Für Interessenten eine bis vier  PREDIGT(en)                        

(Es ist nicht auszuschließen, dass ich auch mal den einen oder anderen Gedanken "übernommen" habe, ohne dies in jedem Fall ausdrücklich zu benennen.)  

Am 31. März 2014 endete mein Dienst im Pfarrsprengel Thale - 

seit dem 1. April 2014 bin ich Beauftragte für Springerdienste im Kirchenkreis Halberstadt.

*******************************************************

 

Gottesdienst Ewigkeitssonntag

25. November 2018 um 14 Uhr in Kroppenstedt

Neue Möglichkeiten zu leben und Frieden kommen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, der für uns maßgeblich ist. Amen.

Liebe Gemeinde,

nicht nur weil es November ist und die Tage immer kürzer werden, ist der heutige Sonntag ein eher düsterer Tag. Erinnerungen an das Ende des Lebens, an die eigene Begrenztheit, sind nicht leicht und hell, sondern dunkel und schwer.

Mir steht eine kurze Filmszene vor Augen:

Zwei Töchter stehen am Grab ihrer Mutter: „Hier unten ist Mama“, sagt die Große zu der Jüngeren. „Dann hast du mich belogen, als du gesagt hast, sie ist im Himmel.“ Die Größere fragt: „Träumst du manchmal?“   „Ja.“     „Siehst du, dann bist du auch in deinem Bett und gleichzeitig ganz woanders.“

In diesem kurzen Gespräch am Grabe wird deutlich: Wir können nicht allein von dem leben, was vor Augen steht. Wir brauchen den Blick darüber hinaus, wir brauchen Träume, Hoffnungsbilder, Visionen. Ohne sie können Menschen nicht gut leben. Menschen brauchen Bilder, durch die sich der Himmel öffnet - wir brauchen sie gerade angesichts von Tod, Trauer und Leid.

Ähnlich wie das Volk Israel vor Jahrtausenden in der Verbannung. Sie lebten im Leid und in der Fremde. Und sie haben davon geträumt wie es sein wird, wenn sie frei sind -  ich lese noch einmal die Worte aus

Psalm 126:

Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden. Dann wird unser Mund voll Lachens und unsere Zunge voll Rühmens sein. Dann wird man sagen unter den Heiden: Der Herr hat Großes an ihnen getan! Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Sie gehen hin und weinen und streuen ihren Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben.

Eines dieser alten Hoffnungsbilder geht mir besonders nach: Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.

Ich muss an die Tränen denken, die im vergangenen Jahr geweint wurden und an die, die unterdrückt worden sind. Ich denke an die vielen Tränen, die auch in unseren Gemeinden geweint wurden - beim Abschied von Menschen, deren Tod uns einsamer macht und ärmer: der Tod des Ehepartners, mit dem man viel gemeinsam erlebt und durchlebt hat; der Tod der Mutter oder des Vaters oder des eigenen Kinds. Der Tod eines Freundes oder einer Freundin, eines Menschen, mit dem man gern noch viel erlebt hätte.

Und ich denke an die vielen anderen Tränen, die es gegeben hat: Aus Verzweiflung oder aus Wut; aus Enttäuschung oder weil Beziehungen zerbrochen sind.

Die alten Worte des Psalms sagen: Die Tränen sind nicht vergeblich. Die mit Tränen säen werden mit Freuden ernten.  Hier heißt es nicht: Sei standhaft und stark, nimm dich zusammen - und es heißt auch nicht: Die Zeit heilt alle Wunden. Hier sind nicht die schnellen Worte, mit denen so oft über Trauer und Schmerz hinweg gegangen wird, es wird deutlich: Tränen gehören dazu, Gott kennt unseren Schmerz und unsere Trauer.

Die Tränen sind nicht das Letzte. Durch sie kann sich der Horizont öffnen. Wer weinen kann, kann auch hoffen. Tränen sind die Saat der Hoffnung. So entsteht in dem Psalm ein Bild der Hoffnung; es klingt wie bei einem Erntefest: „Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Sie gehen hin und weinen und streuen ihren Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben.“ Ein Bild voller Freude und Lebensfülle. Ein Hoffnungsbild gegen das Leid. Wie ein Traum.

Wir können es uns vorstellen. Viele kleine Körner werden in die kalte und dunkle Erde gelegt – wie beerdigt.

Kein Bauer weint beim Säen – das ist eine zuversichtliche Arbeit – da wird an das Morgen gedacht, gehofft, dass die Ernte eines Tages aufgeht.

Friedhof – einem Feld, das zu uns Menschen gehört. Gottesacker haben ihn unsere Vorfahren genannt und legten einen Menschen in die Erde – wie ein Korn.

Uns ist dabei zum Weinen. Trauer nimmt uns gefangen, Gedanken, Fragen und Anklagen arbeiten in uns.

Gläubige Juden nennen ihren Friedhof „Guter Ort“ – Guter Ort – es ist gut, dass es Friedhöfe gibt – Orte des Abschieds – Orte der Trauer.

Im letzten Buch der Bibel, der Offenbarung des Johannes, kommt dieses Bild wieder: „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein.“

Bilder vom Leben - Bilder wie ein Traum - Bilder, die der Wirklichkeit nicht standhalten?

Es ist nicht nur ein Traum. Die Träume sind längst wahr geworden, die alten Hoffnungsbilder Wirklichkeit: Dafür steht Jesus ein - mit seinem Leben, seinem Tod und seiner Auferstehung. Mit ihm beginnt der neue Tag, das neue Leben mit Freude und Heil.

In dem Gespräch der zwei Töchter heißt es: „Wenn du träumst, dann bist du auch in deinem Bett und gleichzeitig ganz woanders. „

Wir leben ganz und gar in dieser Welt mit ihren Nöten und gleichzeitig können wir von der Hoffnung leben - durch Jesus Christus.

