Für Interessenten eine bis vier  PREDIGT(en)                        

(Es ist nicht auszuschließen, dass ich auch mal den einen oder anderen Gedanken "übernommen" habe, ohne dies in jedem Fall ausdrücklich zu benennen.)  

Am 31. März 2014 endete mein Dienst im Pfarrsprengel Thale - 

seit dem 1. April 2014 bin ich Beauftragte für Springerdienste im Kirchenkreis Halberstadt.

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Eröffnungsandacht

 Evangelisches Gemeindezentrum Thale 

22. Februar 2020 um 10 Uhr

Dialog Einweihung Gemeindeanbau St. Petri Thale

Ursula Meckel & Thomas Thiede

Ursula: Verehrte Anwesende, liebe Festgemeinde,

als ich ca. 2015 davon erfuhr, dass ein Anbau an der St.Petri-Kirche geplant ist, schossen mir sofort drei Gedanken durch den Kopf:

-          1. Das ist niemals genehmigungsfähig - denn da gibt es die obere, untere und mittlere Denkmalsschutzbehörde – und vermutlich noch diverse andere Instanzen und Behörden, die mitzureden haben.

-          2. Das ist nie und nimmer finanzierbar – ich habe zwar keine Ahnung von den wirklichen Kosten, aber ich bin sicher: Ganz bestimmt nicht von den beiden kleinen Kirchengemeinden hier in Thale.

-          3. Es kann mir eigentlich auch egal sein, weil ich das ganz sicher ohnehin nicht erleben werde.

Nun ja – so kann man sich irren.

Der Bau wurde genehmigt, die Finanzierbarkeit wurde geklärt – es fehlt zwar noch einiges für die Innenausstattung – und ich lebe noch.

Nun ist eine weitere und viel wichtigere Frage offen: Wird der Anbau angenommen von den Menschen, für die er konzipiert ist –

also: Werden sich hier Menschen treffen und miteinander ins Gespräch kommen, diskutieren, kreativ sein, singen, blasen, tanzen, filzen, malen – ein wirkliches Kultur- und Begegnungszentrum?

Das wird die kommende Zeit bringen und ich kann es nur hoffen und wünschen, damit das Engagement, auch das finanzielle, nicht vergeblich war.

Allerdings: Ich höre auch viel Skepsis und Kritik – „Was habt ihr denn da mit unserer schönen Kirche gemacht?“ – „Das passt doch überhaupt nicht dahin!“ – usw. usf.

Thomas: (vom Bläserplatz aus) Aber das ist doch klar. Immer, wenn etwas Neues entsteht sind sofort diejenigen auf der Matte, denen das nicht gefällt. (kommt nach vorne)

Dabei haben wir als Gemeindekirchenrat es uns nicht leicht gemacht. Als 2014 klar war, dass wir unser Gemeindehaus auf der anderen Straßenseite nicht erhalten und auch nicht behalten können, waren wir nicht nur traurig, sondern auch geschockt und ziemlich verzweifelt.

Na klar, hätten wir uns einfach hinsetzen und weinen und uns bedauern können, aber wir wollten nach vorn sehen und überlegen, wie es weitergehen kann. Es gibt so ein schönes Bibelwort: „Wer seine Hand an den Pflug legt und schaut zurück, der ist nicht geschickt zum Reich Gottes.“

Ursula: Also, ihr wollt hier das Reich Gottes aufbauen?

Thomas: Naja, nicht ganz so vollmundig. Wir möchten, dass sich hier Menschen treffen und begegnen können, etwas miteinander erleben und gestalten. Und nicht nur evangelische Christen, sondern alle Menschen, denen Kultur wichtig ist – deshalb heißt es ja „Kultur-und Begegnungszentrum“. Und dass Kultur wichtig ist, wird ja wohl niemand ernsthaft bezweifeln. Schau dir doch nur an, was gerade in der Politik so läuft – wie respektlos da miteinander umgegangen wird – wie oft Andersdenkende übereinander reden, aber nicht miteinander – sich gegenseitig austricksen - einander verteufeln anstatt sich zuzuhören.

Ursula: Das ist leider wahr. Aber wie wollt ihr das mit diesem Anbau ändern? Soll hier ein Diskutierclub entstehen, wo Menschen unter Anleitung lernen, wie man kulturvoll miteinander umgeht.

Thomas: Natürlich nicht. Oder vielleicht auch? Mal sehen. Auf jeden Fall wollen wir die Möglichkeit geben, dass Menschen etwas gemeinsam erleben – schon das verbindet ja und baut Berührungsängste ab. Beim gemeinsamen Tun kommt man sich näher – oder auch, wenn man sich miteinander erfreut, zum Beispiel an schöner Musik oder gemeinsam einen Film ansieht und sich darüber austauscht, Theater spielen oder anschauen, Lesungen und unterschiedliche Workshops.

Es gab schon mal ein Format, das „Kreuz und quer“ hieß, eine Veranstaltungsreihe mit verschiedenen Angeboten – das möchten wir wieder beleben. Die ersten Termine sind schon geplant.

Ein großer Vorteil des Anbaus ist, dass er barrierefrei gestaltet wurde, also auch für Menschen mit Handicap zugänglich ist, niemand ausgegrenzt wird.

Wir – nicht nur diejenigen vom Gemeindekirchenrat - sind jedenfalls gespannt und neugierig, wie es hier weitergeht – bzw. erst richtig los geht.

Ursula: Mir fällt auch noch ein Bibelwort ein:

„Denn siehe, ich will ein Neues machen; jetzt soll es aufwachsen - erkennt ihr es nicht?“

Da lädt der alte Prophet Jesaja dazu ein, genau hinzusehen wo etwas Neues wächst, darüber zu staunen und es zu pflegen.

