlich zog.

Die drei Weisen sind nicht allein geblieben. Gott hat immer wieder Menschen gerufen - und sie haben sich rufen lassen.

 

Immer wieder sind Menschen enttäuscht worden von den Realitäten - in der Kirche, in der Gemeinde, unter Christen - auch von der Botschaft des Kreuzes.

Und immer wieder haben Menschen dem Worte Gottes mehr vertraut als dem äußeren Anschein - sie sind zurückgegangen in die alte Umgebung als erneuerte Leute.

Ich denke, dass auch wir dazugehören - zu denjenigen, die diesen Weg gegangen sind und uns noch darauf befinden.

Irgendwann gab es in unserem Leben Zeichen, die uns zum Aufmerken brachten -

irgendwann traf uns ein Wort aus der Bibel -

irgendwann und von irgendwem wurden wir hingewiesen auf Jesus, machten die ersten Schritte - und schlechte Erfahrungen -

und freuen uns, dass Gott auf so schlichte Weise begegnet:

In der Krippe - am Kreuz - an seinem Tisch - in der Gemeinschaft der Christen.

Manches bleibt enttäuschend - eigene Wünsche und Vorstellungen werden durchkreuzt. Anderes ermutigt zum Dabeibleiben und hoffen und glauben.

Epiphanias - Fest der Heiligen drei Könige, die keine Könige waren. Erinnerung an Suchende - Einladung dazu, mitzusuchen:

In einem Text unserer Tage heißt es:

 

Ich habe mich auf den Weg gemacht:

Wie einer der Könige suchte ich nach einem Lichtpunkt am dunklen Himmel.

Wie einer der Hoffnungslosen suchte ich  nach einem Funken Hoffnung in dieser Welt.

Wie einer aus der Verlorenheit suchte ich ein Zuhause bei Gott.

Ich suchte Gott bei den Menschen und fand:

Einen Blick, der mich verstand,

und fand eine Hand, die mich suchte,

und fand einen Arm, der mich umfasste,

und fand einen Mund, der JA zu mir sagte.

Ich fand Gott nach langem Suchen:

Sehr arm, nicht mächtig, nicht prächtig;

sehr bescheiden, alltäglich,

als Kind in der Krippe, nackt, frierend, hilflos,

mit einem Lächeln durch die Zeiten;

das erreichte mich in meinen Dunkelheiten.

Gott fing ganz klein an –

Auch bei mir.

 

So können wir dem Ziel Gottes mit uns auch im neuen Jahr ein Stück näher kommen: Wenn wir wie die Weisen einen König suchen und ein Kind finden - wenn wir einen Herrn suchen und einen Diener finden - wenn wir nach den Sternen greifen und den Menschen finden.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, als alle Skepsis und Vorsicht, bewahre unsere Herzen und Gedanken, unseren Mut und unsere Phantasie in Jesus Christus, unserem Herrn.

Amen.

 

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Silvester 2018

14 Uhr Kroppenstedt

Umkehrbild: Kelch und Gesichter

Hier ist ein Bild:

Ich sehe darauf ein Gefäß – vielleicht ein wertvolles Glas – oder einen Kelch. Ich weiß nicht ob es leer ist oder gefüllt – und wenn es gefüllt ist, ahne ich nicht womit.

Vielleicht mit Wein – oder Most – bereitgestellt für das Abendmahl.

Oder es ist im übertragenen Sinne – der Kelch bis an den Rand gefüllt mit Bitterem, mit Leid – oder aber gefüllt mit Freude –

ich weiß es nicht, genauso wenig wie ich weiß, was das neue Jahr bringen wird.

Ein Kelch – aus Glas oder aus Metall.

Beim zweiten Hinsehen entdecke ich noch etwas anderes. Ich sehe zwei Gesichter im Profil – einander zugewandt – einander sehr nahe. Vielleicht haben sie sich etwas zu sagen – vielleicht wollen sie Zärtlichkeiten austauschen – oder auch nur Worte. Zwei Gesichter – einander zugewandt.

Es braucht Zeit, beides zu entdecken – den Kelch und die Gesichter.

Beides ist zu sehen – wenn auch nicht auf den ersten Blick. Es kommt auf die Art des Sehens an – wie ich meinen Kopf halte – wohin meine Augen zuerst gehen.

An diesem Bild entdecke ich, dass ein und dieselbe Sache verschiedene Gesichtspunkte hat.

Mir hilft das Bild, etwas Wichtiges zu verstehen: Was mir begegnet im Leben ist nicht eindeutig – es muss gedeutet werden. Es kommt auf die Betrachtungsweise an und ich bin mitverantwortlich für das, was ich sehe.

Niemand kann sagen: Das Bild zeigt einen Kelch – und sonst nichts. Niemand kann sagen: Das Bild zeigt zwei Gesichter – und sonst nichts. Niemand kann nur das eine sehen und sich dem anderen verschließen – jedenfalls geht das nicht gut.  Ich kann die Dinge verschieden sehen – ich muss sie nicht sehen wie andere es tun.

