Für Interessenten eine bis vier  PREDIGT(en)                        

(Es ist nicht auszuschließen, dass ich auch mal den einen oder anderen Gedanken "übernommen" habe, ohne dies in jedem Fall ausdrücklich zu benennen.)  

Am 31. März 2014 endete mein Dienst im Pfarrsprengel Thale - 

seit dem 1. April 2014 bin ich Beauftragte für Springerdienste im Kirchenkreis Halberstadt.

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11. nach Trinitatis  - 12. August 2018

9.30 Uhr Kloster Drübeck

11 Uhr Laurentius Darlingerode

Evangelium = Predigttext:                              Lukas 18; 9 – 14

Neue Möglichkeiten zu leben und Frieden kommen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, der für uns maßgeblich ist.                         Amen.

Liebe Gemeinde,

es gibt biblische Geschichten, die prägen sich besonders durch Bilder ein.

Immer wenn ich das Gleichnis vom Zöllner und dem Pharisäer höre oder lese, habe ich ein bestimmtes Gemälde vor Augen. Es ist aus der Bilderbibel des Schnorr von Carolsfeld. Da ist ein beleibter Mann, raumgreifend dominiert er das Ganze – er ist so wohlbeleibt, dass er fast die ganze rechte Bildhälfte füllt.

Er opfert unübersehbar ein Geldstück, er ist sich seiner gewiss und sicher. Ein Mensch, der unbeirrbar von sich überzeugt ist. Er hat es nicht einmal nötig, den Hut abzuziehen.

Bescheiden im Hintergrund steht der Zöllner. Er hat den Hut gezogen. Er steht tiefer als der Pharisäer. Er neigt sich, er ist schlank. Er hat einen Stock in der Hand. Er ist noch unterwegs – ein ungemein sympathischer Wanderer.

So etwa sieht das überlieferte Bild vom Zöllner und dem Pharisäer aus. Und der Große ist bereits verurteilt, bevor die dazugehörige Geschichte gelesen wurde. Der Pharisäer ist zum Inbegriff des Heuchlers und der Überheblichkeit geworden.

Der Zöllner wird oft gelobt, weil er geradezu ein Vorbild an Bescheidenheit ist.  Viele von uns sind so erzogen worden: Sei immer schön bescheiden – falle nicht auf – zeige den anderen nicht, was du wirklich kannst und bist. Denn wer sich aufs hohe Ross setzt, wird tief herunterfallen ...

Der Maler hat mit seinen Mitteln ausgelegt, wie er die Erzählung verstanden hat. Gut und böse – richtig und falsch – eine klare eindeutige Schwarz-Weiß-Malerei. Dabei wird unwichtig, ob der Wahrheitsgehalt einer Überprüfung standhalten würde.

Ich erinnere: In der Welt der Bibel waren Zöllner Menschen, die für die Besatzungsmacht Abgaben eintrieben. Sie waren keine Beamten, sondern selbständige kleine Unternehmer, die auch in die eigene Tasche wirtschafteten. Und natürlich waren sie nicht beliebt bei denen, die zahlen mussten.

Die Pharisäer gehörten zu einer Laienbewegung, die Gottes Wort im Alltag sehr ernst nahmen. Sie gaben konsequent den Zehnten, ließen sich ihren Glauben etwas kosten, fasteten zweimal in der Woche.

Also hätte der Pharisäer schlank gezeichnet werden müssen – der Zolleinnehmer beleibt und wohlhabend.

Ganz spannend ist die Frage nach den Konsequenzen dieses provozierenden Gleichnisses.  Könnte sie lauten: „Sei wie der Zöllner!?“

Da meldet sich mein Widerspruchsgeist. Ich möchte keineswegs eine Zöllnerin sein oder mich so fühlen müssen. Nicht nur, weil es eine verachtete Berufsgruppe war.

Das Bekenntnis „Ich bin ein sündiger Mensch“ kommt mir in der Theorie auch leichter über die Lippen als in der Praxis. Wenn ich ehrlich zu mir selber bin, liegt mir das Gebet des Pharisäers näher:

„Ich danke dir, dass ich nicht so bin wie ... „ Es fallen mir einige Leute ein, mit denen ich weder tauschen noch sie als erstrebenswertes Vorbild haben möchte.

Hinzu kommt die Gefahr, das Gleichnis „umzukippen“. Der bußwillige Zöllner hat die vor Gott einzig mögliche Einstellung – und damit wird er unter der Hand zum neuen Pharisäer.

Es ist schwierig, aus dieser Zwickmühle herauszufinden. Am besten wäre wohl, zu leben wie der Pharisäer, verbunden mit der Reuehaltung des Zöllners.

Der in der Erzählung angelegte Stachel zwingt zum intensiveren Nachdenken. Allzu einfache Auslegungen führen in die Irre.

Bei dem Frommen wird nicht seine Lebensführung hinterfragt, sondern seine Einstellung. Dem Zöllner gebührt kein Lob für seine Daseinsgestaltung, nur für die kritische Einstellung zu sich selber. Gefährlich wird es, sich zum Maßstab aller Dinge zu machen – eigene Erkenntnisse als die einzig richtigen auszugeben.

Der Zöllner bleibt hinten stehen. Er wagt es nicht, seine Augen zu Gott zu erheben. Sein Ruf „Gott sei mir Sünder gnädig" ist keine gespielte Demut oder aufgesetzte Frömmigkeit. Er hat nichts vorzuweisen; keine Leistungen, auf die er stolz sein kann.

Er betet mit den Worten des 51. Psalms – eines Bußpsalms. Und das Wichtigste – er vergleicht sich nicht mit anderen – er lässt die anderen aus dem Spiel.

Bei diesem Spiel aller gegen alle hätte er ohnehin keine Chance – dazu war sein Ruf zu schlecht. Er braucht dieses Schielen nach rechts und links nicht mitzumachen. Seine Beziehung zu Gott wird nicht getrübt durch ständiges Vergleichen. Und darin bekommt er vor Gott Recht.

Er bekommt seinen Wert und seinen Platz von Gott zugesprochen und nun muss er sich nicht mehr ständig fragen: Bin ich gut genug? Bin ich mehr oder besser als dieser oder jener?

Für mich ist das der Kern des Evangeliums. Gott nimmt mich an, bevor ich etwas dafür tun kann. Er gibt mir meinen Wert und meinen Platz unabhängig davon, welchen Platz ich mir im Gerangel mit anderen erobern möchte oder schon erobert habe.

Sicher: Für das Selbstwertgefühl wird das, was ich leiste, was ich erreichen und bewirken kann, immer eine gewisse Rolle spielen.  Aber bin ich nur so viel wert wie ich leisten kann? Eine Frage, die immer wichtiger wird für viele in der Gesellschaft.

Was ist, wenn ich nichts mehr leisten kann? Wenn ich meine Arbeit und damit auch die gesellschaftliche Anerkennung  und Bestätigung verliere? Was wenn ich krank werde oder schwach – bin ich dann nichts mehr wert?

Das Selbstwertgefühl eines Menschen wird sich wohl immer wieder nach dem richten, was jemand schaffen oder nicht schaffen kann bzw. wo einer versagt. So ist dieses Gefühl schwankend und sehr abhängig von äußeren Umständen.

In unserer biblischen Erzählung finde ich den Satz hilfreich: Gott weist mir meinen Wert zu, auch wenn andere an mir zweifeln oder ich an mir selber zweifle. Der Zöllner ist ein Beispiel für dieses Vertrauen – mehr nicht.