Thomas: Genau das haben wir vor – hinsehen, staunen, pflegen – Menschen aktivieren und einladen, nicht nur Thalenser, sondern auch die vielen Touristen, die in unsere Stadt kommen.

Ursula: Übrigens – weißt du, was das hier ist? (Raupe zeigen)

Thomas: Nicht wirklich, sieht aus wie ne olle Raupe.

Ursula: Genau – das Wertvolle und Schöne daran ist zunächst nicht zu sehen – weil es noch inwendig ist:

(Raupe entfalten zum Schmetterling)

Thomas: Wow! So oder jedenfalls so ähnlich stelle ich mir die Zukunft von unserem Kultur- und Begegnungszentrum vor.

Beide:             Amen.

Lied:   Komm, bau ein Haus …      Blatt                                                 Chor, Bläser

 

Wir bitten um Gottes Segen:

Ursula Meckel: Herr, segne unsere Hände, dass sie behutsam seien,

dass sie halten können, ohne zu Fesseln zu werden,

dass sie geben können ohne Berechnung,

dass ihnen innewohnt die Kraft, zu trösten und zu segnen.

 

Thomas Thiede: Herr, segne unsere Augen, dass sie Bedürftigkeit wahrnehmen,

dass sie das Unscheinbare nicht übersehen,

dass sie hindurchschauen durch das Vordergründige,

dass andere sich wohlfühlen können unter unseren Blicken.

 

Steffi Andrä: Herr, segne unsere Ohren, dass sie deine Stimme zu erhorchen vermögen.

dass sie hellhörig seien für die Stimme der Not, dass sie verschlossen seien für Lärm und Geschwätz, dass sie das Unbequeme nicht überhören.

 

Kristin Heyser: Herr, segne unsere Münder, dass sie dich bezeugen,

dass nichts von ihnen ausgehe, was verletzt und zerstört,

dass sie heilende Worte sprechen, dass sie Anvertrautes bewahren.

 

Stefan Ehrhardt: Herr, segne unsere Herzen, dass sie Wohnstatt seien deinem Geist,

dass sie Wärme schenken und bergen können,

dass sie reich seien an Verzeihung, dass sie Leid und Freude teilen können.

Ursula Meckel: Herr, segne dieses Haus, dass es offen sei für alle Menschen guten Willens,

dass wir einander zuhören und unterschiedliche Meinungen ertragen,

dass wir voneinander lernen und miteinander feiern können,

dass wir spüren können, wie Himmel und Erde sich berühren.

Amen

 

Musik: „Trumpet Tune“ Bläserklänge S. 292                                                               Bläser

 

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Gottesdienste Sexuagesimae & Estomihi

16. Februar 2020: 9.30 Uhr Langeln & 10.30 Uhr Wasserleben

23. Februar 2020: 9.30 Uhr Emersleben & 11 Uhr Groß Quenstedt

Evangelium= Predigttext:                      Markus 8; 31 - 38

Neue Möglichkeiten zu leben und Frieden kommen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, der für uns maßgeblich ist.                 Amen.

Liebe Gemeinde,

„Jesus spricht: Wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen oder um des Evangeliums willen, der wird es erhalten.“

Dieser Vers 8 aus dem Markusevangelium war für mich lange Zeit ein Stein des Anstoßes. Nicht nur, weil dieses Bibelwort oft missbraucht wurde –

zum Beispiel herhalten musste für gefallene Soldaten! – sondern weil es als Aufforderung zum bedingungslosen Märtyrertum gehört werden kann.

Wer will das schon? Wer ist dazu fähig? Und: Warum auch? Was lohnt es, sein Leben wegzugeben?

In den Versen davor wird berichtet, dass Jesus mit seinen Jüngern unterwegs ist und ihnen erstmals von seinem bevorstehenden Leidensweg erzählt.

Petrus reagiert erschrocken und abweisend. Er wünscht Jesus nicht Leid und Tod, sondern ein langes und erfülltes Leben. Was stattdessen auf ihn zukommt, will er nicht wahrhaben.

Aus Petrus spricht die Liebe – und die Angst, den Freund zu verlieren. Ich kann Petrus gut verstehen.

Kaum fassbar hingegen, wie Jesus ihn anfährt: „Weg mit dir, Satan!“ Der Versucher ist nun nicht mehr in der Wüste, sondern im engsten Freundeskreis. Dabei will Petrus nur das Beste für Jesus. So etwas kenne ich.

Wie viele „gute Ratschläge“ habe ich vor schwierigen Situationen und Entscheidungen schon gehört und leider auch gegeben. Muss das sein? Sind die Probleme unvermeidbar? Lässt sich das nicht umgehen?

Jesus fordert dazu auf, Problemen nicht auszuweichen. Deutlich sagt er: „Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich.“ Danach folgt der paradox klingende Satz: „Wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren.“

Ein Satz, der schwer oder sogar gar nicht zu verstehen ist. Ich habe dazugelernt als ich einen Bericht darüber las, wie Affen gefangen werden können.

In eine Kiste, die Nahrung enthält, werden so kleine Löcher gebohrt, dass ein Affe mit der leeren Pfote hineingreifen kann. Doch die gefüllte Faust bekommt er nicht heraus.

Dann kommt der gefürchtete Feind, der Mensch, der dem Tier an das Leben oder zumindest an die Freiheit will. Kaum zu glauben, dass sich Affen eher fangen lassen, als sich von den Leckerbissen zu trennen. Da wurde mir deutlich vor Augen geführt, dass der Wunsch, alles haben zu wollen und die Angst zu verlieren und loszulassen, tödlich enden kann:

„Wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren.“ Nach diesem Bericht kann ich mir vorstellen: Wer alles haben will, wer nicht verzichten kann, muss krampfhaft leben – hat keine Hand mehr frei.

Wer vorrangig an sein Ansehen, seine Sicherheit, seinen Wohlstand, seine Ruhe denkt, verliert das wahre Leben, verliert seine Freiheit.