Wenn ich an das zurückliegende Jahr denke und an das vor uns liegende, dann kann mir niemand abnehmen, mit meiner eigenen Betrachtungsweise da heranzugehen. Und es wird eine Deutung sein und ein Ausschnitt bleiben – ein Teil, den zu sehen mir jetzt möglich ist.

Unser Sehen wird immer bruchstückhaft bleiben – dieses Wissen kann bewahren vor vorschnellen absolut klingenden Urteilen – über einen Menschen, eine Gemeinschaft, einen Sachverhalt.

Auf der Karte mit diesem Umkehrbild steht ein Text:

 

„Wer sich selbst findet, wird auch den anderen Menschen finden und die Welt wird ihnen offen stehen. Wer sich aber selbst verliert, verliert auch den anderen. Übrig bleibt dann nur der Kelch, der alle Misere dieser Welt erhält.“

Das, was vor mir liegt wird mitbestimmt durch die Art, wie ich es sehe. Ich möchte mich von dem Bild erinnern lassen: Ich weiß von der Liebe Gottes in der Welt – und wenn die Dinge so dargestellt werden als sei die Liebe erloschen oder unbedeutend geworden – dann erinnere ich mich daran, dass dies nur eine Seite der Darstellung ist – von Gott aus gesehen sieht es vielleicht ganz anders aus.

Ich möchte mich daran erinnern lassen: Gottes Liebe ist in der Welt, auch wenn ich sie manchmal nur wenig erkennen kann. Ich weiß, dass meine Sicht begrenzt ist – ich möchte darauf vertrauen, dass die Sichtweisen anderer meine ergänzen und bereichern können. Menschen sind aufeinander angewiesen - auf Gemeinschaft untereinander und mit Gott.

Dabei verlasse ich mich auf die Zusagen Gottes – auf sein Kommen zu uns Menschen – auf die Verbundenheit mit denen, die mit mir glauben und hoffen – und mit denen, die Generationen vor uns geglaubt und gehofft haben.

Lassen sie uns mit den Gedanken und Worten unserer Vorfahren den Glauben bekennen, der uns auch im kommenden Jahr zum Leben helfen will:

C r e d o

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2. Christtag 2018

Thale St. Andreas

Es gibt wohl kein Lied, das so sehr zum Weihnachtsfest gehört wie „Stille Nacht, heilige Nacht“. Man kann es schön finden oder auch kitschig – manchmal geht es auf die Nerven, wenn es seit November durch die Kaufhäuser und über die Weihnachtsmärkte dudelt – und doch: Am Heiligen Abend in der Kirche – da ist es noch etwas anderes, besonderes, anrührendes.

200 Jahre ist dieses Lied inzwischen alt und hat nichts von seiner Faszination verloren. Eigentlich ist es vor allem ein Liebeslied – ein Liebeslied an ein neugeborenes Kind und auch das hohe Lied einer Freundschaft.

Gedichtet hat es der junge Hilfspriester Joseph Mohr. Er war ein uneheliches Kind. Er trug zwar den Namen des Vaters, aber als Ledigenkind in der damaligen Gesellschaft hatte er einen schweren Stand.

Es war ein Salzburger Domchorvikar, der seine Talente entdeckte: Hohe Intelligenz und Musikalität. Aber als unehelich Geborenem war ihm eine bürgerliche Laufbahn verwehrt, nur eine geistliche war mit Sondergenehmigung möglich. Mit gerade mal 23 Jahren wurde Mohr 1815 zum Priester geweiht. Und auch dafür war wieder eine Sondergenehmigung nötig: Er hatte das vorgeschriebene Alter von 25 Jahren noch nicht erreicht.

Im September 1819 ist er auf dem Weg nach Salzburg zu seiner neuen Stelle. Den mehr als dreistündigen Weg geht er zu Fuß. Ein Freund begleitet ihn, er geht den ganzen Weg mit. Und er singt sogar ein Abschiedslied für ihn, das er selbst geschrieben hat. Den jungen Priester rührt das zu Tränen.

Lied:                          Stille Nacht 1

1.    Stille Nacht! Heil’ge Nacht!
Alles schläft. Einsam wacht,
Nur das traute hochheilige Paar,
Holder Knab’ im lockigen Haar;
Schlafe in himmlischer Ruh!
Schlafe in himmlischer Ruh!

 

Sein Begleiter ist der Lehrer und Organist Franz Xaver Gruber. Es ist eine tiefe Freundschaft, die die beiden Männer verbindet. Dabei kennen sie sich zu diesem Zeitpunkt erst zwei Jahre. Doch sie haben viel gemeinsam.

Beide kommen aus ärmlichen, schwierigen Verhältnissen.

Franz Xaver Gruber war das fünfte von sechs Kindern einer ums Überleben kämpfenden Kleinbauern- und Heimweber-Familie.

Es war sein Volksschullehrer, der seine hohe Musikalität förderte und seine Lehrerausbildung begleitete. Schon mit 20 Jahren trat Franz Xaver Gruber seine erste selbstständige Stelle als Lehrer, Mesner und Organist an. Dafür musste er allerdings auch die 13 Jahre ältere Witwe seines Vorgängers heiraten, die mit ihren vier Kindern noch in der Mesnerwohnung lebte.