Noch ein anderer Aspekt der geschilderten Szene macht mich betroffen. Zwei Menschen in einem Gotteshaus – verbunden durch denselben Glauben – im Gespräch mit demselben Gott – und doch Welten voneinander entfernt. Es sieht nicht so aus, als ob sie jemals zueinander finden könnten.

Dabei wäre es wichtig, dass sie von sich weg auf den anderen sehen und ihn ansprechen: Wie bist du geworden, was du bist? Was hat dich geprägt? Wer hat deine Verhaltensmuster bestimmt?

An der Berührungsangst scheitern Beziehungen, nicht nur zwischen diesen beiden.

Menschen, die Lichtjahre voneinander entfernt scheinen, finden sich heute nicht nur in Kirchen; es gibt sie zwischen West und Ost und Nord und Süd, zwischen Reichen und Armen, Gebildeten und Ungelernten, zwischen In- und Ausländern.

Es ist zum Glück nicht unsere Aufgabe, über den Wert oder Unwert eines Lebens zu befinden; auch nicht über „richtig“ oder „falsch“. Unsere Chance ist es die Freiheit zu entdecken und zu nutzen, die in dem Angebot Jesu liegt.

Wenn es gelingt, im Vertrauen auf die Zuwendung Gottes zu allen Menschen, Vor-Verurteilungen sein zu lassen – dann könnten wir es lernen, anders – besser – verständnisvoller – miteinander umzugehen – auch mit Andersdenkenden und unterschiedlich Geprägten.

Von dem Zöllner und dem Pharisäer wird nicht erzählt, ob sie ihre Vorurteile und ihre Berührungsängste überwinden konnten. Ihre Geschichte ist geschrieben und längst zu Ende.

Unsere ist offen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, als alle Skepsis und Vorsicht, bewahre unsere Herzen und Gedanken, unseren Mut und unsere Phantasie in Jesus Christus, unserem Herrn.

Amen.

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10. nach Trinitatis

5. August 2018

9.30 Uhr Harsleben     & 11 Uhr Wegeleben

Epistel = Predigt -Text:   2. Kor. 13; 11 - 13

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.

Amen.

Liebe Gemeinde,

die Worte, die Sie eben gehört haben, sind regelmäßigen Gottesdienstteilnehmern vertraut - fast immer werden sie am Anfang der Predigt gesprochen: “Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.”

Es hört sich an wie sehr fromme Worte, ein dreifacher guter Wunsch wird ausgesprochen: Gnade, Liebe und Gemeinschaft kommen darin vor. Das klingt nach friedlicher und freundlicher Atmosphäre.

Weniger bekannt ist vermutlich, dass dieser Dreisatz am Ende eines eher unfreundlichen Briefes steht, den der Apostel Paulus nach Korinth geschrieben hat. Zwischen ihm und der Gemeinde dort war es zu erheblichen Auseinandersetzungen gekommen. Was Paulus vorher schreibt sind leidenschaftliche Ausführungen zu den inneren Streitigkeiten und persönlichen Verunglimpfungen, denen er ausgesetzt war.  Die Briefe lassen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Dennoch am Ende die “frommen Wünsche”.

Was so harmonisch klingt, hat Paulus wahrscheinlich mit großen Ängsten  geschrieben, denn der Konflikt hatte ihn und die Gemeinde fast auseinander gebracht.

Von Christen wird oft erwartet, dass sie besonders friedfertig sind und versuchen, jeden Streit zu vermeiden. Der Satz des Paulus “Seid eines Sinnes; haltet Frieden” könnte so ausgelegt werden.

Streit zermürbt, er frisst Kräfte, er kann kaputt und krank machen. Verständlich ist der Wunsch, Konflikten auszuweichen - nicht über sie zu reden - so zu tun, als gäbe es sie nicht. Noch dazu in der Kirche - wenigstens dort soll es anders zugehen als sonst.

 

Dabei ist bekannt: Wo immer Menschen zusammenleben, gibt es Streit; unterschiedliche Einsichten und Ansichten und Verhaltensweisen, die andere verärgern oder kränken oder benachteiligen. Dann müsste nach Lösungen gesucht werden, mit denen alle leben können - und das ist schwer. Einfacher ist es zu sagen: der Starke setzt sich eben durch oder wie der böse Titel eines Liedes heißt: “Du musst ein Schwein sein in dieser Welt.” Wer dem zustimmt, hat resigniert.

 

Häufig ist die Klage zu hören, dass es keine Streitkultur mehr gibt.

Streitkultur - nur ein Modewort? Kultur hat etwas zu tun mit der Pflege und Gestaltung des menschlichen Miteinanders. Und weil Streit und Meinungsverschiedenheiten zum Menschsein gehören ist es notwendig, auch da eine gute Form des Umgangs zu finden.

Konflikte werden nicht dadurch gelöst, dass an den guten Willen appelliert wird oder der jeweils Schwächere nachgibt bzw. dazu gezwungen wird. Es bringt auch nichts, Differenzen zu unterdrücken, beiseite zu schieben. Probleme gehören offen auf den Tisch - nicht unter den Teppich gekehrt.

Ich finde, das ist ein sehr passendes Bild. Stellen Sie sich vor, wie es weiterginge mit all dem Müll und Unrat und Staub unter dem Teppich. Das Ganze würde sehr bald im wahrsten Sinne des Wortes “zum Himmel stinken”.

Wenn Streit und Ärger ständig  verdrängt werden, kommt es zu einem Scheinfrieden, wo die Probleme weiter unter der Oberfläche schwelen und das Miteinander vergiften oder unmöglich machen.

Die Art und Weise wie Paulus mit der Problematik umgeht, empfinde ich es als ermutigend und einladend. Kirche und Gemeinde sind nicht eine Insel der Seligen und Friedfertigen - sie können Lernort sein für eine bessere, eine wirkliche Streitkultur.

Drei gute Wünsche, die zugleich Angebote und Auswege sind, setzt Paulus an den Schluss seines Briefes.

Als Erstes:

Die Gnade sei mit euch. Schade, dass das Wort Gnade heute ungebräuchlich geworden ist. Es klingt altmodisch oder wird verächtlich herabsetzend gemeint, wenn einer gnädig - also quasi von oben herab - behandelt wird. Der Umgangston und das Verhalten vieler sind zunehmend gnadenlos geworden - und das macht sich in unserer Gesellschaft erschreckend bemerkbar.

Gnade beinhaltet: Ich muss dem anderen nicht ein Leben lang Vorhaltungen machen und ihm oder ihr Verfehlungen auf immer und ewig nachtragen. Gnade weist auf Vergebung hin, die neue Wege und Horizonte eröffnet.

Die Liebe Gottes wünscht Paulus den Zerstrittenen als Zweites. Eine Liebe, die nichts verniedlicht oder verschweigt, eine Liebe, die ehrlich bleibt.

Der Geist der Liebe bringt Gegensätze ins Gespräch. Er schafft Einheit, ohne den jeweils anderen zu vereinnahmen. Die  Liebe Gottes beinhaltet: Den Mitmenschen nicht zu verurteilen; wohl aber ihn ernst zu nehmen.

Deutliche Worte sind wichtig, auch wenn sie schmerzen können. Entscheidend sind Geist und Absicht, die dahinter stecken. Will ich den anderen vernichten, zerstören, kränken, diffamieren - oder will ich um ihn ringen, damit es weitergeht für alle Beteiligten?

