Für Interessenten eine bis vier  PREDIGT(en)                        

(Es ist nicht auszuschließen, dass ich auch mal den einen oder anderen Gedanken "übernommen" habe, ohne dies in jedem Fall ausdrücklich zu benennen.)  

Am 31. März 2014 endete mein Dienst im Pfarrsprengel Thale - 

seit dem 1. April 2014 bin ich Beauftragte für Springerdienste im Kirchenkreis Halberstadt.

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Predigt Ostern 2021

Hör-Gottesdienst der Region Ost des Kirchenkreises Halberstadt

Neue Möglichkeiten zu leben und Frieden kommen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, der für uns maßgeblich ist. Amen.

Liebe Gemeinde,

bei „Ostern“ denken die meisten Menschen zuerst an Frühlingserwachen, Osterhasen und Ostereier. Die christliche Botschaft von der Auferstehung löst eher Kopfschütteln aus: Da soll einer auferstanden sein von den Toten? Menschliche Erfahrungen sprechen eine andere Sprache und dagegen.

Ein Konfirmand erklärte einmal: „Zu Ostern ist Jesus aufgestanden.“

Aufstehen – das geschieht zum Beispiel morgens, mal ungern und mal gern, je nachdem, was mich an dem Tag erwartet. 

Oder ich erhebe mich, wenn ich etwas mitteilen will, um besser zu sehen und zu hören zu sein.

Oder ich stehe auf, wenn ich hingefallen bin. Und das passiert mir sowohl im wörtlichen wie im übertragenen Sinn: Mich hat etwas umgeworfen – ich bin gestolpert über einen Bordstein – ein Mitmensch hat mein Vertrauen missbraucht – ein trauriges Ereignis hat mich erschüttert.

Aufstehen und auferstehen hat nicht nur sprachlich miteinander zu tun. Jesus ist auferstanden vom Tode, zurückgekehrt ins Leben. Allerdings nicht in das alte Leben, Jesus ist auferweckt worden in ein neues Leben hinein."

 

Verstehen kann ich die Frauen am Grab: Ihr Entsetzen, ihre Enttäuschung, ihre Angst. Und dass sie weglaufen, weil sie nicht glauben können was sie sehen - nämlich: Nichts! Nach allem war das ein trauriger Abschluss ihrer Geschichte mit Jesus, dem Mann, der sie ernst genommen und ihnen neue Horizonte eröffnet hatte.

Nach seinem entwürdigenden Sterben wollten sie wenigstens um ihn weinen dürfen, sich ihrem Schmerz hingeben, Erinnerungen austauschen und pflegen.

Wenn keine Zukunft zu sehen ist, bleibt das Sich – Klammern an die Vergangenheit. Ein toter Jesus wäre ihnen in diesem Moment lieber gewesen als das so unerwartet leere Grab, in das sie wie gelähmt hinein starren. Da trifft sie die Frage: „Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten?“

Dann sehe ich die Jünger vor mir, wie sie hinter verriegelten Türen sitzen und Angst haben um ihre Zukunft, um ihr Leben. Dem sie gefolgt waren, der wurde ihnen genommen und sie waren feige weggelaufen. Weil sie befürchten, als Freunde eines Hingerichteten erkannt und eingesperrt zu werden, inszenieren sie das, was sie ja eigentlich verhindern wollen: Sie schließen sich selbst hinter Mauern ein.

Bis Jesus mühelos zu ihnen kommt mit seinen versöhnenden Worten: „Friede sei mit euch.“

Ich denke an die kleinen, verunsicherten und verängstigten Gemeinden heute, überfordert von vielen Möglichkeiten und zu geringen Kräften. Da wird gelähmt in leere Gottesdiensträume und leere Kassen gestarrt; wehmütig der Zeiten gedacht, als es noch keine Stellenplandiskussionen, sondern in jedem Dorf eine Pastorin oder einen Pfarrer gab. Damals – da schienen Glaubensinhalte und Wege klarer als jetzt.

Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn uns in der Kirche ein Bote empfinge und mitteilte: „Jesus ist nicht in diesen Mauern. Er ist nicht da, wo ihr ihn begraben habt. Ihr sucht ihn an der falschen Stelle!“

Das löst bei mir ein heilsames Erschrecken aus, denn im Grunde weiß ich ja: Jesus hat keine Kraft darauf verwandt, Gebäude für die Ewigkeit zu errichten – er hat keine Privilegien für sich beansprucht, er hat keine Schätze angesammelt.

Jesus hat sich nicht auf die Dauer binden lassen, weder von den Stricken seiner Feinde noch von den Umarmungen seiner Bewunderer, die einen weltlichen Machthaber aus ihm machen wollten.

Was machen wir eigentlich in unserer Kirche? Ist es noch die Seine? Muss sie vielleicht sterben wie das Weizenkorn, damit neues Leben daraus entstehen kann?

Ostern ist der Aufstand des Lebens über den Tod; der Freude über das Leid. Dennoch ist in der Bibel nachzulesen, dass es zunächst nur erschrockene und ängstliche Menschen gab, als sie das leere Grab entdeckten.

Aber dann wurde sichtbar: Die vordem schlicht feigen Anhänger von Jesus, die nach seinem entwürdigenden Tod am Kreuz geflohen waren, tauchten plötzlich verändert wieder auf: Mutig und fröhlich.

Die Verwandlung von ängstlichen Menschen in mutige Bekenner, das ist für mich das Sichtbare von Ostern und das wünsche ich mir auch für heute: Optimismus für das Leben, Zukunftsvisionen, Mut zum Widerstand, kein Festhalten an wehmütigen verklärenden Erinnerungen. Wo die Kraft des Auferstandenen erfahren wird, stehen Menschen auf aus Unsicherheit und Resignation und werden fähig, sich für andere einzusetzen, Unpopuläres zu sagen und zu tun.

Ostern wird es, wenn Menschen aufstehen, die gefallen sind – die umgeworfen wurden – vom Tod eines nahen Angehörigen – von Krankheit und Schmerz und anderem Leid getroffen und betroffen sind –

Ostern, das ist ein Fest der Hoffnung und des Erwachens.

In unserer Zeit, in der wir alle viel Mut zum Leben, zum Aufrechtstehen, zum Auferstehen und zum Aufstand brauchen, wünschen wir allen ein fröhliches und mut- und muntermachendes Osterfest.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, als alle Skepsis und Vorsicht, bewahre unsere Herzen und Gedanken, unseren Mut und unsere Phantasie in Jesus Christus, unserem Herrn.     Amen.