Im Jahr 1817 treffen Mohr und Gruber in Oberndorf zusammen. Joseph Mohr kommt im Alter von 25 Jahren als Hilfspriester dorthin. Der fünf Jahre ältere Xaver Gruber ist schon ein Jahr dort. 

 

Rasch wird deutlich, dass die Nähe zu den Menschen ihrer Gemeinde beiden sehr wichtig ist. Aber vor allem ist es die große Liebe zur Musik, die sie verbindet.

Und so kommt es, dass ein Jahr später, Weihnachten 1818,  Joseph Mohr seinem Freund ein Gedicht überreicht. Er hat es bereits zwei Jahre zuvor auf seiner ersten Pfarrstelle verfasst. Nun bittet er Gruber, eine Melodie dazu zu schreiben. Gesagt, getan. 1818 nach der Christmette  erklingt das neue Lied zum ersten Mal, zweistimmig gesungen von den beiden Freunden und von Joseph Mohr auf der Gitarre begleitet. Es ist die Geburtsstunde des heute weltberühmten und beliebten Liedes.

 

Immer wieder taucht die Frage auf, warum ausgerechnet dieses Lied so bekannt wurde, weltweit, in vielen Kulturen. Auch Nichtchristen singen „Stille Nacht“ gerne. Es ist eines der erfolgreichsten Lieder der Musikgeschichte.

Liegt es am Text? Oder doch eher an der Melodie?

Mohrs Gedicht allein und unvertont hätte es wohl nicht zu literarischem Weltruhm gebracht. Die Melodie aber wäre ohne seine Worte nicht entstanden. Es ist also beides – das Zusammenspiel von Worten und Tönen macht den Reiz des Liedes aus.

Dass dieses Zusammenspiel so gut gelungen ist, hat sicher viel mit der Freundschaft zu tun, die den Dichter mit dem Komponisten verband. Diese Freundschaft war der Auslöser, dass so eine „Perle“ entstehen konnte, mitten im weihnachtlichen Alltagsgeschäft eines Priesters und eines Kantors.

Lied:                          Stille Nacht 2

2.    Stille Nacht! Heil’ge Nacht!
Gottes Sohn! O! wie lacht
Lieb’ aus Deinem göttlichen Mund,
Da uns schlägt die rettende Stund;
Jesus  in Deiner Geburth!
Jesus in Deiner Geburth!

 

 „Das Wichtigste am ganzen Lied sind für mich die vier Worte am Anfang!“ so sagte es eine spanische Touristin. „Diese vier Worte sagen schon alles – das ist für mich der Kern von Weihnachten!“

Dabei ist die spanische Fassung des Liedes keine wörtliche Übersetzung des deutschen „Stille Nacht! Heilige Nacht!“    
Genau zurückübersetzt heißt es: „Nacht des Friedens, Nacht der Liebe!“

Ähnlich ist es in vielen der über 300 weiteren Sprachen, in die das Lied übersetzt wurde:

Im Englischen heißt es beispielsweise „Schweigende Nacht“, im Finnischen „Weihnachtsnacht“, im Rumänischen „Traumnacht“.

Doch nicht nur die Übersetzungen sind oft etwas anders als der deutsche Originaltext. Und von dem sind auch bei uns nur drei Strophen geblieben.

Die alten Strophen drei bis fünf werden kaum mehr gesungen. Dabei enthalten gerade sie einiges an theologischer Botschaft und, besonders in der vierten Strophe, eine große Friedenssehnsucht.

 

Als Joseph Mohr 1816 auf seiner ersten offiziellen Stelle  im salzburgischen Ort Mariapfarr sein Gedicht „Stille Nacht“ verfasste, hatte Europa gerade die napoleonischen Kriege hinter sich. Die Menschen waren erschöpft und ausgelaugt. Frieden und „Schlafen in himmlischer Ruh“, ohne Angst - danach sehnten sie sich und das spiegelt sich im Gedicht des jungen Priesters.

Aber auch der schon damals berühmte Hochaltar der Mariapfarr-Kirche stand Pate bei der Entstehung des Gedichts. Seine inspirierenden Bilder hatte Joseph Mohr vor Augen. Auf dem Altarbild „Die Huldigung der Drei Heiligen Könige“ ist das Christuskind auf dem Schoß seiner Mutter abgebildet. Mit erhobenem Händchen grüßt es bis heute als blonder Knabe im lockigen Haar die Besucher der Kirche.

Lied:                          Stille Nacht 3 + 4

3.    Stille Nacht! Heil’ge Nacht!
Die der Welt Heil gebracht,
Aus des Himmels goldenen Höh’n,
Uns der Gnade Fülle läßt seh’n
Jesum in Menschengestalt!
Jesum in Menschengestalt!

 

4.    Stille Nacht! Heil’ge Nacht!
Wo sich heut alle Macht
Väterlicher Liebe ergoß,
Und als Bruder huldvoll umschloß
Jesus die Völker der Welt!
Jesus die Völker der Welt!