Es macht immer wieder traurig, dass es gerade unter Menschen, die sich nahe stehen, soviel Streitereien und Zerwürfnisse gibt - da, wo sie besonders schmerzen. Dabei ist es nur verständlich: Wo die Nähe am größten ist, sind es auch die Reibungspunkte. Das zeigt sich in Familien und unter eigentlich Gleichgesinnten. Auszuhalten ist das nur in der Gewissheit: Die Liebe hält uns zusammen; im Geiste dieser Liebe können  Menschen sich einander mit ihren guten und schlechten Eigenarten zumuten, sich gegenseitig tragen und ertragen.

Die dritte und letzte freundliche Zusage gilt dem Gemeinsamen:

Zu einer tragfähigen Gemeinschaft gehört die Auseinandersetzung - damit man sich nachher wieder zusammensetzen kann. Eine wirkliche Gemeinschaft zerbricht nicht an Unterschieden. Bei Paulus hat sich gezeigt: Der ausgetragene Konflikt hat die Beteiligten nicht auseinander, sondern zusammengebracht.

Mir gefällt gut und es gibt mir Hoffnung, dass es Menschen wie Paulus gab und gibt: Die kein Blatt vor den Mund nehmen - einen, der Köpfe zurecht rückt, ohne sie gleich abzureißen. Zuweilen wünsche ich sehnsüchtig solche Autorität wie die des Paulus - und dazu das Gegenüber, das sich Ermahnungen zu Herzen nimmt, ohne sich beleidigt abzuwenden.

Paulus hat schmerzlich erfahren müssen, wie wenig der Prophet im eigenen Lande gilt. Ihm war klar, dass es ihm nicht allein mit seiner apostolischen Autorität gelingen würde, das Zusammenbringen der zerstrittenen Gemeinde zu erreichen.

Darum haben seine letzten Worte ein so starkes Gewicht an Zuversicht und Hoffnung. Nicht Paulus konnte die Gemüter bewegen, sondern der Geist Gottes. In ihm kann sich jeder Mensch angenommen fühlen - mit seinen Stärken und seinen Schwächen. Wer weiß, dass er aus der Gnade lebt, wird nicht gnadenlos mit anderen umgehen.

Schlimm wird es, wenn nicht mehr miteinander, sondern nur noch übereinander geredet wird. Beängstigend ist nicht das Vorhandensein von Konflikten, sondern wenn Gemeinschaft aufgekündigt wird.

Paulus hat sich und den anderen kritische Worte nicht erspart. Er hat es offen und ehrlich getan und sich damit verletzlich gemacht. Bei allem hat er die Gewissheit, dass er und die Gemeinde Gleichgesinnte sind und bleiben. Die Einheit der Liebe besteht nicht erst dann, wenn sich alle geeinigt haben, sondern schon vorher.

Gnade, Liebe und Gemeinschaft - ich glaube, dass diese drei guten Wünsche helfen können, den Alltag miteinander lebenswerter zu gestalten. Es geht nicht darum, unangenehme Wirklichkeiten nicht wahrzunehmen und einen Scheinfrieden vorzutäuschen. Es ist lohnend, im Geiste der Gnade und der Liebe nach gangbaren Wegen zu suchen.

Das gilt im persönlichen Miteinander ebenso wie im Umgang  innerhalb der Gesellschaft.

Kritikwürdige Wahrheiten offen zu legen bleibt belastend. Sie zu verschweigen ist auf Zukunft hin allerdings gefährlicher. Zum Beispiel bin ich dankbar dafür, wenn die Kirchen sich im politisch-gesellschaftlichen Bereich zu Wort melden und gerechtere Lebensverhältnisse einklagen. Das bringt nicht nur Freunde ein - es bleibt notwendig, um ein Sprachrohr für Verstummte und an-den-Rand-Gedrängte zu sein.

Eine Gesellschaft, die an nichts anderes glaubt als an Erfolg und Konsum hat keine Zukunft - und das muss immer wieder unüberhörbar gesagt werden.

Auch dabei ist entscheidend, welche innere Haltung dahinter steht. Bei Paulus heißt es: “Lasst euch Zurechtbringen, lasst euch mahnen, habt einerlei Sinn, seid friedsam. So wird der Gott der Liebe und des Friedens mit euch sein.”

Ich finde es schön und hoffnungsvoll, dass Streit so ausgehen kann - neue Möglichkeiten des Lebens miteinander und füreinander eröffnet. Und so wünsche ich uns:

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.

Amen.

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Gottesdienste 29. Juli 2018

9.30 Uhr Drübeck Bartholomäus

11 Uhr Darlingerode Katharinen

9. nach Trinitatis

Evangelium = Predigttext:    Matthäus 25; 14 - 30

Neue Möglichkeiten zu leben und Frieden kommen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, der für uns maßgeblich ist. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

das Gleichnis von den drei Knechten und den anvertrauten Talenten ist nicht nur eine sehr bekannte biblische Geschichte – sie ist auch irgendwie abstoßend. Mir sind eine Reihe von Redewendungen dazu eingefallen: Wer da hat, dem wird gegeben – dem Armen wird das wenige noch genommen -  wer nicht wagt, der nicht gewinnt – von nichts kommt nichts - wo schon etwas ist, da kommt noch mehr dazu –

das kann man auch etwas drastischer ausdrücken, doch das möchte ich in einer Kirche nicht tun.

Es ist eine Geschichte wie aus dem richtigen Leben – ein krasses Beispiel aus dem Alltag der Finanzwelt. Es geht um Geldanlagen, Spekulationen, Zinssätze und Börsengeschäfte.

Ein wohlhabender Herr geht auf Reisen und vertraut seinen drei Angestellten Vermögensanteile an. Er gibt ihnen den Auftrag, Gewinn zu erwirtschaften. Zwei von ihnen sind clever, machen Geld mit dem Geld und erzielen einen 100%tigen Gewinn. Der Dritte traut sich nicht, so gewagt zu spekulieren; er bringt das Geld in Sicherheit.

Bei der Rückkehr des Herrn präsentieren die beiden ersten eine satte Erfolgsmeldung und sind damit reif zur Beförderung. Der Ängstliche bekommt dagegen eine harte Strafpredigt zu hören und muss seinen Anteil auch noch an den Erfolgreichsten abgegeben.  Wer da hat, dem wird gegeben – so lautet die Devise des Chefs.

Diese Redewendung wird noch heute von Leuten benutzt, die gar nicht wissen, dass sie aus der Bibel stammt. Wer selber reich ist, sagt es ein wenig augenzwinkernd – Ärmere eher bitter: Das ist ein unbarmherziges aber wahres Prinzip, an dem nicht zu rütteln ist.

Ärgerlich, dass so etwas in der Bibel steht, es ist so leicht zu missbrauchen. Was ist das für ein Herr, der hier handelt? Was für ein Gott, der so reagiert?

Mit dem Gott der kleinen Leute, den die Bibel sonst darstellt, hat dieser Ausbeuter nichts gemein.

Im Mittelpunkt der Geschichte stehen allerdings weder der Herr noch die beiden Erfolgreichen. Der dritte Knecht ist das Thema. Die anderen können sich ganz gut selber helfen. Insofern ist es doch eine Geschichte für kleine Leute – nicht nur in finanzieller Hinsicht kleine Leute.

Den Angestellten wurden Talente anvertraut. Damit ist zuallererst eine Münzeinheit gemeint, noch dazu eine hohe. Ein Talent entspricht etwa dem Wert von 10. 000 DM. Bei einem damaligen Tageslohn von einem Silbergroschen ist das eine Summe, die für etwa 25 Jahre ausreicht – das war damals ein Menschenalter.

