Für Interessenten eine bis vier  PREDIGT(en)                        

(Es ist nicht auszuschließen, dass ich auch mal den einen oder anderen Gedanken "übernommen" habe, ohne dies in jedem Fall ausdrücklich zu benennen.)  

Am 31. März 2014 endete mein Dienst im Pfarrsprengel Thale - 

seit dem 1. April 2014 bin ich Beauftragte für Springerdienste im Kirchenkreis Halberstadt.

*******************************************************

Erntedankfest - Gottesdienste

30. September 2018

Kroppenstedt        10.30 Uhr

7. Oktober

Ditfurt  9.30 Uhr

Lesung:                                2. Korinther 9; 6 – 15

Predigt

Neue Möglichkeiten zu leben und Frieden kommen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, der für uns maßgeblich ist. Amen.

Liebe Gemeinde,

bei mir zu Hause habe ich einen Kalender, auf dem täglich ein mehr oder auch weniger sinnvoller Spruch zu lesen ist. Der von heute hat mir gefallen: „Dankbare Menschen sind wie fruchtbare Felder. Sie geben das Empfangene zehnfach zurück.“

Ein schönes Bild – passend zum Erntedankfest.

Dank ist nicht selbstverständlich –  in unserem Land werden viele Erntefeste gefeiert, deutlich weniger ErnteDANKfeste.

Danken hat etwas mit denken zu tun – nur wer nachdenkt, kommt auf die Idee, dass nicht alles selbstverständlich ist, was uns im Laufe eines Jahres oder unseres Lebens zugute kommt.

Mit dem Fest erinnern Christen außerdem an den engen Zusammenhang von Mensch und Natur. Das Danken für die Erträge des Bodens geht einher mit einem verantwortungsvollen Umgang sowie der Bewahrung der Schöpfung.

In unserer Landeskirche gibt es einen Umweltbeauftragten und wie viele andere fordert er, das Pestizid Glyphosat abzusetzen. In Kleingärten ist es wegen der besonderen Nähe zu Menschen schon verboten.

Es schadet nicht nur unserer Umwelt und unserer Gesundheit, sondern hat weltweite Auswirkungen: Weil so preiswerter produziert werden kann hat es zum Beispiel die afrikanische Landwirtschaft schwer, sich gegen Importe aus den Industrieländern durchzusetzen. Das macht sie zu unsicheren Heimatorten. Die Politik muss deshalb die Agrarexporte aus ethischer Sicht überprüfen.

Wörtlich sagt der Umweltbeauftragte: „Dies würde den Hunger weltweit verringern sowie der biologischen Vielfalt und den Bienen bei uns dienen. Die Landwirte hätten bei den Agrarumweltleistungen genügend Betätigungs- und Verdienstmöglichkeiten und könnten so dem Gemeingut Boden Gutes tun. Eine globale, sozialverträgliche und nachhaltige – durchaus auch konventionelle – Landwirtschaft fördert bäuerliche Existenzen am besten.“

Im Vaterunser – heißt es: „Unser tägliches Brot gib uns heute.“

Dabei ist „Brot“ ein Synonym für das, was wir zum täglichen Leben wirklich brauchen – und das ist mehr als nur der Belag für das Brot, eine Wohnung und Kleidung.

Menschen brauchen Gemeinschaft – Familie – Freunde - tragfähige Beziehungen. Wir brauchen Frieden, Gerechtigkeit, Gesundheit, Zufriedenheit – wir brauchen eine gesunde Schöpfung, in der auch die Generationen nach uns noch leben können.

Erntedankfest ist ein schöner Anlass darüber nicht nur nachzudenken, sondern tatsächlich auch zu danken für alles, was unser Leben lebenswert und wertvoll und einmalig macht. Und: Es ist keineswegs selbstverständlich, dass alles gut wächst und gedeiht wie uns dieser Sommer gezeigt hat!

Ich wünsche Ihnen das Staunen darüber, was es alles Schönes auf unserer Erde, in Gottes guter Schöpfung, gibt; dass wir alles haben, was wir zum Leben brauchen und in der Regel einiges darüber hinaus.

Weil das so ist wird am Erntedankfest eine Kollekte gesammelt für „Brot für die Welt“. An der Sammlung für andere – an der Kollekte – wird deutlich: So kann einer leben und solche Freiheit hat ein Mensch, wenn er sich aus Gottes Güte beschenkt weiß. Bei dem Altarrundgang nachher können Sie dafür etwas geben.

Was jemand weggibt, geht nicht ins Leere. Es hilft nicht nur, Not zu verringern oder schlicht einem anderen Freude zu bereiten – und es ist auch nicht bloß ein Tropfen auf einen heißen Stein. Hinzu kommt das gute Gefühl, Freiheit zu gewinnen, sich nicht abhängig zu machen vom Besitz.

Eine Freiheit, die sich nicht ständig um das Eigene kümmern muss, sondern die den weiten Atem des Dankens kennt.

„Wer da sät im Segen, der wird auch ernten im Segen“ haben wir in der Lesung gehört.

In einem Klosterkreuzgang in Maulbronn gibt es einen  Brunnen mit drei unterschiedlich großen Schalen und das Wasser läuft von einer zur anderen. Das, was weitergegeben wird, kommt ganz woanders her und kann unbedenklich weitergegeben werden. Eins kommt ohne das andere nicht aus.

Geben und empfangen – denken und danken.

Übrigens hat das Danken auch noch Nebenwirkungen.

Psychologen sagen: Dankbare Menschen sind positive Leute, die vor Trübsinn und Resignation, ja sogar vor Magengeschwüren bewahrt bleiben.

Also lassen Sie uns danken:

Sag doch einfach mal Danke - und du siehst mit neuen Augen.

Sag doch einfach mal Danke - und du lernst wieder staunen über Kleinigkeiten.