Dietrich Bonhoeffer, der von den Nazis ermordete Pfarrer hat am Heiligen Abend 1943 in seiner Gefängniszelle dazu geschrieben:

Es gibt nichts, was uns die Abwesenheit eines lieben Menschen ersetzen kann; man soll das auch gar nicht versuchen; man muss sie aushalten und durchhalten. Das klingt zunächst sehr hart, aber es ist doch ein großer Trost; denn indem die Lücke wirklich unausgefüllt bleibt, bleibt man durch sie miteinander verbunden. Es ist verkehrt wenn man sagt: Gott füllt die Lücke aus. Er füllt sie nicht aus, sondern er hält sie vielmehr unausgefüllt und hilft uns dadurch, unsere Gemeinschaft, wenn auch unter Schmerzen, zu bewahren. Und ferner: Je schöner und voller die Erinnerung, desto schwerer die Trennung, aber die Dankbarkeit verwandelt die Qual der Erinnerung in eine stille Freude.“

Ich wünsche Ihnen allen, dass diese „stille Freude“ eines Tages Ihre Trauer ablösen kann.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, als alle Skepsis und Vorsicht, bewahre unsere Herzen und Gedanken, unseren Mut und unsere Phantasie in Jesus Christus, unserem Herrn.

#################################

 

Gottesdienst 4. November 2018

23. nach Trinitatis

9. 30 Uhr Thale St. Andreas

Neue Möglichkeiten zu leben und Frieden kommen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, der für uns maßgeblich ist.                          Amen.

Liebe Gemeinde,

von meinem Pfarrer habe ich schon als Jugendliche gehört: „Wo der Glaube aufhört, fängt der Aberglaube an.“ Das scheint sich zu bewahrheiten, wenn überall im Lande Menschen am 31. Oktober unterwegs waren, um mit Kürbismasken böse Geister zu vertreiben – immerhin fiel in Zeitungen und Fernsehsendungen immer auch der Begriff Reformation.

In vielen Gemeinden unserer Region wird der Reformationstag ökumenisch begangen – in Thale seit 2000. Wir gestalten entweder eine musikalische Vesper oder wie in diesem Jahr einen ökumenischen Gottesdienst mit Chor und Bläsern, meist mit zwei Predigten. Lesungen und Gebete werden von Ehrenamtlichen aus beiden Gemeinden übernommen.

Wir wissen, dass wir als Getaufte wie Geschwister miteinander verbunden sind. So bilden wir als Volk Gottes die EINE Kirche – und es ist unsere Aufgabe, diese Einheit sichtbar werden zu lassen. Anschließend gibt es ein gemeinsames Abendbrot mit munteren Gesprächen – man kennt sich, da gibt es keine Berührungsängste.

Ich denke, dass wir auf einem guten Weg miteinander sind, nicht nur in Thale – manchmal habe ich den Eindruck, dass katholische und evangelische Christen sich gar nicht fühlen wie in getrennten Kirchen, sondern eher wie in verschiedenen Gemeinden.

Wir haben einen Gott und Herrn – wir haben die gute Nachricht von Jesus Christus.

In der Bibel gibt einen kurzen Satz, der über 100-mal auftaucht: „Fürchte dich nicht!“

Am bekanntesten ist er sicher vom Verkündigungsengel in der Weihnachtsgeschichte, aber schon im Alten Testament ist er immer wieder zu lesen: „Fürchte dich nicht“.

Das kann nur damit zu tun haben, dass es für die Menschen aller Zeiten immer viele Gründe gab, sich zu fürchten – und das ist bis heute so geblieben.

Furcht sicher nicht vor den mehr oder weniger grimmigen Kürbismasken, die in diesen Tagen unser Land bevölkern –

Angst macht anderes: Angst vor Krankheit, Angst vor Armut, Angst vor Einsamkeit, Angst vor Enttäuschungen – Angst vor der politischen Lage in der Welt – vor unberechenbaren Politikern – vor hasserfüllten Menschen - es gibt viele Gründe, sich zu fürchten.

Angst vor der Zukunft – auch vor der Zukunft der Kirchen. Hilft es, wenn jemand sagt: „Fürchte dich nicht!“?

Das kommt natürlich auf die Situation an und vor allem darauf, WER das sagt.

Im 5. Buch Mose heißt es:

Der HERR aber, der selber vor euch hergeht, der wird mit dir sein und wird die Hand nicht abtun und dich nicht verlassen. Fürchte dich nicht und erschrick nicht!

Ich finde, ein sehr schöner und ermutigender Spruch. Damals erst zu Mose gesagt und Mose hat ihn weiter gegeben an seinen Nachfolger Josua.

Heute hören wir ihn – in einer Zeit, in der die Kirchen nicht sonderlich angesehen sind – in der es entmutigende Nachrichten gibt – in der die Zukunft auch unserer Gemeinden hier in Thale ungewiss scheint - in der es selten geworden ist, dass Menschen sich langfristig engagieren.

Aber es gibt sie – Menschen, die sich einsetzen, die sich nicht entmutigen lassen, die ihre Zeit und ihre Ideen zur Verfügung stellen – in Kirchengemeinden, Kommunen und Vereinen. In den vergangenen 4 ½ Jahren bin ich viel im Kirchenkreis herumgekommen – insgesamt wurde ich in über 70 Orten tätig – und habe dabei unglaublich interessante und imponierende Menschen getroffen – auch in Kleinstgemeinden gibt es Ehrenamtliche, die sich für die Belange ihrer Gemeinden einsetzen – obwohl das oft sehr schwer und zeitaufwendig ist und zu wenig gewürdigt wird.

Menschen, die nicht fragen „Was habe ich davon?“, sondern „Wo werde ich gebraucht, was ist zu tun und was kann ICH tun“ – und die sich nicht entmutigen lassen.

