Für Interessenten eine bis vier  PREDIGT(en)                        

(Es ist nicht auszuschließen, dass ich auch mal den einen oder anderen Gedanken "übernommen" habe, ohne dies in jedem Fall ausdrücklich zu benennen.)  

Am 31. März 2014 endete mein Dienst im Pfarrsprengel Thale - 

seit dem 1. April 2014 bin ich Beauftragte für Springerdienste im Kirchenkreis Halberstadt.

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Gottesdienst 2. Advent

10. Dezember 2017

Groß Quenstedt

(als Lesegottesdienst)

Epistel:                 Jakobus 5; 7 - 8

Neue Möglichkeiten zu leben und Frieden kommen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, der für uns maßgeblich ist.                Amen.         

Liebe Gemeinde,

die dunkle Jahreszeit jetzt ist nicht wirklich meine Zeit – wenn alles grau und düster wirkt und man fast den ganzen Tag mit künstlicher Beleuchtung leben muss – wenn ich denke, es ist Abendbrotzeit, dabei ist es erst kurz nach 16 Uhr -  das alles mag ich nicht besonders.

Allerdings hat auch das seine Vorteile: Eine Kerze erfüllt jetzt sogar am Tage ihren Sinn – mit ihrem weichen Licht lässt sie alles etwas freundlicher erscheinen – sie kommt erst in diesen Tagen richtig zur Wirkung und zur Geltung. Was bringt eine Kerze am Tage im hellen Sonnenschein; da geht sie unter.

Manchmal kann ein einziges winziges Teelicht fast wie ein Wunder wirken – wir haben das mal mit den Konfirmanden in der stockdunklen St.Petri-Kirche ausprobiert: Erst war nichts zu sehen und dann EIN Teelicht -  Konturen werden sichtbar und vieles lässt sich erkennen – durch so ein unscheinbares  kleines Licht. Ich glaube, das hat die meisten  Jugendlichen beeindruckt.

Ob der Predigttext aus Jakobus auch so ankäme? So beeindruckend? Wir haben ihn als Epistel gehört – und vielleicht ist Ihnen aufgefallen, dass ein Wort dreimal vorkommt: Habt Geduld – seid geduldig.

Mein Eindruck ist:  Geduld gehört nicht zu den Tugenden, die sich besonderer Beliebtheit erfreuen. Eher sieht es aus, als rasen fast alle irgendwohin ohne jemals irgendwo wirklich anzukommen – immer unterwegs zu einem Ziel und wenn es erreicht ist, kommt das nächste. Es könnte ja etwas versäumt werden, was nie wieder einzuholen oder nachzuholen ist.

Seid geduldig! – Ich weiß nicht, wie es Ihnen ergeht: Mich lassen solche Ermahnungen immer ziemlich unbeeindruckt, auch wenn sie gleich dreimal wiederholt werden – oder sogar besonders dann.  Wo soll ich denn auch hin mit meiner Ungeduld? Wie lange ist Geduld gut und richtig – im Umgang mit schwierigen Menschen, beim Warten auf eine Antwort, wenn ich mich bemühe und einsetze und keine Lösungen erkennen kann – wenn es aussieht, als sei mein Tun vergeblich – als behielten immer die anderen recht, die sich an keine Regeln halten – Geduld – wie lange?

Geduld mit denen, die Gewalt anwenden – Geduld mit den Verhältnissen, die Ungerechtigkeiten produzieren und fördern – Geduld, wenn sich viele Menschen Sorgen um die Zukunft machen?

Advent – Ankunft – Zeit des Wartens und der Erwartung – Warten worauf? Bei Jakobus heißt es: „So seid nun geduldig bis zum Kommen des Herrn.“  Diese Mahnung braucht uns eigentlich keiner zu sagen –  wir gehören wahrscheinlich nicht zu denjenigen, die voller Ungeduld auf die Wiederkunft Christi warten?

Heute wird ganz anderes erwartet und viele erwarten nichts Gutes – rechnen mit Verschlechterungen – lassen sich von Hoffnungslosigkeit anstecken und haben auch allerhand Gründe dafür.

Da klingt der Jakobusbrief aufmunternd – lasst euch eure Hoffnungen nicht verderben – macht nicht bei der Katastrophenstimmung mit. 

Das hat einen gewissen Charme – wirkt einladend – und es birgt eine Gefahr: Es reicht nicht, immer ein fröhliches Gesicht zu zeigen und die Probleme zu verdrängen – in der trügerischen Hoffnung, dann würde es schon nicht so schlimm werden.

Es gibt eine Sorte optimistischer Fröhlichkeit, die Probleme lächelnd beiseite schiebt – besonders die Probleme der anderen – derer, die immer zu kurz kommen. In diesem Zusammenhang darf nicht von Geduld gesprochen werden – es wäre die Geduld der Egoisten und der Satten.

Kein übertriebener Pessimismus und kein falscher Optimismus – Jakobus beschreibt das, was er meint mit einem Bild aus dem damaligen Alltag:

„Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen.“ Das braucht Zeit bis es soweit ist. Das dauert – von der Saat im Oktober bis zur Ernte im Mai oder Juni. Für den Bauern im alten Israel zur Zeit der Bibel war die geerntete Frucht sehr viel wertvoller als für uns heute – wo alles im Überfluss zu haben ist und vieles aus anderen Ländern zu uns kommt.

Damals hieß es: „Die mit Tränen säen...“ denn die Saatkörner waren das letzte, was der Bauer noch hatte. Die musste er hingeben, einsäen, der Erde anvertrauen. Und dann musste er warten, dass im Winter der Frühregen kommt und die Saat aufgeht. Und dass im April noch einmal der Spätregen kommt, damit die Ernte auch wirklich gut ausfällt. Da muss einer warten können. Voller Leidenschaft – und doch geduldig, denn er kann ja nichts daran ändern. Er kann die Frucht nicht machen. Er kann sie nur empfangen – er muss geduldig sein. 

Advent – Ankunft – Warten – Erwartung – Geduld.  Wichtig und schwierig und notwendig zugleich.