Jesus nachzufolgen heißt: Sich einsetzen, sich engagieren, sich auseinander setzen, sich einmischen, sich aussetzen.

Bequemes Mitlaufen, unverbindlich dafür zu sein, gibt es nicht. Christsein hat Konsequenzen. Und dabei werden manche Lebenspläne und Vorstellungen durch – KREUZT.

Wer von Jesus ergriffen wird, sich für ihn entscheidet, sich von ihm in Bewegung setzen lässt, muss wissen, was er – oder sie – tut.

Jesus macht seinen Leuten nichts vor. Er verschweigt die Folgen der Nachfolge nicht.

Dann kann nicht mehr das erste Bestreben sein, mit dem Rücken an die Wand zu kommen und dort zu bleiben. Bekennendes Christsein kann die Familienharmonie stören, zu zeitlichen und finanziellen Belastungen führen; als Torheit belächelt, als Dummheit bezeichnet, auch als gefährlich verdächtigt werden, wenn Bestehendes infrage gestellt wird – auch geltende Gesetze.

Von Jesus nur zu reden, auch nur sonntags im Gottesdienst, und gleichzeitig vor der Umwelt und vorgegebenen Normen zu Kreuze zu kriechen, geht nicht.

Das Kreuz von Jesus bringt Ent – Täuschungen – Täuschungen werden enttarnt! – und das kann heilsam sein.

Enttäuscht zu werden – Täuschungen nicht mehr zu unterliegen – muss nicht nur schmerzen, es hat eine weitere Seite:

Ein Kreuz ist nicht nur eine Last. Ein Kreuz kann festigen und stärken, weiterhelfende Erfahrungen bringen, Halt geben. Es ist gut, ein breites Kreuz zu haben.

Mir geht auf, was Jesus anbietet. Er will keinem Menschen die Freude an allem Schönen und am Glück vermiesen. Er fordert nicht dazu auf, das Leiden zu suchen.

Er befreit von dem selbstquälerischen Zwang, ständig über die eigenen Kräfte und nach fremden Vorstellungen leben zu müssen. Er gibt den Mut, vor Problemen nicht wegzulaufen, sondern ihnen standzuhalten. Er ermöglicht sinnerfülltes Leben – ein Leben, wo jede/r in den Spiegel schauen kann, ohne sich vor sich selber schämen zu müssen.

Gebunden an Jesus werden Menschen frei von den vielen kleinen und großen Göttern und Götzen um uns herum – ich muss nicht haben, was alle haben – und mich auch nicht verhalten, wie es alle tun. Ich muss nicht wegsehen, wenn Unrecht geschieht und Angst haben, die Falschen zu wählen und auf der Seite einer Minderheit zu sein.

Manchmal habe ich das Glück, Menschen zu begegnen, die ganz einfach und selbstverständlich die menschlichen Maßstäbe von Jesus angenommen haben und danach leben – ohne vorrangig nach ihren eigenen Vorteilen zu fragen.

Und auch nicht nach den Nachteilen! Wie das wirkt, wenn ich mich mit merkwürdigen Menschen abgebe – mit den an den Rand Gedrängten – oder denen, die sich mehr oder weniger freiwillig dorthin begeben haben – oder denen, die einfach nicht mehr klarkommen mit dem Leben –

oder denen, die aus ihrer Heimat geflohen sind – und hier nicht richtig ankommen. Es gibt unzählige Beispiele von gescheiterten Menschen – oder davon bedrohte – aus unterschiedlichsten Gründen.

Menschlichkeit zu finden und zu bewahren ist schwer – es gab Zeiten, in denen das sehr viel schwerer war, als es heute ist.

„Da musste man doch einfach helfen.“ war zum Beispiel die Aussage einer der ungezählten Frauen, die im Dritten Reich Verfolgte versteckt haben – trotz höchster Gefahr für sich selbst und ihre Familien.

So einfach kann eine Begründung sein, sich gegen bestehendes Unrecht zu wenden.

Und so unwiderlegbar.

Menschenwürdiges Leben – dazu gehört auch, vor sich selbst und vor Gott bestehen zu können.

Das ist nicht immer leicht, weil Zugeständnisse an das, was „in“ ist und Vorteile bringt, leicht gemacht sind und Widerstand auf Widerstand stößt.

Jesus bietet Hilfe an durch seine Maßstäbe für ein Leben in Freiheit.

Wir haben die Chance, uns intelligenter zu verhalten als die bedauernswerten Affen.

Meiner Überzeugung nach gilt der Satz, den ich vor vielen Jahren im Eulenspiegel – der Satirezeitschrift aus DDR – Zeiten – las:

„Wer keins hat, wird besonders schnell aufs Kreuz gelegt.“

Und genau davor will uns Jesus bewahren.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, als alle Skepsis und Vorsicht, bewahre unsere Herzen und Gedanken, unseren Mut und unsere Phantasie in Jesus Christus, unserem Herrn.       Amen.

 

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Gottesdienste Septuagesimae

9. Februar 2020

9.30 Uhr Groß Quenstedt & 11 Uhr Emersleben

Evangelium = Predigttext:            Matthäus 20; 1 – 16 a

Neue Möglichkeiten zu leben und Frieden kommen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, der für uns maßgeblich ist. Amen.

Liebe Gemeinde,

die biblische Geschichte, die der Predigttext für den heutigen Sonntag ist, gehört zu den provozierendsten des Neuen Testamentes. Was da beschrieben wird zeigt, dass es in der Bibel nicht wie im wirklichen Leben zugeht und außerdem ist es ein Beispiel für schreiendes Unrecht:

Es ist ungerecht, wie sich der Weinbergsbesitzer verhält - Menschen, die hart gearbeitet haben, haben ein Anrecht auf einen angemessenen, leistungsgerechten Lohn - so ist es Brauch und richtig. Protest ist vorprogrammiert.