 

Die fünfte Original-Liedstrophe ist für uns heute vielleicht die widerständigste und zunächst unverständlichste dieser alten, unbekannten Strophen.

In diesen Worten klingt die Sintflut-Geschichte aus dem Alten Testament an: Nach der großen Flut, die alles Leben - außer das in der Arche - vernichtete, schließt Gott über Noah einen Bund mit allen lebenden Wesen auf der Welt. Aller Welt, allem Leben, verheißt Gott in diesem Bund Verschonung. Er verspricht, dass es nie mehr eine vernichtende Flut geben soll.

Und schon damals, „in der Väter urgrauer Zeit“, als er den Bund mit Noah schloss, war es Gottes Plan und Vorsehung, uns Menschen diese Heilige Nacht zu schenken, in der sein Sohn zur Welt kommt, ja in der Gott selbst als Mensch zu uns kommt, weil er uns retten will und nicht vernichten.

Lied:                          Stille Nacht 5

5.    Stille Nacht! Heil’ge Nacht!
Lange schon uns bedacht,
Als der Herr vom Grimme befreyt,
In der Väter urgrauer Zeit
Aller Welt Schonung verhieß!
Aller Welt Schonung verhieß!

 

Als Mohrs Weihnachtgedicht dann zum Lied geworden war, hat es die Herzen der Menschen erobert.

Seine Melodie ist meisterhaft – gerade deshalb, weil sie so einfach ist, weil man es gar nicht merkt, wie wunderbar von Franz Xaver Gruber die Töne und Harmonien gefügt sind.

Der musikalische Erfolg von "Stille Nacht, Heilige Nacht" liegt in einer schlichten, aber doch ungewöhnlichen Harmoniefolge, in den „selig machenden“ Terzen und in dem wiegenden Sechs-Achtel-Takt. Dieser Rhythmus wird  in vielen Hirtenmelodien verwendet.     


Die Melodie von „Stille Nacht“, sie geht schnell ins Ohr und dringt tief ins Gemüt.   
Kein Wunder, dass sie sich so schnell verbreitet hat und vielen Menschen bis heute zu Herzen geht.

Vor 200 Jahren hat das Lied allerdings anders geklungen als wir es heute singen.

Die Melodie hatte mehr punktierte Verzierungen. Und: Es gab zunächst eine Gitarrenbegleitung und keine mit der Orgel.

Dafür gibt es eine überraschende Erklärung jenseits aller Legenden:

Der Priester und der Kantor sangen das Lied erst nach der eigentlichen, lateinisch gehaltenen Christmette, als die Figur des Jesuskindes vom Altar zur Krippe getragen wurde.

Die zweistimmigen Strophen sangen Gruber und Mohr wahrscheinlich alleine, die Kirchengemeinde wiederholte nur die letzten vier Takte. Der Komponist schreibt später über diese erste Aufführung des Liedes:

"Die Ergriffenheit derer, die an der Messe teilgenommen haben, war eine echte." 

Ein paar Jahre nach der Uraufführung kommt ein Orgelbauer aus dem Zillertal nach Oberndorf, um dort die Orgel zu reparieren.

Er wird auf das gern gesungene Weihnachtslied aufmerksam, lässt sich vom Organisten die Noten geben -  und von da an ist die Verbreitung nicht mehr aufzuhalten. Schon 1839 erklingt „Stille Nacht“ erstmals in New York.

 

Ist das Lied nun Kitsch oder Kunst?

 

Lassen wir einen 18jährigen Sänger des Windsbacher Knabenchores zu Wort kommen, der das Lied vielfach in Konzerten und Auftritten der Weihnachtszeit singt. Er sagt:

„Stille Nacht“ ist schon ein bisschen ausgeleiert, es wird einfach zu oft gesungen. Und als Berieselungsmusik in Kaufhäusern ist es unerträglich kitschig.

Trotzdem:  

Das Lied ist auch für mich der Inbegriff von Heiligabend und Weihnachten, das Zusammenspiel von Lied und Text ist einmalig. Draußen im Freien gesungen oder unterm Weihnachtsbaum oder als traditionelles Schlusslied bei unserem letzten Windsbacher-Konzert vor Weihnachten, wenn wir dann im Chor dazu alle Wunderkerzen anzünden – da ist es alles andere als kitschig und ich kriege immer Gänsehaut.

Der Musikexperte Professor Gottfried Kasparek sagt:

„Manche Menschen rührt das Lied zu Tränen.

Andere bewegt es eher zu einem glücklichen Lächeln.

Man kann dazu sogar unter Tränen lachen!

Das Lied ist nicht liturgisch und streng, es ist ein Liebeslied für ein neugeborenes Kind.

Es ist ein Lied des Friedens, voll klingender Spiritualität, die Grenzen überwindet.

Und es ist zeitlos.