Mir fällt bei dem Wort Geduld auch immer Dietrich Bonhoeffer ein – der Mann, der im Gefängnis zur Jahreswende 1944/45 gedichtet hat, was heute in unserem Gesangbuch steht:

„Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

In seinem Glauben hatte er Kraft zur Geduld auch in dieser Situation. Das hat er als Geschenk bezeichnet und erlebt.

In einer Zeit der so genannten Macher kann das Eintreten für die Geduld eine wichtige Botschaft sein. Menschen, die in schweren Lebenskrisen Geduld bewiesen haben, verdienen Hochachtung – es gibt viele Lebenssituationen, in denen nur Geduld helfen kann:

Kinder gehen eigene, schwierige Wege – aber die Eltern lassen sie nicht fallen. – Eine Krankheit reißt einen Menschen aus vertrauten Lebensbeziehungen, und er versucht, einen neuen Weg zu finden – und für das letzte Stück eines Lebens wird oft besonders viel Geduld gebraucht.

Manches  - und oft ist es gerade Wichtiges – lässt sich nicht erzwingen:

Erkenntnisse, Einsichten, Gewissheiten – da wird Geduld oft strapaziert um sich am Ende doch zu lohnen. Vielleicht zeigt es sich tatsächlich am deutlichsten in zwischenmenschlichen Beziehungen, in denen umeinander geworben und gerungen wird – immer wieder und immer neu -  damit ein Miteinander möglich bleibt.

Im Jakobusbrief geht es noch um eine andere Qualität der Geduld. Da war eine kleine Gemeinde, die wahrscheinlich bedrängt und verfolgt wurde. Auf ihnen lastete ein äußerer Druck und es blieb ihnen keine andere Wahl, als sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen – sie wollten nicht auffallen. Und wenn sie doch auffallen wollten, dann durch die Art ihrer Lebensgestaltung, die auch auf die Mehrheit der Nichtchristen einen guten Eindruck machte.

Über anspruchsvolle Glaubensfragen wollten und konnten sie nicht diskutieren – dazu fehlten ihnen vermutlich auch die bildungsmäßigen Voraussetzungen. Sie konnten aber mit ihrem Leben für ihren Glauben einstehen.  „Ein reiner und unbefleckter Gottesdienst vor Gott, dem Vater, ist der: Die Waisen und Witwen in ihrer Trübsal aufzusuchen . . .“ gelebtes, praktiziertes Christentum.

Auch das eine Form des Wartens – „seid geduldig bis der Herr kommt“.  Alles hängt daran, dass wirklich Christus wiederkommt -  es kommt keine Katastrophe, sondern der Gottes- und Menschensohn. Wir haben keinen Anlass zum deprimierten Lebensüberdruss und zur Schwarzmalerei – doch da kommt auch kein Weihnachtsmann für die Satten und Reichen und Glücklichen.

Seid geduldig bis der Herr kommt. Es lässt sich ahnen, was hier mit Geduld gemeint ist: Der lange Atem, ein anhaltendes Nachdenken und das Durchhalten – ein weites Herz im täglichen Tun. Entschleunigung ist ein neues Wort dafür.

Geduld – das heißt ja nicht „Abwarten und Tee trinken“ – oder etwas derartiges. Geduldig sein heißt: Leidenschaftlich hoffen, aber dabei nicht die Nerven verlieren und nicht durchdrehen – seid geduldig und stärket eure Herzen - denn Gott kommt.

Und die Wartezeit lässt sich zwar nicht verkürzen, aber doch verschönern, wenn ich mir zwischendurch die Zeit nehme, verträumt in das Licht einer Adventskerze zu schauen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, als alle Skepsis und Vorsicht, bewahre unsere Herzen und Gedanken, unseren Mut und unsere Phantasie in Jesus Christus, unserem Herrn.                                     Amen.

 

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Gottesdienst 1. Advent

3. Dezember 2017

Emersleben

Neue Möglichkeiten zu leben und Frieden kommen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, der für uns maßgeblich ist. Amen.

Liebe Gemeinde,

endlich ist sie da – die von vielen lang ersehnte Adventszeit – manche können gar nicht warten, bis sie wirklich da sind – das sieht man an dem, was schon seit Wochen in den Geschäften angeboten wird und an den Vor-Weihnachtsmärkten – warten ist oft schwer.

Advent – Ankunft – Erwartungen – Warten – worauf warten wir eigentlich? Warten wir überhaupt auf etwas? Auf bessere Zeiten oder auch nur auf besseres Wetter?  Auf das Überwinden einer Krise? Endlich auf eine neue Regierung? Oder auf Weihnachten? Auf freie Tage? Auf die Erfüllung eines Wunsches?  Auf Besuche? Auf Post? Oder auf eine Taufe und einen runden Geburtstag – auf ein schönes Fest?

Der kleine Regentropfen vom dem ich erzählt habe, wollte auch nicht warten, das fand er langweilig.

Dabei: Warten ist nicht nur abwarten und Teetrinken – warten ist mehr als Zeittotschlagen – Wartezeit muss ich nicht erdulden, ich kann sie gestalten. Nicht nur mit dem Einkaufen von Weihnachtsgeschenken.

Einer der biblischen Texte, die zum Advent gehören, sind Worte aus Jesaja:

Tröstet, tröstet mein Volk, sagt euer Gott. Sprecht den Leuten Mut zu. Habt keine Angst.

Diese uralten Worte sprechen und rühren mich an – so aktuell empfinde ich sie. Trost ist notwendig – richtiger Trost kann Not wenden, umdrehen, verändern.

Der alte Begriff TROST kann übersetzt werden mit „zum Aufatmen verhelfen“.

Darin sehe ich eine wichtige Aufgabe unserer Zusammenkünfte in der christlichen Gemeinde – Menschen zum Aufatmen verhelfen –

zum Aufatmen inmitten von Hektik oder inmitten der Hoffnungsschwäche.

Aufatmen inmitten der Sorgen um die Zukunft der Menschheit –

Aufatmen inmitten der Trauer um den Verlust eines Menschen.

Aufatmen – Luft holen – innehalten – still sein.

Und dann kann ich entdecken:

Da ist ein Mensch, der auf mich wartet und der mich braucht. Und da ist ein Mensch, der sich mir zuwendet und der mir hilft.