 

Der komplette Gottesdienst mit allen Texten ist nachzuhören und nachzulesen:

https://www.kirchenkreis-halberstadt.de/kk/veranstaltungen/termine/2021/1969572264.php

(Bitte kopieren und in den Browser einfügen.)

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Predigt Video-gottesdienst Lätare, 14. März 2021

Lukas 9; 57 – 62

Neue Möglichkeiten zu leben und Frieden kommen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, der für uns maßgeblich ist.             Amen.

Liebe Gemeinde,

2021 ist ein Superwahljahr: Sechs Bundesländer wählen ihre Landesparlamente und im September steht die Bundestagswahl an. Wir merken es im Straßenbild mit massenhaft Plakaten. Da gibt es mehr oder weniger freundliche Gesichter, mehr oder weniger dumme Sprüche – sie wollen aufmerken lassen und vermitteln: Bei mir bist du auf der richtigen Seite, bei mir wird es dir gut gehen.

Ganz anders die Geschichte aus dem Lukasevangelium, die wir gehört haben:

Da sind drei Leute bereit, Jesus zu folgen. Sie wollen mit ihm gehen - wohin auch immer. Das ist ein schwerwiegender Entschluss, der einen Bruch mit ihrer Vergangenheit, das heißt, ihrem bisherigen Leben und vermutlich auch mit ihren Familien bedeutet. Dennoch wollen sie es wagen.

Nur zwei erbitten eine kurze Frist. Der eine will seinen Vater beerdigen, der andere Abschiednehmen von seinen Angehörigen. Ganz selbstverständliche und menschlich wichtige Angelegenheiten. Der Dritte will sogar ohne Vorbehalte gleich mitkommen.

Jesus sollte sich über diese drei freuen, die mit ihm unterwegs sein wollen, von ihm lernen und andere lehren. Doch anstatt sie mit offenen Armen aufzunehmen, stößt er sie durch schroffe Antworten zurück. Sofort oder gar nicht - das ist seine schwer verstehbare Antwort.

Was will Jesus mit derartig überspitzten Anforderungen, die ins Unhöfliche und Taktlose gehen? Wie will er so Nachfolger finden? Sein Vorgehen widerspricht jeder Werbetaktik.

Wer Leute für sich gewinnen will, der redet anders.

Jesus ist schonungslos ehrlich.

Einem Menschen, der voller Begeisterung zu ihm kommt und mit ihm durch dick und dünn gehen will, dem sagt er sinngemäß: „Überlege dir genau, was du tust. Der Weg mit mir ist ein Risiko.“

Das bedeutet: Wer Jesus folgt, der lässt sich auf ein Abenteuer ein, von dem er nicht weiß, wie es ausgeht.

Es kann sein, dass der Glaube einen Menschen zu Hause fremd macht. Es kann sein, dass ein Leben durch den Glauben in Unordnung gerät; dass Entscheidungen getroffen werden müssen, die früher undenkbar waren.

Es kann sein und es wird auch sein, dass ein Glaubender kritischer wird. Was alle tun und können wird nicht mehr selbstverständlich sein. Mit bestimmten Dingen geht ein Glaubender anders um als andere:

Mit schwierigen Menschen, in der Partnerschaft, mit der Steuererklärung, im Umgang mit der Natur.

Jesus nachzufolgen hat seinen Preis. Und wer aus lauter Begeisterung mitmachen will, muss vorher überlegen: Was könnte mich das kosten und will ich das wirklich?

Einen anderen Menschen hat Jesus gerufen, aber der wollte vorher noch seinen Vater begraben. Das gehört sich so, dass der Sohn den Vater beerdigt. Das ist eine Ehrenpflicht.  Wer soll es auch sonst tun?

Beerdigungsinstitute wie bei uns, die den Trauernden fast alle Wege abnehmen, gab es damals nicht. Beerdigungen waren Sache der Familie. Dafür müsste auch Jesus Verständnis haben.

Denn natürlich stimmt es nicht, dass die Toten ihre Toten begraben! Und es ist das Letzte, was die Lebenden für die Toten tun können.

Allerdings: Vielleicht war der Hinweis auf die Beerdigung des Vaters nur eine Ausrede, die verschleiern sollte. Denn - und das ist wichtig zu wissen - der Vater war ja gar nicht tot! Es sollte um einen Aufschub der Nachfolge gehen, um einen Aufschub auf unbestimmte Zeit.

Das gibt es ja, dass Menschen einleuchtende Gründe suchen, um dem Ruf Jesu gerade nicht folgen zu können:

Ich regele das bestimmt, wenn ich älter bin - erst muss ich einen Beruf haben – erst müssen die Kinder aus dem Gröbsten heraus sein - wenn ich in Rente gehe, dann gehe ich auch wieder zur Kirche.

Vielleicht will Jesus derartige Vorwände aufdecken und sagen:

Wenn du ehrlich bist, dann geht es doch gar nicht um die Beerdigung.

 

Ich höre daraus die Ermutigung, in der Gegenwart zu leben und nicht in der Vergangenheit stehen zu bleiben.

Das trifft auch für den zu, der sich nur noch verabschieden will.

Zurückblicken, hängen bleiben an alten und lieben Gewohnheiten und Bindungen: Es gibt tausend Dinge, an denen Menschen hängen bleiben können, die sich immer wieder in den Vordergrund schieben und die Nachfolge hindern und oft genug ist ihnen das gar nicht bewusst.

Sie kommen nicht los von Erlebnissen, oder von Kränkungen, die andere ihnen zugefügt haben. Es ist, als ob sie mit unsichtbaren Ketten an ein Stück ihrer Vergangenheit gefesselt wären.

Dabei entwickeln oft Menschen die Fähigkeit, einen Bogen um die schmerzenden Erinnerungen zu machen - sie auszuklammern - wegzuschieben - bis sie uns eines Tages doch wieder unerwartet einholen und lähmen können. Wir können nicht weglaufen vor unserer Vergangenheit.

Manchmal stehen solche Erinnerungen dem Ruf Gottes im Wege und hindern daran, ihm zu folgen.

Das ist wohl der Grund, warum Lukas uns diese ärgerlichen Jesussprüche überliefert: Wir sollen uns selbst auf die Schliche kommen, entdecken was uns hindert, Jesus nachzufolgen.