Sag doch einfach mal Danke - und die Rechthaberei verstummt.

Sag doch einfach mal Danke - und die schlechten Gedanken verkümmern.

Sag doch einfach mal Danke - und die Atmosphäre wird spürbar wärmer.

Sag doch einfach mal Danke - und du lernst, was glauben bedeutet.

Sag doch einfach mal Danke - und du durchbrichst die Selbstverständlichkeit.

Sag doch einfach mal Danke - und du findest wieder einen Zugang zu einem Menschen.

Sag doch einfach mal Danke - und du kannst wieder aufatmen.

Sag doch einfach mal Danke - und du entdeckst einen Schatz.

Sag doch einfach mal Danke - und die Gesichter werden fröhlicher.

Sag doch einfach mal Danke - und lass dich beschenken.

Sag doch einfach mal Danke - und denk nicht: Wie muss ich's vergelten?

Sag doch einfach mal Danke - zu einem Menschen.
Sag doch einfach mal Danke - zu Gott!
Sag doch einfach mal Danke!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, als alle Skepsis und Vorsicht, bewahre unsere Herzen und Gedanken, unseren Mut und unsere Phantasie in Jesus Christus, unserem Herrn.       Amen.

##################################

 

17. nach Trinitatis

23. September 2018

Groß Quenstedt & Emersleben

Evangelium:          Johannes 9; 35 - 41

Neue Möglichkeiten zu leben und Frieden kommen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, der für uns maßgeblich ist. Amen.

Liebe Gemeinde,

wenn jemand einem anderen Menschen  gute Wünsche mit auf den Weg geben will – zum Beispiel zum Geburtstag oder so - ist einer ganz bestimmt immer dabei: Bleiben Sie schön gesund!

Hauptsache Gesundheit – diesen Ausruf kann jeder gut nachempfinden, der schon mal ernstlich krank war.

Allerdings gibt es ebenfalls das andere: Heilung kann so etwas wie Verlust bedeuten.

Auch das weiß jeder, der schon mal krank war: Während der Krankheitszeit bekommen wir viel Liebe, Zeit und Zuwendung. Andere sind bemüht, uns etwas Gutes zu tun. Alles dreht sich um uns und unser Befinden.

Wenn wir gesund geworden sind, kommt der Alltag wieder – anderes rückt in den Mittelpunkt, alles läuft weiter wie immer; Zuwendung, Freundlichkeiten und aufmerksames Fragen nach uns werden weniger. Also, wenn die Krankheit nicht gar so schlimm ist, könnte der Zeitpunkt der Genesung manchmal glatt etwas hinausgezögert werden. Kinder zum Beispiel lernen das ganz schnell, doch auch Erwachsene können es noch. Wir wissen: Wer gesund ist, hat keinen Anspruch auf eine besondere Behandlung.

Was wir vorhin als Evangelium gehört haben, ist  Teil einer Heilungsgeschichte. Ein ehemals blinder Mann musste erleben, dass seine Heilung nicht nur positiv für ihn ausging. Es begann eine furchtbar lange Zeit der Anerkennung. Der ehemals Blinde wollte als geheilt anerkannt werden, um wieder in die Gemeinschaft der Gesunden aufgenommen zu werden. Dazu gehörte schon damals ein langer Gang durch verschiedene Institutionen.

Zuerst sind es die nächsten Nachbarn, die nicht glauben wollen, was sie sehen. Es kann nicht sein was nicht sein darf. Da liegt bestimmt eine Verwechslung vor – das ist nicht der, den wir kennen. Der Geheilte redet und redet – doch die Nachbarn glauben ihm nicht und bringen ihn schließlich zu den Gelehrten, den Pharisäern. Das sind die Entscheidungsträger und sie sollen den Vorfall beurteilen.

Wieder Erklärungen und die ganze Geschichte von vorn – aber die Pharisäer hören gar nicht mehr hin. Ihr Stichwort ist gleich am Anfang gefallen: Eine Heilung am Sabbat – dem Tag, an dem jede Arbeit untersagt ist.  Das ist unerhört und vor allem unerlaubt – der Rest interessiert nicht. Die Paragraphen reden eine deutliche Sprache und wer dagegen verstößt, kann nicht aus guten Motiven heraus gehandelt haben.

Mit den sogenannten Formalia lässt sich fast alles aus den Angeln heben – das hat sich bis heute auch nicht geändert. Ordnung muss sein und bleiben.

Damit wird die Heilung erst einmal völlig hinterfragt: Kann denn einer etwas Gutes bewirken, der Gesetze umgeht? Natürlich nicht! Da kann es sich nur um Scharlatanerie handeln – und wer weiß, ob der Mann überhaupt jemals blind war. Wahrscheinlich will er sich nur interessant machen. Weitere Nachforschungen müssen angestellt werden.

Als nächstes werden die Eltern befragt. Diese bestätigen: Ja, das ist unser Sohn und er war früher blind. Wie die Heilung vor sich gegangen ist, wissen sie allerdings nicht – der Sohn ist volljährig und trägt für sich selbst die Verantwortung. Er muss sich schon selbst verteidigen.

Der ehemals Blinde wird langsam ärgerlich und trotzig – seine Antworten werden unwirsch – mehr als das, was ich schon zigmal gesagt habe weiß ich auch nicht!

Und dann wird er folgerichtig hinausgeworfen, endgültig aus der Gemeinschaft verstoßen. Diese sogenannte Heilung kann nicht mit rechten Dingen zugegangen sein, deshalb wollen sie ihn von sich fernhalten. Der Geheilte versucht es noch einmal mit einer Verteidigungsrede – klug versucht er, die Leute mit ihren eigenen Argumenten zu schlagen – vergeblich: Die vorgeblich Frommen wissen es besser. Sie jagen ihn weg. Ihr Urteil ist endgültig.

Wer sagt eigentlich, dass eine Heilung immer etwas Gutes sei?