Inzwischen haben die Begriffe Talent, Vermögen, Gaben, Anlagen eine mehrfache Bedeutung. Diese Begriffe gibt es nicht nur in der Finanzwelt.

Talente – jemand hat viel oder wenig Talente – viel oder weniger Vermögen -  im Gleichnis wird nicht allen dasselbe zugeteilt, aber alle bekommen etwas anvertraut; einen Teil des Vermögens, einen Teil der Werte – IHREN Teil.

Der dritte Knecht vergräbt sein Vermögen, seine Begabung, seine Talente. Damit hat er übrigens nach damaligem Recht richtig gehandelt. Es galt die Regelung: Wer Geld und Gut vergräbt, hat diese ausreichend gesichert. Das Handeln ist korrekt, juristisch nicht anfechtbar.

Was dahintersteckt ist ganz offensichtlich. Der Mann hat Angst. Und diese Angst veranlasst ihn dazu, alles, was er besitzt bzw. was ihm anvertraut wurde, nur zu bewahren und festzuhalten, anstatt es einzusetzen und zu riskieren.

Irgendwie kann ich ihn verstehen. Er tut nichts Unrechtes. Er nimmt nichts weg von dem Vermögen; er bringt es lediglich in Sicherheit.

Und wer sich nicht allzu gut auskennt in Sachen Talente, wer nicht allzu selbstbewusst ist, der kann gut nachempfinden, warum der Mann so handelt: Er traut sich einfach nichts zu. Ein ängstlicher Mensch, der einem leidtun kann – ein armes, in sich verkrümmtes Wesen.

Er traut sich nichts zu – und sicher hat das Ursachen.

Wer sich selbst nichts zutraut, der schaut immer wieder bewundernd dahin, wo andere sind – was die alles tun und können und haben. Es gibt einen Zusammenhang zwischen einem Minderwertigkeitsgefühl und dem Zwang, sich mit anderen zu vergleichen:

Andere haben reichere Eltern, einen besseren Umgang gelernt, hatten bessere Ausbildungschancen, sind im „besseren“ Teil des Landes aufgewachsen, haben eine stabilere Gesundheit, ein angenehmeres Äußere – und sind dadurch von vornherein im Vorteil.

Wer so aufwächst, hat es schwerer im Leben als andere – verbaut sich zusätzlich eigene Lebensmöglichkeiten. Da fühlt sich jemand benachteiligt durch schlechtere Startbedingungen – oder ist es auch tatsächlich – und sagt dann: Schuld hat das Schicksal, daran kann ich nichts ändern. Besser ist es, ich verberge mich – mache mich ganz klein – bloß nicht auffallen – vielleicht komme ich ja unbemerkt durch.

Das Leben mancher Menschen wird von dieser Haltung und dieser Angst bestimmt. Das ist eine Form der Angst, die in einen Teufelskreis führt und die zum Feind des Lebens wird.

Nicht jede Angst ist lebensfeindlich – manche ist lebensbewahrend – diese hier beschriebene ist zerstörerisch.

Unser dritter Knecht beklagt ebenfalls die Ungerechtigkeit der Welt und besonders des Herrn – er klagt und klagt an – und am Ende wird ihm auch noch das genommen, was er hatte.

Gibt es einen Ausweg aus solchem Kreislauf? Lässt sich dagegen überhaupt etwas tun? Das Gleichnis zeigt lediglich die drohende Konsequenz dieses Angstverhaltens auf.

Ich kehre noch einmal an den Ausgangspunkt zurück.

Hintergrund der ganzen Erzählung ist das Vertrauen des Herrn. Er vertraut den Knechten das Vermögen an. Er traut ihnen zu, dass sie mit ihren Talenten wuchern können, dass sie ihr Vermögen einsetzen. Er gibt jedem einzelnen zu verstehen: Nutze die Möglichkeiten, die dir gegeben sind.

Ich denke wir alle kennen die positive Wirkung von Zuspruch und Zutrauen. Wenn ich etwas vorhabe, mir eine Aufgabe gestellt wird, dann ist es ein großer Unterschied, ob andere skeptisch daneben stehen und zweifelnd sagen: Das schafft die doch sowieso nicht – oder ob mich freundliche Blicke und Gesten begleiten, die mir zeigen: Du schaffst das  - ich traue es dir zu.

Das Zutrauen des Herrn ist im Gleichnis da. Es geht um die Möglichkeiten, die dem einzelnen gegeben wurden. Die Erzählung lenkt den Blick auf mich selbst und mein Vermögen. Der dritte Knecht schielte auf die anderen, anstatt sich auf sein Talent und das Zutrauen des Herrn zu beziehen.

Wenn wir das Ergebnis sehen wird auch noch deutlich: Der Herr konnte die Kräfte seiner Angestellten unterscheiden und unterschiedlich einsetzen. Er hat niemanden überfordert. Jeder nach seinem Vermögen.

Ich versuche, das für mein Leben zu übersetzen.

Es ist meine Aufgabe, mein Leben mit den mir gegebenen Möglichkeiten zu leben und möglichst keine meiner Fähigkeiten brach liegen zu lassen – zu vergraben. Was andere tun und haben und machen, spielt dabei nicht die geringste Rolle.

Eigentlich hätte ich Lust zu einem Experiment – sozusagen einer Hausaufgabe. Vielleicht möchte jemand für sich überprüfen, wo die eigenen Begabungen, Talente liegen. Wer das will, setze sich zu Hause einmal in eine stille Ecke und schreibe fünf Dinge auf, die sie oder er gut kann.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie schwer das ist -  das macht man doch nicht, Eigenlob ... –

Doch der Zettel soll ja nicht irgendwo verlesen werden. Ich stelle es mir heilsam vor, um eigene Talente nicht immer neu zu vergraben.

Gott traut uns etwas zu – warum trauen sich Menschen oft nichts zu?

Gottvertrauen und Selbstvertrauen gehören zusammen. Ich kann mir das eine ohne das andere nicht vorstellen.

Der Herr unserer Geschichte ist ein großzügiger Herr. Er bezieht seine Leute mit ein, vertraut ihnen viel an. Und er ist ein weiser Mann, der die Kräfte des einzelnen berücksichtigt. Er mutet keinem mehr zu als er leisten kann. Er verlangt nicht mehr als das, wozu er zuvor begabt hat.

Der Theologe Eugen Drewermann hat das so beschrieben:

Mit den Augen Gottes betrachtet, brauchst du nur zu sein, was du bist; nur zu tun, was du kannst; nur zu vollenden, was in dir angelegt ist. Das erste und schlimmste Unrecht in deinem Leben fügst du dir selber zu, wenn du dich nach dem Maßstab anderer misst und dann dem Himmel vorwirfst, dass er dich nicht so geschaffen hat wie die anderen.