Weder von Statistiken, noch von denen, die immer nur fordern – auch nicht von Auseinandersetzungen, die nicht ausbleiben, wenn Menschen sich einsetzen und dabei unterschiedliche Vorstellungen haben, was jetzt zu tun ist und wie es weitergehen kann.

„Gott schreibt auch auf krummen Linien gerade.“ heißt es – ein Satz, den ich ermutigend finde. Nicht immer läuft alles so, wie wir es uns wünschen und vorstellen – immer wieder gibt es Konflikte und Stolpersteine – immer wieder begeben wir uns auf Irrwege – immer wieder schließen sich Türen, wo wir auf Hoffnung gesetzt haben –

und immer wieder geschieht es, dass sich Wege zeigen,  wo wir sie nicht erwartet haben und geht es weiter – vielleicht anders anders als gedacht, aber eben doch weiter.

Daraus habe ich gelernt: Was immer auch ängstigt, der alte Spruch gilt:

Der HERR aber, der selber vor euch hergeht, der wird mit dir sein und wird die Hand nicht abtun und dich nicht verlassen. Fürchte dich nicht und erschrick nicht!

Dazu gehört: So, wie Mose Gottes Wort weiter gegeben hat, ist es unsere Aufgabe, uns gegenseitig zu ermutigen auf unseren unterschiedlichen Wegen mit dem gemeinsamen Ziel: Als Gottes Volk unterwegs in unserer – in Gottes Welt.

Unterwegs zu mehr Gemeinsamkeit, unterwegs zu mehr Gerechtigkeit, unterwegs zu mehr Menschlichkeit – begleitet von der Zusage Gottes, uns nicht allein zu lassen.

Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, als alle Skepsis und Vorsicht, bewahre unsere Herzen und Gedanken, unseren Mut und unsere Phantasie in Jesus Christus, unserem Herrn.                                     Amen.

 

#######################################

 

21./ 22. nach Trinitatis

21./ 28. Oktober 2018    

9 Uhr Ditfurt & 10.30 Uhr QLB Nikolai

9 Uhr Langeln & 10.30 Uhr Wasserleben

Evangelium:             Johannes 15; 9 – 17

 

Neue Möglichkeiten zu leben und Frieden kommen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, der für uns maßgeblich ist.                                 Amen.

Liebe Gemeinde,

in dem Text über den heute gepredigt werden soll ist viel von „Liebe” die Rede – ein Thema das einerseits immer wieder aktuell und andererseits entsetzlich abgegriffen ist. Wenn in Gegenwart von Jugendlichen das Wörtchen „Liebe” fällt, geht in aller Regel ein Gegackere und Gekicher los. Bei dem Thema wissen sie Bescheid und fühlen sich bestens informiert. Das Lachen deutet dennoch auf Hilflosigkeit hin.

Die hohen Auflagen von Selbsthilfe – Büchern und Liebesromanen lassen ebenfalls darauf schließen, dass dieses unerschöpfliche Gebiet längst nicht ausgeschöpft ist und viele auf der Suche nach wirklicher und wahrer Liebe sind. Es gibt kluge Bücher und weise Sprüche, doch mit der Liebe ist es wie mit der Musik: Wenn sie lediglich beschrieben wird, ist sie wie ein erzähltes Mittagessen. So wie Kochbücher weder den Hunger stillen noch den Geschmack vermitteln können, kann Liebe nur erlebt und gelebt werden.

Als Jesus sich auf dem Weg zum Kreuz von seinen Freunden verabschiedet gibt er ihnen sein Vermächtnis mit auf den Weg. Sie haben vieles miteinander erlebt und erlitten, großartige Erfahrungen miteinander gemacht. Jetzt haben sie Angst vor dem, was kommen wird und Jesus gibt ihnen mit auf den Weg, was wirklich trägt: „Bleibt in meiner Liebe.“ Das ist der wichtigste Maßstab.

Und weil Liebe nicht nur harmonisch ist, bleibt es anstrengend, einander zu lieben – ernst zu nehmen, zu korrigieren, miteinander und aneinander zu wachsen. Im Galaterbrief umschreibt Paulus treffend, was Liebe ist: „Einer trage des anderen Last.“

Einander zu tragen und zu ertragen ist nicht immer einfach – bei aller Liebe nicht.

Wenn Kinder und auch Erwachsene liebesfähig werden sollen, müssen sie zuvor Liebe erfahren haben – geschenkte Liebe. Oft hat es den Eindruck, als müsse Liebe „verdient” werden; als sei sie Belohnung für Wohlverhalten. Ein schrecklicher Gedanke, wenn Liebe entzogen wird, weil wir den Wünschen anderer nicht entsprechen – und doch ist es oft genug so.

Jesus hat bedingungslose Liebe vorgelebt und damit Menschen Mut gemacht, sich selber anzunehmen und zu lieben. Nur wer geliebt wird, kann andere lieben. Nur wer sich selbst als liebenswert erfährt, kann anderen Zuwendung entgegenbringen. Die Liebe als höchster Wert.

Deshalb ist es in christlichen Gemeinschaften manchmal üblich, so zu tun, als gäbe es keine Antipathien und keine Konflikte untereinander. Sie werden klein geredet oder gänzlich verdrängt.

Ein Beobachter hat das einmal frech provozierend so beschrieben: „Im Milieu der Kirchengemeinden waltet ... das Klima freundlicher Geselligkeit. Pausenlos treffen sich nette Menschen...“

Dabei wissen wir aus eigener, oftmals bitterer Erfahrung:  Im Untergrund bestehen und brodeln die Konflikte weiter; das ganze heftige Spiel von Zuneigungen und Abneigungen, von Koalitionen und Gegnerschaften,  von Ja und Nein zu anderen Menschen – sie sind ja da – und sie bleiben es, wenn sie nicht entdeckt und aufgedeckt werden.