Ich glaube:

Gott wartet auf mich in dem, der mich braucht – und er ist da für mich in dem, der sich mir zuwendet.

In dieser dunklen Jahreszeit sind erhellende Freundlichkeiten wichtig und lebensfördernd.

 

Natürlich weiß ich nicht, ob sich die Geschichte mit Tröpfchen genau so abgespielt hat – aber sie ist so schön, dass sie wahr sein könnte. Und der kleine Regentropfen hat begriffen, worum es bei der Taufe geht – und dass es ein Grund ist, sich zu freuen, wenn ein Mensch sich ganz auf Gott und seine Maßstäbe einlassen will.

Das ist nicht selbstverständlich – wie überhaupt so weniges selbstverständlich ist im Leben – das wird nur oft übersehen.

Es ist nicht selbstverständlich eine Familie zu haben – Freunde zu haben – gesund zu sein – eine fröhliche Natur zu haben – das Talent zum Glücklichsein.

Es ist nicht selbstverständlich geliebt zu werden und zu lieben – lernen zu können – sich mit anderen zu verstehen – seinen eigenen Weg im Leben zu finden.

Gerade haben wir ein Kind getauft.

Das ist Grund zur Freude, weil jedes neue Leben ein Geschenk ist – Grund zur Dankbarkeit, weil die Geburt eines gesunden Kindes keineswegs selbstverständlich ist, sondern ein Wunder Gottes.

Gern wird gesagt: Ein Kind erblickt das Licht der Welt. Dabei erblickt es nicht nur das Licht der Welt, sondern auch alles Dunkle das dazugehört – das wird es allerdings erst später erfahren.

Alle, die Eltern sind, werden es vielleicht schon mal erlebt haben:

Eines Tages steht jemand wutentbrannt vor Ihnen, zeigt auf Ihren Nachwuchs und fragt: Gehört dieses Kind Ihnen?

Worum es dann geht, was sie ausgefressen haben könnte, kann keiner von uns jetzt schon sagen. Aber Sie könnten auf diese erboste Frage antworten:

Nein, dieses Kind gehört uns nicht.

Uns gehört zwar dieses Auto hier – und die Kleidung – und das Mobiliar – und noch vieles mehr – aber dieses Kind gehört uns nicht. Unser  Sohn gehört zwar zu uns, aber Besitz ist dieses Kind nicht.

Diese Geschichte ist zwar nur ausgedacht – aber wenn Sie dies sagen könnten, hätten Sie verstanden, was Taufe bedeutet.

Taufe macht deutlich – Menschen zeugen Kinder, Menschen gebären sie – aber sie gehören uns nicht. Kinder gehören zu Gott. Bei der Taufe sagt Gott jedem Kind: Du bist mein Eigentum. Du gehörst mir. Und Gott gibt Ihnen dann diese Kinder wieder, nicht als Eigentum, sondern als Anvertraute.

Ich glaube, dass es ein Glück für jedes Kind ist, wenn Eltern sich immer  wieder daran erinnern: Dieses Kind ist nicht mein Besitz. Sie haben als Eltern Stellung bezogen und gesagt, wohin Ihr Kind gehören soll: Zur Gemeinde von Jesus. Diese Gemeinde hat viele Fehler. Sie ist verletzlich und bleibt manches schuldig. Fehlerfrei an dieser Gemeinde ist nur einer: Jesus.

Auf seinen Namen haben wir Elias getauft. Auf seinen Namen wurde schon Mia getauft. Das ist mutige Hoffnung für gelingendes Leben.

Wie Kinder sich später dazu stellen – ob sie Gott gehören wollen oder nicht oder meinen: Mein Leben gehört nur mir selbst – das liegt nicht in unserer Hand.

Allerdings: Die Taufe ist nicht rückgängig zu machen – wen Gott einmal als sein Eigentum erklärt hat, der bleibt es – sogar über den Tod hinaus.

Die Zuwendung Gottes – sie ist und bleibt verlässlich – das lässt sich nur erfahren, wenn jemand sich darauf einlässt.

Wer wissen will, wie ein Essen schmeckt, der muss essen – wer wissen will, wie es ist, verheiratet zu sein, der muss heiraten – wer wissen will, wie der Glaube ist, muss sich auf den Glauben einlassen –

vom unbeteiligten Zuschauen kann es nicht erfahren werden.

Sicher ist: Gottes Segen und Licht wird Sie und Ihre Kinder begleiten und stärken – nicht nur in der Adventszeit.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, als alle Skepsis und Vorsicht, bewahre unsere Herzen und Gedanken, unseren Mut und unsere Phantasie in Jesus Christus, unserem Herrn.       Amen.

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Gottesdienste Ewigkeitssonntag

26. November 2017 um 9.30 Uhr in Emersleben

11 Uhr Friedhofshalle Groß Quenstedt

14 Uhr Gemeinderaum Badersleben

P R E D I G T

Neue Möglichkeiten zu leben und Frieden kommen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, der für uns maßgeblich ist. Amen.

Liebe Anwesende,

nicht nur weil es November ist und die Tage immer kürzer werden, ist der heutige Sonntag ein eher düsterer Tag. Erinnerungen an das Ende des Lebens, an die eigene Begrenztheit, sind nicht leicht und hell, sondern dunkel und schwer.

Mir steht eine kurze Filmszene vor Augen:

Zwei Töchter stehen am Grab ihrer Mutter: „Hier unten ist Mama“, sagt die Große zu der Jüngeren. „Dann hast du mich belogen, als du gesagt hast, sie ist im Himmel.“ Die Größere fragt: „Träumst du manchmal?“   „Ja.“     „Siehst du, dann bist du auch in deinem Bett und gleichzeitig ganz woanders.“

In diesem kurzen Gespräch am Grabe wird für mich deutlich: Wir können nicht allein von dem leben, was vor Augen steht. Wir brauchen den Blick darüber hinaus, wir brauchen Träume, Hoffnungsbilder, Visionen. Ohne sie können Menschen nicht gut leben. Menschen brauchen Bilder, durch die sich der Himmel öffnet - wir brauchen sie gerade angesichts von Tod, Trauer und Leid.