An dieser Stelle der Geschichte beginnt unser Predigttext:

 

         Johannes  9; 35 – 41:

Als Jesus erfuhr, dass sie ihn ausgestoßen hatten, suchte er ihn auf und sagte: „Hast du Vertrauen zum Menschensohn?“ Der Mann antwortete: „ Wenn du mir sagst, wer es ist, werde ich ihm vertrauen.“ Jesus sagte: „Du siehst ihn ja, er spricht mit dir.“ „Herr, ich vertraue dir“, sagte der Mann und betete ihn an.

Jesus sagte: „Ich bin in diese Welt gekommen, damit die Blinden sehend und die Sehenden blind werden. Darin vollzieht sich das Gericht.“ Einige Pharisäer, die bei ihm waren, hörten das und sagten: „Du willst doch nicht behaupten, dass wir blind sind?“ Jesus antwortete: „Euch würde keine Schuld angerechnet, wenn ihr blind wärt. Weil ihr aber sagt ´Wir können sehen.´ bleibt ihr schuldig.“

Der ehemals Blinde hatte einiges hinter sich als er wieder auf Jesus trifft. Die Enttäuschungen haben ihm den Blick getrübt, er kann nicht sofort erkennen, wer ihm da gegenübersteht und ihm die unerwartete Frage stellt:

Glaubst Du an den Menschensohn?

Der Mann hat eigentlich die Nase voll von religiösen Fragestellungen – die waren ihm zu weit weg von seinem inneren Erleben – die waren ihm zu theoretisch – da hatte er niemanden gefunden, der sich mit ihm freuen wollte. Soll er schon wieder auf die Probe gestellt werden?

Doch Jesus spricht ihn auf sein neues Leben an: Du hast den Menschensohn gesehen und jetzt redest Du mit ihm.

Das ist neu – und vor allem: Das ist sehr persönlich und direkt. Jesus anerkennt ihn. Er sieht in ihm denjenigen, der geheilt ist – der jetzt Augen hat zu sehen und der diese Augen auch nutzen soll. Alle anderen waren nur an den äußeren Umständen interessiert – keiner hatte ein Wort der Freude oder des Mitgefühls für ihn übrig. Niemand bemerkte sein neues Leben mit dem er aus dem Schatten ins Licht getreten war.  Alle wollten nur wissen: Wie – wann und warum? Der Mensch dahinter war für sie unwichtig.

Jetzt steht er vor Jesus und kann bekennen: Ja, ich glaube.

Er ist durch diese direkte Begegnung nicht mehr angewiesen auf das Wohlwollen und die Anerkennung der Gesellschaft und der Amtsträger. Sein neues Leben ist ihm plötzlich ganz bewusst geworden – es liegt vor ihm und er braucht nur noch loszugehen – sehenden Auges.

Und Jesus spricht wieder einmal in Rätseln: Die, die nicht sehen, werden sehen und die, die sehen werden blind.

Und die Nachbarn und die Eltern und die Gelehrten fragen sich: Was denn, wir? Sie waren zum Sehen – zum Glauben – aufgefordert worden – sie hätten sehen können, wie einem Menschen Heilung widerfuhr – aber sie wollten nicht. Sie waren einfach festgelegt in ihrem Sehen – nicht offen für Unerwartetes – und deshalb wurde ihnen das Wunder nicht zugänglich, blieb die ungeheure Herausforderung ihnen verborgen.

Sind wir denn auch blind – so fragen die Frommen erstaunt. Das können und wollen sie eigentlich nicht glauben – und Jesus bestätigt ihnen: Ihr rennt sehenden Auges in euer Unglück.

Sehen und Nichtsehen hat nicht nur etwas mit der Sehkraft der Augen zu tun.

Blind für etwas sein ist eine bekannte Redewendung. Dieses Nicht – wahr – haben – wollen soll schützen vor Dingen und Situationen, die Menschen für unerträglich halten.

Das kann ich gar nicht sehen – heißt es –

und heißt richtiger: Das will ich nicht sehen – das will ich nicht ertragen. Und das ist gut nachvollziehbar. Es gibt Katastrophen und Verhaltensweisen und Ungerechtigkeiten – die sind einfach unerträglich –

die Zeitungen und die anderen Medien sind voll davon. Und ich kann verstehen, wenn weggesehen wird – nicht hingesehen – weil diese Form der „Blindheit“ Schutz ist gegen Schmerz und Wut und Angst.

Bloß – es hilft nichts, wegsehen verändert nichts – die es betrifft, müssen es auch aushalten:

Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen – Kinder, die am Verhungern sind –Tiere, die gequält werden in unserem Land –

es gibt so vieles, das ich nicht sehen will.

Als Jesus den blinden Mann geheilt hat, hat er ihm allerhand zugemutet – auf der einen Seite hat er ihm neue Welten gezeigt – Farben und Licht – die Schönheiten der Natur –

und auf der anderen Seite manches an Unannehmlichkeiten – an unübersehbaren Ungerechtigkeiten – der Mann  kann jetzt nicht mehr sagen: Das habe ich nicht gesehen. Das wusste ich ja gar nicht.

Jesus hat den Mann sehend gemacht und ihn mit dieser Fähigkeit losgeschickt in eine Umgebung, die ihm nicht nur freundlich gesonnen war.

Sag, was Du siehst – schau hin – lass Dich nicht verunsichern –

und: Er lädt zum Glauben ein. Jesus der Retter – Jesus, der Orientierungspunkt.

Den Pharisäern wird nicht vorgeworfen, dass sie sehen können, sondern dass sie diese Fähigkeit nicht nutzen, dass sie blind bleiben für das, was sie nicht sehen wollen.