Für die Anstrengungen in Konflikten gibt es in unserer Sprache in  Bild: „Das Gesicht wahren.“ Wir können, wir müssen einander unser Gesicht lassen. Es hilft nicht, wenn sich jemand so verrenkt, dass er sich selber nicht wieder erkennt – vermeintlich, dem anderen zuliebe.

Ehrlich bleiben, offen sein. Deutlich sein heißt: Ich habe Konturen – d. h. Ecken und Kanten. An denen kann sich ein anderer auch stoßen – vielleicht verletzen. Besser ist, ich zeige ehrlich, wo sie sind.

Nicht nur beim Autofahren ist es wichtig, ein starkes Profil zu haben – sonst verliere ich die Bodenhaftung und das ist gefährlich – für mich und für andere.

Das gilt auch für die Kirchengemeinde. Da bleiben Konflikte nicht aus, weil es nun einmal unterschiedliche Ansichten und Einsichten gibt. Das  heißt: Menschen müssen sich auseinander setzen können, damit sie sich wieder zusammensetzen können.

Deutlich und klar sein ist die einzige Chance, dass alle sich weiterhin leiden können – sich selbst UND die anderen.

Eine alte und auch biblische Weisheit besagt: Ein Mensch, der sich selber nicht leiden kann, mag auch keinen andern!

Der Umgang mit Menschen, die nicht gelernt haben, sich selbst zu lieben, kann ungeheuer schwer sein. So wie sie mit sich nicht im Reinen sind, sind sie es auch nicht mit anderen, argwöhnen überall Verletzendes und können sich nicht wirklich dagegen wehren.

Wenn ich mich nicht mag habe ich ganz schlechte Karten im Leben.

Vor einiger Zeit habe ich mal Kugelschreiber verschenkt mit dem Spruch: „Schön, dass es MICH gibt“ – und das war kein Druckfehler.

Wenn ich weiß, dass Gott mich liebt kann ich versuchen, den Nachbarn, den Kollegen, den Andersdenkenden ebenfalls als von Gott geliebten Menschen zu erkennen.

„Den Nächsten zu lieben wie sich selbst“ ist vielleicht eine der größten Herausforderungen im Alltag.

Denn es bedeutet, den anderen so anzunehmen wie er ist, mit allem, was ihn liebenswert macht und zugleich mit den Schwächen und dem, was mich stört. Das kann nur gelingen, wenn ich ihn in die Barmherzigkeit und Gnade Gottes eingehüllt sehen kann. Und darauf hoffe, dass der andere Mensch mich genauso barmherzig sieht und behandelt.

Wo das gelingt werden wir wirklich zu Mitmenschen und Weggenossen, die das Band der Liebe Gottes untereinander verbindet. Sich selber in einer großen Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern zu wissen befreit von dem Anspruch, alles alleine regeln zu müssen, befreit zu einer Gelassenheit im guten Sinn, weil ich mich aufgehoben und getragen weiß.

Als Gemeinden wünsche ich uns, dass wir auf der Suche bleiben:

Nach Begegnungen mit Menschen, die zuhören können; mit denen gemeinsam wir den Spuren Gottes im Leben nachspüren können – sie entdecken im eigenen Leben und im Leben anderer.

Ein alter irischer Spruch lautet:

„Nimm dir Zeit zu lieben und geliebt zu werden - das ist das Vorrecht der Götter.     Nimm dir Zeit, dich umzusehen - der Tag ist zu kurz, um nur einfach zu verfliegen.   Nimm dir Zeit zu lachen - das ist die Musik der Seele.“

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, als alle Skepsis und Vorsicht, bewahre unsere Herzen und Gedanken, unseren Mut und unsere Phantasie in Jesus Christus, unserem Herrn.                                     Amen.

 

 #####################################

Erntedankfest - Gottesdienste

30. September 2018

Kroppenstedt        10.30 Uhr

7. Oktober

Ditfurt  9.30 Uhr

Lesung:                                2. Korinther 9; 6 – 15

Predigt

Neue Möglichkeiten zu leben und Frieden kommen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, der für uns maßgeblich ist. Amen.

Liebe Gemeinde,

bei mir zu Hause habe ich einen Kalender, auf dem täglich ein mehr oder auch weniger sinnvoller Spruch zu lesen ist. Der von heute hat mir gefallen: „Dankbare Menschen sind wie fruchtbare Felder. Sie geben das Empfangene zehnfach zurück.“

Ein schönes Bild – passend zum Erntedankfest.

Dank ist nicht selbstverständlich –  in unserem Land werden viele Erntefeste gefeiert, deutlich weniger ErnteDANKfeste.

Danken hat etwas mit denken zu tun – nur wer nachdenkt, kommt auf die Idee, dass nicht alles selbstverständlich ist, was uns im Laufe eines Jahres oder unseres Lebens zugute kommt.

Mit dem Fest erinnern Christen außerdem an den engen Zusammenhang von Mensch und Natur. Das Danken für die Erträge des Bodens geht einher mit einem verantwortungsvollen Umgang sowie der Bewahrung der Schöpfung.

In unserer Landeskirche gibt es einen Umweltbeauftragten und wie viele andere fordert er, das Pestizid Glyphosat abzusetzen. In Kleingärten ist es wegen der besonderen Nähe zu Menschen schon verboten.

Es schadet nicht nur unserer Umwelt und unserer Gesundheit, sondern hat weltweite Auswirkungen: Weil so preiswerter produziert werden kann hat es zum Beispiel die afrikanische Landwirtschaft schwer, sich gegen Importe aus den Industrieländern durchzusetzen. Das macht sie zu unsicheren Heimatorten. Die Politik muss deshalb die Agrarexporte aus ethischer Sicht überprüfen.