Was aus den drei Leuten unseres Gleichnisses geworden ist, wissen wir nicht. Sind sie dennoch mit ihm gegangen? Die Geschichte bleibt offen.

Eines wissen wir: Jesus war schon auf dem Wege zum Kreuz und obwohl teilweise sehr viele hinter ihm herzogen heißt es am Ende: Da verließen sie ihn alle. Alle!

Sogar seine Jünger waren nicht mehr da. Wer kann schon Niederlagen schwersten Ausmaßes verkraften?

Und - ganz ehrlich - wie wäre es mit uns? Wären wir unter diesen Bedingungen mitgegangen? Vielleicht hätte eine kurze Begeisterung für ein paar Schritte ausgereicht, dann aber wären wir wohl auch auf der Strecke geblieben.

Nachfolge Jesu bedeutet das Preisgeben von gesellschaftlichen und religiösen Normen. Jünger-Sein geht nicht ohne radikale Brüche. Christsein führt immer in Konflikte: Kann ich im konkreten Fall wie die Mehrheit das allgemein Übliche tun oder muss ich mich verweigern?

Wer versucht, das Reich Gottes in Wort und Tat zu verkündigen, gerät zwangsläufig in eine Außenseiterrolle - an die Seite der Zukurzgekommenen, Benachteiligten, Schwachen.

Wie es endet, wenn alle den bequemsten Weg gehen - sich an die jeweils Mächtigen anzupassen, sich ihnen ohne eigene Verantwortung unterzuordnen - das wissen wir.

Auch jetzt sind praktizierende Christen in einer Minderheit. Wer sich nicht dem Konsumrausch fügt, wer andere Werte verteidigt, wer den Mund aufmacht gegen die Ungerechtigkeiten unserer Gesellschaft - der oder die gilt als Störenfried.

Dabei ist es eine unaufgebbare Aufgabe der Christen jeden Scheinfrieden erheblich zu stören.

Es ist etliche Jahre her, dass die beiden großen Kirchen ein deutliches Wort gesagt haben zur Lage in Deutschland und soziale Marktwirtschaft und mehr Gerechtigkeit einklagten. Leider hält sich der Erfolg in Grenzen.

Die Zahl derer, die sich trauen eine unerfreuliche Wahrheit zu sagen, ist gering. Genauso gering wie die Zahl derjenigen, die sie hören wollen.

Da gibt es noch immer viel zu tun und es ist gut, sich immer wieder daran zu erinnern.

Der Text aus dem Lukas - Evangelium ist eine Ermutigung für alle, die es ernst meinen mit der unbequemen Nachfolge.

Die Nachfolgerinnen und Nachfolger von Jesus sind schon im Neuen Testament Menschen, die zweifeln, scheitern, ängstlich sind - und dennoch nicht aufgeben und immer wieder einen neuen Anfang wagen.

Sicher - die Sätze unseres Predigttextes sind auf den ersten Blick nicht einladend. Sie scheinen eher abzuschrecken, sie sind kompromisslos und hart - und deshalb gerade hilfreich.

Denn es hilft nicht, vor dem Unangenehmen die Augen zu verschließen und Ärgerliches zu verdrängen - das verschlimmert jeden Konflikt und jedes Leben.

Jesus betreibt hier ganz ehrliche Seelsorge und Seelsorge bedeutet nicht nur die Seele zu streicheln.

Er macht Mut, uns weder in der Trauer über Vergangenes noch in den Sorgen vor der Zukunft zu verlieren. Er bietet uns ganz neue Möglichkeiten zu leben an.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, als alle Skepsis und Vorsicht, bewahre unsere Herzen und Gedanken, unseren Mut und unsere Phantasie in Jesus Christus, unserem Herrn.       Amen.

 

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Predigt Markus 8; 31 – 38

Estomihi 14. Februar 2021

Video-Gottesdienst Region Ost

 

Neue Möglichkeiten zu leben und Frieden kommen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, der für uns maßgeblich ist.                 Amen.

Liebe Gemeinde,

auch von mir ein herzliches Willkommen. Wir haben den letzten Sonntag vor der Passionszeit und zugleich den Valentinstag, den Tag der Verliebten.

Normalerweise wird da fröhlich gefeiert, es gibt Karnevalsumzüge und die Blumenläden machen beste Geschäfte – normalerweise. In diesem Jahr ist alles anders, nicht nur wegen der Schneemassen.

Alles andere als passend zu diesem Datum ist auch der Predigttext aus dem Markusevangelium. Der für mich provozierenste Satz daraus ist der 35. Vers:

„Jesus spricht: Wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen oder um des Evangeliums willen, der wird es erhalten.“

Das war für mich lange Zeit ein Stein des Anstoßes. Nicht nur, weil dieses Bibelwort oft missbraucht wurde – es musste zum Beispiel herhalten für gefallene Soldaten! – sondern weil es als Aufforderung zum bedingungslosen Märtyrertum gehört werden kann.

Wer will das schon? Wer ist dazu fähig? Und: Warum auch? Wer oder was lohnt es, sein Leben wegzugeben?

In den Versen davor wird berichtet, dass Jesus mit seinen Jüngern unterwegs ist und ihnen erstmals von seinem bevorstehenden Leidensweg erzählt.

Sein Freund Petrus reagiert erschrocken und abweisend. Er wünscht Jesus nicht Leid und Tod, sondern ein langes und erfülltes Leben. Was stattdessen auf ihn zukommt, will er nicht wahrhaben.

Aus Petrus spricht die Liebe – und die Angst, den Freund zu verlieren. Ich kann ihn gut verstehen.

Kaum fassbar hingegen, wie Jesus ihn anfährt: „Weg mit dir, Satan!“ Der Versucher ist nun nicht mehr in der Wüste, sondern im engsten Freundeskreis. Dabei will Petrus nur das Beste für Jesus. So etwas kenne ich.

Wie viele „gute Ratschläge“ habe ich vor schwierigen Situationen und Entscheidungen schon gehört und leider auch gegeben. Muss das sein? Sind die Probleme unvermeidbar? Lässt sich das nicht umgehen?

Jesus fordert dazu auf, Problemen nicht auszuweichen. Deutlich sagt er: „Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich.“ Danach folgt der paradox klingende Satz: „Wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren.“

Ein Satz, der schwer oder sogar gar nicht zu verstehen ist. Ich habe dazugelernt als ich einen Bericht darüber las, wie Affen gefangen werden können.