Ähnlich wie das Volk Israel vor Jahrtausenden in der Verbannung. Sie lebten im Leid und in der Fremde. Und sie haben davon geträumt wie es sein wird, wenn sie frei sind -  ich lese noch einmal die Worte aus

Psalm 126:

Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden. Dann wird unser Mund voll Lachens und unsere Zunge voll Rühmens sein. Dann wird man sagen unter den Heiden: Der Herr hat Großes an ihnen getan! Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Sie gehen hin und weinen und streuen ihren Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben.

Eines dieser alten Hoffnungsbilder geht mir besonders nach: Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.

Ich muss an die Tränen denken, die im vergangenen Jahr geweint wurden und an die, die unterdrückt worden sind. Ich denke an die vielen Tränen, die in unseren Gemeinden geweint wurden - beim Abschied von Menschen, deren Tod uns einsamer macht und ärmer: der Tod des Ehepartners, mit dem man viel gemeinsam erlebt und durchlebt hat; der Tod der Mutter oder des Vaters oder des eigenen Kinds. Der Tod eines Freundes oder einer Freundin, eines Menschen, mit dem man gern noch viel erlebt hätte.

Und ich denke an die vielen anderen Tränen, die es gegeben hat: Aus Verzweiflung oder aus Wut; aus Enttäuschung oder weil Beziehungen zerbrochen sind.

Die alten Worte des Psalms sagen: Die Tränen sind nicht vergeblich. Die mit Tränen säen werden mit Freuden ernten.  Hier heißt es nicht: Sei standhaft und stark, nimm dich zusammen - und es heißt auch nicht: Die Zeit heilt alle Wunden. Hier sind nicht die schnellen Worte, mit denen so oft über Trauer und Schmerz hinweg gegangen wird, es wird deutlich: Tränen gehören dazu, Gott kennt unseren Schmerz und unsere Trauer.

Die Tränen sind nicht das Letzte. Durch sie kann sich der Horizont öffnen. Wer weinen kann, kann auch hoffen. Tränen sind die Saat der Hoffnung. So entsteht in dem Psalm ein Bild der Hoffnung; es klingt wie bei einem Erntefest: „Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Sie gehen hin und weinen und streuen ihren Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben.“ Ein Bild voller Freude und Lebensfülle. Ein Hoffnungsbild gegen das Leid. Wie ein Traum.

Im letzten Buch der Bibel, der Offenbarung des Johannes, kommt dieses Bild wieder: „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein.“

Bilder vom Leben - Bilder wie ein Traum - Bilder, die der Wirklichkeit nicht standhalten?

Es ist nicht nur ein Traum. Die Träume sind längst wahr geworden, die alten Hoffnungsbilder Wirklichkeit: Dafür steht Jesus ein - mit seinem Leben, seinem Tod und seiner Auferstehung. Mit ihm beginnt der neue Tag, das neue Leben mit Freude und Heil.

In dem Gespräch der zwei Töchter heißt es: „Wenn du träumst, dann bist du auch in deinem Bett und gleichzeitig ganz woanders. „

Wir leben ganz und gar in dieser Welt mit ihren Nöten und gleichzeitig können wir von der Hoffnung leben - durch Jesus Christus.

Dietrich Bonhoeffer, der von den Nazis ermordete Pfarrer hat am Heiligen Abend 1943 in seiner Gefängniszelle dazu geschrieben:

Es gibt nichts, was uns die Abwesenheit eines lieben Menschen ersetzen kann; man soll das auch gar nicht versuchen; man muss sie aushalten und durchhalten. Das klingt zunächst sehr hart, aber es ist doch ein großer Trost; denn indem die Lücke wirklich unausgefüllt bleibt, bleibt man durch sie miteinander verbunden. Es ist verkehrt wenn man sagt: Gott füllt die Lücke aus. Er füllt sie nicht aus, sondern er hält sie vielmehr unausgefüllt und hilft uns dadurch, unsere Gemeinschaft, wenn auch unter Schmerzen, zu bewahren. Und ferner: Je schöner und voller die Erinnerung, desto schwerer die Trennung, aber die Dankbarkeit verwandelt die Qual der Erinnerung in eine stille Freude.“

Ich wünsche Ihnen allen, dass diese „stille Freude“ eines Tages Ihre Trauer ablösen kann.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsre Herzen und Sinne in Jesus Christus.

Amen.

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Urlaub vom 3. bis zum 23. November 2017 :-)

Taufgottesdienste

30. September 2017      Groß Quenstedt     Drei Taufen

15. Oktober 2017    Rodersdorf    Fünf Taufen

PREDIGT

Neue Möglichkeiten zu leben und Frieden kommen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, der für uns maßgeblich ist.             Amen.      

Liebe Gemeinde,

natürlich weiß ich nicht, ob sich die Geschichte mit Platsch genau so abgespielt hat – aber sie ist so schön, dass sie wahr sein könnte. Und der kleine Regentropfen hat begriffen, worum es bei der Taufe geht – und dass es ein Grund ist, sich zu freuen, wenn Menschen sich ganz auf Gott und seine Maßstäbe einlassen wollen.

Das ist nicht selbstverständlich – wie überhaupt so weniges selbstverständlich ist im Leben – das wird nur oft nicht gesehen.

Es ist nicht selbstverständlich eine Familie zu haben – Freunde zu haben – gesund zu sein – eine fröhliche Natur zu haben – das Talent zum Glücklichsein.

Es ist nicht selbstverständlich geliebt zu werden und zu lieben – lernen zu können – sich mit anderen zu verstehen – seinen eigenen Weg im Leben zu finden.

Es ist nicht selbstverständlich, ausreichend zu essen zu haben und im Frieden leben zu können.

Deshalb gibt es den ErnteDANKtag, um uns immer wieder neu daran zu erinnern.

Dank ist nicht selbstverständlich –  in unserem Land werden viele Erntefeste gefeiert, deutlich weniger ErnteDANKfeste.

Danken hat etwas mit denken zu tun – nur wer nachdenkt, kommt auf die Idee, dass nicht alles selbstverständlich ist, was uns im Laufe eines Jahres oder unseres Lebens zugute kommt.