Es gehört all jenen Menschen in der Welt,

die guten Willens sind.“

 

Die Leiterin des Stille-Nacht-Museums in Oberndorf, die das ganze Jahr Menschen rund um dieses Lied begleitet, wurde gefragt: „Können Sie das Lied eigentlich selbst noch hören?“

Sie fragte zurück: „Hören Sie es hier irgendwo? Wir verzichten bewusst auf Musikberieselung im Museum. Bei uns in Oberndorf wird das Lied nur am Heiligabend gesungen. Und da ist es etwas Besonderes und auch ich kann es genießen!“

Kitsch oder Kunst? Es kommt ganz offensichtlich auf den Rahmen an. Und darauf, ob es gelingt, das Lied etwas Besonderes sein zu lassen, es für die besonderen Momente am Heiligen Abend und im Gottesdienst aufzusparen.

Verzicht bringt Genuss – das gilt gerade bei einem in seiner Schlichtheit kostbaren Lied.

Am richtigen Ort, im richtigen Moment, kann es zu Herzen gehen und die Botschaft von der Geburt des Christkindes neu ins Herz singen. Die uralte Botschaft und Verheißung, die bis heute gilt, dir und mir: Christ, der Retter, ist da!

Lied:                           Stille Nacht  6

6.    Stille Nacht! Heil’ge Nacht!
Hirten erst kundgemacht
Durch der Engel „Hallelujah!
Tönt es laut bey Ferne und Nah
Jesus der Retter ist da!
Jesus der Retter ist da!

 

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14. Mai 2017 - 40 Jahre Ordination - Thale St. Andreas

   

                                      

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Gottesdienst 31. Oktober 2014

Wendegedenken – Reformation – Verabschiedung Pastorin Ursula Meckel

Liebe Versammelte,

heute vor 25 Jahren um diese Zeit war ich sehr viel aufgeregter als heute – in zweieinhalb Stunden würde hier in dieser Kirche eine Veranstaltung beginnen, von der niemand sagen konnte, wie sie ausgehen würde – wie viele kommen würden – ob es friedlich bliebe. Einige entschlossene Bürger/innen hatten eingeladen zu einem „Gebet für Land und Leute“ - … ein heute völlig harmloser Text, damals  staatsgefährdend gefährlich – die Handzettel wurden schnell entfernt, doch es hatte sich herumgesprochen.

Etliche sind jetzt hier, die damals auch dabei waren – um viele Erfahrungen reicher.

An diesen Reformationstag vor 25 Jahren erinnern wir.

Reformationstag – ein evangelischer Feiertag, den wir hier in Thale seit vielen Jahren ökumenisch begehen – so auch heute – ein zweiter Grund zur Dankbarkeit, weil das keineswegs überall selbstverständlich möglich ist.

Der dritte Anlass dieses Gottesdienstes: Nach 40 Jahren im kirchlichen Dienst werde ich verabschiedet - von den Kirchengemeinden und vom Kirchenkreis – entpflichtet vom Amt? – von der Pflicht zur Kür? – beziehungsweise verabschiede ich mich? - oder auch nicht?

Schaun wir mal.

Auf jeden Fall feiern wir jetzt einen Gottesdienst mit ganz viel Musik und dafür bin ich dankbar; dankbar allen, die ihn mit ausgestalten – und dazu gehören auch Sie alle hier, die zum Mitsingen eingeladen sind.

Dankbar bin ich vor allem dafür, dass wir uns versammelt haben im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen. Hilfe erwarten wir von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

Chor + Gemeinde: Wo Menschen sich vergessen …

Gott, wir treten jetzt vor Dich mit unseren Erinnerungen, unseren Wünschen, unseren Befürchtungen und unseren Hoffnungen. Wir schauen zurück und nehmen Abschied – wir blicken nach vorn und haben Träume.

Ich möchte bewahren, was gut war in den vergangenen Jahrzehnten. Denn vieles war wunderschön, erfrischend, aufregend, überraschend neu – dafür danke ich, das will ich nicht missen.

Loslassen und bewahren - beides. Gott, gib mir den Mut, die Hände zu öffnen, um Altbekanntes loszulassen. Gib mir den Mut, die Hände zu öffnen und die Arme auszubreiten, um Neues, Unbekanntes zu begrüßen.

Gott, ich danke Dir, dass ich getragen bin von der Hoffnung, gehalten zu werden -  beflügelt von dem Glauben, dass Du Dich kümmerst - auch um mich. Begeistert von dem Glauben, dass Du da bist.

Du hältst die Zeit liebevoll in Deinen Händen. Du bist ewig. Gestern und heute und morgen. Kein Anfang, kein Ende. Die Zeiten kommen und gehen - Du bleibst und rufst zum Leben im Vertrauen auf Dich und Deine beständige Gegenwart. Du bist auch jetzt mitten unter uns. Das ist Grund, sich zu freuen – deshalb:

Jauchzet dem Herrn alle Welt!

Amen.

Chor + Bläser:     Psalm 100

Lesung = Prediger 3; 1 - 13                                   

Meine Hoffnung …

                Credo                                                        

Bläser:                 La nuit

PREDIGT-Einstieg

U.:     Sag mal bitte,  Angelika, findest Du nicht auch, dass das heute hier eine etwas seltsame Veranstaltung ist?