Dennoch möchte ich versuchen, mich auf die Situation damals einzulassen und lade Sie ein, sie sich mit mir vorzustellen und auszumalen.

Ein Marktplatz, morgens um 5 Uhr. Die Kühle der Nacht ist noch zu spüren und lässt frösteln. Auf der einen Seite des Marktplatzes scheint schon ein wenig die Sonne, dort ist es wärmer. Platz, um sich hinzustellen, vielleicht an eine Hauswand anzulehnen und sich umzuschauen.

Wie an jedem Morgen wimmelt es um diese Zeit von arbeitssuchenden Männern. Alte und junge, kräftige und schwache, große und kleine - sie alle warten darauf, dass jemand vorbeikommt und sie einstellt. Es sind Tagelöhner, Arbeiter, die härteste Arbeiten verrichten. Jeden Tag kommen sie aufs Neue hierher, in der Hoffnung, Arbeit zu finden. Zu Hause versuchen ihre Frauen auszukommen mit dem wenigen Geld, das die Männer verdienen um sich und die Familien zu ernähren. Mädchen und Jungen, die von Geburt an damit leben müssen, weniger zu haben als andere Kinder.

Ich stelle mir vor wie einer zum anderen sagt: „Arbeitslos zu sein ist das Schlimmste, was dir passieren kann. Wenn du den ganzen Tag hier auf dem Marktplatz herumhängst und keiner dich will, dann fühlst du dich nutzlos, wertlos. Die Frau muss sich das Gerede der Nachbarn anhören - der ist doch nur zu faul zum Arbeiten - wer wirklich Arbeit sucht, der findet auch welche.

Die so reden, haben keine Ahnung, was es bedeutet, arbeitslos zu sein. Und wenn du abends traurig und resigniert nach Hause kommst, dann gibt es auch noch Streit, weil das Geld einfach nicht zum Leben reicht.“

 

So könnte einer von den Wartenden reden und der Angesprochene nickt und fügt hinzu: „Das kenne ich alles gut. Doch vielleicht haben wir ja heute Glück und einer stellt uns ein.“

Unser Arbeitsmarkt heute ist nicht mehr der Marktplatz in der Öffentlichkeit, sondern das Arbeitsamt. Marktwirtschaftliche Prinzipien bestimmen auch heute die Chancen eines Menschen auf einen Arbeitsplatz. Die einen haben Angst, erst gar keinen zu finden; die anderen, den ihren plötzlich zu verlieren. Gut ist dran, wer einen sicheren Arbeitsplatz hat, so weit es das überhaupt gibt  - auch wenn es harte und schwere Arbeit ist.

Die Arbeit in einem Weinberg ist hart und schwer. Es ist Erntezeit. Den ganzen Tag über kommen immer neue Arbeiter hinzu um die viele Arbeit, die zu tun ist, zu schaffen. Am späten Nachmittag, gegen 17 Uhr, geht der Weinbergsbesitzer zum letzten Mal auf den Marktplatz und entdeckt noch die zwei, die enttäuscht und müde auf den Stufen vor einem Haus sitzen. Niemand hat sie eingestellt. Er geht auf sie zu - ob sie noch eine Stunde arbeiten wollen.

Die beiden willigen ein - besser eine Stunde als gar nicht. Die anderen Männer, die seit dem frühen Morgen gearbeitet haben, beäugen die Neuankömmlinge misstrauisch. Aber die werden ja dann schon sehen, wie viel bzw. wie wenig Lohn sie bekommen werden. Wie die Arbeit so der Lohn - so ist das nun mal.

Zum Leben wäre es entschieden zu wenig, was die beiden Männer in einer Stunde verdienen könnten.

Ich denke daran, dass in unserem Land, das zu den reichsten Ländern der Erde gehört, immer mehr Menschen am Rande des Existenzminimums leben müssen. Ich sehe sie vor mir: Rentnerinnen; Alleinerziehende, die von der Sozialhilfe leben müssen. Die so genannten Langzeitarbeitslosen, die manchmal tief in wirtschaftliches und soziales Elend hineinrutschen.

Zurück zum Weinberg. Am Abend sind die Arbeiter erschöpft. Die meisten haben einen 12-Stunden-Arbeitstag hinter sich. Die beiden Zuletztgekommenen werden als erste aufgerufen, um sich ihren Lohn abzuholen. Viel erwarten sie nicht. Da geschieht das Unglaubliche. Die beiden erhalten den gleichen vollen Tageslohn wie die anderen. Gerade so viel, wie sie brauchen, um einen Tag ihre Familien ernähren zu können.

Das muss ein Irrtum sein, sagt der eine vorsichtig. Du verwechselst uns, das steht uns nicht zu. Und die anderen sind hellhörig geworden und fangen an, laut zu protestieren: Das ist ungerecht! Die beiden verdienen nicht den vollen Lohn.

Der Ärger und die Entrüstung sind verständlich und nachvollziehbar. Das Verhalten des Weinbergsbesitzers verletzt das Gerechtigkeitsempfinden und sieht nach reiner unternehmerischer Willkür aus. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit - das ist eine klassische Forderung, die durchgesetzt werden muss. Das ist geltende Ordnung. Wo kämen wir hin, wenn sich Leistung nicht mehr lohnt und es keinen Unterschied macht, ob ich eine Stunde arbeite oder zwölf, weil am Ende alle den gleichen Lohn erhalten?

Auf unseren Arbeitsämtern wird bestimmt kein Unternehmer erscheinen, der bereit wäre, allen, den ersten wie den letzten, den gleichen Lohn zu zahlen. Er wäre wohl auch bald pleite.