 

Erntedankfest ist ein schöner Anlass darüber nicht nur nachzudenken, sondern tatsächlich auch zu danken für alles, was unser Leben lebenswert und wertvoll und einmalig macht.

Ich wünsche Ihnen das Staunen darüber, was es alles Schönes auf unserer Erde, in Gottes guter Schöpfung, gibt; dass wir alles haben, was wir zum Leben brauchen und in der Regel einiges darüber hinaus.

Übrigens hat das Danken auch noch Nebenwirkungen.

Psychologen sagen: Dankbare Menschen sind positive Leute, die vor Trübsinn und Resignation, ja sogar vor Magengeschwüren bewahrt bleiben. Noch ein Grund mehr zu danken.

 

Gleichzeitig denke ich daran, dass Säen und Ernten sich nicht auf die Landwirtschaft beschränken, sondern sehr viel mehr beinhalten.

Mir fällt der kleine Junge ein, der einmal ganz energisch gesagt hat: „Nein, meine Eltern ziehen mich nicht groß – ich wachse von alleine.“

Für mich ist faszinierend, wie viel Wahrheit und Weisheit in diesem Satz steckt. Wir leben alle von dem, was wir nicht selber machen können – wir sind und bleiben angewiesen auf den Segen, der uns zuwächst.

Sie können heute noch nicht wissen, wie der Lebensweg von Neele, Luca und Nora Lynn aussehen wird – worüber sie lachen oder weinen werden – was ihnen gelingen wird und was nicht.

Gern wird gesagt: Ein Kind erblickt das Licht der Welt. Dabei erblickt es nicht nur das Licht der Welt, sondern auch alles Dunkle das dazugehört – das wird es allerdings erst später erfahren.

Die Formulierung „das Licht der Welt erblicken“ spricht von der Hoffnung und der Freude der Eltern – von dem Optimismus, mit dem sie das neue Leben begrüßen. Und von dem Mut, mit dem sie sich auf Ihre Kinder und deren Ansprüche einlassen wollen.

Alle, die Eltern sind, werden es vielleicht schon mal erlebt haben:

Eines Tages steht jemand wutentbrannt vor Ihnen, zeigt auf Ihren Nachwuchs und fragt erbost: Gehört dieses Kind Ihnen?

Worum es dann geht, was sie ausgefressen haben könnte, kann keiner von uns jetzt schon sagen. Aber Sie könnten auf diese erboste Frage antworten:

Nein, dieses Kind gehört uns nicht.

Uns gehört zwar dieses Auto hier (falls es nicht noch der Bank gehört J ) – und die Kleidung – und das Mobiliar – und noch vieles mehr – aber dieses Kind gehört uns nicht. Unser Kind gehört zwar zu uns, aber Besitz ist es nicht.

Wenn Sie dies sagen könnten, hätten Sie verstanden, was Taufe bedeutet.

Taufe macht deutlich – Menschen zeugen Kinder, Menschen gebären sie – aber sie gehören uns nicht. Kinder gehören zu Gott. Bei der Taufe sagt Gott jedem Kind: Du bist mein Eigentum. Du gehörst mir. Und Gott gibt Ihnen dann diese Kinder wieder, nicht als Eigentum, sondern als Anvertraute.

Ich glaube, dass es ein Glück für jedes Kind ist, wenn Eltern sich immer  wieder daran erinnern: Dieses Kind ist nicht mein Besitz.

Denn dann werden Eltern weder einfach über ihr Kind verfügen, noch es sich selbst überlassen. Beides kann man nicht machen mit jemandem, der Gott gehört.

Sie haben als Eltern Stellung bezogen und gesagt, wohin Ihr Kind gehören soll: Zur Gemeinde von Jesus. Diese Gemeinde hat viele Fehler. Sie ist verletzlich und bleibt manches schuldig. Fehlerfrei an dieser Gemeinde ist nur einer: Jesus.

Auf seinen Namen haben wir die drei Kinder getauft. Das ist mutige Hoffnung für gelingendes Leben.

Wie sie sich später dazu stellen – ob sie Gott gehören wollen oder nicht oder meinen: Mein Leben gehört nur mir selbst – das liegt nicht in unserer Hand.

Allerdings: Die Taufe ist nicht rückgängig zu machen – wen Gott einmal als sein Eigentum erklärt hat, der bleibt es – sogar über den Tod hinaus.

Die Zuwendung Gottes – sie ist und bleibt verlässlich – das lässt sich nur erfahren, wenn jemand sich darauf einlässt.

Wer wissen will, wie ein Essen schmeckt, der muss essen – wer wissen will, wie es ist, verheiratet zu sein, der muss heiraten – wer wissen will, wie der Glaube ist, muss sich auf den Glauben einlassen – vom unbeteiligten Zuschauen kann es nicht erfahren werden.

Erntedankfest – Taufgottesdienst – wir wissen:

Die Taufe ist nur ein erster Schritt – der Anfang eines Weges mit Gott und Jesus. Die Getauften brauchen Menschen, die ihnen von der Liebe Gottes erzählen – Eltern, Verwandte, Paten, Gemeinde.

Zum Glauben kann es nur kommen, wenn der auch vorgelebt wird mit allem was dazu gehört: Zweifel und Freude – Traurigkeiten und Mutmachendem.

Wir sind getauft auf seinen – auf Gottes -  Namen – und wir als Gemeinde mit unseren Gebeten sind dabei genauso wichtig sind wie der kleine Wassertropfen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, als alle Skepsis und Vorsicht, bewahre unsere Herzen und Gedanken, unseren Mut und unsere Phantasie in Jesus Christus, unserem Herrn.

Amen.

 

 

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14. Mai 2017 - 40 Jahre Ordination - Thale St. Andreas

   

                                      

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Gottesdienst 31. Oktober 2014

Wendegedenken – Reformation – Verabschiedung Pastorin Ursula Meckel

Liebe Versammelte,

heute vor 25 Jahren um diese Zeit war ich sehr viel aufgeregter als heute – in zweieinhalb Stunden würde hier in dieser Kirche eine Veranstaltung beginnen, von der niemand sagen konnte, wie sie ausgehen würde – wie viele kommen würden – ob es friedlich bliebe. Einige entschlossene Bürger/innen hatten eingeladen zu einem „Gebet für Land und Leute“ - … ein heute völlig harmloser Text, damals  staatsgefährdend gefährlich – die Handzettel wurden schnell entfernt, doch es hatte sich herumgesprochen.