Sicher lohnt es, darüber nachzudenken: Was will ich nicht sehen – und warum nicht – und wie kann ich dazu kommen, die mir geschenkten Sinne und Fähigkeiten auszunutzen und einzusetzen, um richtig zu sehen und zu hören – hinzusehen – hinzuhören –

um sich für Veränderungen einzusetzen – um mit anderen zusammen Wege zu suchen, die zusammenführen – um mit dafür einzustehen, dass Menschen menschlicher miteinander und mit der Schöpfung umgehen.

Sich nicht entmutigen zu lassen – den Kopf nicht in den Sand zu stecken - dafür braucht es Kraft – und Hoffnung – und Zuspruch, den wir uns allein nicht geben können. Und die Gewissheit, nicht allein zu sein bei diesem Bemühen. Dazu ist der Glaube nötig, nach dem Jesus den Geheilten fragt.

Der Glauben an den Mann der sagt und zeigt: Heilung ist immer etwas Gutes – sie führt weiter – aus Verengungen und Begrenzungen heraus –

Jesus, der Heiler – der Heilmachende –

Jesus, der nicht will, dass uns Menschen Hören und Sehen vergeht sondern der es erst ermöglicht.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Gedanken, unseren Mut und unsere Phantasie in Jesus Christus. Amen.

 ###################################

11. nach Trinitatis  - 12. August 2018

9.30 Uhr Kloster Drübeck

11 Uhr Laurentius Darlingerode

Evangelium = Predigttext:                              Lukas 18; 9 – 14

Neue Möglichkeiten zu leben und Frieden kommen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, der für uns maßgeblich ist.                         Amen.

Liebe Gemeinde,

es gibt biblische Geschichten, die prägen sich besonders durch Bilder ein.

Immer wenn ich das Gleichnis vom Zöllner und dem Pharisäer höre oder lese, habe ich ein bestimmtes Gemälde vor Augen. Es ist aus der Bilderbibel des Schnorr von Carolsfeld. Da ist ein beleibter Mann, raumgreifend dominiert er das Ganze – er ist so wohlbeleibt, dass er fast die ganze rechte Bildhälfte füllt.

Er opfert unübersehbar ein Geldstück, er ist sich seiner gewiss und sicher. Ein Mensch, der unbeirrbar von sich überzeugt ist. Er hat es nicht einmal nötig, den Hut abzuziehen.

Bescheiden im Hintergrund steht der Zöllner. Er hat den Hut gezogen. Er steht tiefer als der Pharisäer. Er neigt sich, er ist schlank. Er hat einen Stock in der Hand. Er ist noch unterwegs – ein ungemein sympathischer Wanderer.

So etwa sieht das überlieferte Bild vom Zöllner und dem Pharisäer aus. Und der Große ist bereits verurteilt, bevor die dazugehörige Geschichte gelesen wurde. Der Pharisäer ist zum Inbegriff des Heuchlers und der Überheblichkeit geworden.

Der Zöllner wird oft gelobt, weil er geradezu ein Vorbild an Bescheidenheit ist.  Viele von uns sind so erzogen worden: Sei immer schön bescheiden – falle nicht auf – zeige den anderen nicht, was du wirklich kannst und bist. Denn wer sich aufs hohe Ross setzt, wird tief herunterfallen ...

Der Maler hat mit seinen Mitteln ausgelegt, wie er die Erzählung verstanden hat. Gut und böse – richtig und falsch – eine klare eindeutige Schwarz-Weiß-Malerei. Dabei wird unwichtig, ob der Wahrheitsgehalt einer Überprüfung standhalten würde.

Ich erinnere: In der Welt der Bibel waren Zöllner Menschen, die für die Besatzungsmacht Abgaben eintrieben. Sie waren keine Beamten, sondern selbständige kleine Unternehmer, die auch in die eigene Tasche wirtschafteten. Und natürlich waren sie nicht beliebt bei denen, die zahlen mussten.

Die Pharisäer gehörten zu einer Laienbewegung, die Gottes Wort im Alltag sehr ernst nahmen. Sie gaben konsequent den Zehnten, ließen sich ihren Glauben etwas kosten, fasteten zweimal in der Woche.

Also hätte der Pharisäer schlank gezeichnet werden müssen – der Zolleinnehmer beleibt und wohlhabend.

Ganz spannend ist die Frage nach den Konsequenzen dieses provozierenden Gleichnisses.  Könnte sie lauten: „Sei wie der Zöllner!?“

Da meldet sich mein Widerspruchsgeist. Ich möchte keineswegs eine Zöllnerin sein oder mich so fühlen müssen. Nicht nur, weil es eine verachtete Berufsgruppe war.

Das Bekenntnis „Ich bin ein sündiger Mensch“ kommt mir in der Theorie auch leichter über die Lippen als in der Praxis. Wenn ich ehrlich zu mir selber bin, liegt mir das Gebet des Pharisäers näher:

„Ich danke dir, dass ich nicht so bin wie ... „ Es fallen mir einige Leute ein, mit denen ich weder tauschen noch sie als erstrebenswertes Vorbild haben möchte.

Hinzu kommt die Gefahr, das Gleichnis „umzukippen“. Der bußwillige Zöllner hat die vor Gott einzig mögliche Einstellung – und damit wird er unter der Hand zum neuen Pharisäer.

Es ist schwierig, aus dieser Zwickmühle herauszufinden. Am besten wäre wohl, zu leben wie der Pharisäer, verbunden mit der Reuehaltung des Zöllners.

Der in der Erzählung angelegte Stachel zwingt zum intensiveren Nachdenken. Allzu einfache Auslegungen führen in die Irre.

Bei dem Frommen wird nicht seine Lebensführung hinterfragt, sondern seine Einstellung. Dem Zöllner gebührt kein Lob für seine Daseinsgestaltung, nur für die kritische Einstellung zu sich selber. Gefährlich wird es, sich zum Maßstab aller Dinge zu machen – eigene Erkenntnisse als die einzig richtigen auszugeben.