A.:     Wieso seltsam? Es ist ein schöner Gottesdienst in einer vollen Kirche mit aufmerksamen Menschen, viel Musik und guter Stimmung. Und weil aller guten Dinge drei sind, gibt es drei inhaltliche Schwerpunkte: Wende-Gedenken, Reformation und Deine Verabschiedung.

U.:     Wende-Gedenken und Reformation sind klar – aber meine Verabschiedung? Mein Dienst hier im Pfarrbereich endete schon vor sieben Monaten. Ich wohne weiter in der Gemeinde und gehöre zum Bläserchor und in der Stadt bleibe ich ebenfalls, sogar im Stadtrat. Und: Im Kirchenkreis und selbst darüber hinaus geht meine Arbeit weiter. Also was für ein Abschied?

A.: Kann es sein, dass Du Dich um einen Abschied drücken willst?

U.: mhm … Also, mein ältester Patensohn hat mir geschrieben: „Ruhestand KANNST Du gar nicht.“

A.: Weiche nicht aus! Kann es sein, dass Du Dich drücken willst vor dem Abschied? Weil das weh tut?

U.: mhm …

A.: Bisher hast Du das ja ganz geschickt geschafft – denn Dein Dienst im Pfarrbereich Thale endete ja bereits am 31. März – wie Du weißt…

U.: Und Du weißt: Jeder Abschied ist ein kleines Sterben.

A.: Gehts auch etwas weniger theatralisch? - Du weißt: Alles hat seine Zeit … steht doch so schön auf der Einladung: …

U.: Das ist wohl der Unterschied zwischen Theorie und Praxis - oder wie wir hier im Osten gesagt haben: Zwischen Marx und Murks. Ich weiß, dass ich mich dem stellen muss. Nur: Zum April hast Du hier eine neue Pastorin eingesegnet. Willst Du mich jetzt aussegnen? Das klingt so nach Beerdigung.

A.: Natürlich nicht! Aber z. B. entpflichten – Du MUSST jetzt nichts mehr tun, aber Du darfst noch – und Pastorin bleibst Du ohnehin (so lange Du es möchtest).

U.: mhm …

A.: Nun schwirre schon ab auf die Kanzel – oder hast Du nichts mehr zu sagen?

U.:   Na gut. J  Aber ich bleibe lieber hier unten – ich möchte ja nicht „von oben herab“ reden …

Neue Möglichkeiten zu leben und Frieden kommen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, der für uns maßgeblich ist.                 Amen.

Liebe Anwesende,

gestern wurde ich am Telefon gefragt: „Freust Du Dich eigentlich auf den Gottesdienst morgen?“ und ich konnte ehrlichen Herzens sagen: „Inzwischen Ja! Ja, ich freue mich.“

Im April, als das eigentlich aktuell war, hätte ich das noch nicht gekonnt, denn es ist ja etwas dran, dass ich mich eigentlich irgendwie um diesen Abschied drücken wollte, weil eben jeder Abschied ein kleines Sterben ist und weh tut.

Heute ist das anders, weil nicht nur ein Lebensabschnitt zu Ende ging, sondern weil Neues, und für mich sehr Erfreuliches angefangen hat – und weil Wichtiges geblieben ist.

Loslassen und bewahren zugleich, Ende und Anfang.

Allerdings: Irgendwie lastet jetzt auf mir der Druck, ich müsse nun etwas ganz Bedeutsames und Kluges sagen – etwas zum Merken und Aufmerken – zum Abschied, der ja gar kein wirklicher Abschied ist. Denn es sind eben keine „letzten Worte“.      

Klar ist, ich bin nicht mehr die Pastorin von Thale, Warnstedt, Bad Suderode und Friedrichsbrunn – den Staffelstab im Pfarrbereich habe ich am Ostermontag weiter gegeben - aber ich bin und bleibe Pastorin und das gerne und bin dankbar für neue Herausforderungen und Aufgaben im Kirchenkreis und darüber hinaus – solange ich das kann und darf.

Normalerweise sitze ich unter den Bläser/innen – und das ist mir wichtig: Mitzublasen und vor allem Dazuzugehören. Ich möchte Teil einer Gemeinschaft sein, keine Einzelkämpferin. Aber heute gönne ich mir mal das Zuhören - dürfen.

Wendegedenken – Erinnerung an den Reformations-Abend vor 25 Jahren – damals wurden „Zeugnisse der Betroffenheit“ laut.

Ursprünglich wollte ich jetzt sagen, was mich heute betroffen macht. Dann ist mir noch rechtzeitig eingefallen, dass in unserem Land viel gejammert wird – und das meist auf sehr hohem Niveau. Das möchte ich nicht und habe auch keinen Grund dazu, vielmehr möchte ich am Ende einer langen Zeit im kirchlichen Dienst sagen, was mich dankbar macht.

Ich werde drei Kerzen der Dankbarkeit entzünden.