Etliche sind jetzt hier, die damals auch dabei waren – um viele Erfahrungen reicher.

An diesen Reformationstag vor 25 Jahren erinnern wir.

Reformationstag – ein evangelischer Feiertag, den wir hier in Thale seit vielen Jahren ökumenisch begehen – so auch heute – ein zweiter Grund zur Dankbarkeit, weil das keineswegs überall selbstverständlich möglich ist.

Der dritte Anlass dieses Gottesdienstes: Nach 40 Jahren im kirchlichen Dienst werde ich verabschiedet - von den Kirchengemeinden und vom Kirchenkreis – entpflichtet vom Amt? – von der Pflicht zur Kür? – beziehungsweise verabschiede ich mich? - oder auch nicht?

Schaun wir mal.

Auf jeden Fall feiern wir jetzt einen Gottesdienst mit ganz viel Musik und dafür bin ich dankbar; dankbar allen, die ihn mit ausgestalten – und dazu gehören auch Sie alle hier, die zum Mitsingen eingeladen sind.

Dankbar bin ich vor allem dafür, dass wir uns versammelt haben im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen. Hilfe erwarten wir von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

Chor + Gemeinde: Wo Menschen sich vergessen …

Gott, wir treten jetzt vor Dich mit unseren Erinnerungen, unseren Wünschen, unseren Befürchtungen und unseren Hoffnungen. Wir schauen zurück und nehmen Abschied – wir blicken nach vorn und haben Träume.

Ich möchte bewahren, was gut war in den vergangenen Jahrzehnten. Denn vieles war wunderschön, erfrischend, aufregend, überraschend neu – dafür danke ich, das will ich nicht missen.

Loslassen und bewahren - beides. Gott, gib mir den Mut, die Hände zu öffnen, um Altbekanntes loszulassen. Gib mir den Mut, die Hände zu öffnen und die Arme auszubreiten, um Neues, Unbekanntes zu begrüßen.

Gott, ich danke Dir, dass ich getragen bin von der Hoffnung, gehalten zu werden -  beflügelt von dem Glauben, dass Du Dich kümmerst - auch um mich. Begeistert von dem Glauben, dass Du da bist.

Du hältst die Zeit liebevoll in Deinen Händen. Du bist ewig. Gestern und heute und morgen. Kein Anfang, kein Ende. Die Zeiten kommen und gehen - Du bleibst und rufst zum Leben im Vertrauen auf Dich und Deine beständige Gegenwart. Du bist auch jetzt mitten unter uns. Das ist Grund, sich zu freuen – deshalb:

Jauchzet dem Herrn alle Welt!

Amen.

Chor + Bläser:     Psalm 100

Lesung = Prediger 3; 1 - 13                                   

Meine Hoffnung …

                Credo                                                        

Bläser:                 La nuit

PREDIGT-Einstieg

U.:     Sag mal bitte,  Angelika, findest Du nicht auch, dass das heute hier eine etwas seltsame Veranstaltung ist?

A.:     Wieso seltsam? Es ist ein schöner Gottesdienst in einer vollen Kirche mit aufmerksamen Menschen, viel Musik und guter Stimmung. Und weil aller guten Dinge drei sind, gibt es drei inhaltliche Schwerpunkte: Wende-Gedenken, Reformation und Deine Verabschiedung.

U.:     Wende-Gedenken und Reformation sind klar – aber meine Verabschiedung? Mein Dienst hier im Pfarrbereich endete schon vor sieben Monaten. Ich wohne weiter in der Gemeinde und gehöre zum Bläserchor und in der Stadt bleibe ich ebenfalls, sogar im Stadtrat. Und: Im Kirchenkreis und selbst darüber hinaus geht meine Arbeit weiter. Also was für ein Abschied?

A.: Kann es sein, dass Du Dich um einen Abschied drücken willst?

U.: mhm … Also, mein ältester Patensohn hat mir geschrieben: „Ruhestand KANNST Du gar nicht.“

A.: Weiche nicht aus! Kann es sein, dass Du Dich drücken willst vor dem Abschied? Weil das weh tut?

U.: mhm …

A.: Bisher hast Du das ja ganz geschickt geschafft – denn Dein Dienst im Pfarrbereich Thale endete ja bereits am 31. März – wie Du weißt…

U.: Und Du weißt: Jeder Abschied ist ein kleines Sterben.

A.: Gehts auch etwas weniger theatralisch? - Du weißt: Alles hat seine Zeit … steht doch so schön auf der Einladung: …

U.: Das ist wohl der Unterschied zwischen Theorie und Praxis - oder wie wir hier im Osten gesagt haben: Zwischen Marx und Murks. Ich weiß, dass ich mich dem stellen muss. Nur: Zum April hast Du hier eine neue Pastorin eingesegnet. Willst Du mich jetzt aussegnen? Das klingt so nach Beerdigung.

A.: Natürlich nicht! Aber z. B. entpflichten – Du MUSST jetzt nichts mehr tun, aber Du darfst noch – und Pastorin bleibst Du ohnehin (so lange Du es möchtest).

U.: mhm …

A.: Nun schwirre schon ab auf die Kanzel – oder hast Du nichts mehr zu sagen?

U.:   Na gut. J  Aber ich bleibe lieber hier unten – ich möchte ja nicht „von oben herab“ reden …

Neue Möglichkeiten zu leben und Frieden kommen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, der für uns maßgeblich ist.                 Amen.

Liebe Anwesende,

gestern wurde ich am Telefon gefragt: „Freust Du Dich eigentlich auf den Gottesdienst morgen?“ und ich konnte ehrlichen Herzens sagen: „Inzwischen Ja! Ja, ich freue mich.“

Im April, als das eigentlich aktuell war, hätte ich das noch nicht gekonnt, denn es ist ja etwas dran, dass ich mich eigentlich irgendwie um diesen Abschied drücken wollte, weil eben jeder Abschied ein kleines Sterben ist und weh tut.