Der Weinbergsbesitzer in der biblischen Geschichte tritt auf, um unsere Auffassung von Gerechtigkeit zu hinterfragen. Seine Frage: ”Ist dein Auge neidisch, weil ich so gütig bin?” berührt mich.

Ich denke daran, wie schmerzlich es ist zu erfahren, dass wir uns alles im Leben verdienen müssen. Kinder werden so erzogen - wenn du dies oder das brav machst, dann wirst du belohnt - mit Liebe, mit Geschenken.

Spätestens Erwachsene lernen, dass sie sich nicht nur Zuneigung und Anerkennung verdienen müssen, sondern auch ihren Lebensunterhalt. In der Regel werden Menschen nicht um ihrer selbst willen geliebt und anerkannt, obwohl sie sich danach sehnen. Menschen haben Bedürfnisse, die einfach da sind und deren Erfüllung nicht verdient werden kann.

Im Laufe des Lebens lernen die meisten, diese Wünsche und Bedürfnisse zurückzustellen oder ganz wegzuschieben, um besser mit den Enttäuschungen fertig zu werden.  Das Leben ist eben anders als die Wunschvorstellungen.

Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Da muss man sich damit abfinden, dass jeder verdienen muss, was er zum Leben braucht.

Ich stelle mir vor, wie erleichtert die beiden Männer waren als sie erlebten: Hier werden wir nicht nach unserer Arbeitsleistung belohnt, sondern danach, was wir zum Leben nötig haben.

Jesus hat diese Geschichte erzählt. Er beschreibt, wie Gott sich über ein Schema hinwegsetzt. Er will den Menschen gerecht werden und nicht den Ordnungen. Und so entscheidet er sich für Großzügigkeit und Freundlichkeit.

Auch wenn das dem herkömmlichen Denken nicht entspricht glaube ich, dass wir alle im täglichen Leben darauf angewiesen sind. Wer nur durch die prüfende Brille angesehen wird: Was leistest du? Entspricht deine Leistung meiner Norm” - der wird schon bald versagen und dann verzagen. Gott handelt anders - er verschenkt seine Liebe an diejenigen, die sie brauchen.

Das ist ein Punkt, an dem alle Menschen gleich sind - alle leben von der Liebe Gottes.  Die kann sich nicht verdient oder erarbeitet werden. Was Gott geben will - sein Reich, seine Gerechtigkeit, seinen Frieden, seine Liebe - das gibt es nicht für den einen mehr und den anderen weniger. Gottes Reich ist unteilbar.

Gott sieht nicht auf abrechenbare Leistungen. Er sieht das Bemühen. Und - er lädt ein zur Mitfreude. Seid doch nicht neidisch. Habt keine Angst zu kurz zu kommen. Freut euch doch mit.

Mir scheint manchmal, dass Mitleid, Mitleiden, einfacher ist als Mitfreuen. Vielleicht weil da doch der Neid lauert oder die Sorge, selbst ungerecht behandelt worden zu sein vom Glück oder von wem auch immer. 

Eventuell ein falscher Blickwinkel?

Deshalb versuche ich, das Gleichnis neu zu lesen und zu hören - aus dem Blickwinkel eines freundlichen Gottes, der seinen Menschen eben nicht nur ein bisschen Frieden, ein bisschen Gemeinschaft und ein bisschen Geborgenheit geben will - sondern allen das was sie wirklich brauchen.

Festgefügte Ordnungen von Leistung, Lohn und Anerkennung werden durch Gottes Güte in Frage gestellt. Eine andere Frage steht im Raum: Wo wird Menschen das vorenthalten, was sie zum Leben notwendig brauchen?  Da gibt es leider Beispiele zur Genüge. Fälle, wo aufgestanden und protestiert werden müsste mit den deutlichen Worten: Das ist ungerecht.

Ich bin nicht fertig mit dem Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg und den Maßstäben, die dahinter stehen. Ich fühle mich provoziert und eingeladen zugleich.  Ich wünsche mir, unserer Kirche und unserer Gesellschaft und der ganzen Menschheit, dass die Umsetzung der Maßstäbe Jesu zum besseren Umgang miteinander mehr und mehr gelingt und bin sicher: Daran würde die Wirtschaft nicht zusammenbrechen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, als alle Skepsis und Vorsicht, bewahre unsere Herzen und Gedanken in Jesus Christus, unserem Herrn.  Amen.

 

 

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14. Mai 2017 - 40 Jahre Ordination - Thale St. Andreas

   

                                      

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Gottesdienst 31. Oktober 2014

Wendegedenken – Reformation – Verabschiedung Pastorin Ursula Meckel

Liebe Versammelte,

heute vor 25 Jahren um diese Zeit war ich sehr viel aufgeregter als heute – in zweieinhalb Stunden würde hier in dieser Kirche eine Veranstaltung beginnen, von der niemand sagen konnte, wie sie ausgehen würde – wie viele kommen würden – ob es friedlich bliebe. Einige entschlossene Bürger/innen hatten eingeladen zu einem „Gebet für Land und Leute“ - … ein heute völlig harmloser Text, damals  staatsgefährdend gefährlich – die Handzettel wurden schnell entfernt, doch es hatte sich herumgesprochen.

Etliche sind jetzt hier, die damals auch dabei waren – um viele Erfahrungen reicher.

An diesen Reformationstag vor 25 Jahren erinnern wir.

Reformationstag – ein evangelischer Feiertag, den wir hier in Thale seit vielen Jahren ökumenisch begehen – so auch heute – ein zweiter Grund zur Dankbarkeit, weil das keineswegs überall selbstverständlich möglich ist.

Der dritte Anlass dieses Gottesdienstes: Nach 40 Jahren im kirchlichen Dienst werde ich verabschiedet - von den Kirchengemeinden und vom Kirchenkreis – entpflichtet vom Amt? – von der Pflicht zur Kür? – beziehungsweise verabschiede ich mich? - oder auch nicht?