1. Die erste für das ehrenamtliche Engagement vieler Menschen, ohne das sehr vieles nicht möglich wäre - in den Kirchengemeinden – in den Kommunen – in Verbänden und Vereinen … über Parteigrenzen hinweg. Menschen, die nicht sagen „Was kriege ich dafür?“ und vor allem nicht: „Da kann man doch nichts machen“, sondern die sagen: „Da kann ICH was machen“ und das auch tun – zusammen mit anderen. Die nicht nur meckern und alles von anderen erwarten.

Dass viele den Mut haben, sich einzusetzen und kostenlos Zeit und Kraft opfern, auch wenn andere darüber den Kopf schütteln oder sich lustig machen, das finde ich einfach toll!

Mein Freund Erich Schweidler – er war Pfarrer an der St.Petri-Gemeinde und erster Nachwendebürgermeister in Thale – hat mir 1976 ins Gästebuch geschrieben: „Wer den Mut hat, sich unbeliebt zu machen, wer unbequem ist,  bringt die Entwicklung weiter. Mitmacher sind zwar bequem, aber langweilig.“

Sich anstößig zu verhalten bringt Anstöße – bringt in Bewegung – bringt weiter – macht die Welt etwas heller und wärmer, so wie diese Kerze.

2. Die zweite Kerze der Dankbarkeit entzünde ich für meine guten Erfahrungen mit der Ökumene – nicht nur aber auch hier in Thale.  Wir haben in den vergangenen Jahren vieles ganz unkompliziert gemeinsam gemacht, manchmal im Kleinen, dann auch im Größeren. Ich erinnere an den Ökumenischen Kreiskirchentag 2008, an die vielen Mitwirkenden beim Harzfest und 2009 beim Sachsen-Anhalt-Tag hier in Thale, bei den vielen Harzer Sommertagen, die wir ökumenisch gestaltet haben.

Viel Gemeinschaft und Gemeinsamkeiten konnte ich erleben bei den großen Ökumenischen Kirchentagen in Berlin und München, bei Katholikentagen und den großen evangelischen Kirchentagen und bei den Reformationstagen, die wir hier in Thale seit langem zusammen begehen – mit gemeinsamen fröhlichen Mahlzeiten.

Noch trennt uns evangelische und katholische Christen manches voneinander, doch es gibt viele Schritte aufeinander zu.  

Im September habe ich in Halberstadt an einer Ökumenischen Vesper teilgenommen aus Anlass des kirchlichen Festes für den Frieden und die Einheit der Kirche. Ein katholischer Geistlicher führte dazu aus:

Wichtig bleibt, dass der Glaube und das Mahl anderer Konfessionen nicht richtig oder falsch, sondern ehrlich, aber eben anders sind. Diese Erkenntnis ist eine tragfähige Grundlage für Gespräche, die keinen Einheitsbrei als Ergebnis wollen. Selbst wenn es immer noch nicht nach einer zeitnahen Lösung aussieht: "Der Mauerfall vor 25 Jahren kam auch unerwartet!"

Beifall bekam er für seinen Satz: „Freiheit muss ich mir NEHMEN.“  Die bekommen wir nicht auf einem Silbertablett serviert. Wenn das nicht hoffen lässt!

Dafür die zweite Kerze, bei der ich auch an den Satz denke, der mir schon in der DDR-Zeit wichtig geworden ist: „Es ist besser eine Kerze anzuzünden als über die Dunkelheit zu jammern.“

3. Die dritte Kerze ist deutlich größer als die beiden anderen und das ist natürlich kein Zufall. Ich bin in einem nichtkirchlichen Elternhaus aufgewachsen und habe als Jugendliche ersten Kontakt zu Kirche und Glauben gefunden. Dankbar bin ich für die Kraft des Glaubens – für die Einladung zur Freiheit und zum aufrechten Gang.

Ein Spruch von Theodor Storm, den ich von meinem Konfirmator gelernt habe, hat mich geprägt: „Der eine fragt: Was kommt danach? Der andre fragt nur: Ist es recht? Und also unterscheidet sich der Freie von dem Knecht.“

Ich wollte FREI sein und habe im Glauben Freiheit gefunden und die Erkenntnis gewonnen: Gottesfurcht schützt gegen Menschenfurcht. Ich denke an Paulus in der Gefängniszelle: Er war gefesselt und predigte dennoch FREI das Evangelium. – Ich lebte in einem Staat, der seine Bürger/innen einsperren musste, damit sie blieben …

Diesen Zustand konnten wir beenden – friedlich – ohne Gewalt – mit vielen kleinen Kerzen, auch hier bei uns in Thale.

Dafür diese dritte große Kerze. Danke für alles!

Heute meine Verabschiedung aus dem offiziellen Dienst. Aber ich bin und ich bleibe Pastorin. Als Christin lebe ich in dem Wissen, ein Geschöpf zu sein – verantwortlich für mein Leben, für alles Tun und für alles Lassen – und angewiesen auf Gemeinschaft.  

Gott gibt dem Menschen viele Möglichkeiten und setzt ihm hilfreiche Grenzen. Wer sich vor Gott verantwortlich weiß, geht verantwortlich mit der Schöpfung, mit den Mitmenschen, mit sich selbst um.  