Heute ist das anders, weil nicht nur ein Lebensabschnitt zu Ende ging, sondern weil Neues, und für mich sehr Erfreuliches angefangen hat – und weil Wichtiges geblieben ist.

Loslassen und bewahren zugleich, Ende und Anfang.

Allerdings: Irgendwie lastet jetzt auf mir der Druck, ich müsse nun etwas ganz Bedeutsames und Kluges sagen – etwas zum Merken und Aufmerken – zum Abschied, der ja gar kein wirklicher Abschied ist. Denn es sind eben keine „letzten Worte“.      

Klar ist, ich bin nicht mehr die Pastorin von Thale, Warnstedt, Bad Suderode und Friedrichsbrunn – den Staffelstab im Pfarrbereich habe ich am Ostermontag weiter gegeben - aber ich bin und bleibe Pastorin und das gerne und bin dankbar für neue Herausforderungen und Aufgaben im Kirchenkreis und darüber hinaus – solange ich das kann und darf.

Normalerweise sitze ich unter den Bläser/innen – und das ist mir wichtig: Mitzublasen und vor allem Dazuzugehören. Ich möchte Teil einer Gemeinschaft sein, keine Einzelkämpferin. Aber heute gönne ich mir mal das Zuhören - dürfen.

Wendegedenken – Erinnerung an den Reformations-Abend vor 25 Jahren – damals wurden „Zeugnisse der Betroffenheit“ laut.

Ursprünglich wollte ich jetzt sagen, was mich heute betroffen macht. Dann ist mir noch rechtzeitig eingefallen, dass in unserem Land viel gejammert wird – und das meist auf sehr hohem Niveau. Das möchte ich nicht und habe auch keinen Grund dazu, vielmehr möchte ich am Ende einer langen Zeit im kirchlichen Dienst sagen, was mich dankbar macht.

Ich werde drei Kerzen der Dankbarkeit entzünden.

1. Die erste für das ehrenamtliche Engagement vieler Menschen, ohne das sehr vieles nicht möglich wäre - in den Kirchengemeinden – in den Kommunen – in Verbänden und Vereinen … über Parteigrenzen hinweg. Menschen, die nicht sagen „Was kriege ich dafür?“ und vor allem nicht: „Da kann man doch nichts machen“, sondern die sagen: „Da kann ICH was machen“ und das auch tun – zusammen mit anderen. Die nicht nur meckern und alles von anderen erwarten.

Dass viele den Mut haben, sich einzusetzen und kostenlos Zeit und Kraft opfern, auch wenn andere darüber den Kopf schütteln oder sich lustig machen, das finde ich einfach toll!

Mein Freund Erich Schweidler – er war Pfarrer an der St.Petri-Gemeinde und erster Nachwendebürgermeister in Thale – hat mir 1976 ins Gästebuch geschrieben: „Wer den Mut hat, sich unbeliebt zu machen, wer unbequem ist,  bringt die Entwicklung weiter. Mitmacher sind zwar bequem, aber langweilig.“

Sich anstößig zu verhalten bringt Anstöße – bringt in Bewegung – bringt weiter – macht die Welt etwas heller und wärmer, so wie diese Kerze.

2. Die zweite Kerze der Dankbarkeit entzünde ich für meine guten Erfahrungen mit der Ökumene – nicht nur aber auch hier in Thale.  Wir haben in den vergangenen Jahren vieles ganz unkompliziert gemeinsam gemacht, manchmal im Kleinen, dann auch im Größeren. Ich erinnere an den Ökumenischen Kreiskirchentag 2008, an die vielen Mitwirkenden beim Harzfest und 2009 beim Sachsen-Anhalt-Tag hier in Thale, bei den vielen Harzer Sommertagen, die wir ökumenisch gestaltet haben.

Viel Gemeinschaft und Gemeinsamkeiten konnte ich erleben bei den großen Ökumenischen Kirchentagen in Berlin und München, bei Katholikentagen und den großen evangelischen Kirchentagen und bei den Reformationstagen, die wir hier in Thale seit langem zusammen begehen – mit gemeinsamen fröhlichen Mahlzeiten.

Noch trennt uns evangelische und katholische Christen manches voneinander, doch es gibt viele Schritte aufeinander zu.  

Im September habe ich in Halberstadt an einer Ökumenischen Vesper teilgenommen aus Anlass des kirchlichen Festes für den Frieden und die Einheit der Kirche. Ein katholischer Geistlicher führte dazu aus:

Wichtig bleibt, dass der Glaube und das Mahl anderer Konfessionen nicht richtig oder falsch, sondern ehrlich, aber eben anders sind. Diese Erkenntnis ist eine tragfähige Grundlage für Gespräche, die keinen Einheitsbrei als Ergebnis wollen. Selbst wenn es immer noch nicht nach einer zeitnahen Lösung aussieht: "Der Mauerfall vor 25 Jahren kam auch unerwartet!"

Beifall bekam er für seinen Satz: „Freiheit muss ich mir NEHMEN.“  Die bekommen wir nicht auf einem Silbertablett serviert. Wenn das nicht hoffen lässt!

Dafür die zweite Kerze, bei der ich auch an den Satz denke, der mir schon in der DDR-Zeit wichtig geworden ist: „Es ist besser eine Kerze anzuzünden als über die Dunkelheit zu jammern.“

3. Die dritte Kerze ist deutlich größer als die beiden anderen und das ist natürlich kein Zufall. Ich bin in einem nichtkirchlichen Elternhaus aufgewachsen und habe als Jugendliche ersten Kontakt zu Kirche und Glauben gefunden. Dankbar bin ich für die Kraft des Glaubens – für die Einladung zur Freiheit und zum aufrechten Gang.