Wörtlich sagt der Umweltbeauftragte: „Dies würde den Hunger weltweit verringern sowie der biologischen Vielfalt und den Bienen bei uns dienen. Die Landwirte hätten bei den Agrarumweltleistungen genügend Betätigungs- und Verdienstmöglichkeiten und könnten so dem Gemeingut Boden Gutes tun. Eine globale, sozialverträgliche und nachhaltige – durchaus auch konventionelle – Landwirtschaft fördert bäuerliche Existenzen am besten.“

Im Vaterunser – heißt es: „Unser tägliches Brot gib uns heute.“

Dabei ist „Brot“ ein Synonym für das, was wir zum täglichen Leben wirklich brauchen – und das ist mehr als nur der Belag für das Brot, eine Wohnung und Kleidung.

Menschen brauchen Gemeinschaft – Familie – Freunde - tragfähige Beziehungen. Wir brauchen Frieden, Gerechtigkeit, Gesundheit, Zufriedenheit – wir brauchen eine gesunde Schöpfung, in der auch die Generationen nach uns noch leben können.

Erntedankfest ist ein schöner Anlass darüber nicht nur nachzudenken, sondern tatsächlich auch zu danken für alles, was unser Leben lebenswert und wertvoll und einmalig macht. Und: Es ist keineswegs selbstverständlich, dass alles gut wächst und gedeiht wie uns dieser Sommer gezeigt hat!

Ich wünsche Ihnen das Staunen darüber, was es alles Schönes auf unserer Erde, in Gottes guter Schöpfung, gibt; dass wir alles haben, was wir zum Leben brauchen und in der Regel einiges darüber hinaus.

Weil das so ist wird am Erntedankfest eine Kollekte gesammelt für „Brot für die Welt“. An der Sammlung für andere – an der Kollekte – wird deutlich: So kann einer leben und solche Freiheit hat ein Mensch, wenn er sich aus Gottes Güte beschenkt weiß. Bei dem Altarrundgang nachher können Sie dafür etwas geben.

Was jemand weggibt, geht nicht ins Leere. Es hilft nicht nur, Not zu verringern oder schlicht einem anderen Freude zu bereiten – und es ist auch nicht bloß ein Tropfen auf einen heißen Stein. Hinzu kommt das gute Gefühl, Freiheit zu gewinnen, sich nicht abhängig zu machen vom Besitz.

Eine Freiheit, die sich nicht ständig um das Eigene kümmern muss, sondern die den weiten Atem des Dankens kennt.

„Wer da sät im Segen, der wird auch ernten im Segen“ haben wir in der Lesung gehört.

In einem Klosterkreuzgang in Maulbronn gibt es einen  Brunnen mit drei unterschiedlich großen Schalen und das Wasser läuft von einer zur anderen. Das, was weitergegeben wird, kommt ganz woanders her und kann unbedenklich weitergegeben werden. Eins kommt ohne das andere nicht aus.

Geben und empfangen – denken und danken.

Übrigens hat das Danken auch noch Nebenwirkungen.

Psychologen sagen: Dankbare Menschen sind positive Leute, die vor Trübsinn und Resignation, ja sogar vor Magengeschwüren bewahrt bleiben.

Also lassen Sie uns danken:

Sag doch einfach mal Danke - und du siehst mit neuen Augen.

Sag doch einfach mal Danke - und du lernst wieder staunen über Kleinigkeiten.

Sag doch einfach mal Danke - und die Rechthaberei verstummt.

Sag doch einfach mal Danke - und die schlechten Gedanken verkümmern.

Sag doch einfach mal Danke - und die Atmosphäre wird spürbar wärmer.

Sag doch einfach mal Danke - und du lernst, was glauben bedeutet.

Sag doch einfach mal Danke - und du durchbrichst die Selbstverständlichkeit.

Sag doch einfach mal Danke - und du findest wieder einen Zugang zu einem Menschen.

Sag doch einfach mal Danke - und du kannst wieder aufatmen.

Sag doch einfach mal Danke - und du entdeckst einen Schatz.

Sag doch einfach mal Danke - und die Gesichter werden fröhlicher.

Sag doch einfach mal Danke - und lass dich beschenken.

Sag doch einfach mal Danke - und denk nicht: Wie muss ich's vergelten?

Sag doch einfach mal Danke - zu einem Menschen.
Sag doch einfach mal Danke - zu Gott!
Sag doch einfach mal Danke!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, als alle Skepsis und Vorsicht, bewahre unsere Herzen und Gedanken, unseren Mut und unsere Phantasie in Jesus Christus, unserem Herrn.       Amen.

 

########################################

14. Mai 2017 - 40 Jahre Ordination - Thale St. Andreas

   

                                      

########################################

 

Gottesdienst 31. Oktober 2014

Wendegedenken – Reformation – Verabschiedung Pastorin Ursula Meckel

Liebe Versammelte,

heute vor 25 Jahren um diese Zeit war ich sehr viel aufgeregter als heute – in zweieinhalb Stunden würde hier in dieser Kirche eine Veranstaltung beginnen, von der niemand sagen konnte, wie sie ausgehen würde – wie viele kommen würden – ob es friedlich bliebe. Einige entschlossene Bürger/innen hatten eingeladen zu einem „Gebet für Land und Leute“ - … ein heute völlig harmloser Text, damals  staatsgefährdend gefährlich – die Handzettel wurden schnell entfernt, doch es hatte sich herumgesprochen.

Etliche sind jetzt hier, die damals auch dabei waren – um viele Erfahrungen reicher.

An diesen Reformationstag vor 25 Jahren erinnern wir.

Reformationstag – ein evangelischer Feiertag, den wir hier in Thale seit vielen Jahren ökumenisch begehen – so auch heute – ein zweiter Grund zur Dankbarkeit, weil das keineswegs überall selbstverständlich möglich ist.

Der dritte Anlass dieses Gottesdienstes: Nach 40 Jahren im kirchlichen Dienst werde ich verabschiedet - von den Kirchengemeinden und vom Kirchenkreis – entpflichtet vom Amt? – von der Pflicht zur Kür? – beziehungsweise verabschiede ich mich? - oder auch nicht?