In eine Kiste, die Nahrung enthält, werden so kleine Löcher gebohrt, dass ein Affe mit der leeren Hand/Pfote hineingreifen kann. Doch die gefüllte Faust bekommt er nicht heraus.

Dann kommt der gefürchtete Feind, der Mensch, der dem Tier an das Leben oder zumindest an die Freiheit will. Kaum zu glauben, dass sich Affen eher fangen lassen, als sich von den Leckerbissen zu trennen. Da wurde mir deutlich vor Augen geführt, dass der Wunsch, alles haben zu wollen und die Angst zu verlieren und loszulassen, tödlich enden kann:

„Wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren.“ Nach diesem Bericht kann ich mir vorstellen: Wer alles haben will, wer nicht verzichten kann, lebt krampfhaft – hat keine Hand mehr frei.

Wer vorrangig an sein Ansehen, seine Sicherheit, seinen Wohlstand, seine Ruhe denkt, verliert das wahre Leben, verliert seine Freiheit.

Jesus nachzufolgen heißt: Sich einsetzen, sich engagieren, sich auseinander setzen, sich einmischen, sich aussetzen.

Bequemes Mitlaufen, unverbindlich dafür zu sein, gibt es nicht. Christsein hat Konsequenzen. Und dabei werden manche Lebenspläne und Vorstellungen durch – KREUZT.

Wer von Jesus ergriffen wird, sich für ihn entscheidet, sich von ihm in Bewegung setzen lässt, muss wissen, was sie – oder er – tut.

Jesus macht seinen Leuten nichts vor. Er verschweigt die Folgen der Nachfolge nicht.

Dann kann nicht mehr das erste Bestreben sein, mit dem Rücken an die Wand zu kommen und dort zu bleiben. Bekennendes Christsein kann die Familienharmonie stören, zu zeitlichen und finanziellen Belastungen führen; als Torheit belächelt, als Dummheit bezeichnet, auch als gefährlich verdächtigt werden, wenn Bestehendes infrage gestellt wird – auch geltende Gesetze.

Von Jesus nur sonntags im Gottesdienst zu reden und gleichzeitig vor der Umwelt und vorgegebenen Normen zu Kreuze zu kriechen, geht nicht.

Das Kreuz von Jesus bringt Ent – Täuschungen – Täuschungen werden enttarnt! – und das kann heilsam sein.

Ein Kreuz ist nicht nur eine Last. Ein Kreuz kann festigen und stärken, weiterhelfende Erfahrungen bringen, Halt geben. Es ist gut, ein breites Kreuz zu haben.

Mir geht auf, was Jesus anbietet. Er will keinem Menschen die Freude an allem Schönen und am Glück vermiesen. Den Faschingsfreunden nicht und auch nicht den Verliebten. Er fordert nicht dazu auf, das Leiden zu suchen.

Er befreit von dem selbstquälerischen Zwang, ständig über die eigenen Kräfte und nach fremden Vorstellungen leben zu müssen. Er gibt den Mut, vor Problemen nicht wegzulaufen, sondern ihnen standzuhalten. Er ermöglicht sinnerfülltes Leben – ein Leben, wo jede/r in den Spiegel schauen kann, ohne sich vor sich schämen zu müssen.

Gebunden an Jesus werden Menschen frei von den vielen kleinen und großen Göttern und Götzen um uns herum. Ich muss nicht haben, was alle haben – und muss mich auch nicht verhalten, wie es alle tun.

Ich muss nicht wegsehen, wenn Unrecht geschieht und Angst haben, die Falschen zu wählen und auf der Seite einer Minderheit zu sein.

Allerdings: Immer wieder habe ich das Glück, Menschen zu begegnen, die ganz einfach und selbstverständlich die menschlichen Maßstäbe von Jesus angenommen haben und danach leben, ohne nach ihren Vorteilen zu fragen. Und auch nicht nach den Nachteilen!

Wie das wirkt, wenn ich mich mit merkwürdigen Menschen abgebe – mit den an den Rand Gedrängten – oder denen, die sich mehr oder weniger freiwillig dorthin begeben haben – oder denen, die einfach nicht mehr klarkommen mit dem Leben –

oder denen, die aus ihrer Heimat geflohen sind – und hier nicht richtig ankommen. Es gibt unzählige Beispiele von gescheiterten Menschen – oder davon bedrohte – aus unterschiedlichsten Gründen.

Menschlichkeit zu finden und zu bewahren ist nicht leicht – doch es geschieht immer wieder. Auch heute, wenn es gilt, einander bei der Bewältigung der Schneemassen zu helfen oder beim Einkaufen für Ältere.

Menschenwürdiges Leben – dazu gehört, vor sich selbst und vor Gott bestehen zu können.

Das ist nicht immer leicht, weil Zugeständnisse an das, was „in“ ist und Vorteile bringt, leicht gemacht sind und Widerstand auf Widerstand stößt.

Jesus bietet Hilfe an für ein Leben in Freiheit - durch seine Maßstäbe.

Wir haben die Chance, uns intelligenter zu verhalten als die bedauernswerten Affen.

Meiner Überzeugung nach gilt der Satz, den ich vor vielen Jahren im Eulenspiegel – der Satirezeitschrift der  DDR – las:

„Wer keins hat, wird besonders schnell aufs Kreuz gelegt.“

Und genau davor will uns Jesus bewahren.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, als alle Skepsis und Vorsicht, bewahre unsere Herzen und Gedanken, unseren Mut und unsere Phantasie in Jesus Christus, unserem Herrn.       Amen.

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Eröffnungsandacht

 Evangelisches Gemeindezentrum Thale 

22. Februar 2020 um 10 Uhr

Dialog Einweihung Gemeindeanbau St. Petri Thale

Ursula Meckel & Thomas Thiede

Ursula: Verehrte Anwesende, liebe Festgemeinde,

als ich ca. 2015 davon erfuhr, dass ein Anbau an der St.Petri-Kirche geplant ist, schossen mir sofort drei Gedanken durch den Kopf:

-          1. Das ist niemals genehmigungsfähig - denn da gibt es die obere, untere und mittlere Denkmalsschutzbehörde – und vermutlich noch diverse andere Instanzen und Behörden, die mitzureden haben.

-          2. Das ist nie und nimmer finanzierbar – ich habe zwar keine Ahnung von den wirklichen Kosten, aber ich bin sicher: Ganz bestimmt nicht von den beiden kleinen Kirchengemeinden hier in Thale.

-          3. Es kann mir eigentlich auch egal sein, weil ich das ganz sicher ohnehin nicht erleben werde.