Ein Spruch von Theodor Storm, den ich von meinem Konfirmator gelernt habe, hat mich geprägt: „Der eine fragt: Was kommt danach? Der andre fragt nur: Ist es recht? Und also unterscheidet sich der Freie von dem Knecht.“

Ich wollte FREI sein und habe im Glauben Freiheit gefunden und die Erkenntnis gewonnen: Gottesfurcht schützt gegen Menschenfurcht. Ich denke an Paulus in der Gefängniszelle: Er war gefesselt und predigte dennoch FREI das Evangelium. – Ich lebte in einem Staat, der seine Bürger/innen einsperren musste, damit sie blieben …

Diesen Zustand konnten wir beenden – friedlich – ohne Gewalt – mit vielen kleinen Kerzen, auch hier bei uns in Thale.

Dafür diese dritte große Kerze. Danke für alles!

Heute meine Verabschiedung aus dem offiziellen Dienst. Aber ich bin und ich bleibe Pastorin. Als Christin lebe ich in dem Wissen, ein Geschöpf zu sein – verantwortlich für mein Leben, für alles Tun und für alles Lassen – und angewiesen auf Gemeinschaft.  

Gott gibt dem Menschen viele Möglichkeiten und setzt ihm hilfreiche Grenzen. Wer sich vor Gott verantwortlich weiß, geht verantwortlich mit der Schöpfung, mit den Mitmenschen, mit sich selbst um.  

Jesus ist uns ein Vorbild: Er war unbequem und anstößig – hatte keine Angst vor den Mächtigen und Geduld mit den Unvollkommenen. Er blieb ehrlich und riskierte es, sich unbeliebt zu machen. Mit seinen Maßstäben lässt es sich leben: „Gott ist der Mensch, der uns menschlicher macht.“

Zum Schluss ein Satz vom „Ehrenbürger der Herzen“ unserer Stadt, dem katholischen Pfarrer Wolfgang Janotta, den ich beim Abschied von den Gemeindekirchenräten im März zitiert habe:

„Ich habe getan, was ich konnte. Den Rest muss der liebe Gott erledigen.“

Wird er – er hat ja Sie und Euch! J

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, als alle Skepsis und Vorsicht, bewahre unsere Herzen und Gedanken, unseren Mut und unsere Phantasie in Jesus Christus, unserem Herrn.       Amen.

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Angelika Zädow:

Liebe Ursula, liebe Gemeinde,

nach 38 Jahren in Thale und 40 Jahren im kirchlichen Dienst wirst Du, liebe Ursula, heute aus diesem Dienst verabschiedet. Dass Du daran lange geknabbert hast, ist kein Geheimnis. Und ja, das ist sicher schwer, nach einer solchen Zeit alles „sein“ zu lassen, was vier Jahrzehnte tagtäglich das Leben und die Zeit prägte, den Tagesrhythmus vorgab, Herz und Verstand beschäftigte: Lektoren und Organistinnen für die Gottesdienste und Amtshandlungen zu finden, die Gemeindebriefe zu gestalten und den Beiträgen „hinterher“ zu laufen, Besuche zu machen, die Anfragen des Kreiskirchenamtes zu bedienen, Gruppen und Kreise zu organisieren und noch viel mehr. Das alles hört nun auf nach 40 Jahren.

Diese Zahl spielt übrigens in der Bibel immer wieder eine Rolle: 40 Tage und Nächte dauerte die Sintflut, 40 Jahre dauerte der Zug des Volkes Israel durch die Wüste, Mose weilt 40 Tage auf dem Berg Sinai, um die Gebote zu empfangen, der Prophet Elia geht 40 Tage und Nächte zum Berg Horeb und Jesus fastet 40 Tage in der Wüste.

So unterschiedlich diese Erzählungen sind -  zwei Dinge verbinden sie. Erstens: In dieser Zeit begegnen sie Gott. Und ich wünsche Dir und Ihnen, liebe Gemeinde, dass Sie im Nachdenken über die gemeinsame Zeit im Pfarrbereich Thale auch sagen können: Da gab es Momente und Augenblicke der Gemeinschaft, in denen wir uns des Glaubens sicher waren oder wurden.

Zweitens: Nach dieser Zeit veränderte sich das Leben der Menschen. Dieser Zeitpunkt ist nun für Dich, und Ihre Gemeinden gekommen. Sie alle haben eine neue Pastorin, die nun mit Ihnen Leben und Zeit im Pfarrbereich Thale gestaltet und auf dem Weg des Glaubens weiter geht, anknüpft an das was war und ganz andere Wege wagt.

Und du, liebe Ursula, wagst ja bereits andere Wege, hilfst Gemeinden im Kirchenkreis über die Zeit von Vakanzen hinweg. Hältst Gottesdienste und Amtshandlungen, organisierst und berätst. Der Rhythmus Deiner Zeit ist nun anders. Aber die Zeit an sich bleibt. Du hast nun die Freiheit, sie nach Deinen Wünschen nach Deiner Lust woanders zu gestalten und ohne Amtspflichten. Von Herzen wünsche ich Dir, dass Du diese Freiheit nutzen und Deine Zeit füllen kannst.

So Gott will, noch 40 Jahre, Amen.

 

Liebe Ursula,

vor Gott und dieser Gemeinde endet hiermit Dein Dienst im Pfarrbereich Thale, der Dir übertragen war. Alle Zuständigkeiten und Pflichten liegen nicht mehr in Deinen Händen. Was Dich in Deiner Arbeit beschwert hat, was unfertig blieb oder Sorgen macht, legen wir in die Hände Gottes, der allein aus allem ein Ganzes zu machen vermag. Nichts soll Dich beschweren, nichts soll Dich betrüben. Gott wird Dich tragen und begleiten auf Deinem weiteren Lebensweg.

 

Gebet:

Gott, Du Anfang und Ende der Zeit: Wir danken Dir für den Dienst von Pastorin Ursula Meckel, für die Zeit, die sie hier gewirkt hat. Und bitten Dich: Segne unsere Schwester im Glauben. Stärke sie mit Deinem Wort. Schenke ihr Mut und Zuversicht. Das bitten wir Dich durch Jesus Christus, der mit Dir und dem Heiligen Geist unserem Leben einen neuen Anfang schenkt. Amen.

Segen

Gott segne dir den Blick zurück und den Schritt nach vorn. Er schenke dir eine Melodie, die dich wie ein Lachen durch den Tag begleitet und Menschen, die ihre Arme um dich legen wie ein wärmender Mantel. So segne dich…