Der Zöllner bleibt hinten stehen. Er wagt es nicht, seine Augen zu Gott zu erheben. Sein Ruf „Gott sei mir Sünder gnädig" ist keine gespielte Demut oder aufgesetzte Frömmigkeit. Er hat nichts vorzuweisen; keine Leistungen, auf die er stolz sein kann.

Er betet mit den Worten des 51. Psalms – eines Bußpsalms. Und das Wichtigste – er vergleicht sich nicht mit anderen – er lässt die anderen aus dem Spiel.

Bei diesem Spiel aller gegen alle hätte er ohnehin keine Chance – dazu war sein Ruf zu schlecht. Er braucht dieses Schielen nach rechts und links nicht mitzumachen. Seine Beziehung zu Gott wird nicht getrübt durch ständiges Vergleichen. Und darin bekommt er vor Gott Recht.

Er bekommt seinen Wert und seinen Platz von Gott zugesprochen und nun muss er sich nicht mehr ständig fragen: Bin ich gut genug? Bin ich mehr oder besser als dieser oder jener?

Für mich ist das der Kern des Evangeliums. Gott nimmt mich an, bevor ich etwas dafür tun kann. Er gibt mir meinen Wert und meinen Platz unabhängig davon, welchen Platz ich mir im Gerangel mit anderen erobern möchte oder schon erobert habe.

Sicher: Für das Selbstwertgefühl wird das, was ich leiste, was ich erreichen und bewirken kann, immer eine gewisse Rolle spielen.  Aber bin ich nur so viel wert wie ich leisten kann? Eine Frage, die immer wichtiger wird für viele in der Gesellschaft.

Was ist, wenn ich nichts mehr leisten kann? Wenn ich meine Arbeit und damit auch die gesellschaftliche Anerkennung  und Bestätigung verliere? Was wenn ich krank werde oder schwach – bin ich dann nichts mehr wert?

Das Selbstwertgefühl eines Menschen wird sich wohl immer wieder nach dem richten, was jemand schaffen oder nicht schaffen kann bzw. wo einer versagt. So ist dieses Gefühl schwankend und sehr abhängig von äußeren Umständen.

In unserer biblischen Erzählung finde ich den Satz hilfreich: Gott weist mir meinen Wert zu, auch wenn andere an mir zweifeln oder ich an mir selber zweifle. Der Zöllner ist ein Beispiel für dieses Vertrauen – mehr nicht.

Noch ein anderer Aspekt der geschilderten Szene macht mich betroffen. Zwei Menschen in einem Gotteshaus – verbunden durch denselben Glauben – im Gespräch mit demselben Gott – und doch Welten voneinander entfernt. Es sieht nicht so aus, als ob sie jemals zueinander finden könnten.

Dabei wäre es wichtig, dass sie von sich weg auf den anderen sehen und ihn ansprechen: Wie bist du geworden, was du bist? Was hat dich geprägt? Wer hat deine Verhaltensmuster bestimmt?

An der Berührungsangst scheitern Beziehungen, nicht nur zwischen diesen beiden.

Menschen, die Lichtjahre voneinander entfernt scheinen, finden sich heute nicht nur in Kirchen; es gibt sie zwischen West und Ost und Nord und Süd, zwischen Reichen und Armen, Gebildeten und Ungelernten, zwischen In- und Ausländern.

Es ist zum Glück nicht unsere Aufgabe, über den Wert oder Unwert eines Lebens zu befinden; auch nicht über „richtig“ oder „falsch“. Unsere Chance ist es die Freiheit zu entdecken und zu nutzen, die in dem Angebot Jesu liegt.

Wenn es gelingt, im Vertrauen auf die Zuwendung Gottes zu allen Menschen, Vor-Verurteilungen sein zu lassen – dann könnten wir es lernen, anders – besser – verständnisvoller – miteinander umzugehen – auch mit Andersdenkenden und unterschiedlich Geprägten.

Von dem Zöllner und dem Pharisäer wird nicht erzählt, ob sie ihre Vorurteile und ihre Berührungsängste überwinden konnten. Ihre Geschichte ist geschrieben und längst zu Ende.

Unsere ist offen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, als alle Skepsis und Vorsicht, bewahre unsere Herzen und Gedanken, unseren Mut und unsere Phantasie in Jesus Christus, unserem Herrn.

Amen.

#####################################

 

########################################

14. Mai 2017 - 40 Jahre Ordination - Thale St. Andreas

   

                                      

########################################

 

Gottesdienst 31. Oktober 2014

Wendegedenken – Reformation – Verabschiedung Pastorin Ursula Meckel

Liebe Versammelte,

heute vor 25 Jahren um diese Zeit war ich sehr viel aufgeregter als heute – in zweieinhalb Stunden würde hier in dieser Kirche eine Veranstaltung beginnen, von der niemand sagen konnte, wie sie ausgehen würde – wie viele kommen würden – ob es friedlich bliebe. Einige entschlossene Bürger/innen hatten eingeladen zu einem „Gebet für Land und Leute“ - … ein heute völlig harmloser Text, damals  staatsgefährdend gefährlich – die Handzettel wurden schnell entfernt, doch es hatte sich herumgesprochen.

Etliche sind jetzt hier, die damals auch dabei waren – um viele Erfahrungen reicher.

An diesen Reformationstag vor 25 Jahren erinnern wir.

Reformationstag – ein evangelischer Feiertag, den wir hier in Thale seit vielen Jahren ökumenisch begehen – so auch heute – ein zweiter Grund zur Dankbarkeit, weil das keineswegs überall selbstverständlich möglich ist.

Der dritte Anlass dieses Gottesdienstes: Nach 40 Jahren im kirchlichen Dienst werde ich verabschiedet - von den Kirchengemeinden und vom Kirchenkreis – entpflichtet vom Amt? – von der Pflicht zur Kür? – beziehungsweise verabschiede ich mich? - oder auch nicht?