Jesus ist uns ein Vorbild: Er war unbequem und anstößig – hatte keine Angst vor den Mächtigen und Geduld mit den Unvollkommenen. Er blieb ehrlich und riskierte es, sich unbeliebt zu machen. Mit seinen Maßstäben lässt es sich leben: „Gott ist der Mensch, der uns menschlicher macht.“

Zum Schluss ein Satz vom „Ehrenbürger der Herzen“ unserer Stadt, dem katholischen Pfarrer Wolfgang Janotta, den ich beim Abschied von den Gemeindekirchenräten im März zitiert habe:

„Ich habe getan, was ich konnte. Den Rest muss der liebe Gott erledigen.“

Wird er – er hat ja Sie und Euch! J

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, als alle Skepsis und Vorsicht, bewahre unsere Herzen und Gedanken, unseren Mut und unsere Phantasie in Jesus Christus, unserem Herrn.       Amen.

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Angelika Zädow:

Liebe Ursula, liebe Gemeinde,

nach 38 Jahren in Thale und 40 Jahren im kirchlichen Dienst wirst Du, liebe Ursula, heute aus diesem Dienst verabschiedet. Dass Du daran lange geknabbert hast, ist kein Geheimnis. Und ja, das ist sicher schwer, nach einer solchen Zeit alles „sein“ zu lassen, was vier Jahrzehnte tagtäglich das Leben und die Zeit prägte, den Tagesrhythmus vorgab, Herz und Verstand beschäftigte: Lektoren und Organistinnen für die Gottesdienste und Amtshandlungen zu finden, die Gemeindebriefe zu gestalten und den Beiträgen „hinterher“ zu laufen, Besuche zu machen, die Anfragen des Kreiskirchenamtes zu bedienen, Gruppen und Kreise zu organisieren und noch viel mehr. Das alles hört nun auf nach 40 Jahren.

Diese Zahl spielt übrigens in der Bibel immer wieder eine Rolle: 40 Tage und Nächte dauerte die Sintflut, 40 Jahre dauerte der Zug des Volkes Israel durch die Wüste, Mose weilt 40 Tage auf dem Berg Sinai, um die Gebote zu empfangen, der Prophet Elia geht 40 Tage und Nächte zum Berg Horeb und Jesus fastet 40 Tage in der Wüste.

So unterschiedlich diese Erzählungen sind -  zwei Dinge verbinden sie. Erstens: In dieser Zeit begegnen sie Gott. Und ich wünsche Dir und Ihnen, liebe Gemeinde, dass Sie im Nachdenken über die gemeinsame Zeit im Pfarrbereich Thale auch sagen können: Da gab es Momente und Augenblicke der Gemeinschaft, in denen wir uns des Glaubens sicher waren oder wurden.

Zweitens: Nach dieser Zeit veränderte sich das Leben der Menschen. Dieser Zeitpunkt ist nun für Dich, und Ihre Gemeinden gekommen. Sie alle haben eine neue Pastorin, die nun mit Ihnen Leben und Zeit im Pfarrbereich Thale gestaltet und auf dem Weg des Glaubens weiter geht, anknüpft an das was war und ganz andere Wege wagt.

Und du, liebe Ursula, wagst ja bereits andere Wege, hilfst Gemeinden im Kirchenkreis über die Zeit von Vakanzen hinweg. Hältst Gottesdienste und Amtshandlungen, organisierst und berätst. Der Rhythmus Deiner Zeit ist nun anders. Aber die Zeit an sich bleibt. Du hast nun die Freiheit, sie nach Deinen Wünschen nach Deiner Lust woanders zu gestalten und ohne Amtspflichten. Von Herzen wünsche ich Dir, dass Du diese Freiheit nutzen und Deine Zeit füllen kannst.

So Gott will, noch 40 Jahre, Amen.

 

Liebe Ursula,

vor Gott und dieser Gemeinde endet hiermit Dein Dienst im Pfarrbereich Thale, der Dir übertragen war. Alle Zuständigkeiten und Pflichten liegen nicht mehr in Deinen Händen. Was Dich in Deiner Arbeit beschwert hat, was unfertig blieb oder Sorgen macht, legen wir in die Hände Gottes, der allein aus allem ein Ganzes zu machen vermag. Nichts soll Dich beschweren, nichts soll Dich betrüben. Gott wird Dich tragen und begleiten auf Deinem weiteren Lebensweg.

 

Gebet:

Gott, Du Anfang und Ende der Zeit: Wir danken Dir für den Dienst von Pastorin Ursula Meckel, für die Zeit, die sie hier gewirkt hat. Und bitten Dich: Segne unsere Schwester im Glauben. Stärke sie mit Deinem Wort. Schenke ihr Mut und Zuversicht. Das bitten wir Dich durch Jesus Christus, der mit Dir und dem Heiligen Geist unserem Leben einen neuen Anfang schenkt. Amen.

Segen

Gott segne dir den Blick zurück und den Schritt nach vorn. Er schenke dir eine Melodie, die dich wie ein Lachen durch den Tag begleitet und Menschen, die ihre Arme um dich legen wie ein wärmender Mantel. So segne dich…