Schaun wir mal.

Auf jeden Fall feiern wir jetzt einen Gottesdienst mit ganz viel Musik und dafür bin ich dankbar; dankbar allen, die ihn mit ausgestalten – und dazu gehören auch Sie alle hier, die zum Mitsingen eingeladen sind.

Dankbar bin ich vor allem dafür, dass wir uns versammelt haben im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen. Hilfe erwarten wir von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

Chor + Gemeinde: Wo Menschen sich vergessen …

Gott, wir treten jetzt vor Dich mit unseren Erinnerungen, unseren Wünschen, unseren Befürchtungen und unseren Hoffnungen. Wir schauen zurück und nehmen Abschied – wir blicken nach vorn und haben Träume.

Ich möchte bewahren, was gut war in den vergangenen Jahrzehnten. Denn vieles war wunderschön, erfrischend, aufregend, überraschend neu – dafür danke ich, das will ich nicht missen.

Loslassen und bewahren - beides. Gott, gib mir den Mut, die Hände zu öffnen, um Altbekanntes loszulassen. Gib mir den Mut, die Hände zu öffnen und die Arme auszubreiten, um Neues, Unbekanntes zu begrüßen.

Gott, ich danke Dir, dass ich getragen bin von der Hoffnung, gehalten zu werden -  beflügelt von dem Glauben, dass Du Dich kümmerst - auch um mich. Begeistert von dem Glauben, dass Du da bist.

Du hältst die Zeit liebevoll in Deinen Händen. Du bist ewig. Gestern und heute und morgen. Kein Anfang, kein Ende. Die Zeiten kommen und gehen - Du bleibst und rufst zum Leben im Vertrauen auf Dich und Deine beständige Gegenwart. Du bist auch jetzt mitten unter uns. Das ist Grund, sich zu freuen – deshalb:

Jauchzet dem Herrn alle Welt!

Amen.

Chor + Bläser:     Psalm 100

Lesung = Prediger 3; 1 - 13                                   

Meine Hoffnung …

                Credo                                                        

Bläser:                 La nuit

PREDIGT-Einstieg

U.:     Sag mal bitte,  Angelika, findest Du nicht auch, dass das heute hier eine etwas seltsame Veranstaltung ist?

A.:     Wieso seltsam? Es ist ein schöner Gottesdienst in einer vollen Kirche mit aufmerksamen Menschen, viel Musik und guter Stimmung. Und weil aller guten Dinge drei sind, gibt es drei inhaltliche Schwerpunkte: Wende-Gedenken, Reformation und Deine Verabschiedung.

U.:     Wende-Gedenken und Reformation sind klar – aber meine Verabschiedung? Mein Dienst hier im Pfarrbereich endete schon vor sieben Monaten. Ich wohne weiter in der Gemeinde und gehöre zum Bläserchor und in der Stadt bleibe ich ebenfalls, sogar im Stadtrat. Und: Im Kirchenkreis und selbst darüber hinaus geht meine Arbeit weiter. Also was für ein Abschied?

A.: Kann es sein, dass Du Dich um einen Abschied drücken willst?

U.: mhm … Also, mein ältester Patensohn hat mir geschrieben: „Ruhestand KANNST Du gar nicht.“

A.: Weiche nicht aus! Kann es sein, dass Du Dich drücken willst vor dem Abschied? Weil das weh tut?

U.: mhm …

A.: Bisher hast Du das ja ganz geschickt geschafft – denn Dein Dienst im Pfarrbereich Thale endete ja bereits am 31. März – wie Du weißt…

U.: Und Du weißt: Jeder Abschied ist ein kleines Sterben.

A.: Gehts auch etwas weniger theatralisch? - Du weißt: Alles hat seine Zeit … steht doch so schön auf der Einladung: …

U.: Das ist wohl der Unterschied zwischen Theorie und Praxis - oder wie wir hier im Osten gesagt haben: Zwischen Marx und Murks. Ich weiß, dass ich mich dem stellen muss. Nur: Zum April hast Du hier eine neue Pastorin eingesegnet. Willst Du mich jetzt aussegnen? Das klingt so nach Beerdigung.

A.: Natürlich nicht! Aber z. B. entpflichten – Du MUSST jetzt nichts mehr tun, aber Du darfst noch – und Pastorin bleibst Du ohnehin (so lange Du es möchtest).

U.: mhm …

A.: Nun schwirre schon ab auf die Kanzel – oder hast Du nichts mehr zu sagen?

U.:   Na gut. J  Aber ich bleibe lieber hier unten – ich möchte ja nicht „von oben herab“ reden …

Neue Möglichkeiten zu leben und Frieden kommen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, der für uns maßgeblich ist.                 Amen.

Liebe Anwesende,

gestern wurde ich am Telefon gefragt: „Freust Du Dich eigentlich auf den Gottesdienst morgen?“ und ich konnte ehrlichen Herzens sagen: „Inzwischen Ja! Ja, ich freue mich.“

Im April, als das eigentlich aktuell war, hätte ich das noch nicht gekonnt, denn es ist ja etwas dran, dass ich mich eigentlich irgendwie um diesen Abschied drücken wollte, weil eben jeder Abschied ein kleines Sterben ist und weh tut.

Heute ist das anders, weil nicht nur ein Lebensabschnitt zu Ende ging, sondern weil Neues, und für mich sehr Erfreuliches angefangen hat – und weil Wichtiges geblieben ist.

Loslassen und bewahren zugleich, Ende und Anfang.

Allerdings: Irgendwie lastet jetzt auf mir der Druck, ich müsse nun etwas ganz Bedeutsames und Kluges sagen – etwas zum Merken und Aufmerken – zum Abschied, der ja gar kein wirklicher Abschied ist. Denn es sind eben keine „letzten Worte“.      