Liebe Gemeinde, jeder und jedem von uns hat Gott einen ganzen Haufen Talente mitgegeben – einen Haufen, zu dem im Laufe des Lebens auch immer noch eine ganze Menge dazukommen kann.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, als alle Skepsis und Vorsicht, bewahre unsere Herzen und Gedanken, unseren Mut und unsere Phantasie in Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

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Gottesdienste 7. / 8. nach Trinitatis

15. Juli 2018

10.15 Uhr Dingelstedt

22. Juli 2018

Hedersleben

Evangelium = Predigttext:                     Johannes 6; 1 – 15

Neue Möglichkeiten zu leben und Frieden kommen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, der für uns maßgeblich ist.           Amen.                                                                                                                           

Liebe Gemeinde,

allzu bekannte biblische Geschichten haben den Nachteil, dass wir gar nicht mehr genau hinhören, wenn sie verlesen werden – wir wissen ja schon, wie sie ausgehen – und haben auch schon viele Predigten darüber gehört. Die Speisung der 5000 gehört zu ihnen – längst ist bekannt, was sie aussagen will.

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein – so sagt die Bibel. Der Mensch sucht mehr, wovon er leben kann: Gefüllte Hände, gestillter Hunger – im Gleichgewicht sein mit der Welt und mit sich.

In der biblischen Geschichte, die wir als Evangelium gehört haben, fanden Menschen das was sie suchten bei Jesus. Sie sind ihm nachgelaufen – sogar bis in die Wüste. Sie hatten Erstaunliches von ihm gehört – wussten vielleicht selbst nicht, was sie eigentlich wollten. Sie waren nur auf der Suche nach Sinn im Leben und Erfüllung ihrer Wünsche.

Jesus seinerseits hatte den Wunsch, sie alle satt zu machen. Er wusste von dem Hunger in ihren Herzen, von unerfüllten Sehnsüchten. Also besprach er sich mit seinen Freunden, den Jüngern.

Doch die sahen nur: Das hier sind zu viele Menschen. Diese Menge können wir niemals zufrieden stellen. Wir können nur den vorhandenen Mangel verwalten. Es reicht nicht vorne und nicht hinten.

Eine uralte Geschichte.

Heute gibt es ca. 7,4 Milliarden Menschen auf der Erde (Jahreswechsel 2016/2017). Ein Viertel von ihnen legt sich jeden Abend hungrig schlafen. Was würden wir antworten, wenn Jesus uns fragte: Was tut ihr für diese Menschen?

Wahrscheinlich erginge es uns wie den Jüngern damals. Wir würden die Situation überschlagen und die Kosten – und dann ein niederschmetterndes Ergebnis feststellen:

Das Ausmaß der Not übersteigt bei weitem die vorhandenen Hilfsmöglichkeiten.

Damals ging es um 200 Silbergroschen. Für die Jünger Jesu ein astronomisch hoher Betrag. Soviel Geld hatten sie noch nie auf einmal gesehen – eine solche Summe können sie nicht aufbringen.

Sie können sich nur nach dem umschauen, was vorhanden ist. Ein Kind hat fünf Gerstenbrote und zwei kleine Fische bei sich. Was damit anzufangen ist, kann sich jeder ausrechnen.

Fünf geteilt durch 5.000 – das gibt ein Tausendstel. Das ist gar nichts. Am Ende hat nicht einmal das Kind etwas zu essen.

So rechnen wir und nach den Regeln der Mathematik ist auch nichts dagegen einzuwenden.

Aber: Stimmt die Wertung, die mit solchem Rechnen verbunden ist?

Im Bereich unserer eigenen Erfahrungen wissen wir: Teilen führt nicht notwendig zur Verminderung des Bestandes.

Geteiltes Glück ist doppeltes Glück – so heißt es.

Jeder lebende Organismus vermehrt sich durch tausendfältige Zellteilung. Es kommt vor, dass durch Teilen mehr entsteht als vorher da war.

 

Im Blick auf die Speisungsgeschichte wird häufig von der wunderbaren Brotvermehrung gesprochen. Davon ist in der Erzählung selbst mit keinem Wort die Rede.

Nicht, dass Jesus Brot vermehrt hätte, wird berichtet, sondern, dass er es austeilte.

Ein Hinweis darauf, wie mit dem Hunger in der Welt umzugehen wäre:

Es geht um das Teilen – denn noch wächst auf unserer Erde soviel an Nahrungsmitteln, dass jeder Mensch davon satt werden könnte – alle            7,4 Milliarden.

Die Menschheit könnte es sich leisten, jedem so viel zu essen zu geben, wie er braucht. Das Vorhandene müsste nur gerecht verteilt werden.

Es schreit zum Himmel, wie viel Nahrungsmittel vernichtet oder gelagert werden – übrigens auch in den Entwicklungsländern selbst! – während Menschen vor Hunger sterben.

 

Die Speisungsgeschichte aus dem Neuen Testament  stellt unsere Art zu rechnen und zu planen in Frage. Sie lädt ein, eine neue Rechenart zu lernen: Nicht ständig nachzurechnen, was möglich sein könnte und was nicht.

Eine andere Art zu rechnen: Das heißt, mit Gottes Gegenwart zu rechnen.

Als Epistel haben wir gehört, wie in der Apostelgeschichte  von der ersten Gemeinde der Christen gesprochen wird. Sie lebten und teilten miteinander. Leider ist es nicht so geblieben.

Heute sieht es so aus: Für eine gerechte Verteilung der vorhandenen Güter der Erde zu sorgen – das überfordert uns: Die einzelnen und auch die Gemeinden – und zwar hoffnungslos.

Das Problem des Hungers in der Welt lässt sich nicht mit einem Schlage lösen.

Auch Jesus hat zu seiner Zeit das Hungerproblem als solches nicht gelöst. Er hat ein Zeichen gegeben. Er hat gezeigt, wie es aussieht, wenn 5. 000 Menschen miteinander teilen. Er hat sich allerdings geweigert, den Menschen die Sorge um das tägliche Brot abzunehmen.

Als sie ihn zum König machen wollten, der ihnen ein unbeschwertes Leben garantieren sollte, ging er von ihnen weg.

Wer in Jesus nichts anderes sieht als einen wundersamen Brotvermehrer – einem Steigerer des Glücks und des Wohlstandes – dem entzieht er sich.

 

Immerhin: Sechsmal wird im Neuen Testament  von dem Speisungswunder erzählt. Mal sind es 4. 000, mal 5. 000, mal 6. 000, die satt werden.

Und vielleicht hat sich das Wunder – das tatsächliche Wunder – sich so ereignet, wie ich es mal gelesen habe:

 

Die Menschen sind losgelaufen als Jesus kam, um zu predigen.  Ganze Familien machten sich auf den Weg. Sie wussten nicht, wie lange sie unterwegs sein würden – wie lange der Prediger sie beeindrucken würde.

Vielleicht haben sie sich keine großen Gedanken gemacht über die Verpflegung unterwegs -  obwohl das schwer vorstellbar ist, denn damals gab es noch nicht an jeder zweiten Ecke einen Kiosk – und in der Wüste schon gar nicht.

Bestimmt aber gab es fürsorgliche Mütter und Väter, die an Reiseproviant dachten.

Nicht viel, aber immerhin – etwas für unterwegs hatte sicher jeder dabei.

So wie die Jünger – ein paar Brote und Fische.

Und typisch ist dann auch, dass ausgerechnet ein Kind anfängt zu teilen. Es kann noch nicht rechnen, so wie die Erwachsenen – es kann noch nicht weit genug denken –

es fängt einfach an, auszuteilen.

 

Und dann geschieht das Wunder – vielleicht ganz zaghaft und klein: Da packt noch einer aus was er mit hat für sich und die Seinen. Er  - oder sie – behält es nicht mehr ängstlich für sich, obwohl nicht klar ist, ob es dann noch reicht –

und dann ein Zweiter und ein Dritter.

Je mehr sich beteiligen, desto geringer wird die Angst, es könnte nicht reichen.