Schaun wir mal.

Auf jeden Fall feiern wir jetzt einen Gottesdienst mit ganz viel Musik und dafür bin ich dankbar; dankbar allen, die ihn mit ausgestalten – und dazu gehören auch Sie alle hier, die zum Mitsingen eingeladen sind.

Dankbar bin ich vor allem dafür, dass wir uns versammelt haben im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen. Hilfe erwarten wir von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

Chor + Gemeinde: Wo Menschen sich vergessen …

Gott, wir treten jetzt vor Dich mit unseren Erinnerungen, unseren Wünschen, unseren Befürchtungen und unseren Hoffnungen. Wir schauen zurück und nehmen Abschied – wir blicken nach vorn und haben Träume.

Ich möchte bewahren, was gut war in den vergangenen Jahrzehnten. Denn vieles war wunderschön, erfrischend, aufregend, überraschend neu – dafür danke ich, das will ich nicht missen.

Loslassen und bewahren - beides. Gott, gib mir den Mut, die Hände zu öffnen, um Altbekanntes loszulassen. Gib mir den Mut, die Hände zu öffnen und die Arme auszubreiten, um Neues, Unbekanntes zu begrüßen.

Gott, ich danke Dir, dass ich getragen bin von der Hoffnung, gehalten zu werden -  beflügelt von dem Glauben, dass Du Dich kümmerst - auch um mich. Begeistert von dem Glauben, dass Du da bist.

Du hältst die Zeit liebevoll in Deinen Händen. Du bist ewig. Gestern und heute und morgen. Kein Anfang, kein Ende. Die Zeiten kommen und gehen - Du bleibst und rufst zum Leben im Vertrauen auf Dich und Deine beständige Gegenwart. Du bist auch jetzt mitten unter uns. Das ist Grund, sich zu freuen – deshalb:

Jauchzet dem Herrn alle Welt!

Amen.

Chor + Bläser:     Psalm 100

Lesung = Prediger 3; 1 - 13                                   

Meine Hoffnung …

                Credo                                                        

Bläser:                 La nuit

PREDIGT-Einstieg

U.:     Sag mal bitte,  Angelika, findest Du nicht auch, dass das heute hier eine etwas seltsame Veranstaltung ist?

A.:     Wieso seltsam? Es ist ein schöner Gottesdienst in einer vollen Kirche mit aufmerksamen Menschen, viel Musik und guter Stimmung. Und weil aller guten Dinge drei sind, gibt es drei inhaltliche Schwerpunkte: Wende-Gedenken, Reformation und Deine Verabschiedung.

U.:     Wende-Gedenken und Reformation sind klar – aber meine Verabschiedung? Mein Dienst hier im Pfarrbereich endete schon vor sieben Monaten. Ich wohne weiter in der Gemeinde und gehöre zum Bläserchor und in der Stadt bleibe ich ebenfalls, sogar im Stadtrat. Und: Im Kirchenkreis und selbst darüber hinaus geht meine Arbeit weiter. Also was für ein Abschied?

A.: Kann es sein, dass Du Dich um einen Abschied drücken willst?

U.: mhm … Also, mein ältester Patensohn hat mir geschrieben: „Ruhestand KANNST Du gar nicht.“

A.: Weiche nicht aus! Kann es sein, dass Du Dich drücken willst vor dem Abschied? Weil das weh tut?

U.: mhm …

A.: Bisher hast Du das ja ganz geschickt geschafft – denn Dein Dienst im Pfarrbereich Thale endete ja bereits am 31. März – wie Du weißt…

U.: Und Du weißt: Jeder Abschied ist ein kleines Sterben.

A.: Gehts auch etwas weniger theatralisch? - Du weißt: Alles hat seine Zeit … steht doch so schön auf der Einladung: …

U.: Das ist wohl der Unterschied zwischen Theorie und Praxis - oder wie wir hier im Osten gesagt haben: Zwischen Marx und Murks. Ich weiß, dass ich mich dem stellen muss. Nur: Zum April hast Du hier eine neue Pastorin eingesegnet. Willst Du mich jetzt aussegnen? Das klingt so nach Beerdigung.

A.: Natürlich nicht! Aber z. B. entpflichten – Du MUSST jetzt nichts mehr tun, aber Du darfst noch – und Pastorin bleibst Du ohnehin (so lange Du es möchtest).

U.: mhm …

A.: Nun schwirre schon ab auf die Kanzel – oder hast Du nichts mehr zu sagen?

U.:   Na gut. J  Aber ich bleibe lieber hier unten – ich möchte ja nicht „von oben herab“ reden …

Neue Möglichkeiten zu leben und Frieden kommen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, der für uns maßgeblich ist.                 Amen.

Liebe Anwesende,

gestern wurde ich am Telefon gefragt: „Freust Du Dich eigentlich auf den Gottesdienst morgen?“ und ich konnte ehrlichen Herzens sagen: „Inzwischen Ja! Ja, ich freue mich.“

Im April, als das eigentlich aktuell war, hätte ich das noch nicht gekonnt, denn es ist ja etwas dran, dass ich mich eigentlich irgendwie um diesen Abschied drücken wollte, weil eben jeder Abschied ein kleines Sterben ist und weh tut.

Heute ist das anders, weil nicht nur ein Lebensabschnitt zu Ende ging, sondern weil Neues, und für mich sehr Erfreuliches angefangen hat – und weil Wichtiges geblieben ist.

Loslassen und bewahren zugleich, Ende und Anfang.

Allerdings: Irgendwie lastet jetzt auf mir der Druck, ich müsse nun etwas ganz Bedeutsames und Kluges sagen – etwas zum Merken und Aufmerken – zum Abschied, der ja gar kein wirklicher Abschied ist. Denn es sind eben keine „letzten Worte“.      