Klar ist, ich bin nicht mehr die Pastorin von Thale, Warnstedt, Bad Suderode und Friedrichsbrunn – den Staffelstab im Pfarrbereich habe ich am Ostermontag weiter gegeben - aber ich bin und bleibe Pastorin und das gerne und bin dankbar für neue Herausforderungen und Aufgaben im Kirchenkreis und darüber hinaus – solange ich das kann und darf.

Normalerweise sitze ich unter den Bläser/innen – und das ist mir wichtig: Mitzublasen und vor allem Dazuzugehören. Ich möchte Teil einer Gemeinschaft sein, keine Einzelkämpferin. Aber heute gönne ich mir mal das Zuhören - dürfen.

Wendegedenken – Erinnerung an den Reformations-Abend vor 25 Jahren – damals wurden „Zeugnisse der Betroffenheit“ laut.

Ursprünglich wollte ich jetzt sagen, was mich heute betroffen macht. Dann ist mir noch rechtzeitig eingefallen, dass in unserem Land viel gejammert wird – und das meist auf sehr hohem Niveau. Das möchte ich nicht und habe auch keinen Grund dazu, vielmehr möchte ich am Ende einer langen Zeit im kirchlichen Dienst sagen, was mich dankbar macht.

Ich werde drei Kerzen der Dankbarkeit entzünden.

1. Die erste für das ehrenamtliche Engagement vieler Menschen, ohne das sehr vieles nicht möglich wäre - in den Kirchengemeinden – in den Kommunen – in Verbänden und Vereinen … über Parteigrenzen hinweg. Menschen, die nicht sagen „Was kriege ich dafür?“ und vor allem nicht: „Da kann man doch nichts machen“, sondern die sagen: „Da kann ICH was machen“ und das auch tun – zusammen mit anderen. Die nicht nur meckern und alles von anderen erwarten.

Dass viele den Mut haben, sich einzusetzen und kostenlos Zeit und Kraft opfern, auch wenn andere darüber den Kopf schütteln oder sich lustig machen, das finde ich einfach toll!

Mein Freund Erich Schweidler – er war Pfarrer an der St.Petri-Gemeinde und erster Nachwendebürgermeister in Thale – hat mir 1976 ins Gästebuch geschrieben: „Wer den Mut hat, sich unbeliebt zu machen, wer unbequem ist,  bringt die Entwicklung weiter. Mitmacher sind zwar bequem, aber langweilig.“

Sich anstößig zu verhalten bringt Anstöße – bringt in Bewegung – bringt weiter – macht die Welt etwas heller und wärmer, so wie diese Kerze.

2. Die zweite Kerze der Dankbarkeit entzünde ich für meine guten Erfahrungen mit der Ökumene – nicht nur aber auch hier in Thale.  Wir haben in den vergangenen Jahren vieles ganz unkompliziert gemeinsam gemacht, manchmal im Kleinen, dann auch im Größeren. Ich erinnere an den Ökumenischen Kreiskirchentag 2008, an die vielen Mitwirkenden beim Harzfest und 2009 beim Sachsen-Anhalt-Tag hier in Thale, bei den vielen Harzer Sommertagen, die wir ökumenisch gestaltet haben.

Viel Gemeinschaft und Gemeinsamkeiten konnte ich erleben bei den großen Ökumenischen Kirchentagen in Berlin und München, bei Katholikentagen und den großen evangelischen Kirchentagen und bei den Reformationstagen, die wir hier in Thale seit langem zusammen begehen – mit gemeinsamen fröhlichen Mahlzeiten.

Noch trennt uns evangelische und katholische Christen manches voneinander, doch es gibt viele Schritte aufeinander zu.  

Im September habe ich in Halberstadt an einer Ökumenischen Vesper teilgenommen aus Anlass des kirchlichen Festes für den Frieden und die Einheit der Kirche. Ein katholischer Geistlicher führte dazu aus:

Wichtig bleibt, dass der Glaube und das Mahl anderer Konfessionen nicht richtig oder falsch, sondern ehrlich, aber eben anders sind. Diese Erkenntnis ist eine tragfähige Grundlage für Gespräche, die keinen Einheitsbrei als Ergebnis wollen. Selbst wenn es immer noch nicht nach einer zeitnahen Lösung aussieht: "Der Mauerfall vor 25 Jahren kam auch unerwartet!"

Beifall bekam er für seinen Satz: „Freiheit muss ich mir NEHMEN.“  Die bekommen wir nicht auf einem Silbertablett serviert. Wenn das nicht hoffen lässt!

Dafür die zweite Kerze, bei der ich auch an den Satz denke, der mir schon in der DDR-Zeit wichtig geworden ist: „Es ist besser eine Kerze anzuzünden als über die Dunkelheit zu jammern.“

3. Die dritte Kerze ist deutlich größer als die beiden anderen und das ist natürlich kein Zufall. Ich bin in einem nichtkirchlichen Elternhaus aufgewachsen und habe als Jugendliche ersten Kontakt zu Kirche und Glauben gefunden. Dankbar bin ich für die Kraft des Glaubens – für die Einladung zur Freiheit und zum aufrechten Gang.

Ein Spruch von Theodor Storm, den ich von meinem Konfirmator gelernt habe, hat mich geprägt: „Der eine fragt: Was kommt danach? Der andre fragt nur: Ist es recht? Und also unterscheidet sich der Freie von dem Knecht.“

Ich wollte FREI sein und habe im Glauben Freiheit gefunden und die Erkenntnis gewonnen: Gottesfurcht schützt gegen Menschenfurcht. Ich denke an Paulus in der Gefängniszelle: Er war gefesselt und predigte dennoch FREI das Evangelium. – Ich lebte in einem Staat, der seine Bürger/innen einsperren musste, damit sie blieben …

Diesen Zustand konnten wir beenden – friedlich – ohne Gewalt – mit vielen kleinen Kerzen, auch hier bei uns in Thale.