Schaun wir mal.

Auf jeden Fall feiern wir jetzt einen Gottesdienst mit ganz viel Musik und dafür bin ich dankbar; dankbar allen, die ihn mit ausgestalten – und dazu gehören auch Sie alle hier, die zum Mitsingen eingeladen sind.

Dankbar bin ich vor allem dafür, dass wir uns versammelt haben im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen. Hilfe erwarten wir von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

Chor + Gemeinde: Wo Menschen sich vergessen …

Gott, wir treten jetzt vor Dich mit unseren Erinnerungen, unseren Wünschen, unseren Befürchtungen und unseren Hoffnungen. Wir schauen zurück und nehmen Abschied – wir blicken nach vorn und haben Träume.

Ich möchte bewahren, was gut war in den vergangenen Jahrzehnten. Denn vieles war wunderschön, erfrischend, aufregend, überraschend neu – dafür danke ich, das will ich nicht missen.

Loslassen und bewahren - beides. Gott, gib mir den Mut, die Hände zu öffnen, um Altbekanntes loszulassen. Gib mir den Mut, die Hände zu öffnen und die Arme auszubreiten, um Neues, Unbekanntes zu begrüßen.

Gott, ich danke Dir, dass ich getragen bin von der Hoffnung, gehalten zu werden -  beflügelt von dem Glauben, dass Du Dich kümmerst - auch um mich. Begeistert von dem Glauben, dass Du da bist.

Du hältst die Zeit liebevoll in Deinen Händen. Du bist ewig. Gestern und heute und morgen. Kein Anfang, kein Ende. Die Zeiten kommen und gehen - Du bleibst und rufst zum Leben im Vertrauen auf Dich und Deine beständige Gegenwart. Du bist auch jetzt mitten unter uns. Das ist Grund, sich zu freuen – deshalb:

Jauchzet dem Herrn alle Welt!

Amen.

Chor + Bläser:     Psalm 100

Lesung = Prediger 3; 1 - 13                                   

Meine Hoffnung …

                Credo                                                        

Bläser:                 La nuit

PREDIGT-Einstieg

U.:     Sag mal bitte,  Angelika, findest Du nicht auch, dass das heute hier eine etwas seltsame Veranstaltung ist?

A.:     Wieso seltsam? Es ist ein schöner Gottesdienst in einer vollen Kirche mit aufmerksamen Menschen, viel Musik und guter Stimmung. Und weil aller guten Dinge drei sind, gibt es drei inhaltliche Schwerpunkte: Wende-Gedenken, Reformation und Deine Verabschiedung.

U.:     Wende-Gedenken und Reformation sind klar – aber meine Verabschiedung? Mein Dienst hier im Pfarrbereich endete schon vor sieben Monaten. Ich wohne weiter in der Gemeinde und gehöre zum Bläserchor und in der Stadt bleibe ich ebenfalls, sogar im Stadtrat. Und: Im Kirchenkreis und selbst darüber hinaus geht meine Arbeit weiter. Also was für ein Abschied?

A.: Kann es sein, dass Du Dich um einen Abschied drücken willst?

U.: mhm … Also, mein ältester Patensohn hat mir geschrieben: „Ruhestand KANNST Du gar nicht.“

A.: Weiche nicht aus! Kann es sein, dass Du Dich drücken willst vor dem Abschied? Weil das weh tut?

U.: mhm …

A.: Bisher hast Du das ja ganz geschickt geschafft – denn Dein Dienst im Pfarrbereich Thale endete ja bereits am 31. März – wie Du weißt…

U.: Und Du weißt: Jeder Abschied ist ein kleines Sterben.

A.: Gehts auch etwas weniger theatralisch? - Du weißt: Alles hat seine Zeit … steht doch so schön auf der Einladung: …

U.: Das ist wohl der Unterschied zwischen Theorie und Praxis - oder wie wir hier im Osten gesagt haben: Zwischen Marx und Murks. Ich weiß, dass ich mich dem stellen muss. Nur: Zum April hast Du hier eine neue Pastorin eingesegnet. Willst Du mich jetzt aussegnen? Das klingt so nach Beerdigung.

A.: Natürlich nicht! Aber z. B. entpflichten – Du MUSST jetzt nichts mehr tun, aber Du darfst noch – und Pastorin bleibst Du ohnehin (so lange Du es möchtest).

U.: mhm …

A.: Nun schwirre schon ab auf die Kanzel – oder hast Du nichts mehr zu sagen?

U.:   Na gut. J  Aber ich bleibe lieber hier unten – ich möchte ja nicht „von oben herab“ reden …

Neue Möglichkeiten zu leben und Frieden kommen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, der für uns maßgeblich ist.                 Amen.

Liebe Anwesende,

gestern wurde ich am Telefon gefragt: „Freust Du Dich eigentlich auf den Gottesdienst morgen?“ und ich konnte ehrlichen Herzens sagen: „Inzwischen Ja! Ja, ich freue mich.“

Im April, als das eigentlich aktuell war, hätte ich das noch nicht gekonnt, denn es ist ja etwas dran, dass ich mich eigentlich irgendwie um diesen Abschied drücken wollte, weil eben jeder Abschied ein kleines Sterben ist und weh tut.

Heute ist das anders, weil nicht nur ein Lebensabschnitt zu Ende ging, sondern weil Neues, und für mich sehr Erfreuliches angefangen hat – und weil Wichtiges geblieben ist.

Loslassen und bewahren zugleich, Ende und Anfang.

Allerdings: Irgendwie lastet jetzt auf mir der Druck, ich müsse nun etwas ganz Bedeutsames und Kluges sagen – etwas zum Merken und Aufmerken – zum Abschied, der ja gar kein wirklicher Abschied ist. Denn es sind eben keine „letzten Worte“.      