Klar ist, ich bin nicht mehr die Pastorin von Thale, Warnstedt, Bad Suderode und Friedrichsbrunn – den Staffelstab im Pfarrbereich habe ich am Ostermontag weiter gegeben - aber ich bin und bleibe Pastorin und das gerne und bin dankbar für neue Herausforderungen und Aufgaben im Kirchenkreis und darüber hinaus – solange ich das kann und darf.

Normalerweise sitze ich unter den Bläser/innen – und das ist mir wichtig: Mitzublasen und vor allem Dazuzugehören. Ich möchte Teil einer Gemeinschaft sein, keine Einzelkämpferin. Aber heute gönne ich mir mal das Zuhören - dürfen.

Wendegedenken – Erinnerung an den Reformations-Abend vor 25 Jahren – damals wurden „Zeugnisse der Betroffenheit“ laut.

Ursprünglich wollte ich jetzt sagen, was mich heute betroffen macht. Dann ist mir noch rechtzeitig eingefallen, dass in unserem Land viel gejammert wird – und das meist auf sehr hohem Niveau. Das möchte ich nicht und habe auch keinen Grund dazu, vielmehr möchte ich am Ende einer langen Zeit im kirchlichen Dienst sagen, was mich dankbar macht.

Ich werde drei Kerzen der Dankbarkeit entzünden.

1. Die erste für das ehrenamtliche Engagement vieler Menschen, ohne das sehr vieles nicht möglich wäre - in den Kirchengemeinden – in den Kommunen – in Verbänden und Vereinen … über Parteigrenzen hinweg. Menschen, die nicht sagen „Was kriege ich dafür?“ und vor allem nicht: „Da kann man doch nichts machen“, sondern die sagen: „Da kann ICH was machen“ und das auch tun – zusammen mit anderen. Die nicht nur meckern und alles von anderen erwarten.

Dass viele den Mut haben, sich einzusetzen und kostenlos Zeit und Kraft opfern, auch wenn andere darüber den Kopf schütteln oder sich lustig machen, das finde ich einfach toll!

Mein Freund Erich Schweidler – er war Pfarrer an der St.Petri-Gemeinde und erster Nachwendebürgermeister in Thale – hat mir 1976 ins Gästebuch geschrieben: „Wer den Mut hat, sich unbeliebt zu machen, wer unbequem ist,  bringt die Entwicklung weiter. Mitmacher sind zwar bequem, aber langweilig.“

Sich anstößig zu verhalten bringt Anstöße – bringt in Bewegung – bringt weiter – macht die Welt etwas heller und wärmer, so wie diese Kerze.

2. Die zweite Kerze der Dankbarkeit entzünde ich für meine guten Erfahrungen mit der Ökumene – nicht nur aber auch hier in Thale.  Wir haben in den vergangenen Jahren vieles ganz unkompliziert gemeinsam gemacht, manchmal im Kleinen, dann auch im Größeren. Ich erinnere an den Ökumenischen Kreiskirchentag 2008, an die vielen Mitwirkenden beim Harzfest und 2009 beim Sachsen-Anhalt-Tag hier in Thale, bei den vielen Harzer Sommertagen, die wir ökumenisch gestaltet haben.

Viel Gemeinschaft und Gemeinsamkeiten konnte ich erleben bei den großen Ökumenischen Kirchentagen in Berlin und München, bei Katholikentagen und den großen evangelischen Kirchentagen und bei den Reformationstagen, die wir hier in Thale seit langem zusammen begehen – mit gemeinsamen fröhlichen Mahlzeiten.

Noch trennt uns evangelische und katholische Christen manches voneinander, doch es gibt viele Schritte aufeinander zu.  

Im September habe ich in Halberstadt an einer Ökumenischen Vesper teilgenommen aus Anlass des kirchlichen Festes für den Frieden und die Einheit der Kirche. Ein katholischer Geistlicher führte dazu aus:

Wichtig bleibt, dass der Glaube und das Mahl anderer Konfessionen nicht richtig oder falsch, sondern ehrlich, aber eben anders sind. Diese Erkenntnis ist eine tragfähige Grundlage für Gespräche, die keinen Einheitsbrei als Ergebnis wollen. Selbst wenn es immer noch nicht nach einer zeitnahen Lösung aussieht: "Der Mauerfall vor 25 Jahren kam auch unerwartet!"

Beifall bekam er für seinen Satz: „Freiheit muss ich mir NEHMEN.“  Die bekommen wir nicht auf einem Silbertablett serviert. Wenn das nicht hoffen lässt!

Dafür die zweite Kerze, bei der ich auch an den Satz denke, der mir schon in der DDR-Zeit wichtig geworden ist: „Es ist besser eine Kerze anzuzünden als über die Dunkelheit zu jammern.“

3. Die dritte Kerze ist deutlich größer als die beiden anderen und das ist natürlich kein Zufall. Ich bin in einem nichtkirchlichen Elternhaus aufgewachsen und habe als Jugendliche ersten Kontakt zu Kirche und Glauben gefunden. Dankbar bin ich für die Kraft des Glaubens – für die Einladung zur Freiheit und zum aufrechten Gang.

Ein Spruch von Theodor Storm, den ich von meinem Konfirmator gelernt habe, hat mich geprägt: „Der eine fragt: Was kommt danach? Der andre fragt nur: Ist es recht? Und also unterscheidet sich der Freie von dem Knecht.“

Ich wollte FREI sein und habe im Glauben Freiheit gefunden und die Erkenntnis gewonnen: Gottesfurcht schützt gegen Menschenfurcht. Ich denke an Paulus in der Gefängniszelle: Er war gefesselt und predigte dennoch FREI das Evangelium. – Ich lebte in einem Staat, der seine Bürger/innen einsperren musste, damit sie blieben …

Diesen Zustand konnten wir beenden – friedlich – ohne Gewalt – mit vielen kleinen Kerzen, auch hier bei uns in Thale.