Nun ja – so kann man sich irren.

Der Bau wurde genehmigt, die Finanzierbarkeit wurde geklärt – es fehlt zwar noch einiges für die Innenausstattung – und ich lebe noch.

Nun ist eine weitere und viel wichtigere Frage offen: Wird der Anbau angenommen von den Menschen, für die er konzipiert ist –

also: Werden sich hier Menschen treffen und miteinander ins Gespräch kommen, diskutieren, kreativ sein, singen, blasen, tanzen, filzen, malen – ein wirkliches Kultur- und Begegnungszentrum?

Das wird die kommende Zeit bringen und ich kann es nur hoffen und wünschen, damit das Engagement, auch das finanzielle, nicht vergeblich war.

Allerdings: Ich höre auch viel Skepsis und Kritik – „Was habt ihr denn da mit unserer schönen Kirche gemacht?“ – „Das passt doch überhaupt nicht dahin!“ – usw. usf.

Thomas: (vom Bläserplatz aus) Aber das ist doch klar. Immer, wenn etwas Neues entsteht sind sofort diejenigen auf der Matte, denen das nicht gefällt. (kommt nach vorne)

Dabei haben wir als Gemeindekirchenrat es uns nicht leicht gemacht. Als 2014 klar war, dass wir unser Gemeindehaus auf der anderen Straßenseite nicht erhalten und auch nicht behalten können, waren wir nicht nur traurig, sondern auch geschockt und ziemlich verzweifelt.

Na klar, hätten wir uns einfach hinsetzen und weinen und uns bedauern können, aber wir wollten nach vorn sehen und überlegen, wie es weitergehen kann. Es gibt so ein schönes Bibelwort: „Wer seine Hand an den Pflug legt und schaut zurück, der ist nicht geschickt zum Reich Gottes.“

Ursula: Also, ihr wollt hier das Reich Gottes aufbauen?

Thomas: Naja, nicht ganz so vollmundig. Wir möchten, dass sich hier Menschen treffen und begegnen können, etwas miteinander erleben und gestalten. Und nicht nur evangelische Christen, sondern alle Menschen, denen Kultur wichtig ist – deshalb heißt es ja „Kultur-und Begegnungszentrum“. Und dass Kultur wichtig ist, wird ja wohl niemand ernsthaft bezweifeln. Schau dir doch nur an, was gerade in der Politik so läuft – wie respektlos da miteinander umgegangen wird – wie oft Andersdenkende übereinander reden, aber nicht miteinander – sich gegenseitig austricksen - einander verteufeln anstatt sich zuzuhören.

Ursula: Das ist leider wahr. Aber wie wollt ihr das mit diesem Anbau ändern? Soll hier ein Diskutierclub entstehen, wo Menschen unter Anleitung lernen, wie man kulturvoll miteinander umgeht.

Thomas: Natürlich nicht. Oder vielleicht auch? Mal sehen. Auf jeden Fall wollen wir die Möglichkeit geben, dass Menschen etwas gemeinsam erleben – schon das verbindet ja und baut Berührungsängste ab. Beim gemeinsamen Tun kommt man sich näher – oder auch, wenn man sich miteinander erfreut, zum Beispiel an schöner Musik oder gemeinsam einen Film ansieht und sich darüber austauscht, Theater spielen oder anschauen, Lesungen und unterschiedliche Workshops.

Es gab schon mal ein Format, das „Kreuz und quer“ hieß, eine Veranstaltungsreihe mit verschiedenen Angeboten – das möchten wir wieder beleben. Die ersten Termine sind schon geplant.

Ein großer Vorteil des Anbaus ist, dass er barrierefrei gestaltet wurde, also auch für Menschen mit Handicap zugänglich ist, niemand ausgegrenzt wird.

Wir – nicht nur diejenigen vom Gemeindekirchenrat - sind jedenfalls gespannt und neugierig, wie es hier weitergeht – bzw. erst richtig los geht.

Ursula: Mir fällt auch noch ein Bibelwort ein:

„Denn siehe, ich will ein Neues machen; jetzt soll es aufwachsen - erkennt ihr es nicht?“

Da lädt der alte Prophet Jesaja dazu ein, genau hinzusehen wo etwas Neues wächst, darüber zu staunen und es zu pflegen.

Thomas: Genau das haben wir vor – hinsehen, staunen, pflegen – Menschen aktivieren und einladen, nicht nur Thalenser, sondern auch die vielen Touristen, die in unsere Stadt kommen.

Ursula: Übrigens – weißt du, was das hier ist? (Raupe zeigen)

Thomas: Nicht wirklich, sieht aus wie ne olle Raupe.

Ursula: Genau – das Wertvolle und Schöne daran ist zunächst nicht zu sehen – weil es noch inwendig ist:

(Raupe entfalten zum Schmetterling)

Thomas: Wow! So oder jedenfalls so ähnlich stelle ich mir die Zukunft von unserem Kultur- und Begegnungszentrum vor.

Beide:             Amen.

Lied:   Komm, bau ein Haus …      Blatt                                                 Chor, Bläser

 

Wir bitten um Gottes Segen:

Ursula Meckel: Herr, segne unsere Hände, dass sie behutsam seien,

dass sie halten können, ohne zu Fesseln zu werden,

dass sie geben können ohne Berechnung,

dass ihnen innewohnt die Kraft, zu trösten und zu segnen.

 

Thomas Thiede: Herr, segne unsere Augen, dass sie Bedürftigkeit wahrnehmen,

dass sie das Unscheinbare nicht übersehen,

dass sie hindurchschauen durch das Vordergründige,

dass andere sich wohlfühlen können unter unseren Blicken.

 

Steffi Andrä: Herr, segne unsere Ohren, dass sie deine Stimme zu erhorchen vermögen.

dass sie hellhörig seien für die Stimme der Not, dass sie verschlossen seien für Lärm und Geschwätz, dass sie das Unbequeme nicht überhören.

 

Kristin Heyser: Herr, segne unsere Münder, dass sie dich bezeugen,

dass nichts von ihnen ausgehe, was verletzt und zerstört,

dass sie heilende Worte sprechen, dass sie Anvertrautes bewahren.

 

Stefan Ehrhardt: Herr, segne unsere Herzen, dass sie Wohnstatt seien deinem Geist,

dass sie Wärme schenken und bergen können,

dass sie reich seien an Verzeihung, dass sie Leid und Freude teilen können.