Dafür diese dritte große Kerze. Danke für alles!

Heute meine Verabschiedung aus dem offiziellen Dienst. Aber ich bin und ich bleibe Pastorin. Als Christin lebe ich in dem Wissen, ein Geschöpf zu sein – verantwortlich für mein Leben, für alles Tun und für alles Lassen – und angewiesen auf Gemeinschaft.  

Gott gibt dem Menschen viele Möglichkeiten und setzt ihm hilfreiche Grenzen. Wer sich vor Gott verantwortlich weiß, geht verantwortlich mit der Schöpfung, mit den Mitmenschen, mit sich selbst um.  

Jesus ist uns ein Vorbild: Er war unbequem und anstößig – hatte keine Angst vor den Mächtigen und Geduld mit den Unvollkommenen. Er blieb ehrlich und riskierte es, sich unbeliebt zu machen. Mit seinen Maßstäben lässt es sich leben: „Gott ist der Mensch, der uns menschlicher macht.“

Zum Schluss ein Satz vom „Ehrenbürger der Herzen“ unserer Stadt, dem katholischen Pfarrer Wolfgang Janotta, den ich beim Abschied von den Gemeindekirchenräten im März zitiert habe:

„Ich habe getan, was ich konnte. Den Rest muss der liebe Gott erledigen.“

Wird er – er hat ja Sie und Euch! J

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, als alle Skepsis und Vorsicht, bewahre unsere Herzen und Gedanken, unseren Mut und unsere Phantasie in Jesus Christus, unserem Herrn.       Amen.

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Angelika Zädow:

Liebe Ursula, liebe Gemeinde,

nach 38 Jahren in Thale und 40 Jahren im kirchlichen Dienst wirst Du, liebe Ursula, heute aus diesem Dienst verabschiedet. Dass Du daran lange geknabbert hast, ist kein Geheimnis. Und ja, das ist sicher schwer, nach einer solchen Zeit alles „sein“ zu lassen, was vier Jahrzehnte tagtäglich das Leben und die Zeit prägte, den Tagesrhythmus vorgab, Herz und Verstand beschäftigte: Lektoren und Organistinnen für die Gottesdienste und Amtshandlungen zu finden, die Gemeindebriefe zu gestalten und den Beiträgen „hinterher“ zu laufen, Besuche zu machen, die Anfragen des Kreiskirchenamtes zu bedienen, Gruppen und Kreise zu organisieren und noch viel mehr. Das alles hört nun auf nach 40 Jahren.

Diese Zahl spielt übrigens in der Bibel immer wieder eine Rolle: 40 Tage und Nächte dauerte die Sintflut, 40 Jahre dauerte der Zug des Volkes Israel durch die Wüste, Mose weilt 40 Tage auf dem Berg Sinai, um die Gebote zu empfangen, der Prophet Elia geht 40 Tage und Nächte zum Berg Horeb und Jesus fastet 40 Tage in der Wüste.

So unterschiedlich diese Erzählungen sind -  zwei Dinge verbinden sie. Erstens: In dieser Zeit begegnen sie Gott. Und ich wünsche Dir und Ihnen, liebe Gemeinde, dass Sie im Nachdenken über die gemeinsame Zeit im Pfarrbereich Thale auch sagen können: Da gab es Momente und Augenblicke der Gemeinschaft, in denen wir uns des Glaubens sicher waren oder wurden.

Zweitens: Nach dieser Zeit veränderte sich das Leben der Menschen. Dieser Zeitpunkt ist nun für Dich, und Ihre Gemeinden gekommen. Sie alle haben eine neue Pastorin, die nun mit Ihnen Leben und Zeit im Pfarrbereich Thale gestaltet und auf dem Weg des Glaubens weiter geht, anknüpft an das was war und ganz andere Wege wagt.

Und du, liebe Ursula, wagst ja bereits andere Wege, hilfst Gemeinden im Kirchenkreis über die Zeit von Vakanzen hinweg. Hältst Gottesdienste und Amtshandlungen, organisierst und berätst. Der Rhythmus Deiner Zeit ist nun anders. Aber die Zeit an sich bleibt. Du hast nun die Freiheit, sie nach Deinen Wünschen nach Deiner Lust woanders zu gestalten und ohne Amtspflichten. Von Herzen wünsche ich Dir, dass Du diese Freiheit nutzen und Deine Zeit füllen kannst.

So Gott will, noch 40 Jahre, Amen.

 

Liebe Ursula,

vor Gott und dieser Gemeinde endet hiermit Dein Dienst im Pfarrbereich Thale, der Dir übertragen war. Alle Zuständigkeiten und Pflichten liegen nicht mehr in Deinen Händen. Was Dich in Deiner Arbeit beschwert hat, was unfertig blieb oder Sorgen macht, legen wir in die Hände Gottes, der allein aus allem ein Ganzes zu machen vermag. Nichts soll Dich beschweren, nichts soll Dich betrüben. Gott wird Dich tragen und begleiten auf Deinem weiteren Lebensweg.

 

Gebet:

Gott, Du Anfang und Ende der Zeit: Wir danken Dir für den Dienst von Pastorin Ursula Meckel, für die Zeit, die sie hier gewirkt hat. Und bitten Dich: Segne unsere Schwester im Glauben. Stärke sie mit Deinem Wort. Schenke ihr Mut und Zuversicht. Das bitten wir Dich durch Jesus Christus, der mit Dir und dem Heiligen Geist unserem Leben einen neuen Anfang schenkt. Amen.

Segen

Gott segne dir den Blick zurück und den Schritt nach vorn. Er schenke dir eine Melodie, die dich wie ein Lachen durch den Tag begleitet und Menschen, die ihre Arme um dich legen wie ein wärmender Mantel. So segne dich…