Dafür diese dritte große Kerze. Danke für alles!

Heute meine Verabschiedung aus dem offiziellen Dienst. Aber ich bin und ich bleibe Pastorin. Als Christin lebe ich in dem Wissen, ein Geschöpf zu sein – verantwortlich für mein Leben, für alles Tun und für alles Lassen – und angewiesen auf Gemeinschaft.  

Gott gibt dem Menschen viele Möglichkeiten und setzt ihm hilfreiche Grenzen. Wer sich vor Gott verantwortlich weiß, geht verantwortlich mit der Schöpfung, mit den Mitmenschen, mit sich selbst um.  

Jesus ist uns ein Vorbild: Er war unbequem und anstößig – hatte keine Angst vor den Mächtigen und Geduld mit den Unvollkommenen. Er blieb ehrlich und riskierte es, sich unbeliebt zu machen. Mit seinen Maßstäben lässt es sich leben: „Gott ist der Mensch, der uns menschlicher macht.“

Zum Schluss ein Satz vom „Ehrenbürger der Herzen“ unserer Stadt, dem katholischen Pfarrer Wolfgang Janotta, den ich beim Abschied von den Gemeindekirchenräten im März zitiert habe:

„Ich habe getan, was ich konnte. Den Rest muss der liebe Gott erledigen.“

Wird er – er hat ja Sie und Euch! J

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, als alle Skepsis und Vorsicht, bewahre unsere Herzen und Gedanken, unseren Mut und unsere Phantasie in Jesus Christus, unserem Herrn.       Amen.

******

Angelika Zädow:

Liebe Ursula, liebe Gemeinde,

nach 38 Jahren in Thale und 40 Jahren im kirchlichen Dienst wirst Du, liebe Ursula, heute aus diesem Dienst verabschiedet. Dass Du daran lange geknabbert hast, ist kein Geheimnis. Und ja, das ist sicher schwer, nach einer solchen Zeit alles „sein“ zu lassen, was vier Jahrzehnte tagtäglich das Leben und die Zeit prägte, den Tagesrhythmus vorgab, Herz und Verstand beschäftigte: Lektoren und Organistinnen für die Gottesdienste und Amtshandlungen zu finden, die Gemeindebriefe zu gestalten und den Beiträgen „hinterher“ zu laufen, Besuche zu machen, die Anfragen des Kreiskirchenamtes zu bedienen, Gruppen und Kreise zu organisieren und noch viel mehr. Das alles hört nun auf nach 40 Jahren.

Diese Zahl spielt übrigens in der Bibel immer wieder eine Rolle: 40 Tage und Nächte dauerte die Sintflut, 40 Jahre dauerte der Zug des Volkes Israel durch die Wüste, Mose weilt 40 Tage auf dem Berg Sinai, um die Gebote zu empfangen, der Prophet Elia geht 40 Tage und Nächte zum Berg Horeb und Jesus fastet 40 Tage in der Wüste.

So unterschiedlich diese Erzählungen sind -  zwei Dinge verbinden sie. Erstens: In dieser Zeit begegnen sie Gott. Und ich wünsche Dir und Ihnen, liebe Gemeinde, dass Sie im Nachdenken über die gemeinsame Zeit im Pfarrbereich Thale auch sagen können: Da gab es Momente und Augenblicke der Gemeinschaft, in denen wir uns des Glaubens sicher waren oder wurden.

Zweitens: Nach dieser Zeit veränderte sich das Leben der Menschen. Dieser Zeitpunkt ist nun für Dich, und Ihre Gemeinden gekommen. Sie alle haben eine neue Pastorin, die nun mit Ihnen Leben und Zeit im Pfarrbereich Thale gestaltet und auf dem Weg des Glaubens weiter geht, anknüpft an das was war und ganz andere Wege wagt.

Und du, liebe Ursula, wagst ja bereits andere Wege, hilfst Gemeinden im Kirchenkreis über die Zeit von Vakanzen hinweg. Hältst Gottesdienste und Amtshandlungen, organisierst und berätst. Der Rhythmus Deiner Zeit ist nun anders. Aber die Zeit an sich bleibt. Du hast nun die Freiheit, sie nach Deinen Wünschen nach Deiner Lust woanders zu gestalten und ohne Amtspflichten. Von Herzen wünsche ich Dir, dass Du diese Freiheit nutzen und Deine Zeit füllen kannst.

So Gott will, noch 40 Jahre, Amen.

 

Liebe Ursula,

vor Gott und dieser Gemeinde endet hiermit Dein Dienst im Pfarrbereich Thale, der Dir übertragen war. Alle Zuständigkeiten und Pflichten liegen nicht mehr in Deinen Händen. Was Dich in Deiner Arbeit beschwert hat, was unfertig blieb oder Sorgen macht, legen wir in die Hände Gottes, der allein aus allem ein Ganzes zu machen vermag. Nichts soll Dich beschweren, nichts soll Dich betrüben. Gott wird Dich tragen und begleiten auf Deinem weiteren Lebensweg.

 

Gebet:

Gott, Du Anfang und Ende der Zeit: Wir danken Dir für den Dienst von Pastorin Ursula Meckel, für die Zeit, die sie hier gewirkt hat. Und bitten Dich: Segne unsere Schwester im Glauben. Stärke sie mit Deinem Wort. Schenke ihr Mut und Zuversicht. Das bitten wir Dich durch Jesus Christus, der mit Dir und dem Heiligen Geist unserem Leben einen neuen Anfang schenkt. Amen.

Segen

Gott segne dir den Blick zurück und den Schritt nach vorn. Er schenke dir eine Melodie, die dich wie ein Lachen durch den Tag begleitet und Menschen, die ihre Arme um dich legen wie ein wärmender Mantel. So segne dich…