Ursula Meckel: Herr, segne dieses Haus, dass es offen sei für alle Menschen guten Willens,

dass wir einander zuhören und unterschiedliche Meinungen ertragen,

dass wir voneinander lernen und miteinander feiern können,

dass wir spüren können, wie Himmel und Erde sich berühren.

Amen

 

Musik: „Trumpet Tune“ Bläserklänge S. 292                                                               Bläser

 

 

 

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14. Mai 2017 - 40 Jahre Ordination - Thale St. Andreas

   

                                      

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Gottesdienst 31. Oktober 2014

Wendegedenken – Reformation – Verabschiedung Pastorin Ursula Meckel

Liebe Versammelte,

heute vor 25 Jahren um diese Zeit war ich sehr viel aufgeregter als heute – in zweieinhalb Stunden würde hier in dieser Kirche eine Veranstaltung beginnen, von der niemand sagen konnte, wie sie ausgehen würde – wie viele kommen würden – ob es friedlich bliebe. Einige entschlossene Bürger/innen hatten eingeladen zu einem „Gebet für Land und Leute“ - … ein heute völlig harmloser Text, damals  staatsgefährdend gefährlich – die Handzettel wurden schnell entfernt, doch es hatte sich herumgesprochen.

Etliche sind jetzt hier, die damals auch dabei waren – um viele Erfahrungen reicher.

An diesen Reformationstag vor 25 Jahren erinnern wir.

Reformationstag – ein evangelischer Feiertag, den wir hier in Thale seit vielen Jahren ökumenisch begehen – so auch heute – ein zweiter Grund zur Dankbarkeit, weil das keineswegs überall selbstverständlich möglich ist.

Der dritte Anlass dieses Gottesdienstes: Nach 40 Jahren im kirchlichen Dienst werde ich verabschiedet - von den Kirchengemeinden und vom Kirchenkreis – entpflichtet vom Amt? – von der Pflicht zur Kür? – beziehungsweise verabschiede ich mich? - oder auch nicht?

Schaun wir mal.

Auf jeden Fall feiern wir jetzt einen Gottesdienst mit ganz viel Musik und dafür bin ich dankbar; dankbar allen, die ihn mit ausgestalten – und dazu gehören auch Sie alle hier, die zum Mitsingen eingeladen sind.

Dankbar bin ich vor allem dafür, dass wir uns versammelt haben im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen. Hilfe erwarten wir von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

Chor + Gemeinde: Wo Menschen sich vergessen …

Gott, wir treten jetzt vor Dich mit unseren Erinnerungen, unseren Wünschen, unseren Befürchtungen und unseren Hoffnungen. Wir schauen zurück und nehmen Abschied – wir blicken nach vorn und haben Träume.

Ich möchte bewahren, was gut war in den vergangenen Jahrzehnten. Denn vieles war wunderschön, erfrischend, aufregend, überraschend neu – dafür danke ich, das will ich nicht missen.

Loslassen und bewahren - beides. Gott, gib mir den Mut, die Hände zu öffnen, um Altbekanntes loszulassen. Gib mir den Mut, die Hände zu öffnen und die Arme auszubreiten, um Neues, Unbekanntes zu begrüßen.

Gott, ich danke Dir, dass ich getragen bin von der Hoffnung, gehalten zu werden -  beflügelt von dem Glauben, dass Du Dich kümmerst - auch um mich. Begeistert von dem Glauben, dass Du da bist.

Du hältst die Zeit liebevoll in Deinen Händen. Du bist ewig. Gestern und heute und morgen. Kein Anfang, kein Ende. Die Zeiten kommen und gehen - Du bleibst und rufst zum Leben im Vertrauen auf Dich und Deine beständige Gegenwart. Du bist auch jetzt mitten unter uns. Das ist Grund, sich zu freuen – deshalb:

Jauchzet dem Herrn alle Welt!

Amen.

Chor + Bläser:     Psalm 100

Lesung = Prediger 3; 1 - 13                                   

Meine Hoffnung …

                Credo                                                        

Bläser:                 La nuit

PREDIGT-Einstieg

U.:     Sag mal bitte,  Angelika, findest Du nicht auch, dass das heute hier eine etwas seltsame Veranstaltung ist?

A.:     Wieso seltsam? Es ist ein schöner Gottesdienst in einer vollen Kirche mit aufmerksamen Menschen, viel Musik und guter Stimmung. Und weil aller guten Dinge drei sind, gibt es drei inhaltliche Schwerpunkte: Wende-Gedenken, Reformation und Deine Verabschiedung.

U.:     Wende-Gedenken und Reformation sind klar – aber meine Verabschiedung? Mein Dienst hier im Pfarrbereich endete schon vor sieben Monaten. Ich wohne weiter in der Gemeinde und gehöre zum Bläserchor und in der Stadt bleibe ich ebenfalls, sogar im Stadtrat. Und: Im Kirchenkreis und selbst darüber hinaus geht meine Arbeit weiter. Also was für ein Abschied?

A.: Kann es sein, dass Du Dich um einen Abschied drücken willst?

U.: mhm … Also, mein ältester Patensohn hat mir geschrieben: „Ruhestand KANNST Du gar nicht.“

A.: Weiche nicht aus! Kann es sein, dass Du Dich drücken willst vor dem Abschied? Weil das weh tut?

U.: mhm …

A.: Bisher hast Du das ja ganz geschickt geschafft – denn Dein Dienst im Pfarrbereich Thale endete ja bereits am 31. März – wie Du weißt…

U.: Und Du weißt: Jeder Abschied ist ein kleines Sterben.

A.: Gehts auch etwas weniger theatralisch? - Du weißt: Alles hat seine Zeit … steht doch so schön auf der Einladung: …

U.: Das ist wohl der Unterschied zwischen Theorie und Praxis - oder wie wir hier im Osten gesagt haben: Zwischen Marx und Murks. Ich weiß, dass ich mich dem stellen muss. Nur: Zum April hast Du hier eine neue Pastorin eingesegnet. Willst Du mich jetzt aussegnen? Das klingt so nach Beerdigung.

A.: Natürlich nicht! Aber z. B. entpflichten – Du MUSST jetzt nichts mehr tun, aber Du darfst noch – und Pastorin bleibst Du ohnehin (so lange Du es möchtest).

U.: mhm …

A.: Nun schwirre schon ab auf die Kanzel – oder hast Du nichts mehr zu sagen?