Klar ist, ich bin nicht mehr die Pastorin von Thale, Warnstedt, Bad Suderode und Friedrichsbrunn – den Staffelstab im Pfarrbereich habe ich am Ostermontag weiter gegeben - aber ich bin und bleibe Pastorin und das gerne und bin dankbar für neue Herausforderungen und Aufgaben im Kirchenkreis und darüber hinaus – solange ich das kann und darf.

Normalerweise sitze ich unter den Bläser/innen – und das ist mir wichtig: Mitzublasen und vor allem Dazuzugehören. Ich möchte Teil einer Gemeinschaft sein, keine Einzelkämpferin. Aber heute gönne ich mir mal das Zuhören - dürfen.

Wendegedenken – Erinnerung an den Reformations-Abend vor 25 Jahren – damals wurden „Zeugnisse der Betroffenheit“ laut.

Ursprünglich wollte ich jetzt sagen, was mich heute betroffen macht. Dann ist mir noch rechtzeitig eingefallen, dass in unserem Land viel gejammert wird – und das meist auf sehr hohem Niveau. Das möchte ich nicht und habe auch keinen Grund dazu, vielmehr möchte ich am Ende einer langen Zeit im kirchlichen Dienst sagen, was mich dankbar macht.

Ich werde drei Kerzen der Dankbarkeit entzünden.

1. Die erste für das ehrenamtliche Engagement vieler Menschen, ohne das sehr vieles nicht möglich wäre - in den Kirchengemeinden – in den Kommunen – in Verbänden und Vereinen … über Parteigrenzen hinweg. Menschen, die nicht sagen „Was kriege ich dafür?“ und vor allem nicht: „Da kann man doch nichts machen“, sondern die sagen: „Da kann ICH was machen“ und das auch tun – zusammen mit anderen. Die nicht nur meckern und alles von anderen erwarten.

Dass viele den Mut haben, sich einzusetzen und kostenlos Zeit und Kraft opfern, auch wenn andere darüber den Kopf schütteln oder sich lustig machen, das finde ich einfach toll!

Mein Freund Erich Schweidler – er war Pfarrer an der St.Petri-Gemeinde und erster Nachwendebürgermeister in Thale – hat mir 1976 ins Gästebuch geschrieben: „Wer den Mut hat, sich unbeliebt zu machen, wer unbequem ist,  bringt die Entwicklung weiter. Mitmacher sind zwar bequem, aber langweilig.“

Sich anstößig zu verhalten bringt Anstöße – bringt in Bewegung – bringt weiter – macht die Welt etwas heller und wärmer, so wie diese Kerze.

2. Die zweite Kerze der Dankbarkeit entzünde ich für meine guten Erfahrungen mit der Ökumene – nicht nur aber auch hier in Thale.  Wir haben in den vergangenen Jahren vieles ganz unkompliziert gemeinsam gemacht, manchmal im Kleinen, dann auch im Größeren. Ich erinnere an den Ökumenischen Kreiskirchentag 2008, an die vielen Mitwirkenden beim Harzfest und 2009 beim Sachsen-Anhalt-Tag hier in Thale, bei den vielen Harzer Sommertagen, die wir ökumenisch gestaltet haben.

Viel Gemeinschaft und Gemeinsamkeiten konnte ich erleben bei den großen Ökumenischen Kirchentagen in Berlin und München, bei Katholikentagen und den großen evangelischen Kirchentagen und bei den Reformationstagen, die wir hier in Thale seit langem zusammen begehen – mit gemeinsamen fröhlichen Mahlzeiten.

Noch trennt uns evangelische und katholische Christen manches voneinander, doch es gibt viele Schritte aufeinander zu.  

Im September habe ich in Halberstadt an einer Ökumenischen Vesper teilgenommen aus Anlass des kirchlichen Festes für den Frieden und die Einheit der Kirche. Ein katholischer Geistlicher führte dazu aus:

Wichtig bleibt, dass der Glaube und das Mahl anderer Konfessionen nicht richtig oder falsch, sondern ehrlich, aber eben anders sind. Diese Erkenntnis ist eine tragfähige Grundlage für Gespräche, die keinen Einheitsbrei als Ergebnis wollen. Selbst wenn es immer noch nicht nach einer zeitnahen Lösung aussieht: "Der Mauerfall vor 25 Jahren kam auch unerwartet!"

Beifall bekam er für seinen Satz: „Freiheit muss ich mir NEHMEN.“  Die bekommen wir nicht auf einem Silbertablett serviert. Wenn das nicht hoffen lässt!

Dafür die zweite Kerze, bei der ich auch an den Satz denke, der mir schon in der DDR-Zeit wichtig geworden ist: „Es ist besser eine Kerze anzuzünden als über die Dunkelheit zu jammern.“

3. Die dritte Kerze ist deutlich größer als die beiden anderen und das ist natürlich kein Zufall. Ich bin in einem nichtkirchlichen Elternhaus aufgewachsen und habe als Jugendliche ersten Kontakt zu Kirche und Glauben gefunden. Dankbar bin ich für die Kraft des Glaubens – für die Einladung zur Freiheit und zum aufrechten Gang.

Ein Spruch von Theodor Storm, den ich von meinem Konfirmator gelernt habe, hat mich geprägt: „Der eine fragt: Was kommt danach? Der andre fragt nur: Ist es recht? Und also unterscheidet sich der Freie von dem Knecht.“

Ich wollte FREI sein und habe im Glauben Freiheit gefunden und die Erkenntnis gewonnen: Gottesfurcht schützt gegen Menschenfurcht. Ich denke an Paulus in der Gefängniszelle: Er war gefesselt und predigte dennoch FREI das Evangelium. – Ich lebte in einem Staat, der seine Bürger/innen einsperren musste, damit sie blieben …

Diesen Zustand konnten wir beenden – friedlich – ohne Gewalt – mit vielen kleinen Kerzen, auch hier bei uns in Thale.