Und so kommt es, dass am Ende sogar noch etwas  und nicht einmal wenig übrig bleibt – ein wirkliches Wunder.

Das Wunder: Menschen hören auf, nur an sich selbst zu denken – sie verlieren ihre Angst vor dem Loslassen und Weggeben –

und dann reicht es für alle.

Leider wissen wir nicht, wie lange dieses neue Miteinander gehalten hat – wie lange es so blieb in den ersten christlichen Gemeinden. Irgendwann machten zu viele nicht mehr mit – so wurde das Evangelium – die Gute Nachricht – verwässert. Aber: Sie gilt noch immer!

 

Die Erzählung lässt sich jedoch auch in einem übertragenen Sinne verstehen:

Immer wieder geraten Menschen in Situationen in denen es so aussieht, als ginge nichts mehr – keine Lösung des Problems ist in Sicht – alles scheint zu Ende. Die Aufgaben zu groß, die Gaben zu klein.

Heute heißt es in unserem Lebensbereich in der Regel nicht: Es fehlt das Essen, sondern: Es fehlt an Geld und an Arbeit.

Dabei ist beides in ausreichendem Maße vorhanden – nur eben schlecht bzw. ungerecht verteilt.

Dazu gibt es Hinweise zur Veränderung der Situation:

  1. Schaut nach, was vorhanden ist. Seht euch um, was ihr habt an Geld und Gaben und Aufgaben. Es ist mehr als auf den ersten Blick erkennbar wird. Die Jünger sollen bei sich selbst anfangen. (Gebt ihr ihnen zu essen.) Jesus macht sie handlungsfähig und traut ihnen etwas zu. „Was ist vorhanden?“ – diese Frage lenkt die Blickrichtung vom Großen und Unerreichbaren auf das Kleine, mit dem man etwas anfangen kann.
  2. Das Ganze muss überschaubar werden – teilt euch auf in kleinere Gruppen – 5. 000 sind zu viel – lagert euch um einen Tisch – schaut euch in die Augen – in kleineren Bereichen lässt sich vieles leichter klären. Fängt man damit an, erst zu berechnen, was für das Ganze gebraucht wird, wird es vermutlich nie zu einer Lösung kommen.
  3. Jesus schaut nach oben – auch das in einem übertragenen Sinne gemeint: Er wendet sich an Gott – er weiß, dass er nicht alles übersehen kann, wenn er mittendrin steckt in dem Dilemma – da hilft es zu wissen: Gott ist ja da – er nimmt uns nicht die Arbeit ab und nicht die Fantasie und das Nachdenken, aber er lässt uns auch nicht allein. Jesus dankt dem Geber des Lebens und der Lebensmittel – wer dankt, der denkt und dadurch verändert sich die Situation.

 

Die Wundergeschichten aus dem Neuen Testament  - die Erzählungen von Jesus und seinem Umgang mit Menschen – wie er sie verändert und ermutigt hat –

sie machen einfach Mut für die vielen kleinen nötigen Schritte die nötig sind, um unsere Erde lebenswert und liebenswert für ALLE zu machen.

Und da zählt es nicht zu sagen: Ich allein kann ja doch nichts ausrichten und ändern – niemand von uns kann die ganze Welt verändern, aber doch jeder ein kleines Stück – und das ist viel wert – es kann ein Anfang sein zu einer Bewegung, die viele erreicht.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, als alle Skepsis und Vorsicht, bewahre unsere Herzen und Gedanken, unseren Mut und unsere Phantasie in Jesus Christus, unserem Herrn.       Amen.

 

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14. Mai 2017 - 40 Jahre Ordination - Thale St. Andreas

   

                                      

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Gottesdienst 31. Oktober 2014

Wendegedenken – Reformation – Verabschiedung Pastorin Ursula Meckel

Liebe Versammelte,

heute vor 25 Jahren um diese Zeit war ich sehr viel aufgeregter als heute – in zweieinhalb Stunden würde hier in dieser Kirche eine Veranstaltung beginnen, von der niemand sagen konnte, wie sie ausgehen würde – wie viele kommen würden – ob es friedlich bliebe. Einige entschlossene Bürger/innen hatten eingeladen zu einem „Gebet für Land und Leute“ - … ein heute völlig harmloser Text, damals  staatsgefährdend gefährlich – die Handzettel wurden schnell entfernt, doch es hatte sich herumgesprochen.

Etliche sind jetzt hier, die damals auch dabei waren – um viele Erfahrungen reicher.

An diesen Reformationstag vor 25 Jahren erinnern wir.

Reformationstag – ein evangelischer Feiertag, den wir hier in Thale seit vielen Jahren ökumenisch begehen – so auch heute – ein zweiter Grund zur Dankbarkeit, weil das keineswegs überall selbstverständlich möglich ist.

Der dritte Anlass dieses Gottesdienstes: Nach 40 Jahren im kirchlichen Dienst werde ich verabschiedet - von den Kirchengemeinden und vom Kirchenkreis – entpflichtet vom Amt? – von der Pflicht zur Kür? – beziehungsweise verabschiede ich mich? - oder auch nicht?

Schaun wir mal.

Auf jeden Fall feiern wir jetzt einen Gottesdienst mit ganz viel Musik und dafür bin ich dankbar; dankbar allen, die ihn mit ausgestalten – und dazu gehören auch Sie alle hier, die zum Mitsingen eingeladen sind.

Dankbar bin ich vor allem dafür, dass wir uns versammelt haben im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen. Hilfe erwarten wir von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

Chor + Gemeinde: Wo Menschen sich vergessen …

Gott, wir treten jetzt vor Dich mit unseren Erinnerungen, unseren Wünschen, unseren Befürchtungen und unseren Hoffnungen. Wir schauen zurück und nehmen Abschied – wir blicken nach vorn und haben Träume.

Ich möchte bewahren, was gut war in den vergangenen Jahrzehnten. Denn vieles war wunderschön, erfrischend, aufregend, überraschend neu – dafür danke ich, das will ich nicht missen.

Loslassen und bewahren - beides. Gott, gib mir den Mut, die Hände zu öffnen, um Altbekanntes loszulassen. Gib mir den Mut, die Hände zu öffnen und die Arme auszubreiten, um Neues, Unbekanntes zu begrüßen.

Gott, ich danke Dir, dass ich getragen bin von der Hoffnung, gehalten zu werden -  beflügelt von dem Glauben, dass Du Dich kümmerst - auch um mich. Begeistert von dem Glauben, dass Du da bist.

Du hältst die Zeit liebevoll in Deinen Händen. Du bist ewig. Gestern und heute und morgen. Kein Anfang, kein Ende. Die Zeiten kommen und gehen - Du bleibst und rufst zum Leben im Vertrauen auf Dich und Deine beständige Gegenwart. Du bist auch jetzt mitten unter uns. Das ist Grund, sich zu freuen – deshalb:

Jauchzet dem Herrn alle Welt!

Amen.

Chor + Bläser:     Psalm 100

Lesung = Prediger 3; 1 - 13                                   

Meine Hoffnung …

                Credo                                                        

Bläser:                 La nuit

PREDIGT-Einstieg

U.:     Sag mal bitte,  Angelika, findest Du nicht auch, dass das heute hier eine etwas seltsame Veranstaltung ist?

A.:     Wieso seltsam? Es ist ein schöner Gottesdienst in einer vollen Kirche mit aufmerksamen Menschen, viel Musik und guter Stimmung. Und weil aller guten Dinge drei sind, gibt es drei inhaltliche Schwerpunkte: Wende-Gedenken, Reformation und Deine Verabschiedung.