U.:   Na gut. J  Aber ich bleibe lieber hier unten – ich möchte ja nicht „von oben herab“ reden …

Neue Möglichkeiten zu leben und Frieden kommen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, der für uns maßgeblich ist.                 Amen.

Liebe Anwesende,

gestern wurde ich am Telefon gefragt: „Freust Du Dich eigentlich auf den Gottesdienst morgen?“ und ich konnte ehrlichen Herzens sagen: „Inzwischen Ja! Ja, ich freue mich.“

Im April, als das eigentlich aktuell war, hätte ich das noch nicht gekonnt, denn es ist ja etwas dran, dass ich mich eigentlich irgendwie um diesen Abschied drücken wollte, weil eben jeder Abschied ein kleines Sterben ist und weh tut.

Heute ist das anders, weil nicht nur ein Lebensabschnitt zu Ende ging, sondern weil Neues, und für mich sehr Erfreuliches angefangen hat – und weil Wichtiges geblieben ist.

Loslassen und bewahren zugleich, Ende und Anfang.

Allerdings: Irgendwie lastet jetzt auf mir der Druck, ich müsse nun etwas ganz Bedeutsames und Kluges sagen – etwas zum Merken und Aufmerken – zum Abschied, der ja gar kein wirklicher Abschied ist. Denn es sind eben keine „letzten Worte“.      

Klar ist, ich bin nicht mehr die Pastorin von Thale, Warnstedt, Bad Suderode und Friedrichsbrunn – den Staffelstab im Pfarrbereich habe ich am Ostermontag weiter gegeben - aber ich bin und bleibe Pastorin und das gerne und bin dankbar für neue Herausforderungen und Aufgaben im Kirchenkreis und darüber hinaus – solange ich das kann und darf.

Normalerweise sitze ich unter den Bläser/innen – und das ist mir wichtig: Mitzublasen und vor allem Dazuzugehören. Ich möchte Teil einer Gemeinschaft sein, keine Einzelkämpferin. Aber heute gönne ich mir mal das Zuhören - dürfen.

Wendegedenken – Erinnerung an den Reformations-Abend vor 25 Jahren – damals wurden „Zeugnisse der Betroffenheit“ laut.

Ursprünglich wollte ich jetzt sagen, was mich heute betroffen macht. Dann ist mir noch rechtzeitig eingefallen, dass in unserem Land viel gejammert wird – und das meist auf sehr hohem Niveau. Das möchte ich nicht und habe auch keinen Grund dazu, vielmehr möchte ich am Ende einer langen Zeit im kirchlichen Dienst sagen, was mich dankbar macht.

Ich werde drei Kerzen der Dankbarkeit entzünden.

1. Die erste für das ehrenamtliche Engagement vieler Menschen, ohne das sehr vieles nicht möglich wäre - in den Kirchengemeinden – in den Kommunen – in Verbänden und Vereinen … über Parteigrenzen hinweg. Menschen, die nicht sagen „Was kriege ich dafür?“ und vor allem nicht: „Da kann man doch nichts machen“, sondern die sagen: „Da kann ICH was machen“ und das auch tun – zusammen mit anderen. Die nicht nur meckern und alles von anderen erwarten.

Dass viele den Mut haben, sich einzusetzen und kostenlos Zeit und Kraft opfern, auch wenn andere darüber den Kopf schütteln oder sich lustig machen, das finde ich einfach toll!

Mein Freund Erich Schweidler – er war Pfarrer an der St.Petri-Gemeinde und erster Nachwendebürgermeister in Thale – hat mir 1976 ins Gästebuch geschrieben: „Wer den Mut hat, sich unbeliebt zu machen, wer unbequem ist,  bringt die Entwicklung weiter. Mitmacher sind zwar bequem, aber langweilig.“

Sich anstößig zu verhalten bringt Anstöße – bringt in Bewegung – bringt weiter – macht die Welt etwas heller und wärmer, so wie diese Kerze.

2. Die zweite Kerze der Dankbarkeit entzünde ich für meine guten Erfahrungen mit der Ökumene – nicht nur aber auch hier in Thale.  Wir haben in den vergangenen Jahren vieles ganz unkompliziert gemeinsam gemacht, manchmal im Kleinen, dann auch im Größeren. Ich erinnere an den Ökumenischen Kreiskirchentag 2008, an die vielen Mitwirkenden beim Harzfest und 2009 beim Sachsen-Anhalt-Tag hier in Thale, bei den vielen Harzer Sommertagen, die wir ökumenisch gestaltet haben.

Viel Gemeinschaft und Gemeinsamkeiten konnte ich erleben bei den großen Ökumenischen Kirchentagen in Berlin und München, bei Katholikentagen und den großen evangelischen Kirchentagen und bei den Reformationstagen, die wir hier in Thale seit langem zusammen begehen – mit gemeinsamen fröhlichen Mahlzeiten.

Noch trennt uns evangelische und katholische Christen manches voneinander, doch es gibt viele Schritte aufeinander zu.  

Im September habe ich in Halberstadt an einer Ökumenischen Vesper teilgenommen aus Anlass des kirchlichen Festes für den Frieden und die Einheit der Kirche. Ein katholischer Geistlicher führte dazu aus:

Wichtig bleibt, dass der Glaube und das Mahl anderer Konfessionen nicht richtig oder falsch, sondern ehrlich, aber eben anders sind. Diese Erkenntnis ist eine tragfähige Grundlage für Gespräche, die keinen Einheitsbrei als Ergebnis wollen. Selbst wenn es immer noch nicht nach einer zeitnahen Lösung aussieht: "Der Mauerfall vor 25 Jahren kam auch unerwartet!"

Beifall bekam er für seinen Satz: „Freiheit muss ich mir NEHMEN.“  Die bekommen wir nicht auf einem Silbertablett serviert. Wenn das nicht hoffen lässt!

Dafür die zweite Kerze, bei der ich auch an den Satz denke, der mir schon in der DDR-Zeit wichtig geworden ist: „Es ist besser eine Kerze anzuzünden als über die Dunkelheit zu jammern.“

3. Die dritte Kerze ist deutlich größer als die beiden anderen und das ist natürlich kein Zufall. Ich bin in einem nichtkirchlichen Elternhaus aufgewachsen und habe als Jugendliche ersten Kontakt zu Kirche und Glauben gefunden. Dankbar bin ich für die Kraft des Glaubens – für die Einladung zur Freiheit und zum aufrechten Gang.