Dafür diese dritte große Kerze. Danke für alles!

Heute meine Verabschiedung aus dem offiziellen Dienst. Aber ich bin und ich bleibe Pastorin. Als Christin lebe ich in dem Wissen, ein Geschöpf zu sein – verantwortlich für mein Leben, für alles Tun und für alles Lassen – und angewiesen auf Gemeinschaft.  

Gott gibt dem Menschen viele Möglichkeiten und setzt ihm hilfreiche Grenzen. Wer sich vor Gott verantwortlich weiß, geht verantwortlich mit der Schöpfung, mit den Mitmenschen, mit sich selbst um.  

Jesus ist uns ein Vorbild: Er war unbequem und anstößig – hatte keine Angst vor den Mächtigen und Geduld mit den Unvollkommenen. Er blieb ehrlich und riskierte es, sich unbeliebt zu machen. Mit seinen Maßstäben lässt es sich leben: „Gott ist der Mensch, der uns menschlicher macht.“

Zum Schluss ein Satz vom „Ehrenbürger der Herzen“ unserer Stadt, dem katholischen Pfarrer Wolfgang Janotta, den ich beim Abschied von den Gemeindekirchenräten im März zitiert habe:

„Ich habe getan, was ich konnte. Den Rest muss der liebe Gott erledigen.“

Wird er – er hat ja Sie und Euch! J

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, als alle Skepsis und Vorsicht, bewahre unsere Herzen und Gedanken, unseren Mut und unsere Phantasie in Jesus Christus, unserem Herrn.       Amen.

******

Angelika Zädow:

Liebe Ursula, liebe Gemeinde,

nach 38 Jahren in Thale und 40 Jahren im kirchlichen Dienst wirst Du, liebe Ursula, heute aus diesem Dienst verabschiedet. Dass Du daran lange geknabbert hast, ist kein Geheimnis. Und ja, das ist sicher schwer, nach einer solchen Zeit alles „sein“ zu lassen, was vier Jahrzehnte tagtäglich das Leben und die Zeit prägte, den Tagesrhythmus vorgab, Herz und Verstand beschäftigte: Lektoren und Organistinnen für die Gottesdienste und Amtshandlungen zu finden, die Gemeindebriefe zu gestalten und den Beiträgen „hinterher“ zu laufen, Besuche zu machen, die Anfragen des Kreiskirchenamtes zu bedienen, Gruppen und Kreise zu organisieren und noch viel mehr. Das alles hört nun auf nach 40 Jahren.

Diese Zahl spielt übrigens in der Bibel immer wieder eine Rolle: 40 Tage und Nächte dauerte die Sintflut, 40 Jahre dauerte der Zug des Volkes Israel durch die Wüste, Mose weilt 40 Tage auf dem Berg Sinai, um die Gebote zu empfangen, der Prophet Elia geht 40 Tage und Nächte zum Berg Horeb und Jesus fastet 40 Tage in der Wüste.

So unterschiedlich diese Erzählungen sind -  zwei Dinge verbinden sie. Erstens: In dieser Zeit begegnen sie Gott. Und ich wünsche Dir und Ihnen, liebe Gemeinde, dass Sie im Nachdenken über die gemeinsame Zeit im Pfarrbereich Thale auch sagen können: Da gab es Momente und Augenblicke der Gemeinschaft, in denen wir uns des Glaubens sicher waren oder wurden.

Zweitens: Nach dieser Zeit veränderte sich das Leben der Menschen. Dieser Zeitpunkt ist nun für Dich, und Ihre Gemeinden gekommen. Sie alle haben eine neue Pastorin, die nun mit Ihnen Leben und Zeit im Pfarrbereich Thale gestaltet und auf dem Weg des Glaubens weiter geht, anknüpft an das was war und ganz andere Wege wagt.

Und du, liebe Ursula, wagst ja bereits andere Wege, hilfst Gemeinden im Kirchenkreis über die Zeit von Vakanzen hinweg. Hältst Gottesdienste und Amtshandlungen, organisierst und berätst. Der Rhythmus Deiner Zeit ist nun anders. Aber die Zeit an sich bleibt. Du hast nun die Freiheit, sie nach Deinen Wünschen nach Deiner Lust woanders zu gestalten und ohne Amtspflichten. Von Herzen wünsche ich Dir, dass Du diese Freiheit nutzen und Deine Zeit füllen kannst.

So Gott will, noch 40 Jahre, Amen.

 

Liebe Ursula,

vor Gott und dieser Gemeinde endet hiermit Dein Dienst im Pfarrbereich Thale, der Dir übertragen war. Alle Zuständigkeiten und Pflichten liegen nicht mehr in Deinen Händen. Was Dich in Deiner Arbeit beschwert hat, was unfertig blieb oder Sorgen macht, legen wir in die Hände Gottes, der allein aus allem ein Ganzes zu machen vermag. Nichts soll Dich beschweren, nichts soll Dich betrüben. Gott wird Dich tragen und begleiten auf Deinem weiteren Lebensweg.

 

Gebet:

Gott, Du Anfang und Ende der Zeit: Wir danken Dir für den Dienst von Pastorin Ursula Meckel, für die Zeit, die sie hier gewirkt hat. Und bitten Dich: Segne unsere Schwester im Glauben. Stärke sie mit Deinem Wort. Schenke ihr Mut und Zuversicht. Das bitten wir Dich durch Jesus Christus, der mit Dir und dem Heiligen Geist unserem Leben einen neuen Anfang schenkt. Amen.

Segen

Gott segne dir den Blick zurück und den Schritt nach vorn. Er schenke dir eine Melodie, die dich wie ein Lachen durch den Tag begleitet und Menschen, die ihre Arme um dich legen wie ein wärmender Mantel. So segne dich…