U.:     Wende-Gedenken und Reformation sind klar – aber meine Verabschiedung? Mein Dienst hier im Pfarrbereich endete schon vor sieben Monaten. Ich wohne weiter in der Gemeinde und gehöre zum Bläserchor und in der Stadt bleibe ich ebenfalls, sogar im Stadtrat. Und: Im Kirchenkreis und selbst darüber hinaus geht meine Arbeit weiter. Also was für ein Abschied?

A.: Kann es sein, dass Du Dich um einen Abschied drücken willst?

U.: mhm … Also, mein ältester Patensohn hat mir geschrieben: „Ruhestand KANNST Du gar nicht.“

A.: Weiche nicht aus! Kann es sein, dass Du Dich drücken willst vor dem Abschied? Weil das weh tut?

U.: mhm …

A.: Bisher hast Du das ja ganz geschickt geschafft – denn Dein Dienst im Pfarrbereich Thale endete ja bereits am 31. März – wie Du weißt…

U.: Und Du weißt: Jeder Abschied ist ein kleines Sterben.

A.: Gehts auch etwas weniger theatralisch? - Du weißt: Alles hat seine Zeit … steht doch so schön auf der Einladung: …

U.: Das ist wohl der Unterschied zwischen Theorie und Praxis - oder wie wir hier im Osten gesagt haben: Zwischen Marx und Murks. Ich weiß, dass ich mich dem stellen muss. Nur: Zum April hast Du hier eine neue Pastorin eingesegnet. Willst Du mich jetzt aussegnen? Das klingt so nach Beerdigung.

A.: Natürlich nicht! Aber z. B. entpflichten – Du MUSST jetzt nichts mehr tun, aber Du darfst noch – und Pastorin bleibst Du ohnehin (so lange Du es möchtest).

U.: mhm …

A.: Nun schwirre schon ab auf die Kanzel – oder hast Du nichts mehr zu sagen?

U.:   Na gut. J  Aber ich bleibe lieber hier unten – ich möchte ja nicht „von oben herab“ reden …

Neue Möglichkeiten zu leben und Frieden kommen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, der für uns maßgeblich ist.                 Amen.

Liebe Anwesende,

gestern wurde ich am Telefon gefragt: „Freust Du Dich eigentlich auf den Gottesdienst morgen?“ und ich konnte ehrlichen Herzens sagen: „Inzwischen Ja! Ja, ich freue mich.“

Im April, als das eigentlich aktuell war, hätte ich das noch nicht gekonnt, denn es ist ja etwas dran, dass ich mich eigentlich irgendwie um diesen Abschied drücken wollte, weil eben jeder Abschied ein kleines Sterben ist und weh tut.

Heute ist das anders, weil nicht nur ein Lebensabschnitt zu Ende ging, sondern weil Neues, und für mich sehr Erfreuliches angefangen hat – und weil Wichtiges geblieben ist.

Loslassen und bewahren zugleich, Ende und Anfang.

Allerdings: Irgendwie lastet jetzt auf mir der Druck, ich müsse nun etwas ganz Bedeutsames und Kluges sagen – etwas zum Merken und Aufmerken – zum Abschied, der ja gar kein wirklicher Abschied ist. Denn es sind eben keine „letzten Worte“.      

Klar ist, ich bin nicht mehr die Pastorin von Thale, Warnstedt, Bad Suderode und Friedrichsbrunn – den Staffelstab im Pfarrbereich habe ich am Ostermontag weiter gegeben - aber ich bin und bleibe Pastorin und das gerne und bin dankbar für neue Herausforderungen und Aufgaben im Kirchenkreis und darüber hinaus – solange ich das kann und darf.

Normalerweise sitze ich unter den Bläser/innen – und das ist mir wichtig: Mitzublasen und vor allem Dazuzugehören. Ich möchte Teil einer Gemeinschaft sein, keine Einzelkämpferin. Aber heute gönne ich mir mal das Zuhören - dürfen.

Wendegedenken – Erinnerung an den Reformations-Abend vor 25 Jahren – damals wurden „Zeugnisse der Betroffenheit“ laut.

Ursprünglich wollte ich jetzt sagen, was mich heute betroffen macht. Dann ist mir noch rechtzeitig eingefallen, dass in unserem Land viel gejammert wird – und das meist auf sehr hohem Niveau. Das möchte ich nicht und habe auch keinen Grund dazu, vielmehr möchte ich am Ende einer langen Zeit im kirchlichen Dienst sagen, was mich dankbar macht.

Ich werde drei Kerzen der Dankbarkeit entzünden.

1. Die erste für das ehrenamtliche Engagement vieler Menschen, ohne das sehr vieles nicht möglich wäre - in den Kirchengemeinden – in den Kommunen – in Verbänden und Vereinen … über Parteigrenzen hinweg. Menschen, die nicht sagen „Was kriege ich dafür?“ und vor allem nicht: „Da kann man doch nichts machen“, sondern die sagen: „Da kann ICH was machen“ und das auch tun – zusammen mit anderen. Die nicht nur meckern und alles von anderen erwarten.

Dass viele den Mut haben, sich einzusetzen und kostenlos Zeit und Kraft opfern, auch wenn andere darüber den Kopf schütteln oder sich lustig machen, das finde ich einfach toll!

Mein Freund Erich Schweidler – er war Pfarrer an der St.Petri-Gemeinde und erster Nachwendebürgermeister in Thale – hat mir 1976 ins Gästebuch geschrieben: „Wer den Mut hat, sich unbeliebt zu machen, wer unbequem ist,  bringt die Entwicklung weiter. Mitmacher sind zwar bequem, aber langweilig.“

Sich anstößig zu verhalten bringt Anstöße – bringt in Bewegung – bringt weiter – macht die Welt etwas heller und wärmer, so wie diese Kerze.

2. Die zweite Kerze der Dankbarkeit entzünde ich für meine guten Erfahrungen mit der Ökumene – nicht nur aber auch hier in Thale.  Wir haben in den vergangenen Jahren vieles ganz unkompliziert gemeinsam gemacht, manchmal im Kleinen, dann auch im Größeren. Ich erinnere an den Ökumenischen Kreiskirchentag 2008, an die vielen Mitwirkenden beim Harzfest und 2009 beim Sachsen-Anhalt-Tag hier in Thale, bei den vielen Harzer Sommertagen, die wir ökumenisch gestaltet haben.

Viel Gemeinschaft und Gemeinsamkeiten konnte ich erleben bei den großen Ökumenischen Kirchentagen in Berlin und München, bei Katholikentagen und den großen evangelischen Kirchentagen und bei den Reformationstagen, die wir hier in Thale seit langem zusammen begehen – mit gemeinsamen fröhlichen Mahlzeiten.

Noch trennt uns evangelische und katholische Christen manches voneinander, doch es gibt viele Schritte aufeinander zu.  

Im September habe ich in Halberstadt an einer Ökumenischen Vesper teilgenommen aus Anlass des kirchlichen Festes für den Frieden und die Einheit der Kirche. Ein katholischer Geistlicher führte dazu aus:

Wichtig bleibt, dass der Glaube und das Mahl anderer Konfessionen nicht richtig oder falsch, sondern ehrlich, aber eben anders sind. Diese Erkenntnis ist eine tragfähige Grundlage für Gespräche, die keinen Einheitsbrei als Ergebnis wollen. Selbst wenn es immer noch nicht nach einer zeitnahen Lösung aussieht: "Der Mauerfall vor 25 Jahren kam auch unerwartet!"