Ein Spruch von Theodor Storm, den ich von meinem Konfirmator gelernt habe, hat mich geprägt: „Der eine fragt: Was kommt danach? Der andre fragt nur: Ist es recht? Und also unterscheidet sich der Freie von dem Knecht.“

Ich wollte FREI sein und habe im Glauben Freiheit gefunden und die Erkenntnis gewonnen: Gottesfurcht schützt gegen Menschenfurcht. Ich denke an Paulus in der Gefängniszelle: Er war gefesselt und predigte dennoch FREI das Evangelium. – Ich lebte in einem Staat, der seine Bürger/innen einsperren musste, damit sie blieben …

Diesen Zustand konnten wir beenden – friedlich – ohne Gewalt – mit vielen kleinen Kerzen, auch hier bei uns in Thale.

Dafür diese dritte große Kerze. Danke für alles!

Heute meine Verabschiedung aus dem offiziellen Dienst. Aber ich bin und ich bleibe Pastorin. Als Christin lebe ich in dem Wissen, ein Geschöpf zu sein – verantwortlich für mein Leben, für alles Tun und für alles Lassen – und angewiesen auf Gemeinschaft.  

Gott gibt dem Menschen viele Möglichkeiten und setzt ihm hilfreiche Grenzen. Wer sich vor Gott verantwortlich weiß, geht verantwortlich mit der Schöpfung, mit den Mitmenschen, mit sich selbst um.  

Jesus ist uns ein Vorbild: Er war unbequem und anstößig – hatte keine Angst vor den Mächtigen und Geduld mit den Unvollkommenen. Er blieb ehrlich und riskierte es, sich unbeliebt zu machen. Mit seinen Maßstäben lässt es sich leben: „Gott ist der Mensch, der uns menschlicher macht.“

Zum Schluss ein Satz vom „Ehrenbürger der Herzen“ unserer Stadt, dem katholischen Pfarrer Wolfgang Janotta, den ich beim Abschied von den Gemeindekirchenräten im März zitiert habe:

„Ich habe getan, was ich konnte. Den Rest muss der liebe Gott erledigen.“

Wird er – er hat ja Sie und Euch! J

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, als alle Skepsis und Vorsicht, bewahre unsere Herzen und Gedanken, unseren Mut und unsere Phantasie in Jesus Christus, unserem Herrn.       Amen.

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Angelika Zädow:

Liebe Ursula, liebe Gemeinde,

nach 38 Jahren in Thale und 40 Jahren im kirchlichen Dienst wirst Du, liebe Ursula, heute aus diesem Dienst verabschiedet. Dass Du daran lange geknabbert hast, ist kein Geheimnis. Und ja, das ist sicher schwer, nach einer solchen Zeit alles „sein“ zu lassen, was vier Jahrzehnte tagtäglich das Leben und die Zeit prägte, den Tagesrhythmus vorgab, Herz und Verstand beschäftigte: Lektoren und Organistinnen für die Gottesdienste und Amtshandlungen zu finden, die Gemeindebriefe zu gestalten und den Beiträgen „hinterher“ zu laufen, Besuche zu machen, die Anfragen des Kreiskirchenamtes zu bedienen, Gruppen und Kreise zu organisieren und noch viel mehr. Das alles hört nun auf nach 40 Jahren.

Diese Zahl spielt übrigens in der Bibel immer wieder eine Rolle: 40 Tage und Nächte dauerte die Sintflut, 40 Jahre dauerte der Zug des Volkes Israel durch die Wüste, Mose weilt 40 Tage auf dem Berg Sinai, um die Gebote zu empfangen, der Prophet Elia geht 40 Tage und Nächte zum Berg Horeb und Jesus fastet 40 Tage in der Wüste.

So unterschiedlich diese Erzählungen sind -  zwei Dinge verbinden sie. Erstens: In dieser Zeit begegnen sie Gott. Und ich wünsche Dir und Ihnen, liebe Gemeinde, dass Sie im Nachdenken über die gemeinsame Zeit im Pfarrbereich Thale auch sagen können: Da gab es Momente und Augenblicke der Gemeinschaft, in denen wir uns des Glaubens sicher waren oder wurden.

Zweitens: Nach dieser Zeit veränderte sich das Leben der Menschen. Dieser Zeitpunkt ist nun für Dich, und Ihre Gemeinden gekommen. Sie alle haben eine neue Pastorin, die nun mit Ihnen Leben und Zeit im Pfarrbereich Thale gestaltet und auf dem Weg des Glaubens weiter geht, anknüpft an das was war und ganz andere Wege wagt.

Und du, liebe Ursula, wagst ja bereits andere Wege, hilfst Gemeinden im Kirchenkreis über die Zeit von Vakanzen hinweg. Hältst Gottesdienste und Amtshandlungen, organisierst und berätst. Der Rhythmus Deiner Zeit ist nun anders. Aber die Zeit an sich bleibt. Du hast nun die Freiheit, sie nach Deinen Wünschen nach Deiner Lust woanders zu gestalten und ohne Amtspflichten. Von Herzen wünsche ich Dir, dass Du diese Freiheit nutzen und Deine Zeit füllen kannst.

So Gott will, noch 40 Jahre, Amen.

 

Liebe Ursula,

vor Gott und dieser Gemeinde endet hiermit Dein Dienst im Pfarrbereich Thale, der Dir übertragen war. Alle Zuständigkeiten und Pflichten liegen nicht mehr in Deinen Händen. Was Dich in Deiner Arbeit beschwert hat, was unfertig blieb oder Sorgen macht, legen wir in die Hände Gottes, der allein aus allem ein Ganzes zu machen vermag. Nichts soll Dich beschweren, nichts soll Dich betrüben. Gott wird Dich tragen und begleiten auf Deinem weiteren Lebensweg.

 

Gebet:

Gott, Du Anfang und Ende der Zeit: Wir danken Dir für den Dienst von Pastorin Ursula Meckel, für die Zeit, die sie hier gewirkt hat. Und bitten Dich: Segne unsere Schwester im Glauben. Stärke sie mit Deinem Wort. Schenke ihr Mut und Zuversicht. Das bitten wir Dich durch Jesus Christus, der mit Dir und dem Heiligen Geist unserem Leben einen neuen Anfang schenkt. Amen.

Segen

Gott segne dir den Blick zurück und den Schritt nach vorn. Er schenke dir eine Melodie, die dich wie ein Lachen durch den Tag begleitet und Menschen, die ihre Arme um dich legen wie ein wärmender Mantel. So segne dich…