Beifall bekam er für seinen Satz: „Freiheit muss ich mir NEHMEN.“  Die bekommen wir nicht auf einem Silbertablett serviert. Wenn das nicht hoffen lässt!

Dafür die zweite Kerze, bei der ich auch an den Satz denke, der mir schon in der DDR-Zeit wichtig geworden ist: „Es ist besser eine Kerze anzuzünden als über die Dunkelheit zu jammern.“

3. Die dritte Kerze ist deutlich größer als die beiden anderen und das ist natürlich kein Zufall. Ich bin in einem nichtkirchlichen Elternhaus aufgewachsen und habe als Jugendliche ersten Kontakt zu Kirche und Glauben gefunden. Dankbar bin ich für die Kraft des Glaubens – für die Einladung zur Freiheit und zum aufrechten Gang.

Ein Spruch von Theodor Storm, den ich von meinem Konfirmator gelernt habe, hat mich geprägt: „Der eine fragt: Was kommt danach? Der andre fragt nur: Ist es recht? Und also unterscheidet sich der Freie von dem Knecht.“

Ich wollte FREI sein und habe im Glauben Freiheit gefunden und die Erkenntnis gewonnen: Gottesfurcht schützt gegen Menschenfurcht. Ich denke an Paulus in der Gefängniszelle: Er war gefesselt und predigte dennoch FREI das Evangelium. – Ich lebte in einem Staat, der seine Bürger/innen einsperren musste, damit sie blieben …

Diesen Zustand konnten wir beenden – friedlich – ohne Gewalt – mit vielen kleinen Kerzen, auch hier bei uns in Thale.

Dafür diese dritte große Kerze. Danke für alles!

Heute meine Verabschiedung aus dem offiziellen Dienst. Aber ich bin und ich bleibe Pastorin. Als Christin lebe ich in dem Wissen, ein Geschöpf zu sein – verantwortlich für mein Leben, für alles Tun und für alles Lassen – und angewiesen auf Gemeinschaft.  

Gott gibt dem Menschen viele Möglichkeiten und setzt ihm hilfreiche Grenzen. Wer sich vor Gott verantwortlich weiß, geht verantwortlich mit der Schöpfung, mit den Mitmenschen, mit sich selbst um.  

Jesus ist uns ein Vorbild: Er war unbequem und anstößig – hatte keine Angst vor den Mächtigen und Geduld mit den Unvollkommenen. Er blieb ehrlich und riskierte es, sich unbeliebt zu machen. Mit seinen Maßstäben lässt es sich leben: „Gott ist der Mensch, der uns menschlicher macht.“

Zum Schluss ein Satz vom „Ehrenbürger der Herzen“ unserer Stadt, dem katholischen Pfarrer Wolfgang Janotta, den ich beim Abschied von den Gemeindekirchenräten im März zitiert habe:

„Ich habe getan, was ich konnte. Den Rest muss der liebe Gott erledigen.“

Wird er – er hat ja Sie und Euch! J

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, als alle Skepsis und Vorsicht, bewahre unsere Herzen und Gedanken, unseren Mut und unsere Phantasie in Jesus Christus, unserem Herrn.       Amen.

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Angelika Zädow:

Liebe Ursula, liebe Gemeinde,

nach 38 Jahren in Thale und 40 Jahren im kirchlichen Dienst wirst Du, liebe Ursula, heute aus diesem Dienst verabschiedet. Dass Du daran lange geknabbert hast, ist kein Geheimnis. Und ja, das ist sicher schwer, nach einer solchen Zeit alles „sein“ zu lassen, was vier Jahrzehnte tagtäglich das Leben und die Zeit prägte, den Tagesrhythmus vorgab, Herz und Verstand beschäftigte: Lektoren und Organistinnen für die Gottesdienste und Amtshandlungen zu finden, die Gemeindebriefe zu gestalten und den Beiträgen „hinterher“ zu laufen, Besuche zu machen, die Anfragen des Kreiskirchenamtes zu bedienen, Gruppen und Kreise zu organisieren und noch viel mehr. Das alles hört nun auf nach 40 Jahren.

Diese Zahl spielt übrigens in der Bibel immer wieder eine Rolle: 40 Tage und Nächte dauerte die Sintflut, 40 Jahre dauerte der Zug des Volkes Israel durch die Wüste, Mose weilt 40 Tage auf dem Berg Sinai, um die Gebote zu empfangen, der Prophet Elia geht 40 Tage und Nächte zum Berg Horeb und Jesus fastet 40 Tage in der Wüste.

So unterschiedlich diese Erzählungen sind -  zwei Dinge verbinden sie. Erstens: In dieser Zeit begegnen sie Gott. Und ich wünsche Dir und Ihnen, liebe Gemeinde, dass Sie im Nachdenken über die gemeinsame Zeit im Pfarrbereich Thale auch sagen können: Da gab es Momente und Augenblicke der Gemeinschaft, in denen wir uns des Glaubens sicher waren oder wurden.

Zweitens: Nach dieser Zeit veränderte sich das Leben der Menschen. Dieser Zeitpunkt ist nun für Dich, und Ihre Gemeinden gekommen. Sie alle haben eine neue Pastorin, die nun mit Ihnen Leben und Zeit im Pfarrbereich Thale gestaltet und auf dem Weg des Glaubens weiter geht, anknüpft an das was war und ganz andere Wege wagt.

Und du, liebe Ursula, wagst ja bereits andere Wege, hilfst Gemeinden im Kirchenkreis über die Zeit von Vakanzen hinweg. Hältst Gottesdienste und Amtshandlungen, organisierst und berätst. Der Rhythmus Deiner Zeit ist nun anders. Aber die Zeit an sich bleibt. Du hast nun die Freiheit, sie nach Deinen Wünschen nach Deiner Lust woanders zu gestalten und ohne Amtspflichten. Von Herzen wünsche ich Dir, dass Du diese Freiheit nutzen und Deine Zeit füllen kannst.

So Gott will, noch 40 Jahre, Amen.

 

Liebe Ursula,

vor Gott und dieser Gemeinde endet hiermit Dein Dienst im Pfarrbereich Thale, der Dir übertragen war. Alle Zuständigkeiten und Pflichten liegen nicht mehr in Deinen Händen. Was Dich in Deiner Arbeit beschwert hat, was unfertig blieb oder Sorgen macht, legen wir in die Hände Gottes, der allein aus allem ein Ganzes zu machen vermag. Nichts soll Dich beschweren, nichts soll Dich betrüben. Gott wird Dich tragen und begleiten auf Deinem weiteren Lebensweg.

 

Gebet:

Gott, Du Anfang und Ende der Zeit: Wir danken Dir für den Dienst von Pastorin Ursula Meckel, für die Zeit, die sie hier gewirkt hat. Und bitten Dich: Segne unsere Schwester im Glauben. Stärke sie mit Deinem Wort. Schenke ihr Mut und Zuversicht. Das bitten wir Dich durch Jesus Christus, der mit Dir und dem Heiligen Geist unserem Leben einen neuen Anfang schenkt. Amen.

Segen

Gott segne dir den Blick zurück und den Schritt nach vorn. Er schenke dir eine Melodie, die dich wie ein Lachen durch den Tag begleitet und Menschen, die ihre Arme um dich legen wie ein wärmender Mantel. So segne dich…